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16.11.2017

Welttag der Armen: Landes-Caritasdirektor Piendl in Ingolstadt

Landes-Caritasdirektor Bernhard Piendl (Mitte) informierte sich anlässlich des von Papst Franziskus ausgerufenen Welttages der Armen in der Caritaseinrichtung Villa Johannes über Armut in Ingolstadt. Dabei sprach er sowohl mit Betroffenen (links) als auch mit Leiterin Silvia Kopp und dem Eichstätter Caritasdirektor Franz Mattes (rechts). Foto: Caritas/Esser

„Wir sind in Bayern in der Gefahr zu denken, dass wir im Paradies leben. Deshalb ist es wichtig, dass der in diesem Jahr von Papst Franziskus erstmals ausgerufene Welttag der Armen auch hier begangen wird.“ Mit diesen Worten hat der bayerische Landes-Caritasdirektor Prälat Bernhard Piendl in der Ingolstädter Kontakt- und Begegnungsstätte Villa Johannes deutlich gemacht, warum er heute diese Caritaseinrichtung anlässlich des internationalen Tages gegen Armut am 19. No-vember besuchte. Bei einem Gespräch mit Menschen in schwierigen Lebenslagen sowie Caritas-Mitarbeitenden wurde der Finger in die Wunde verschiedenster sozialer Problematiken gelegt: vom Fehlen bezahlbaren Wohnraumes über kaum erträgliche Stromsperren für Familien mit Kin-dern bis hin zu mangelnder Wertschätzung von armen Menschen in der Gesellschaft.

Keine Sozialwohnung gefunden

Die 56-jährige Annemarie S. bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente und lebt in der Obdachlosen-unterkunft Franziskanerwasser. Mit Unterstützung der Leiterin der Villa Johannes, Silvia Kopp, hat sie einen Wohnberechtigungsschein erhalten, doch eine Sozialwohnung ist ihr nach eigenen Wor-ten bisher nicht in Aussicht gestellt worden. „In mein Zimmer in der Obdachloseneinkunft wurde schon einmal eingebrochen“, berichtet sie beim Gespräch und würde gerne so schnell wie möglich dort ausziehen. „Doch in Ingolstadt ist es ganz schwierig, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Wir haben Klienten, die schon jahrelang auf eine Sozialwohnung warten. Viele Menschen leben in der Obdachlosenunterkunft, obwohl sie dort nicht hingehören“, erzählt Bernhard Gruber, Leiter der Allgemeinen Sozialberatung bei der Caritas-Kreisstelle Ingolstadt und Sprecher für diesen Bereich beim Diözesan-Caritasverband.

Christine K. (41) hat das Glück, in einer Mietwohnung leben zu können. Die alleinerziehende Mut-ter von zwei Kindern bezieht Arbeitslosengeld II und leistet einen Minijob, indem sie eine Kosme-tiktheke bestückt. Mit den Arbeitskollegen verstehe sie sich gut, erzählt sie, doch Kunden würden ihre Arbeit oft wenig schätzen. „Die Villa Johannes ist ein Anlaufpunkt, um den Kopf wieder freizu-kriegen“, ist Christine K. froh, immer wieder in diese Caritaseinrichtung kommen zu können. Auch der erwerbsunfähige 57-jährige Roland S., der aufgrund gesundheitlicher Probleme einen Rollator benötigt und bekannte, ein starker Raucher zu sein, sagte: „Hier in diesem Haus kann ich abschal-ten.“

Täglich 50 bis 60 Besucher

Zwischen 50 und 60 Menschen kommen nach Mitteilung von Silvia Kopp täglich zu dem Treff-punkt für suchtkranke und psychisch kranke Menschen. Hier erhalten sie eine Tagesstrukturierung und – wenn sie wollen – arbeitstherapeutische Angebote, bei denen sie für einen kleinen Zuver-dienst Grußkarten einkuvertieren oder Spielzeug montieren. Im Garten sorgen Hühner, Bienen sowie Obst- und Gemüseanbau für ein Ambiente, in dem sie sich wohlfühlen können. „Viele haben eine Alkoholerkrankung, andere leiden unter Spielsucht und nahezu alle haben biographische Brüche in ihrem Leben“, informiert die Einrichtungsleiterin.

Einen Großteil der Besucher holt ein Fahrdienst der Einrichtung täglich aus der Obdachlosenun-terkunft  Franziskanerwasser ab. „Wir als Caritas müssen dahin gehen, wo sich diese Menschen aufhalten, da für einige unsere Beratungsangebote bereits zu hochschwellig sind. Papst Franzis-kus hat das als ‚an die Ränder gehen‘ bezeichnet“, erklärt Bernhard Gruber, worauf es seiner Überzeugung nach zunehmend ankommt. Gute Beispiele, bei denen dies geleistet wird, seien neben der Villa Johannes die Bahnhofsmission und die Allgemeine Sozialberatung als erste An-laufstelle für hilfebedürftige Menschen.

Die Arbeit der Caritas in Ingolstadt ist Gruber zufolge gekennzeichnet durch eine wirtschaftlich starke Stadt, „in der es aber auch Armut gibt, nicht selten in verdeckter Form. Immer mehr Men-schen, deren Existenzminimum nicht gesichert ist, kommen zu uns.“ Um Armut zu verringern for-derte Gruber von der Politik neben mehr Einsatz für Sozialwohnungen unter anderem auch, in die Regelsätze beim Arbeitslosengeld II und der Sozialhilfe die erhöhten Energiekosten sowie Ausga-ben für dringend benötigten Medikamente und Brillen einzurechnen. 

Quelle: Caritas