Wo soll ich denn jetzt hin? Wenn Menschen ihr Dach über dem Kopf verlieren

Bei Obdachlosigkeit oder drohendem Verlust der Wohnung eröffnet der Sozialdienst katholischer Frauen neue Perspektiven. Auch Caritas-Einrichtungen und -Kreisstellen helfen betroffenen Männern, Frauen und Jugendlichen weiter.
Das krasse Gegenteil von trautem Heim: Isolierte Schlaf-Iglus für obdachlose Menschen, die die Stadt Ingolstadt aufgestellt hat. Sie dienen als Notlösung für kalte Nächte. Foto: Michael Heberling

Ingolstadt/Schwabach. (pde) - „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“. Wer eine komfortable, gut beheizte Immobilie bewohnt, kann sich diesen Satz aus Rilkes Herbstgedicht gelassen anhören und zurücklehnen, während es draußen regnerisch, stürmisch und kalt wird. Aber was ist mit Menschen in sozialen Notlagen und schwierigen Lebenssituationen, denen der Verlust ihrer Wohnung und im schlimmsten Fall die Obdachlosigkeit droht? Die Frage betrifft Junge und Ältere, Männer und zunehmend Frauen, auch alleinerziehende Mütter. Neben städtischen Ämtern leisten auch kirchlich getragene Anlaufstellen Unterstützung und eröffnen Perspektiven, wie es in einer solchen Notlage weitergehen kann.

„Viele wahren den Schein“

Speziell mit weiblicher Wohnungslosigkeit beschäftigt sich der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Ingolstadt. Vor drei Jahren gab er bei der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt eine Studie in Auftrag, die die konkrete Situation in Ingolstadt unter die Lupe nahm. Im Ergebnisbericht war von bis zu 400 Frauen die Rede, die pro Jahr bei zuständigen Fachstellen um Hilfe bitten. Die Studie ging jedoch von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus. Der SkF sah sich damals mit seinen Plänen für ein Beratungscafé für Frauen bestätigt und eröffnete im März 2024 unweit seiner Geschäftsstelle das Café Neuhaus als niederschwelligen Treffpunkt für Frauen in drohender oder akuter Wohnungsnot. Dass auch im Sozialstaat Menschen durch die Maschen fallen können, das zeigte eine Zahl, die bei der Einweihung des Cafés genannt wurde: 24 alleinstehende Frauen lebten zu diesem Zeitpunkt in kommunalen Ingolstädter Obdachloseneinrichtungen.

Mittlerweile hat das Café Neuhaus seine Zielgruppe erweitert und ist jüngst mit neuem Konzept als für jedermann zugängliches soziales Café gestartet. Die beiden Sozialpädagoginnen, die dort bislang ihr Ohr bei den Sorgen der Gäste hatten, führen ihre Arbeit nun im Rahmen der Familien- und Lebensberatung in der SkF-Geschäftsstelle weiter. Darüber hinaus sind sie im Rahmen sogenannter aufsuchender Arbeit alle zwei Wochen in der städtischen Obdachlosenunterkunft Am Franziskanerwasser präsent. Für Frauen, die teils schon jahrelang dort leben, sind Julia Bergmann und Gabriele Kettner Ansprechpartnerinnen und Zuhörerinnen. Manche haben sich einen Panzer gegen die Widrigkeiten des Lebens zugelegt. „Manche rutschen in die Verzweiflung“, stellt Bergmann fest, „andere kämpfen“.

Während man Männern ihre Obdachlosigkeit oft ansieht, sind betroffene Frauen „in der Öffentlichkeit nicht so sichtbar“, meint Bergmann, „viele wahren den äußeren Schein“. Statt des gefährlichen Lebens auf der Straße setzten Frauen eher auf „Couch-Hopping“ und quartierten sich kurzfristig bei Bekannten ein, solange wie geduldet. Dabei gerieten manche auch „in sehr schlechte Abhängigkeitsformen“, erkauften sich ihren Schlafplatz mit sexuellen Dienstleistungen. Keine Rückzugsmöglichkeit, kein Schlüssel, mit dem man die Tür hinter sich absperren kann, „die Sicherheit ist weg“, meint Bergmann. Vor diesem Hintergrund kann sie auch ein Stückweit den Fall einer wohnungslosen Frau nachvollziehen, die in ihrem Auto lebt: „Das kann man zumindest abschließen“.

Frauen, die keine eigene Wohnung mehr haben, aber per Post erreichbar sein wollen, erhalten beim SkF eine Adresse. Nur einer von vielen kleinen Schritten zurück in die Normalität. „Keiner geht davon aus, dass er mal im Leben in so eine Situation, solch einen Strudel gerät“, sagt Bergmann. Am Anfang stehe häufig Trennung und Scheidung, oft verbunden mit Erfahrung körperlicher Gewalt bei gleichzeitiger finanzieller Abhängigkeit.

„Jeden Tag kommen zu uns Frauen, die bald ihre Wohnung verlieren oder akut wohnungslos sind“, heißt es auf der Homepage des SkF. Wer Knall auf Fall auf der Straße steht, erhält bei der Polizei oder auch bei der Ingolstädter Straßenambulanz St. Franziskus einen Übernachtungsschein für städtische Unterkünfte. Weil diese aber nur volljährige Männer und Frauen aufnehmen, finden Mütter mit Kindern vorübergehend in städtischen Notwohnungen Unterschlupf. Auch der SkF verfügt über zwei solcher Notwohnungen. In Fällen häuslicher Gewalt wird Kontakt zum Caritas-Frauenhaus aufgenommen. Ansonsten führt der erste Behördengang stets zum Wohnungsamt, um einen Wohnberechtigungsschein zu beantragen. Was einfach klingt, ist ein langwieriger Prozess, mit dem man mit langen Wartezeiten und Bearbeitungsstau rechnen muss, weiß Bergmann. Denn „der Wohnungsmarkt ist wirklich sehr eng“. Deshalb appelliert der SkF auch an private Vermieter, Frauen in Not zu helfen. „Wir bekommen schon immer wieder mal Angebote“, berichtet Bergmann. „Aber manches ist halt einfach zu teuer für das Jobcenter“.

Unfähig, sich selbst zu helfen

Damit es gar nicht zum Verlust der eigenen Bleibe kommt, setze die Beratungsarbeit des SkF schon bei der Wohnungssicherung an, ergänzt Angela Müller. Ganz wichtig dabei sei Vernetzung mit anderen Hilfseinrichtungen, sagt die Geschäftsführerin des SkF, die ihr Amt erst vor wenigen Wochen von Judit Bauer übernommen hat. Wie schwer es ist, eine eigene Wohnung zu finden, weiß sie von ihrer vorherigen Tätigkeit in der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas.

Auch andere Einrichtungen des Diözesancaritasverbands sind Anlaufstelle für obdachlose oder von Wohnungsverlust bedrohte Menschen. In den sieben Kreisstellen finden sie ebenso Unterstützung wie in den Caritas-Wohnheimen und –Werkstätten Ingolstadt. „Next Step“, lautet dort das neueste Projekt, das heuer im Frühjahr startete und zunächst bis Frühjahr 2026 staatlich gefördert wird. Zielgruppe sind junge Volljährige zwischen 18 und 27 Jahren.

Die Sozialpädagogin Sandra Felkner erfährt von Konflikten mit den Eltern und Knatsch in engen Familienwohnungen, in denen noch eine Reihe jüngerer Geschwister lebt. Aber viele bekommen ihr Leben nach dem Auszug nicht auf die Reihe, verlieren den Job und postwendend die Wohnung „und sind unfähig, etwas dagegen zu tun“. Flyer, die Felkner und ihre Kollegin im Jobcenter ebenso auslegen wie in Supermärkten oder Berufsschulen, weisen Hilfesuchenden den Weg.

Frauen in Konfliktsituationen sind die Zielgruppe eines Angebots der Caritas-Kreisstelle Roth, Außenstelle Schwabach: In einem Haus mit vier möblierten Einzimmer-Appartements finden sie vorübergehend für bis zu sechs Monaten ein Dach über dem Kopf. Die meisten ziehen auf Vermittlung des Schwabacher Frauenhauses ein, informiert Sozialpädagogin Erika Greiner, die sich mit den Bewohnerinnen regelmäßig zum Gesprächskreis trifft. Denn sie brauchen Unterstützung und Kraft für den nächsten, entscheidenden Schritt: zurück in die ganz privaten vier Wände.