Willibald: Wandermönch, Kosmopolit und „Startup-Missionar“

Sein Name bedeutet „der Entschlossene und Mutige“ oder „der Willensstarke“ – und wurde zu seinem Lebensprogramm: Willibald. Der aus England stammende Adlige wurde nach einer langen und gefährlichen Pilgerreise im frühen Mittelalter der erste Bischof von Eichstätt. Ihm widmet das Bistum jedes Jahr Anfang Juli eine Festwoche.
Für Willibald war Pilgern ein Lebensideal.

Zum Programm der Willibaldswoche

„Das Gesindel hier ist übel. Es drückt sich vor der Fronarbeit und hängt den alten Geistern an“, sagt der Adlige Suidger, als er dem angelsächsischen Missionar Willibald Eichstätt als Wirkungsfeld zeigt. Der junge Schauspieler, der den Benediktinermönch verkörpert, entgegnet: „Du muss das Gute im Menschen sehen. Das sind alles Gottes Kinder.“ Suidger: „Gottes Kinder? Das sind Wilde.“ Daraufhin Willibald: „Dann müssen wir sie lehren, dass es nur einen Gott gibt“. Willibald entreißt dem Adligen sein Schwert und schlägt mit einem Hieb einen auf einem Pfahl aufgespießten Ochsenschädel zu Boden, der einen heidnischen Kult symbolisieren soll.

Mit dieser etwas klischeehaften Szene wird im Dokumentarfilm „Mission Bayern“ der Beginn von Willibalds Missionsarbeit dargestellt. Was davon geschichtlichen Fakten entspricht und was der Fantasie des Teams um Filmemacher Peter Prestel und Historiker Rainer Tredt entspringt, bleibt den Zuschauenden überlassen. Es bedarf in der Tat einiger Fantasie, um sich vorzustellen, wie das Leben Mitte des 8. Jahrhunderts in der Region Eichstätt aussah und was genau ein Mönch aus dem fernen England in dieser für ihn völlig fremden Gegend und Kultur tat. Wie verlief seine Missionierung? Wie kommunizierte er mit den Menschen? Wie sah sein Tagesablauf aus? Was waren seine Aufgaben als Bischof? Wie baute er das Bistum auf?

Auf diese und ähnliche Fragen liefern die Geschichtsbücher kaum Antworten, höchstens Annäherungen oder Vermutungen. Das hat auch damit zu tun, dass Willibald selbst nichts aus eigener Feder hinterlassen hat. Seine erste „Biografie“ schrieb die Nonne Hugeburc um 780 im Kloster Heidenheim. „Die Vita, die zum großen Teil auf sein Diktat zurückgeht, ist zu 90 Prozent Willibalds Reise ins Heilige Land gewidmet und gibt kaum Auskunft über sein Wirken als Bischof“, sagt Leo Hintermayr, Referent für diözesangeschichtliche Aufgaben im Bistum Eichstätt.

Auf Umwegen nach Eichstätt

In der „Vita Willibaldi“, einem in der damaligen Weltsprache Latein verfassten Hodoeporicon (Reisebericht), berichtet Hugeburc, dass Willibald um das Jahr 700 in Wessex, Südengland, geboren wurde. Er war der älteste von sechs Geschwistern eines angelsächsischen Gutsbesitzerehepaars. Wegen einer schweren Erkrankung des Kindes verpflichteten sich seine Eltern, den Sohn einem Kloster zu übergeben, sollte er überleben. So verbrachte Willibald seine Kindheit und Jugend im südenglischen Kloster Waldheim, wo er eine „antik-klassische und biblisch-theologische Ausbildung“ erhielt. Mit 20 Jahren pilgerte er mit seinem Bruder Wunibald und seinem Vater, der unterwegs starb, nach Rom.

Pilgern konnte damals wegen Krankheiten und Überfällen lebensgefährlich sein. Für Menschen wie Willibald war es jedoch ein Lebensideal: die Heimat verlassen, allem Besitz entsagen, um Christus auf radikaler Tour zu folgen. So brach der Mönch 723 von der Ewigen Stadt zu einer siebenjährigen Pilgerreise in den Orient auf. Mit den „Evangelien als Reiseführer“ durchpilgerte er dreieinhalb Jahre das Heilige Land auf den Spuren Jesu, ehe er über Konstantinopel nach Italien zurückkehrte. „Im Kloster Monte Cassino schien er 729 am endgültigen Ziel seiner Pilgerreise angelangt zu sein“, schreibt Hintermayr in einem Beitrag auf der Website des Eichstätter Diözesangeschichtsvereins. Doch dann veränderte eine eher zufällige Reise nach Rom im Jahr 739 seine Lebenspläne entscheidend. Papst Gregor III. ließ ihn wissen, dass Bonifatius, ein Verwandter Willibalds, seine Hilfe bei der Missionstätigkeit in Germanien brauche.

740 kam Willibald zum ersten Mal nach Eichstätt, wahrscheinlich, um dort ein Kloster als eine Art Missionsstützpunkt im Grenzraum zwischen Baiern, Franken und den Alemannen zu errichten. Bonifatius hatte ihm die vom baierischen Adligen Suidger zum eigenen Seelenheil gestiftete „regio Eihstat“ als künftiges Wirkungsgebiet überlassen. Suidger ließ es sich wohl nicht nehmen, dem Mönch seine Schenkung persönlich zu zeigen. Das ist der Hintergrund der eingangs beschriebenen Filmszene. Noch im selben Jahr weihte Bonifatius Willibald in dem vor Ort vorgefundenen Marienkirchlein zum Priester, was belegt, dass der Eichstätter Raum bereits christianisiert war. Im Jahr darauf wurde Willibald in Sülzenbrücken bei Erfurt zum Bischof geweiht, laut Hintermayr „möglicherweise zum Bischof von Erfurt. Gleichwohl kehrte er zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt als Bischof nach Eichstätt zurück, das mit dem von Willibald gegründeten Kloster nun zur Keimzelle der Diözese Eichstätt wurde.“ Er starb am 7. Juli, vermutlich im Jahr 787, und wurde im Chor der von ihm erbauten Kirche begraben.

„Drei-Stammes-Bistum“

Da Hugeburc äußerst wenig über Willibalds Zeit als Priester und ersten Eichstätter Bischof schreibt, ist kaum etwas über die Errichtung der Diözese zu erfahren. „Sie wurde nie formell gegründet – zumindest gibt es keine Gründungsurkunde“, stellt der Theologe Ernst Reiter (1926–2025) im Buch „12 Männer Profile“ fest. Demnach ist das Bistum Eichstätt „von selbst entstanden und wurde erst später, nach dem Tod des Bonifatius (754), allgemein anerkannt.“

Seit ihrer Entstehung im 8. Jahrhundert kann die Diözese als „Drei-Stammes-Bistum“ bezeichnet werden, da auf ihrem Gebiet Baiern, Franken und Schwaben (Alemannen) lebten, wie es in dem Heft „Das Bistum Eichstätt in Geschichte und Gegenwart 1 – von den Anfängen bis zum Hochmittelalter“ zu lesen ist. Diese Volksgruppen verständigten sich in altgermanischen Dialekten. Zuwandernde Baiern und Alemannen hatten wohl bereits das Christentum mitgebracht, berichten die Autoren Richard Baumeister, Emmanuel Braun, Ernst Reiter und Klaus Schimmöler. Bei Willibalds Ankunft war demnach der größte Teil des späteren Bistums – unerschlossene und dünn besiedelte Waldgebiete nördlich des Limes – vom Christentum kaum berührt. Teilweise war das Gebiet durch Grenzkonflikte verwüstet.

Nach der Lebensbeschreibung des heiligen Wunibald, ebenfalls von Hugeburc verfasst, waren einige Gebiete noch ganz heidnisch, in anderen waren Christentum und Heidentum miteinander vermischt. In den Augen der Nonne herrschte damals „viel Blendwerk heidnischer Verkommenheit“, es gab „viele durch Teufelslust getäuschte Götzendiener, andere, welche Zeichendeutung trieben, andere, die Einflüsterungen von Dämonen weitergaben, andere, welche frevlerische Zauberhandlungen, solche, die Totenbeschwörungen vornahmen, aber auch noch viele andere, […] die vor dem Volk und der Öffentlichkeit Schandtaten vollführten. Und was dazu noch viel schlimmer war, dass viele, die nach dem Empfang der Weihe als Priester dem heiligen Altar dienen sollten, mehr von Unreinheit und Unzucht als vom Eifer für den heiligen Dienst erfasst waren.“

Nicht nur Aberglaube und unchristliche Lebensweisen forderten die Glaubensboten heraus. Hinzu kam eine stark hierarchisch geprägte Gesellschaftsordnung. „Die Leute, die in diesem Raum siedelten, waren meist Unfreie, Hörige oder Halbfreie, über denen die Schicht der Freien und Grundherren, also der Mächtigen, stand“, heißt es in dem oben genannten Heft zur Bistumsgeschichte. Auch darauf mussten die Missionare Rücksicht nehmen.

Kloster als Missionszentrum

Was konnte Willibald in diesem Umfeld tun? Der Historiker Stefan Weinfurter (1945–2018) stellt im Film „Mission Bayern“ klar: „Ohne den Kontakt zu den mächtigen Adligen, kann kein Missionar in dieser Zeit etwas erreichen. Er brauchte ihre Hilfe und Zuwendungen sowie ihren Schutz.“ Die führenden Herrscher unterstützten die Missionare dabei, Ordnung in ein wildes Land zu bringen. „Die Kirche half so, die Einheit des Frankenreichs herzustellen“, so Weinfurter. Willibalds Arbeit habe auch viele Gegner auf den Plan gerufen, das Gebiet sei eine „spirituelle Wüste“ gewesen: „Er hatte es nicht nur mit Heiden zu tun, sondern auch mit abtrünnigen Christen, deren Praktiken nicht mit den Ideen der Kirche in Einklang standen.“ Sein Erfolgsgeheimnis: „Willibald hat ganz gezielt Seelsorge betrieben. Er sieht sich nicht ins Kloster zurück und schottet sich von der Welt ab, sondern wirkt nach außen“, so Weinfurter.

Wie sein Missionsalltag konkret aussah, kann nur vermutet werden. Eines scheint jedoch klar: Willibald war kein reiner Verwalter, sondern ein „Startup-Missionar“. Dabei haben ihn seine Geschwister unterstützt. Willibald errichtete in Eichstätt ein Kloster mit Kirche und gründete zusammen mit seinem Bruder Wunibald auch das Benediktinerkloster Heidenheim, das nach Wunibalds Tod von Walburga geleitet und durch einen Frauenkonvent erweitert wurde. Er veranlasste auch den späteren Kirchenneubau in Heidenheim und weihte ihn im Jahre 778. Damit war er als Kirchenbauer längst nicht so tatkräftig wie etwa sein 18. Nachfolger, Bischof Gundekar II. (1057–1075), der mehr als 100 Kirchen eingeweiht hat. Dafür verfügte Willibald über andere Qualitäten: „Er war zweifelsohne eine herausragende Persönlichkeit in seiner Zeit. Durch seine Reisen und Aufenthalte in Rom, Jerusalem und in Konstantinopel sowie in Montecassino verfügte er über eine vielfältige kulturelle und religiöse, insbesondere geistliche Erfahrung und Kenntnis. Mit diesen außergewöhnlichen Kompetenzen hat er seine Aufgabe in Eichstätt angetreten“, sagt Ludwig Brandl, Direktor des Diözesanbildungswerks Eichstätt.

Noch eine andere Komponente war für ihn entscheidend: „Für Willibald war und blieb die Bildung an die Familie wichtig“, schreibt die Theologin Barbara Bagorski im Buch „Im Glanz des Heiligen“. Das sei sowohl bei seiner Pilgerreise als auch in der Missionsarbeit zu beobachten. Begonnen hat er seine Missionierung bei den Grundherren. Waren diese für den Glauben gewonnen, so waren die Unfreien leichter zu überzeugen. „Wahrscheinlich hat Willibald auch versucht, weitere Personen für die Mission zu gewinnen. Er hat getauft, Priesterweihen vorgenommen und Mönche in sein Kloster aufgenommen“, so Brandl. Außerdem sprach er seinen Bruder Wunibald heilig und nahm 742 am Concilium Germanicum sowie 762 an der Synode von Attigny teil.

Er lebte asketisch und war „fleißig wie eine Biene“, berichtet Hugeburc in der „Vita Willibaldi“. Besonders junge Adlige waren von dem Missionar aus England angetan. Sie legten ihre heidnischen Amulette ab und traten ins Kloster ein, einige von ihnen aus Karrierekalkül, wie der Film „Mission Bayern“ nahelegt. Das Kloster, für Willibald ein „Ort der Begegnung“, wurde zu einem überregionalen Anziehungspunkt: „Willibald war offen für die missionarische Tätigkeit und die sich bietenden Möglichkeiten, seine Bildung und seine pädagogischen Fähigkeiten in einem klösterlichen Umfeld zu entfalten. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag dabei auf der Katechese“, schreibt Barbara Bagorski. Wie viele Menschen er damit erreichte und wie viele damals im Bistum lebten, ist nicht bekannt.

Kein Fürstbischof, sondern Seelsorger

Obwohl Willibald bis an sein Lebensende im Kloster bleiben wollte, folgte er dem Auftrag des Papstes und zog als Missionar nach Germanien. Nach Einschätzung von Historikerinnen und Historikern verdankt die Diözese Eichstätt seinem Wirken ihre Entstehung. Er war kein Fürstbischof. Die Ära der Personalunion von geistlicher und weltlicher Macht in der Hand der Kirche erstarkte im Bistum Eichstätt erst um das Jahr 1300. „Der Bischof Willibald war in erster Linie Seelsorger, der bei aller Tätigkeit immer der Benediktinermönch blieb: Der Vater der Mönche und Nonnen und seiner ganzen Gemeinde“, lautet das Fazit von Ernst Reiter.

Die Verehrung Willibalds als Heiliger dürfte bereits unter seinem Nachfolger Gerloh (787–806) begonnen haben. Bischof Reginold (966–991) erhob am 22. April 989 die Gebeine Willibalds aus dem Boden und übertrug sie in die von ihm erbaute Westkrypta des Domes. Damit war nach damaligem Verständnis der erste Eichstätter Bischof heiliggesprochen. Der Nachweis von Wundern war nicht nötig.

An Willibalds Wirken erinnert nicht nur der Eichstätter Dom. Seinen Namen tragen auch das Collegium Willibaldinum, das älteste Priesterseminar nördlich der Alpen, die Willibaldsburg, ein Verlag, eine Buchhandlung, eine Stiftung und eine staatliche Schule in Eichstätt. Als Stadtpatron thront er zudem über dem Eichstätter Marktplatz. Darüber hinaus ist er Schutzheiliger von 19 Kirchen auf dem Gebiet der Diözese. Geht es jedoch um den Bekanntheitsgrad und die Intensität der Volksfrömmigkeit, übertrifft die heilige Walburga ihre Brüder Willibald und Wunibald bei Weitem. Und doch ist Willibald für das Bistum die bedeutendste Gestalt unter den Eichstätter Diözesanheiligen.

Als Gregor III. ihn in die Mission zum „Volk der Franken“ schickte, ließ er ihm kaum Bedenkzeit. Der Überlieferung nach durfte der Mönch nicht einmal seinen Abt um Reiseerlaubnis bitten, da der Papst als oberste Autorität galt. „Wo immer du mich hinsendest, werde ich hingehen, und sei es an das Ende der Welt“, soll Willibald daraufhin gesagt haben. Das erzählte sein 81. Nachfolger auf dem Eichstätter Bischofsstuhl, Gregor Maria Hanke, wiederholt während der Willibaldswoche. Hanke, ebenfalls Benediktinermönch, trat am 8. Juni 2025 in den Ruhestand. Auf den 82. Nachfolger Willibalds wartet das Bistum bereits seit mehr als einem Jahr, obwohl Eichstätt längst nicht das Ende der Welt ist. Der künftige Bischof wird nicht auf ein Heidentum mit Ochsenschädeln treffen, sondern auf die Herausforderungen der Kirche des 21. Jahrhunderts: Säkularisierung, Mitgliederschwund und religiöse Indifferenz. Unter den rund 340.000 katholischen Gläubigen der Diözese wird er Fragenden, Suchenden und Zweifelnden begegnen – nicht „üblem Gesindel“, sondern, in den Worten Willibalds, „alles Gottes Kinder“.

Text: Geraldo Hoffmann

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit