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Welttag zur Suizidprävention am 10. September: Hinhören und Reden

Am 10. September findet jedes Jahr der Welttag der Suizidprävention statt. Im Bistum Eichstätt war im Jahr 2020 die Kirche St. Moritz in Ingolstadt und die umliegenden Straßen in der Fußgängerzone das Zentrum der Veranstaltungen. Passanten konnten mit Aktiven der Telefonseelsorge Ingolstadt, der Cityseelsorge, dem Krisendienst Psychiatrie und anderen Verantwortlichen ins Gespräch kommen. 

Dr. Arno Drinkmann ist Professor für Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) und Sprecher der Arbeitsgruppe „Alte Menschen“ des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland (NaSPro). Drinkmann hat sich in mehreren Veröffentlichungen mit dem Thema Suizidalität insbesondere im Alter beschäftigt. Hohes Alter ist demnach ein gravierender Risikofaktor für die Neigung zur Selbsttötung. Mit zunehmendem Alter wächst auch die Wahrscheinlichkeit einer Heimunterbringung. Deshalb hat sich Drinkmann in einer aktuellen Studie mit der Anfälligkeit zum Suizid in Seniorenheimen beschäftigt. Er stellte fest, dass entgegen anderslautender Erwartungen die Suizidrate in Heimen nicht größer ist, als bei der vergleichbaren Bevölkerung außerhalb. Allerdings räumte er auch ein, dass es in den Heimen möglicherweise eine gewisse Dunkelziffer gibt, da nicht jede Selbsttötung als solche erkannt wird. Ein hochriskantes Zeitfenster ist jedoch die Aufnahme ins Heim. Viele Suizide ereignen sich in den ersten sechs Monaten nach Umzug in eine stationäre Einrichtung.

Deshalb nimmt in den Seniorenheimen des Caritasverbandes im Bistum Eichstätt die Suizidprävention einen hohen Stellenwert ein. Hedwig Kenkel ist im Caritasverband zuständig für die Seniorenheime. Sie erläutert, dass die Suizidprävention einen breiten Raum im Eingewöhnungskonzept für neu eingezogene Bewohnerinnen und Bewohner einnimmt. Dazu gehört, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses zunächst versuchen, die individuellen Bedürfnisse der neuen Bewohner kennenzulernen und drauf einzugehen. Ziel ist es, ihnen eine individuelle Lebensweise in der Einrichtung zu ermöglichen. Beispielsweise gibt es Menschen, die gerne jeden Abend ein Glas Wein trinken, oder die morgens gerne länger schlafen möchten. All das versuche man zu ermöglichen. Oft sind das nur Kleinigkeiten, die aber das Leben und das Eingewöhnen in der neuen Umgebung erleichtern und angenehmer gestalten. Vor allem signalisieren sie dem neuen Bewohner: Er oder sie ist willkommen. Für Hedwig Kenkel ist es dabei wichtig, dass dieses Konzept nicht nur „auf dem Papier steht“, sondern immer wieder mit Leben erfüllt wird, deshalb gibt es auch regelmäßig Austauschrunden und Rücksprache mit allen Beteiligten.

Ferner arbeiten die Seniorenheime des Bistums intensiv mit Fachkräften aus dem Bereich der Hospiz- und Palliativversorgung. Insbesondere wenn sich der Gesundheitszustand des Bewohners verschlechtert und „der Lebensmut nachlässt“, käme, so Kenkel, bei manchen der Wunsch, „niemandem zur Last zu fallen“. Außerdem steige oft die Angst vor unerträglichen Schmerzen und Leid. „Hospizarbeit und Palliativversorgung sind auch Suizidprävention“, so Kenkel.

Bereits im Jahr 2003 hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO zusammen mit der „International Association for Suizide Prevention“ (IASP) den 10. September zum Welttag der Suizidprävention ausgerufen, um die Menschen weltweit auf die weitgehend verdrängte Problematik aufmerksam zu machen. Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 10.000 Menschen durch Suizid. Das sind mehr Opfer als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen. Weit mehr als 100.000 Menschen erleiden jedes Jahr den Verlust eines nahestehenden Menschen durch Suizid. Der 10. September ist aber auch ein Tag der Trauer und des Gedenkens an die durch Suizid Verstorbenen.