Der Wecker klingelt nicht mehr – er analysiert. Noch bevor du die Augen öffnest, hat dein Schlaf-Algorithmus entschieden, dass heute ein „produktiver Tag“ wird. Die Kaffeemaschine kennt deinen Puls, der Badezimmerspiegel blendet Nachrichten ein, ausgewählt von einer KI, die deine Interessen kennt und deine Stimmung berechnet. Dein Thermomix weiß schon, was du heute essen möchtest. Auf dem Weg zur Arbeit nimmt dein autonom fahrendes Auto die beste Route, dein Ohrimplantat flüstert dir Empfehlungen ein: erfolgversprechende Gesprächsstrategien und passende Formulierungen für jedes Meeting. Im Büro schreibt die künstliche Intelligenz deine E-Mails und Projektentwürfe, erstellt Präsentationen, schlägt kreative Ideen vor – schneller, genauer, überzeugender als du. Du prüfst nur noch, passt minimal an, bestätigst. Abends erstellt ein Sprachmodell in Gestalt eines Kuscheltiers eine Gute-Nacht-Geschichte für dein Kind, maßgeschneidert auf dessen Entwicklungsstand. Und während du einschläfst, wertet ein System deine Gedankenprotokolle aus, um dich morgen noch besser zu steuern.
Sieht so der Tag eines Menschen in der Zukunft aus, wie in diesem frei erfundenen Ablauf? Schön wäre es, werden die einen sagen, grauenvoll, die anderen. Geht es nach den Vorstellungen einiger Tech-Milliardäre und Fortschrittsapostel, ist das eine nahende Wirklichkeit. Die Enthusiasten unter ihnen sind überzeugt, dass wir vor einem neuen Schritt in der Evolution stehen, indem Mensch und Maschine mit ihren Stärken zu einem transhumanistischen Idealgebilde verschmelzen werden. Das sei keine religiöse Hoffnung und keine Utopie, sondern die schlichte Wahrheit und unausweichliche Zukunft, prophezeien sie.
Woher dieser „Technikglaube“ kommt, wohin er führt und wie ein Gegenentwurf aussehen könnte, davon handelt das neue Buch des Erfurter Fundamentaltheologen und Religionswissenschaftlers Patrick Becker und des Physikers Winfried Schmidt: „Zwischen Algorithmus und Seele – Ein neues Denken für Mensch und Gesellschaft“. Ihre Kernthese lautet: Unser modernes Weltbild ist vom klassischen Physikverständnis des 19. Jahrhunderts geprägt, was nicht nur zu einem Verlust des religiösen Jenseitsglaubens geführt hat, sondern auch zu einem einseitig verkürzten Rationalitätsverständnis, also wie Menschen vernünftiges Denken und Handeln verstehen und bewerten, sowie zu einem funktionalen Menschenbild. So erklären sie den im Westen dominanten Fortschrittsoptimismus, der sich aktuell in Heilserwartungen an KI bemerkbar macht. Demgegenüber zeichnen sie ein Weltbild, das dem menschlichen Geist wie auch der Kultur insgesamt einen Eigenwert zuspricht und eine tiefere Sinnperspektive eröffnet.
Technik löst alle Probleme?
Es geht in ihrem Buch nicht um eine Kritik an Technik und Naturwissenschaften oder um Kulturpessimismus, sondern „um das Weltbild, das in den letzten beiden Jahrhunderten in unserer Gesellschaft dominant geworden ist“, betonen die Autoren. Insbesondere möchten sie darauf hinweisen, dass der Mensch und sein Sozialverhalten komplexer sind, als es der „Physikalismus“ und seine rein funktionale Brille wahrhaben wollen. Mit „Physikalismus“ meinen sie eine Denkweise, nach der alles, was existiert rein physikalischer Natur ist, also durch die Gesetze und Begriffe der Physik vollständig erklärbar ist. Mentales hat demnach gegenüber Physischem keinen Mehrwert. Wie das den Blick auf unser Menschsein verengt, illustrieren sie mit einer Aussage des britischen Physikers und Molekularbiologen Francis Crick (1916-2004): „Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn für Ihre eigene Identität und Willensfreiheit – bei alledem handelt es sich in Wirklichkeit nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und zugehörigen Molekülen.“ Dahinter steht die Annahme der klassischen Physik, dass die Welt wie ein „Uhrwerk“ funktioniert und der Mensch darin – zugespitzt gesagt – nichts anderes als „eine besonders komplexe Maschine“ ist.
Diese Denkweise begründet den Fortschrittsoptimismus, der sich parallel zu den großen revolutionären Umbrüchen im Europa des 18. Jahrhunderts als Leitidee etablierte und bis heute gesellschaftsprägend ist. Das Ergebnis in den Worten der Autoren:
Wir modernen Menschen glauben überwiegend daran, dass wir die Welt zum Besseren weiterentwickeln, indem wir uns auf neue Technik stützen.“
Das gipfele bei heutigen KI-Protagonisten in der Überzeugung, alle negativen Folgen der Technik, ja alle Weltprobleme überhaupt, ließen sich mit Technik lösen. „Es geht um eine Heilsvision, allerdings eine, die sich traditioneller religiöser Bezüge auf eine transzendente Größe entledigt hat. Es geht um Glauben an die Technik und das dadurch auf Erden herstellbare Paradies“, so Becker und Schmidt. Damit sei auch die religiöse Hoffnung auf ein Weiterleben der Seele im Jenseits ersetzt worden nach dem Motto: So wie die Welt ohne Gott funktioniere, so tue dies auch der Mensch.