Wer heute das Wort „Wasserträger“ liest oder hört, hat in Europa wahrscheinlich zwei Bilder vor Augen: Das eine zeigt Frauen und Mädchen in Medien oder auf Plakaten von Hilfsorganisationen, die irgendwo in Afrika Wasser in Kanistern oder anderen Gefäßen auf dem Kopf tragen. Oft soll es Mitgefühl und Hilfsbereitschaft hervorrufen, zum Spenden anregen etwa für Brunnenprojekte.
Das andere klischeehafte Bild, das im Kopf gespeichert ist: Der „Wasserträger“ als ein Mensch, der sich einem anderen bereitwillig unterordnet und für ihn Hilfsdienste verrichtet. Im Radsport zum Beispiel ist der Wasserträger beim Straßenrennen ein Radprofi, der seine Kollegen mit den nötigen Getränken versorgt. Im Fußball ist es der Spieler, der die „Drecksarbeit“ macht und die Stars im Team glänzen lässt. In der Politik hat das Wort gleich mehrere Bedeutungen. Es können damit die fleißigen Helfer gemeint sein, die den Wahlkampf organisieren, Reden schreiben, Plakate kleben oder den Betrieb an der Parteibasis am Laufen halten. Sie sichern den Erfolg von Spitzenpolitikern oder Parteien, ohne selbst im Rampenlicht zu stehen. „Wasserträger“ wird aber auch für eine Partei oder einen Politiker verwendet, der ungeliebte oder „schmutzige“ Arbeit für eine andere politische Kraft erledigt und sich dadurch instrumentalisieren lässt. Und es gibt „Die Wasserträger des Bundestages“, wie die Berliner Morgenpost einmal die Plenarsekretäre umschrieb: „Man sieht sie ständig, nimmt sie aber nicht richtig wahr. Sie sorgen dafür, dass die Redner stets eine feuchte Kehle haben.“
Für feuchte Kehlen sorgten echte Wasserträger schon immer. Sie gehörten vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert zum Stadtbild Europas und waren wichtige Arbeitskräfte. Sie transportierten Frischwasser von öffentlichen Brunnen oder Flüssen in Holzeimern in die städtischen Haushalte, vor allem der wohlhabenden Bevölkerung. Es war eine schwere körperliche Arbeit, oft schlecht bezahlt. Mit dem Bau moderner Trinkwasser- und Kanalisationsnetze in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Beruf in den europäischen Großstädten überflüssig.