Wie Technikglaube unser Welt- und Menschenbild verändert

Künstliche Intelligenz erobert zunehmend das öffentliche Bewusstsein und unseren Alltag. Technik erleichtert im besten Fall unser Leben, verändert aber auch uns selbst. Ein Theologe und ein Physiker zeigen, wie der Fortschrittsgedanke unser Weltbild und unseren Glauben beeinflusst.
Ein Bild, das mehr über uns als über KI aussagt: Verwechselt sich hier der Mensch mit seinem Werkzeug?

Der Wecker klingelt nicht mehr – er analysiert. Noch bevor du die Augen öffnest, hat dein Schlaf-Algorithmus entschieden, dass heute ein „produktiver Tag“ wird. Die Kaffeemaschine kennt deinen Puls, der Badezimmerspiegel blendet Nachrichten ein, ausgewählt von einer KI, die deine Interessen kennt und deine Stimmung berechnet. Dein Thermomix weiß schon, was du heute essen möchtest. Auf dem Weg zur Arbeit nimmt dein autonom fahrendes Auto die beste Route, dein Ohrimplantat flüstert dir Empfehlungen ein: erfolgversprechende Gesprächsstrategien und passende Formulierungen für jedes Meeting. Im Büro schreibt die künstliche Intelligenz deine E-Mails und Projektentwürfe, erstellt Präsentationen, schlägt kreative Ideen vor – schneller, genauer, überzeugender als du. Du prüfst nur noch, passt minimal an, bestätigst. Abends erstellt ein Sprachmodell in Gestalt eines Kuscheltiers eine Gute-Nacht-Geschichte für dein Kind, maßgeschneidert auf dessen Entwicklungsstand. Und während du einschläfst, wertet ein System deine Gedankenprotokolle aus, um dich morgen noch besser zu steuern.

Sieht so der Tag eines Menschen in der Zukunft aus, wie in diesem frei erfundenen Ablauf? Schön wäre es, werden die einen sagen, grauenvoll, die anderen. Geht es nach den Vorstellungen einiger Tech-Milliardäre und Fortschrittsapostel, ist das eine nahende Wirklichkeit. Die Enthusiasten unter ihnen sind überzeugt, dass wir vor einem neuen Schritt in der Evolution stehen, indem Mensch und Maschine mit ihren Stärken zu einem transhumanistischen Idealgebilde verschmelzen werden. Das sei keine religiöse Hoffnung und keine Utopie, sondern die schlichte Wahrheit und unausweichliche Zukunft, prophezeien sie.

Woher dieser „Technikglaube“ kommt, wohin er führt und wie ein Gegenentwurf aussehen könnte, davon handelt das neue Buch des Erfurter Fundamentaltheologen und Religionswissenschaftlers Patrick Becker und des Physikers Winfried Schmidt: „Zwischen Algorithmus und Seele – Ein neues Denken für Mensch und Gesellschaft“. Ihre Kernthese lautet: Unser modernes Weltbild ist vom klassischen Physikverständnis des 19. Jahrhunderts geprägt, was nicht nur zu einem Verlust des religiösen Jenseitsglaubens geführt hat, sondern auch zu einem einseitig verkürzten Rationalitätsverständnis, also wie Menschen vernünftiges Denken und Handeln verstehen und bewerten, sowie zu einem funktionalen Menschenbild. So erklären sie den im Westen dominanten Fortschrittsoptimismus, der sich aktuell in Heilserwartungen an KI bemerkbar macht. Demgegenüber zeichnen sie ein Weltbild, das dem menschlichen Geist wie auch der Kultur insgesamt einen Eigenwert zuspricht und eine tiefere Sinnperspektive eröffnet.

Technik löst alle Probleme?

Es geht in ihrem Buch nicht um eine Kritik an Technik und Naturwissenschaften oder um Kulturpessimismus, sondern „um das Weltbild, das in den letzten beiden Jahrhunderten in unserer Gesellschaft dominant geworden ist“, betonen die Autoren. Insbesondere möchten sie darauf hinweisen, dass der Mensch und sein Sozialverhalten komplexer sind, als es der „Physikalismus“ und seine rein funktionale Brille wahrhaben wollen. Mit „Physikalismus“ meinen sie eine Denkweise, nach der alles, was existiert rein physikalischer Natur ist, also durch die Gesetze und Begriffe der Physik vollständig erklärbar ist. Mentales hat demnach gegenüber Physischem keinen Mehrwert. Wie das den Blick auf unser Menschsein verengt, illustrieren sie mit einer Aussage des britischen Physikers und Molekularbiologen Francis Crick (1916-2004): „Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn für Ihre eigene Identität und Willensfreiheit – bei alledem handelt es sich in Wirklichkeit nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und zugehörigen Molekülen.“ Dahinter steht die Annahme der klassischen Physik, dass die Welt wie ein „Uhrwerk“ funktioniert und der Mensch darin – zugespitzt gesagt – nichts anderes als „eine besonders komplexe Maschine“ ist.

Diese Denkweise begründet den Fortschrittsoptimismus, der sich parallel zu den großen revolutionären Umbrüchen im Europa des 18. Jahrhunderts als Leitidee etablierte und bis heute gesellschaftsprägend ist. Das Ergebnis in den Worten der Autoren: 

Wir modernen Menschen glauben überwiegend daran, dass wir die Welt zum Besseren weiterentwickeln, indem wir uns auf neue Technik stützen.“ 

Das gipfele bei heutigen KI-Protagonisten in der Überzeugung, alle negativen Folgen der Technik, ja alle Weltprobleme überhaupt, ließen sich mit Technik lösen. „Es geht um eine Heilsvision, allerdings eine, die sich traditioneller religiöser Bezüge auf eine transzendente Größe entledigt hat. Es geht um Glauben an die Technik und das dadurch auf Erden herstellbare Paradies“, so Becker und Schmidt. Damit sei auch die religiöse Hoffnung auf ein Weiterleben der Seele im Jenseits ersetzt worden nach dem Motto: So wie die Welt ohne Gott funktioniere, so tue dies auch der Mensch.

Mensch und Kultur aus der „Emergenz“

Diesem Denkmuster setzen die Autoren ein ganzheitliches Welt- und Menschenbild entgegen. Sie schlagen vor, den menschlichen Geist und die Kultur insgesamt als „emergente“ Phänomene zu verstehen. Mit der „Emergenz“ glauben sie ein Bild der Welt zeichnen zu können, das den „Fakten“, also unserer Wahrnehmung der Welt von der subatomaren Ebene bis zur zwischenmenschlichen Kommunikation, eher entspricht. „Emergenz“ bedeutet für sie, „dass ein Ganzes neue Eigenschaften besitzen kann, die aus der Summe seiner Teile nicht erklärt werden können“. 

Der Astrophysiker Andreas Burkert hat den Begriff in einem Interview auf dieser Website anhand eines Beispiels verdeutlicht: „Nehmen Sie unser Gehirn: Es enthält zehn Milliarden Nervenzellen, die über 100 Milliarden Verbindungen miteinander verknüpft sind. Unsere Wahrnehmungen und Gedanken, unser Gedächtnis und unser Selbstbewusstsein werden Sie in keiner einzigen Nervenzelle finden. Es sind emergente Eigenschaften, die sich im laufend neuformierenden Nervennetzwerk durch die Wechselwirkung aller Neuronen bilden und die zerstört werden, wenn man dieses Netzwerk zerstört.“ Zur „emergenten“ Eigenart des Geistes gehören laut Becker und Schmidt insbesondere die Kreativität des Menschen, seine Moral- und Liebesfähigkeit sowie – grundlegend – seine Willensfreiheit. Diese Eigenschaften sowie seine Transzendenzfähigkeit, die sich in Spiritualität und Religiosität ausdrückt, machen das Wesen des Menschen aus.

Das „Emergenz“-Prinzip verbinden die beiden Autoren in ihrem Weltmodell mit Erkenntnissen aus der Quantenphysik und dem Konzept einer „kosmischen Evolution“ des französischen Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955). Das klingt kompliziert, ist aber im Buch gut verständlich dargestellt. Hier nur so viel: Im Gegensatz zur klassischen Physik, die die Welt deterministisch, also wie ein „Uhrwerk“, versteht, besagt die Quantentheorie, dass sie auf der Mikro-Ebene der Teilchen (Atome, Elektronen, Photonen) wahrscheinlichkeitsbasiert funktioniert. 

Die Zukunft ist nach dem Befund der modernen Physik offen, was passiert, kann nicht alleine aus den Naturwissenschaften und den von ihnen beschriebenen physikalischen Gesetzmäßigkeiten bestimmt werden. 

Darin sehen der Theologe und der Physiker Raum für ein Wirken Gottes, das Zufall und Freiheit einschließt, sowie für ein Bewusstsein, das über reine Materie hinaus geht. 

Darüber hinaus greifen sie eine Idee von Teilhard de Chardin auf, der versucht hat, die Evolutionstheorie mit der katholischen Lehre zu vereinbaren. Chardin sah in der Evolution auch einen spirituellen Weg, nämlich die Entwicklung des Geistes, die die Liebe (und damit Gott) als Ziel hat. Gott habe eine „Werde-Welt“ geschaffen, also eine Welt, in der Kreativität, Verantwortung und Moral eine Rolle spielen können. Aus diesen Überlegungen heraus skizzieren Becker und Schmidt ein Modell, in dem die Hervorbringung „emergenter“ Qualitäten christlich bzw. monotheistisch als Heilsgeschichte gedeutet wird, also zu einem Welt- und Menschenbild, das auf Gott hin ausgerichtet ist. Dieses Bild, so glauben sie, befriedet naturwissenschaftliche Befunde mit katholischen Glaubenssätzen wie zum Beispiel, dass „jede Geistseele unmittelbar von Gott geschaffen ist“ sowie, dass Körper und Geist eine Einheit bilden. In diesem ganzheitlichen Welt- und Menschenbild ergibt auch der Glaube an das Jenseits wieder einen Sinn.

Sinnsuche und Jenseitsglaube

Die christlichen Kirchen hätten schmerzhaft lernen müssen, ihre Deutungshoheit in naturwissenschaftlichen Fragen der Evolution, des astronomischen Weltbildes oder des Lebens aufzugeben, sagen Becker und Schmidt. Dennoch habe ihre Jenseitsbotschaft in vielen Kulturen in angepasster Form überlebt: „Das Jenseits war relevant, weil die Hoffnung darauf den Menschen Sinn gegeben und ihr Handeln verändert hat.“ Diesen Bezug und damit die Relevanz für das Leben habe der Jenseitsglaube in den Gesellschaften Europas offenbar verloren. Der Mensch glaube, selbst gestalten zu können. Daher rühre der Fortschrittsoptimismus, der zunehmend in die Kritik gerate und möglicherweise nun im 21. Jahrhundert an eine Grenze stoße. Die Autoren pflichten dem Soziologen Hartmut Rosa bei, wenn er sagt, der moderne Mensch befinde sich in einer Sinnkrise, weil er den Sinn des Fortschritts nicht mehr sehe.

Becker und Schmidt erkennen darin eine Chance, denn genau hier könnte die Hoffnung auf das Jenseits erneut Kraft entfalten, weil sie die Kritik an der funktionalen Ausrichtung unserer Gesellschaft aufnehmen kann: 

Es ist gerade das Jenseits, dass alle innerweltliche Einseitigkeit, die Leistungsorientierung und die Gier nach mehr in Frage stellt, indem es den Menschen und seine diesseitige Rolle relativiert und unter eine höhere Wirklichkeit stellt.“ 

Den großen Religionsgemeinschaften raten die Autoren, stärker in religiöser Sprachfähigkeit ihrer Mitglieder zu investieren. Neue Wege der Sinnsuche seien zu gehen, die sich sicherlich nicht gegen den naturwissenschaftlichen Stand stellen und auch keinen Rückzug auf vormoderne Konzepte der Sinnstiftung predigen können.

Freiheit und Hoffnung

„Zwischen Algorithmen und Seele“ lädt mit einer beeindruckenden Faktenfülle zu einem reflektierten Umgang mit Technik ein. Leitmotive des Buches sind die Begriffe „Freiheit“ und „Hoffnung“ – mit „Hoffnung“ ist das letzte Kapitel überschrieben. Ein Fazit der Autoren: 

Weltbilder sind nicht gesetzte, von uns unabhängige Entitäten, sondern lebendig von uns beständig erfahren und gestaltet.“ 

Es gibt gute praktische Gründe, auf den naturwissenschaftlichen sowie den technischen Fortschritt zu hoffen und damit die Zukunft zu gestalten. Noch bessere Gründe gibt es für ein ganzheitliches Denken und Handeln, das einen nachhaltigen Lebensstil auf der Erde prägt und an der Hoffnung auf das Jenseits festhält.

Das Funktionsprinzip heutiger Künstlicher Intelligenzen – so lehrt uns das Buch – beruht auf neuronalen Netzwerken, die dem Gehirn nachempfunden sind und erstaunliche Fähigkeiten entwickeln. Bedenken, KI könne eines Tages „erwachen“, zerstreuen die Autoren: Davon sei die Technologie noch Lichtjahre entfernt. Außerdem: „Aus Mathematik heraus entsteht niemals Bewusstsein“, zitieren sie den KI-Forscher Ralf Ott.

Patrick Becker und Winfried Schmidt sind überzeugt: 

Künstliche Intelligenz lässt sich auch entgegen der Fortschritts- und Selbstoptimierungslogik einsetzen, wenn dies gewünscht ist. 

Algorithmen lassen auch anders programmieren, und wie „moralisch“ eine KI ist, hängt von den Menschen ab, die sie trainieren. Der Mensch entscheidet selbst, ob ein KI-durchdrungener Alltag – wie eingangs fiktiv skizziert – für ihn erstrebenswert ist oder eher in den Bereich der Science-Fiction gehört. Letztlich bleibt der Mensch der zentrale Akteur, der die Nutzung von KI wie auch jeder anderen Technik in seinem Alltag gestaltet. Dabei könnten ihn aus christlicher Sicht die Schlussworte der Autoren in diesem Buch leiten: „Es macht einen Unterschied, ob wir auf eine bessere Welt hoffen, auf eine höhere Gerechtigkeit, die wir im ‚Jenseits‘ dieser Welt verankern, ob wir daraus Geschichte verstehen, oder ob wir in unserem Handeln und Dasein auf Erden das letzte Wort sehen.“

Text: Geraldo Hoffmann

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Buchtipp

Becker, Patrick und Schmidt, Wienfried: Zwischen Algorithmus und Seele - Ein neues Denken für Mensch, Kultur und Gesellschaft, Verlag Herder, 2025. Preis: 35 Euro. ISBN: 978-3-451-02520-4

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit