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31.12.2015

Flüchtlingsproblematik, Ehe und Familie, Auftrag der Kirche – Silvesterpredigt von Bischof Gregor Maria Hanke

Bischof Gregor Maria Hanke bei seiner Silvesterpredigt 2015 im Eichstätter Dom. Pde-Foto: Norbert Staudt

Bischof Gregor Maria Hanke bei seiner Silvesterpredigt 2015 im Eichstätter Dom. Pde-Foto: Norbert Staudt

Eichstätt. (pde) – „Problemorientiert und humanitär“ müsse die Politik angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingsproblematik handeln und gleichzeitig die Wurzeln der Fluchtbewegungen in den Blick nehmen. In seiner Silvesteransprache im Eichstätter Dom rief Bischof Gregor Maria Hanke auch die Kirche dazu auf ihre wesentliche Sendung nicht zu vergessen: Den Menschen „in der Kraft des Evangeliums“ zu begegnen und ihre Strukturen entsprechend neu auszurichten. Dies gelte auch für das dritte Thema, dass der Eichstätter Bischof ansprach: Die Erneuerung der Ehe- und Familienpastoral angesichts der „Bagatellisierung der Ehe“ in der Gesellschaft.

Das Zusammentreffen des von Papst Franziskus ausgerufenen Jahres der Barmherzigkeit mit der aktuellen Flüchtlingskrise ist für Hanke eine Herausforderung und ein „Anruf“ an die Christen. Der Bischof lobte das meist unkomplizierte und unbürokratische Engagement von zahlreichen Kommunalpolitikern, kommunalen Behördern, ehrenamtlichen Helfern und Mitarbeitern von Caritas, Maltesern und vielen weiteren Gruppen. Dem gegenüber stünde eine zumindest „gefühlte“ Führungslosigkeit der Politik. „Gefechte über eine Obergrenze für Flüchtlinge oder ob die Regulierung der Flüchtlingszuwanderung über Geldströme an die Türkei erfolgt, die dann de facto das Kontingent bestimmt, fördern nicht das Vertrauen.“ Es bedarf aus Sicht Hankes eines „konzertierten sach- und problemorientierten Ringens, auch mit den Verunsicherten in der Bevölkerung, wobei klar sein muss, dass fremdenfeindliche Hetze und Rechtsradikalismus keinen Platz finden dürfen.“

Zwei Säulen der Asyl- und Migrationspolitik

Wünschenswert wäre für Bischof Hanke eine europäische Asyl- und Migrationspolitik auf zwei Säulen. Einmal gilt es den Menschen zu helfen. Dazu gehört auch ein klar umrissenes Konzept der Integration. Diese gelingt nicht allein über „Wohnraumzuweisung, Deutsch- und Weiterbildungskurse, Benimmfibeln und die allmähliche Übernahme der Menschen in den Arbeitsmarkt.“ Hanke erinnert daran, dass die Menschen oft eine andere Religion mitbringen, aber auch andere Wertorientierungen. Integration wird so zu einer Herausforderung für die  Gesellschaft. Dazu sei Selbstbesinnung „auf unsere eigene geistige Herkunft und auf das, was uns trägt“ unerlässlich. 

Die andere Säule der Asylpolitik sollte gleichzeitig die Wurzeln der Fluchtbewegungen in den Blick nehmen. Hanke fordert konzertierte Maßnahmen der Industrienationen, den wenig entwickelten Ländern und Menschen politisch und materiell zu helfen, damit das Leben dort lebenswert wird und die Menschen dort bleiben. Für Europa heißt das, „eine Entwicklungspolitik zu betreiben, die nicht unseren eigenen europäischen wirtschaftlichen Interessen dient, die nicht Almosen gibt, sondern teilt.“ In diesem Zusammenhang sieht Hanke auch eine Anfrage an den westlichen Lebensstil: „Unser Wohlstand gründet zum Teil in jenen Ländern, aus denen heute Flüchtlinge zu uns kommen: in den Rohstoffen, die uns jene Länder billig liefern, in den Wirtschaftsregeln, denen wir sie unterworfen haben, in gesellschaftspolitischen Ideen, die wir exportiert haben, die aber nicht adäquat sind für sie, in den Waffen, die ihnen die sog. westliche Welt liefert.“

Begleitung von Menschen, die in der Ehe gescheitert sind

Einen weiteren Schwerpunkt seiner Silvesteransprache legte der Eichstätter Bischof auf die Bedeutung von Ehe und Familie in Gesellschaft und Kirche. Hanke wies darauf hin, dass die Minimalisierung des rechtlichen Schutzes der Ehe Anzeichen eines mentalen Wandels sind. Dies führt so weit, dass Ehe und Familie in den Sog einer Diskriminierungsdebatte geraten sind. Die auf der Ehe gründende Familie sei jedoch von Beginn der frühchristlichen Kirche an das Fundament für den Glauben. Die Familie ist auch der Ursprungsort der Erziehung, also der Verlebendigung jener Werte, „die das Leben wertvoll machen“. 

Dass die Realität in der Gesellschaft, aber auch bei Gläubigen, mit den Idealen der kirchlichen Lehre von Ehe und Familie in vielen Fällen nicht übereinstimmt, hat nicht zuletzt die Diskussion rund um die von Papst Franziskus einberufene Familiensynode gezeigt. Eine „Akzeptanz der Verhältnisse“ und dementsprechend eine Neufassung der kirchlichen Ehe- und Sexuallehre könne jedoch nicht die Antwort sein. Vielmehr müsse eine „Erneuerung des Mühens um Ehe und Familie“ angestrebt werden. Gleichzeitig richtet die Kirche verstärkt den Blick auf Brüche und sucht pastorale Wege der Begleitung von Menschen, die in der Ehe gescheitert sind. Dazu gehört die pastorale Sorge um verletzte Familien, um Getrenntlebende, um Geschieden-Wiederverheiratete, um Geschiedene, die nicht wiederverheiratet sind und um Alleinerziehende. Hanke kündigte an, dass das Anliegen einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral in der Bistumspastoral Aufnahme finden werde. „Kommunion- und Firmvorbereitung nehmen in der Pfarrpastoral eine wichtige Stelle ein. Wie rüsten wir künftig Menschen zu, die sich auf das Sakrament der Ehe vorbereiten? Welchen Stellenwert wird die Familienpastoral im Gesamt unserer Pastoral einnehmen?“

Missionarisch Kirche sein

In seiner Ansprache an die deutschen Bischöfe stellte der Papst fest, dass die Kirche in Deutschland immer neue Strukturen schafft, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Bischof Hanke ergänzt, die Ressourcen der Katholischen Kirche in Deutschland würden „uns manchmal verleiten, den Heiligen Geist nur in Teilzeitbeschäftigung zu sehen, um unsere Pläne zu stören.“ Und weiter: „Wo eine gute Idee aufkommt, muss bald ein Schreibtisch zu deren Verwaltung aufgestellt werden.“ Noch so gute Pläne und Strukturen bleiben für Bischof Hanke fruchtlos, wenn in ihnen nicht „das Zeugnis für Christus und die Einladung zur Begegnung mit dem Herrn spürbar ist. Zur wesentlichen Sendung der Kirche gehört es, den Menschen das Evangelium zu verkünden, ihnen in der Kraft des Evangeliums zu begegnen, um ihnen den Weg in die Liebesbeziehung mit Gott zu eröffnen. Die Kirche kann sich nicht auf die Rolle einer sakral-politischen Erziehungsanstalt oder einer frommen Vereinigung zur Förderung der Ethik reduzieren lassen.“