Wie Satelliten in einer Umlaufbahn

Zwei Frauen im Dienst des Bistums erzählen, wie sie als Oblatinnen mitten in der Welt nach der Benediktusregel leben und eine Gebetsgemeinschaft mit der Eichstätter Abtei bilden
Das Benediktinerinnenkloster St. Walburg im Eichstätt

Eichstätt/Treuchtlingen/Wolframs-Eschenbach - Bettina Schröder aus Treuchtlingen ist regelmäßig dienstlich in Eichstätt. Sie gehört zum Team des diözesanen Amts für Kirchenmusik. Nach der monatlichen Konferenz der Regionalkantoren, die meist am Vormittag stattfindet, „schaue ich, dass ich um zwölf die Mittagshore in St. Walburg mitbeten kann“, berichtet die 57-Jährige, die zu der Eichstätter Abtei eine tiefe Verbindung pflegt: Die Kirchenmusikerin und Kantorin ist eine von derzeit 13 Oblatinnen des Benediktinerinnen-Klosters. So wie die dort lebenden Ordensfrauen, versucht auch Schröder ihr Leben an den Grundwerten der Benediktusregel auszurichten und sich der Gebetsgemeinschaft des Konvents anzuschließen. Das versprach sie vor knapp einem Jahr bei ihrer Aufnahme, der sogenannten Oblation. Viele haben davon gar nichts mitbekommen. „Es ist ja auch nichts, was man mit einem Schild vor sich herträgt“, meint die Mutter von vier erwachsenen Kindern lächelnd. Da ist nur das Medaillon mit dem Benediktuskreuz an ihrem Hals, das sie bei der Oblation erhielt.

„Viele wissen das gar nicht“

Der Begriff Oblate in der Bedeutung von „der Hingegebene, Aufgeopferte, Dargebrachte“ bezeichnet „ein grundlegendes christliches Lebensprogramm“, heißt es auf der Homepage der Benediktiner, die seit langer Zeit und überall auf der Welt in ihren Klöstern diese Möglichkeit bieten. Doch „viele wissen das gar nicht“, meint die Äbtissin von St. Walburg, Mutter Elisabeth Hartwig. Dabei sei es wirklich für alle Beteiligten „eine tolle Sache“. In den meisten Benediktinerklöstern, so auch in Plankstetten, gehören sowohl Frauen als auch Männer zum Kreis der Oblaten. Dass es in St. Walburg nur Frauen sind, habe räumliche Gründe, verweist die Äbtissin darauf, dass sich die Kapelle des Klosters im Klausurbereich befindet. Regelmäßig trifft sich der Kreis der Oblatinnen in der Abtei, zwei gemeinsame Wochenenden stehen jährlich auf dem Programm. 

Das Oblatentum gehe zurück bis auf die Benediktusregel des 6. Jahrhunderts, erklärt die Äbtissin. Bei den Eichstätter Benediktinerinnen dagegen „ist es noch ganz jung“.  In den 1990er-Jahren bat erstmals eine Frau darum, sich diesem Kloster anzuschließen, in dem die Verehrung der heiligen Walburga besonders gepflegt wird. Zwölf weitere Frauen folgten seither, die Jüngste ist erst um die 30. Und es gibt ein weiteres  Dutzend Interessentinnen, denen Oblatenrektorin Schwester Leodegaria Murr als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht. Der feierlichen Aufnahme in den Oblatenkreis geht ein Probejahr voraus, in dem die Anwärterinnen mit den Grundzügen monastischer Spiritualität vertraut gemacht werden.

„In allen Dingen Gott suchen“

 Ein hörender Mensch zu werden, in allen Dingen Gott zu suchen, dem Gottesdienst nichts vorzuziehen und die rechte Balance zu finden zwischen „ora et labora“ – alles, was hinter benediktinischen Klostermauern gilt, soll auch das Leben der Oblaten prägen, wenn auch ohne Profess. „Alles freiwillig“, betont Mutter Elisabeth, „oder, wie Benedikt vielleicht sagen würde: unter den Augen Gottes“. Geistliches Leben sei „nichts exklusiv Klösterliches“. Eine gewisse Bindung sei aber eine Hilfe, „da können wir den Rahmen bieten. Man ist in einer großen Gebetsgemeinschaft, man gehört einfach dazu.“

„Voll und ganz angenommen“ fühlt sich Bettina Schröder, die erstmals bei einem Osterwochenende in Niederaltaich Klosterluft schnupperte. Freunde hatten die Abiturientin, die evangelisch aufgewachsen war, damals mitgenommen. Mit 22, nun bereits Kirchenmusik-Studentin in Nürnberg, entschied sie sich, in die katholische Kirche einzutreten. „Während des Studiums war ich öfter in der Erzabtei St. Ottilien“ erzählt sie. „Dann bestand eigentlich lange kein Kontakt mehr zu Klöstern, weil die Familie im Mittelpunkt stand“. Trotz kleiner Kinder übernahm sie Chorleitung und Organistendienst in Treuchtlingen und konnte dabei ihre Liebe zur Liturgie ausleben. Sie machte aber irgendwann auch die Erfahrung, dass ihr der Glaube in einer persönlich belastenden Situation den Weg zu innerem Frieden und Versöhnung wies. „Zu dieser Zeit hat mich eine Freundin, die Oblatin ist, nach St. Walburg mitgenommen und ich hab‘ mich gleich sehr wohl gefühlt“. Heute sagt sie: „ich glaube, es ist das Wichtigste, dass man immer bereit ist, Gott zu hören, ihn zu erkennen, in allem, was einem im Alltag entgegenkommt.“ Als Oblatin liest Schröder jeden Tag einen Abschnitt aus der Regel des heiligen Benedikt, am Ende eines Jahres hat sie das Werk dreimal durch und ist doch immer wieder aufs Neue erstaunt, wie dieselben Worte zu ganz unterschiedlichen Situationen passen. Das Stundengebet der Benediktinerinnen betet Schröder ebenfalls konsequent mit, auch wenn es morgens manchmal nicht ganz so zeitig schafft wie die Schwestern. Denn mittlerweile ist sie nicht nur in Treuchtlingen, sondern auch in Ellingen Organistin und Chorleiterin und kommt von Proben manchmal spät nach Hause. Sie ist glücklich mit ihrem Leben zwischen zwei Welten.

 

Ich bin Oblatin und ich habe meine Familie. Deren Unterstützung ist mir sehr wichtig. Es war für sie auch selbstverständlich, dass sie bei meiner Oblation dabei war.
Bettina Schröder

 

Familie hatte auch die Heilige, deren Vornamen Schröder als Oblatin trägt: Johanna Franziska von Chantal, eine geistige Weggefährtin des heiligen Franz von Sales.

Steuerrecht und Spiritualität

Es klopft an der Tür des Sprechzimmers der Abtei St. Walburg. Die Frau, die eintritt, trägt ebenfalls ein Medaillon und einen Oblatennamen. Schwester Rut heißt mit bürgerlichem Namen Sandra Rödner. „Ich hör‘ auf beides“, lacht die 51-Jährige, die als Gemeindereferentin im Pfarrverband Wolframs-Eschenbach ebenfalls im Dienst der Diözese Eichstätt steht und gerade vom Religionsunterricht in der Mittelschule kommt. 

Schon immer habe sie sich für das Ordensleben interessiert, erzählt die gebürtige Crailsheimerin, die zu den franziskanischen Gemeindeschwestern, die in ihrer Heimatpfarrei im Einsatz waren, guten Kontakt hatte. Aber dann folgte, nach dem Studium der Rechtswissenschaften, statt einer Ordenslaufbahn eine Karriere als Juristin. „Es ging alles seinen Gang“, erzählt Schwester Rut, die seit 2002 verheiratet ist. Ihr Ehemann stand auch hinter ihr, als sie im März 2007 Oblatin wurde, damals noch in der Benediktinerinnenabtei zur Heiligen Maria in Fulda. Eigentlich war Rödner, die damals in Schweinfurt lebte, nur für ein Wochenende ins Kloster gefahren. Sie wollte den Kopf frei bekommen im beruflichen Alltag, der die Rechtsanwältin und Expertin für Steuerstrafrecht zwar forderte, aber nicht erfüllte. Zufällig kam sie im Gästehaus der Fuldaer Abtei ins Gespräch mit der Oblatenrektorin und tauchte von da an immer tiefer ein in die benediktinische Spiritualität. 

In der Regel binden sich Benediktiner-Oblaten an eine ganz bestimmte Abtei. Jeder sei „eine Art Satellit“, der auf einer Umlaufbahn um eine Abtei kreise, findet Rödner ein passendes Bild. Sie selbst aber hatte es nach einem berufsbedingten Umzug nach Wolframs-Eschenbach wesentlich weiter nach Fulda als nach Eichstätt. Deshalb bat sie in der dortigen Abtei um Aufnahme. Zu dieser Zeit beschloss sie auch, ihren geistlichen Weg konsequent in beruflicher Richtung weiterzugehen und umzusatteln. Über den Würzburger Fernkurs studierte sie Religionspädagogik und Pastoraltheologie und arbeitete parallel als Pfarrhaushälterin. 2018 begann sie ihren Dienst als Gemeindeassistentin, seit 2020 ist sie Gemeindereferentin. Auf Bitten kirchlicher Verbände ihres Pfarrverbands hat sie auch schon einen Vortrag über die alte christliche Lebensform des Oblatentums gehalten, die allen katholischen Christen offensteht. Männern und Frauen, Verheirateten und Unverheirateten, Priestern und Diakonen. Besonders verbreitet sei das Oblatentum in Nordamerika, berichtete Rödner, insgesamt sei die Tendenz steigend. 

„Es passt irgendwie in unsere Zeit“, meint Äbtissin Mutter Elisabeth und unterstreicht damit eine Aussage, die auf der Homepage des Benediktinerordens zu finden ist: „Oblaten des 21. Jahrhunderts spüren sehr wohl, dass das weltweit zunehmende Bedürfnis nach Anbindung an ein Benediktinerkloster auch etwas zu tun hat mit zunehmender Säkularisierung, Kommerzialisierung und Globalisierung in der Welt, in der wir leben.“

Wissenswertes

So wie in der Abtei St. Walburg gibt es auch in der Benediktinerabtei Plankstetten einen Kreis von Oblaten, der etwa ein Dutzend Frauen und Männer zählt. „Wer den Impuls verspürt, sich in benediktinischer Spiritualität auf die Gottessuche zu machen, die Alltagsroutinen und eigene Lebensform benediktinisch auszugestalten, kann gerne einige Tage im Kloster verbringen“, lädt die Homepage ein. Oblatenrektor ist Pater Pius Wichert.

Die Laienorganisation des Franziskanerordens OFS (Ordo Franciscanus Saecularis), bekannt als Franziskanische Gemeinschaft, ist ebenfalls im Bistum Eichstätt vertreten. Infos unter: ofs-bayern.de.