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31.12.2014

Die Kraft der Nächstenliebe in die Gesellschaft einbringen - Silvesterpredigt von Bischof Gregor Maria Hanke

Eichstätt, 31.12.2014. (pde) – Europa muss nach den Worten des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke nicht auf Straßen und Plätzen gerettet werden. Solche Demonstrationen könnten leicht zu einem gefährlichen politischen Spiel mit Ängsten und Emotionen werden, sagte der Bischof bei der Jahresschlussfeier an Silvester im Eichstätter Dom. Christen seien aufgerufen, die Kraft der Liebe in das plurale gesellschaftliche Miteinander einzubringen. „Das Zeugnis unseres vertrauensvollen Glaubens und der christliche Dienst an der Welt werden beitragen, Ängste zu heilen.“

Eine wachsende humanitäre Herausforderung stellen laut Hanke die Millionen von Menschen dar, die sich weltweit auf der Flucht vor Gewalt, kriegerischen Auseinandersetzungen und Armut befinden. Ökonomische Schieflagen in verschiedenen Regionen der Welt würden weiter Armut und Aggressionspotenziale generieren und Menschen entwurzeln. Die Hoffnung auf ein friedvolleres Zeitalter scheine in Atemnot zu geraten, stellte der Bischof mit Blick auf die zunehmenden Konflikte fest. Als Beispiele nannte er die Kämpfe in Syrien und im Irak, das Terrorregime des Islamischen Staates (IS), den Konflikt im Osten der Ukraine, die wachsenden Spannungen mit Russland – „alles mehr oder weniger vor den Toren Europas“.

Diesen Konflikten und Krisen stehe Europa in gewisser Weise hilflos gegenüber. „Europa ist in sich selbst zwiespältig geworden und muss um seine Identität ringen“, sagte Hanke. „Ökonomie, Wohlstand, Wachstum, überhaupt materielle Güter stiften nur begrenzt Zusammenhalt“. Europa müsse sich auf seine geistigen und kulturellen Grundlagen besinnen. Der Kontinent sei gerade dabei, den Bezug zu seinen Wurzeln zu verlieren. Eine der Folgen ist laut Bischof Hanke „ein Kulturrelativismus, der Religiöses in jedweder Gestalt und Abkunft als gleichwertig – und letztlich für das öffentliche Leben als gleich unbedeutend – betrachtet, unabhängig von seiner geschichtlichen Prägekraft für Europas Kultur“.

Der vielbeschworene Weg zu den Wurzeln Europas realisiere sich aber nicht im Versuch, eine vergangene Zeit mit ihrer Gestalt des Christentums zurückzuholen. „Der Weg zu den Wurzeln hat sich als Suche und Ringen um jene Gestaltungskraft im Heute zu ereignen, welche die Früchte und Schätze hervorgebracht hat, die wir dem geistigen Erbe Europas zurechnen“, so Hanke. „Es ist jene Kraft, die Christen wie Nichtchristen am dichtesten erfahren in dem, was wir christlich Nächstenliebe heißen.“ Mehr noch als für den Gottesbezug in den Verfassungen, seien die Christen gehalten, für den Gottesbezug des eigenen und gemeinsamen Lebens Sorge zu tragen. „Wir Christen sollten in Europa eine Wurzelbewegung im eigentlichen Sinn des Wortes sein. Leben aus den Wurzeln des Glaubens, die Kraft der Wurzeln freisetzen für die Fragen, die Sorgen und Nöte der Menschen hier und heute“, sagte Bischof Hanke.

„Tötung auf Lizenz“ versus Unantastbarkeit des Lebens

Als Beispiel für die Bereitschaft, an die Wurzeln zu gehen, nannte Bischof Hanke die klare Stellungnahme des Kolpingverbandes der Diözese Eichstätt in der öffentlichen Debatte um den assistierten Suizid. Der Verband verabschiedete eine Resolution für die Würde und Unantastbarkeit des schwerkranken menschlichen Lebens und warnte vor dem großen Schaden, den die Zulassung des sogenannten assistierten Suizids auch gesellschaftlich anrichten würde. „Für uns Christen gilt das Leben als Gottesgeschenk, als Leihgabe des Schöpfers und damit als unverfügbar“, betonte der Eichstätter Bischof.

Beschönigend würde in der Debatte um assistierten Suizid von „Sterbehilfe“ und vom „Sterbehelfer“ gesprochen. „Wenn das unantastbare menschliche Leben nun auch am Lebensende verhandelbar wird, gibt es irgendwann kein zwingendes Argument, die juristischen Einschränkungen und Klauseln von heute nicht doch auszuweiten“, warnte Hanke.
Um den selbst gewählten Tod zu legitimieren, würde das Selbstbestimmungsrecht des Menschen bemüht. Mit diesem Argument seien bereits mehrere Löcher in die Schutzwand der Würde und Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens geschlagen worden, wie zum Beispiel die Präimplantationsdiagnostik (PID), In-vitro-Fertilisation und das „social freezing“. Sollte sich in der Gesellschaft erst einmal der Gewöhnungseffekt bei der „Tötung auf Lizenz“ für Schwerstkranken eingestellt haben, könnten andere Patientengruppen, etwa schwer depressive oder todesmüde alte Menschen, ebenfalls das Recht auf einen selbstbestimmten Tod einfordern. „Jemanden in Frieden sterben lassen ist christlich, nicht aber jemandem den Tod zu bringen“, sagte der Bischof.

Neuausrichtung der Pastoral

In seiner Silvesterpredigt sprach Bischof Hanke auch den Prozess an, die Pastoral und die Struktur der Seelsorgeeinheiten neu auszurichten. Er sei notwendig geworden, „weil wir bereits inmitten des Wandels der Glaubenspraxis und damit inmitten eines Transformationsprozesses der Sozialgestalt der Kirche stehen“. Die Anzahl der Christen in der Gesellschaft nehme ab, die Zahl der Gottesdienstteilnehmer dürfte weiter zurückgehen. Im Bistum Eichstätt gebe es aber auch – zum Beispiel im Bereich der kirchlichen Jugendarbeit – immer wieder kleine und größere geistliche Saatkörner, die aufbrechen. Diese Aufbrüche könnten so gedeutet werden, dass die Pastoral der Zukunft der Gemeinschaftsbildung dienen sollte.

„Die Neuordnung der Pastoral darf sich nicht in erster Linie als Flurbereinigung oder Gebietsreform verstehen“, erklärte Hanke. Sie soll zur Ermöglichung der Gemeinschaft im Glauben führen, die in der Feier der Liturgie und in gelebter Solidarität verankert ist. „Wir brauchen eine Pastoral der Gemeinschaftsbildung nach Art der Jüngerschule Jesu, wir brauchen pastorale Räume und Orte, an denen communio gefördert wird.“ Die größeren pastoralen Räume der Zukunft sollen getragen werden von kleinen Gemeinschaften vor Ort, von Hauskirchen und geistlichen Zellen, verknüpft durch die Eucharistie.