Pfarrei Wendelstein

„Zu Fuß, wie die Apostel“ - Erfahrungen eines Pilgers

Jahrzehntelang hat sich Pfarrer Michael Kneißl im Urlaub als Pilger auf den Weg gemacht. Dabei kann er abschalten und verarbeiten, was ihn beschäftigt. Über seine Touren hat er viel zu erzählen.
Drei Menschen werfen Schatten
Lange Schatten am Anfang eines langen Tage: Die Pilgergruppe um Michael Kneißl bricht meist um sechs Uhr morgens auf.

Wendelstein - Auf WhatsApp wimmelte es die letzten Wochen davon: Bilder und Clips von Meeresrauschen, Sehenswürdigkeiten oder exotischen Delikatessen auf dem Teller. Urlaubseindrücke über Social Media zu teilen, ist heute selbstverständlich. Auf ganz altmodische Weise nimmt hingegen Pfarrer Michael Kneißl Interessierte auf seinen Ferienwegen mit: In seinem Pfarrverband „brücken-schlag“ hält er zwei Vorträge, bei denen auch der Humor nicht zu kurz kommen soll. Am 18. September spricht Kneißl um 19.30 Uhr im Vereinshaus in Wendelstein, am 2. Oktober um 19.30 Uhr im Kirchenzentrum Schwanstetten. Veranstalter in Wendelstein sind Katholische Erwachsenenbildung, Pfarrgemeinderat, KAB und Frauenkreis, in Schwanstetten laden Katholische Erwachsenenbildung, Pfarrgemeinderat und Kolpingsfamilie ein. Überschrieben sind die beiden Abende mit: „Aufrichtige Erzählungen eines armseligen Pilgers“. Als solcher ist Kneißl seit über drei Jahrzehnten regelmäßig unterwegs nach der Devise: „per pedes apostolorum, zu Fuß wie die Apostel“. Bei ihm ist es durchaus wörtlich zu nehmen, wenn er im Pfarrbrief ankündigt, er gehe in Urlaub. 

Mit kleinem Gepäck

Angefangen hat alles vor 36 Jahren, als er mit seinem Bruder und einem Freund auf dem Jakobsweg vom französischen Le Puy bis zu den Pyrenäen wanderte: „Ich musste nach drei Wochen zurück, die anderen beiden zogen weiter“, erinnert sich Kneißl, der damals schon Pfarrer in Pölling war. Im zweiten Sommer führte die Pilgertour die Brüder Kneißl vom Heimatort Kastl nach Taizé. 820 Kilometer in drei Wochen. „In früheren Jahren haben wir oft noch mit Isomatte und Schlafsack in Pfarrzentren und Gemeindehäusern übernachtet“, erzählt Kneißl, „damals waren natürlich auch noch mehr Pfarrämter geöffnet“. Oft war der Geistliche inkognito unterwegs. Aber wenn es mit der Quartiersuche eng wurde, dann habe sein Bruder schon mal gesagt: „Jetzt tu nicht so stolz, sag halt, dass du ein Pfarrer bist“.

Anfangs habe er noch viel zu viel Gepäck dabeigehabt, erinnert sich Kneißl. Aber dann beherzigte er, was der evangelische Mystiker Gerhard Terstegen 1738 in einem Lied übers Pilgern schrieb: „Wer will, der trag sich tot; wir reisen abgeschieden, mit wenigem zufrieden; wir brauchen‘s nur zur Not“. Was Kneißl aber stets dabeihat, ist sein Pilgerstecken, den ihm einst ein Bekannter aus Seminarzeiten vermacht hat, zusammen mit einem Rosenkranz.

Als sein Bruder nach 13 Jahren nicht mehr mitpilgern konnte, fand Kneißl neue Weggefährtinnen und -gefährten, zum Beispiel seine Pfarrhausfrau Christa Meier, seine Nichte oder gute Bekannte. „Ganz allein gehen mag ich nicht“, sagt er. Mit den Jahren wurden aus den ganz großen Touren kürzere. Sie führten in Richtung Bodensee ebenso wie auf den 66-Seen-Weg rund um Berlin. Es ging nach Marburg zur heiligen Elisabeth oder in die Lutherstadt Eisleben mit dem Zisterzienserinnenkloster Helfta. „Du brauchst auf jeden Fall ein gescheites Ziel“, meint Kneißl, der sich im Zeitalter von Google Maps oder dem Routenplaner Komoot als „Neandertaler“ outet und auf die gute alte Wanderkarte vertraut: „In 98 Prozent der Fälle habe ich den Weg gefunden“.

Keine Ruhe beim Strandurlaub

Ganze zweimal habe er in den vergangenen Jahrzehnten „normalen“ Urlaub gemacht, berichtet der Pfarrer. Aber sich an den Strand zu legen, „das war nix für mich“. Sei er dagegen ein paar Tage zu Fuß unterwegs, dann könne er Dinge, die ihm im Kopf umgehen und ihn beschäftigen, verarbeiten, „dann finde ich innere Klarheit“. 

Heuer konnte der Geistliche krankheitsbedingt nicht aufbrechen. An die Stelle des Pilgerstabs sei der Infusionsständer getreten, meint er. Aber er ist zuversichtlich: „Nächstes Jahr möchte ich wieder etwas unter die Füße nehmen“. Früchte getragen hat seine Pilgerbegeisterung längst: In seiner Pöllinger Zeit organisierte er eine dreitägige Tour. Daraus, freut er sich, habe sich eine Pilgerinitiative entwickelt, „die es bis zum heutigen Tag gibt“.


	Bild von 
	Gabi Gess
Gabi Gess Redakteurin in der Stabsstelle Kommunikation