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Im Wortlaut

Predigt von Bischof Gregor Maria Hanke OSB anlässlich der Diakonenweihe am 24. Juni 2017 in der Schutzengelkirche in Eichstätt

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Weihekandidaten!

Durch Handauflegung und Gebet werden zwei Männer in dieser Feier zu Diakonen geweiht. Seit den Tagen der Apostel erfolgt die Bestellung in das kirchliche Dienstamt durch Handauflegung und Gebet. Als Bischof nehme ich die Bestellung beider vor und verrichte das Gebet der Kirche, das große Weihegebet. Sie, die mitfeiernde Gemeinde, sind hierhergekommen, um mir beim Beten zu helfen. Denn die Kandidaten werden nicht für sich geweiht, sondern für uns, für die Kirche und bedürfen unseres Gebetes.

Der Tempel des Neuen Bundes als Gabe Gottes mit tiefen Wurzeln in der Heilsgeschichte

Im feierlichen Weihegebet heißt es, dass die Kirche zum Tempel des Neuen Bundes erbaut wird durch die Gaben des Heiligen Geistes und durch das Dienstamt. Gott verschenkt sich also heute sichtbar. Im Schenken und Empfangen wächst der Tempel Gottes unter uns.

Gemäß den Worten des Weihegebets ist das Schenken Gottes zur Erbauung seines Tempels nichts gänzlich Neues: es hat eine lange Vorgeschichte, denn schon am Anfang hat Gott die Söhne Levis zum Dienst am ersten heiligen Zelt erwählt. Die Kirche, der Tempel des Neuen Bundes als Gabe hat einen fernen Anfang, sie hat Wurzeln, die ausgreifen in die Heilsgeschichte bis zum heiligen Zelt des Alten Bundes, dem Tempel des Bundesvolkes Israel. Die Kirche Christi ist neu und alt.

Euer Dienst als Diakone, liebe Weihekandidaten, ist neu in Christus und seinem Heilshandeln, und alt, da vorausgebildet im Alten Bund im Dienst der Leviten.

Die Heilige Schrift ist neu und alt. Das Alte Testament ist für uns Christen Heilige Schrift. Wir deuten es durch den Blick dessen, der als Sohn des alten Bundesvolkes darin gelesen und sich als dessen Erfüllung, als das Fleisch gewordene Wort offenbart hat. Ihn, Christus, erkennen wir in Isaak, der zum Opfer gebunden werden sollte, er begegnet uns im ägyptischen Josef, als er gefangen genommen und verkauft wurde. Ihn schauen wir in den Propheten, er ist vorausgebildet im Paschalamm des Exodus.

Das gläubige Bewusstsein um die Herkunft der Kirche lässt uns die Zukunft verstehen, die uns die christliche Botschaft verheißt. Ohne Berührung dieser Wurzeln durch ihn, Christus, können wir nicht wirklich Volk des Neuen Bundes sein.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Zusammenschau bis zu den Wurzeln entlastet, sagt sie uns doch, Gott ist schon lange unterwegs zum Menschen. Liebe Weihekandidaten, die Geschichte des Heils fängt nicht mit dir und nicht mit mir an. Gerade für die Diener des Amtes ist eine heilsame Distanz zum eigenen Ich wichtig, zu der die Betrachtung der gesamten Heilsgeschichte bis an die Wurzeln verhelfen kann.

Aus der Rückerinnerung bis an die Wurzeln eröffnet sich christliche Hoffnung

Ein geistlicher Vertiefungsprozess meines, deines, unseres Christseins hat sich stets in zwei Richtungen zu entfalten: durch Christus in die Heilsvergangenheit, auf die Wurzeln zu, also zum Anfang hin, um das Wort des Weihegebetes aufzugreifen. Dann auf die Heilszukunft, auf die Verheißungen des Christusereignisses. Rückerinnerung durch Christus eröffnet Zukunft. Die Erinnerung verkürzt die Distanzen, sagte einmal Ezer Weizmann.[1]] Liebe Schwestern und Brüder, ohne vergegenwärtigte Rückerinnerung werden wir nicht die Kraft finden, unser gegenwärtiges Leben und das Leben der Kirche auf christliche Eschatologie, auf christliche Hoffnung auszurichten.

Die Wurzeln nicht verderben

Die Heiligkeit solcher Rückerinnerung müsste uns als Christen befähigen, Geschichte ernst zu nehmen, vor allem die Geschichte der Bündnispartnerschaft des Gottes Israels mit seinem Bundesvolk, den Juden. Sie verbietet uns Christen, den Schwestern und Brüdern des alten Bundesvolkes, den Juden mit Ablehnung oder gar Hass zu begegnen. Nicht political correctness untersagt uns dies, sondern unsere eigene Berufung, Tempel Gottes, Kirche des neuen Bundes zu sein, die im Glauben Israels wurzelt. Daher sind wir durch Christus zu Wertschätzung und Liebe gegenüber diesen Schwestern und Brüdern gerufen!

Der Tempel des Neuen Bundes – arme Sünder in denen Gott durch die Gabe der Liebe wohnt

Was aber bedeutet unsere Rede von der Kirche als Tempel des neuen Bundes für unser Leben als Christen? Was dürfen wir uns von diesem Bild für unseren Glauben, für unseren Alltag erwarten?

Im Bild vom Tempel begegnet uns die Kirche als Mutter, die Menschen zusammenführt. Durch ihre Vermittlung sind es die Menschen, die armen Sünder, in denen Gott wohnt. Ja, in uns armen Sündern nimmt Gott Wohnung. Deshalb sind wir verbunden zum Tempel Gottes, um Gott zu lieben, einander zu lieben und ohne Ausnahme alle Menschen, auch die Feinde. Lieben mit der Liebe, durch die Gott den Menschen liebt. Diese Gott-menschliche Liebe eint, sie erbaut den Tempel Gottes in der Welt.

Seht, wie sie einander lieben! Dieser Satz wird aus der Frühzeit des Christentums überliefert. Gegner der Christen sollen ihn verwundert über die Glieder der Gemeinden gesagt haben. In der Apostelgeschichte lesen wir: Sie waren ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum. (Apg 4,32) So erbaut sich der Tempel Gottes. Freilich ist Liebe keine konfliktfreie Zone! Die Worte der Apostelgeschichte bezeugen folglich keinen paradiesischen Zustand in der ersten Gemeinde, sie stehen für das Ringen um den Weg gegenseitiger Liebe aus der Kraft vorgängiger Verbundenheit mit Christus. Auf diese Worte folgt in der Apostelgeschichte bald die Wahl der Sieben, denen der Liebesdienst der Versorgung der Gemeinde übertragen wird.

Der Diakon als Anwalt der Liebe im Tempel Gottes

Das Weihegebet verbindet die Sieben mit dem Dienst des Diakonates. Die Kirche sieht also den Diakon als Anwalt der Liebe. Im Leben und Handeln der Kirche hat er für die je größere Liebe Sorge zu tragen, damit Kirche Tempel Gottes bleibt und nicht bloße Organisation wird. Im Weihegebet bittet die Kirche für die Diakone: Selbstlose Liebe sei ihnen eigen, die unermüdliche Sorge für die Kranken und Armen.

Der besondere Auftrag an den Diakon zum Liebesdienst an den Schwachen ist nicht die kirchliche Ausformung dessen, was die Gesellschaft als humanitäres Handeln und soziale Fürsorge versteht. Diakonaler Dienst beinhaltet viel mehr. Selbstlose Liebe sei ihnen eigen!, so das Weihegebet. In seiner Person und in seinem Wirken soll der Diakon als offene Tür erfahrbar sein, durch die der barmherzige Vater auf seine Kinder zugeht, um seine Liebe umsonst zu verschenken. Die Liebe, mit der wir uns gegenseitig lieben sollen, ist keine andere Liebe als die Liebe des barmherzigen Vaters. Er verschwendet seine Güte und Liebe gratis – umsonst - an seine Kinder, damit auch sie lieben.

Der diakonale Dienst – die offene Türe des barmherzigen Vaters

Erinnern wir uns an das Gleichnis vom Vater mit den beiden Söhnen. Einer brennt mit seinem Vermögensanteil durch, verprasst alles, landet in der Gosse und kehrt reuevoll zurück. Der andere war brav daheimgeblieben. Bei der Rückkehr seines Bruders kritisiert er die liebende Barmherzigkeit des Vaters gegenüber dem Gefallenen. Liebe ist für ihn mit Leistung verbunden, ist nicht ein Umsonst.

An beide Arten von Kindern will der Vater seine „Liebe umsonst“ verschenken: an die Verlorenen, Verkommenen, die viel oder gar alles im Leben verspielt haben und aus Not zurückkehren zum Vater, ebenso an die Daheimgebliebenen, die dem Vater in vermeintlicher Treue dienen, die glauben, alles richtig zu machen, es jedoch ohne Liebe tun, wie es das Gleichnis kritisch zeichnet. Sie ärgern sich über den Weg des Gefallenen und verstehen sich als Gerechte, als Perfekte, fühlen sich aber vom Vater ausgenützt. Weil sie leisten, aber noch nicht Liebe empfangen und selbst lieben können, werden sie zu ungerechten Gerechten.[2] 

Der Daheimgebliebene kann nicht ein Herz und eine Seele mit dem Rückkehrer sein, solange er nicht einsieht, dass erst durch das barmherzige Teilen mit seinem einst verlorenen Bruder die Liebesfülle des Vaters auch in ihm lebendig wird und er sich wahrhaftig als Kind des Vaters erweist. Zum Geheimnis der Liebe gehört es, durch den Anderen, gerade auch durch den Schwachen, den Gebrochenen zu entdecken, wer du selber in Wirklichkeit bist. Der Bruder, die Schwester in ihrer Armseligkeit bezeugen dir dein eigenes Geheimnis als Mensch: Dass Du Kind des barmherzigen Vaters bleibst, wenn du des Vaters Liebe annimmst und liebst wie der Vater liebt.

Liebe Weihekandidaten, liebe Schwestern und Brüder, Diakonia, diakonischer Dienst als Tür des barmherzigen Vaters ist nicht einer der kirchlichen Vollzüge neben den andern wie Liturgie, geistliches Leben und Zeugenschaft für Christus. Diakonia gleicht vielmehr dem Blut im Körper. Diakonia soll alle Vollzüge der Kirche und jedes ihrer Glieder durchströmen. Sie ist gleichsam die Farbe, in der alles kirchliche Handeln eingefärbt wird.

Als offene Tür des barmherzigen Vaters wird es Eure Aufgabe als Diakone sein, liebe Weihekandidaten, in den Menschen die Sehnsucht nach der liebenden Barmherzigkeit des Vaters zu wecken und zu begleiten sowie die bereits lebendig gelebte Liebe zu fördern. Ihr braucht hierzu den liebenden Blick des Herzens für jede Not: für die materielle, die seelische, die geistige und für die Not innerer Verhärtung, die uns in vielfältigen Formen begegnet: als Egoismus der Ich-AGs, als Rücksichtslosigkeit in Gestalt von Mobbing oder als Ellenbogengesellschaft, als Sucht, sich auszuleben auch auf Kosten anderer oder der Schöpfung.

In all diese Nöte werdet ihr jetzt gesandt. Lebt und wirkt als offene Tür, durch die der barmherzige Vater auf seine Kinder hinzutreten kann, um seine Liebe zu verschenken.

So baut ihr mit am Tempel Christi, der zusammengehalten und getragen wird durch die Bindekraft der Liebe zu Gott, zueinander, zu allen Menschen.

Amen.

 

 


 

 

[1]  Rede vor den Mitgliedern des Deutschen Bundestags und Bundesrats am 16. Januar 1996.

[2]  Vergleiche dazu Ferdinand Ulrich, Gabe und Vergebung. Ein Beitrag zur biblischen Ontologie. Einsiedeln 2006, 682-700.