Wer sind heute die „Wasserträger Gottes“?

Wasser ist Leben und in vielen Regionen der Welt eine knappe Ressource. Dürren, Waldbrände und Trinkwasserknappheit führen dies eindrucksvoll vor Augen. Die Klimakrise macht Wasser zu einem zentralen gesellschaftlichen Faktor. Was man von „Luftmenschen“ und „Wasserträgern Gottes“ lernen kann.
Freiwilliges Gießwassertragen in der Klimakrise - ein Dienst für die Schöpfung und die Gemeinschaft.

Wer heute das Wort „Wasserträger“ liest oder hört, hat in Europa wahrscheinlich zwei Bilder vor Augen: Das eine zeigt Frauen und Mädchen in Medien oder auf Plakaten von Hilfsorganisationen, die irgendwo in Afrika Wasser in Kanistern oder anderen Gefäßen auf dem Kopf tragen. Oft soll es Mitgefühl und Hilfsbereitschaft hervorrufen, zum Spenden anregen etwa für Brunnenprojekte. 

Das andere klischeehafte Bild, das im Kopf gespeichert ist: Der „Wasserträger“ als ein Mensch, der sich einem anderen bereitwillig unterordnet und für ihn Hilfsdienste verrichtet. Im Radsport zum Beispiel ist der Wasserträger beim Straßenrennen ein Radprofi, der seine Kollegen mit den nötigen Getränken versorgt. Im Fußball ist es der Spieler, der die „Drecksarbeit“ macht und die Stars im Team glänzen lässt. In der Politik hat das Wort gleich mehrere Bedeutungen. Es können damit die fleißigen Helfer gemeint sein, die den Wahlkampf organisieren, Reden schreiben, Plakate kleben oder den Betrieb an der Parteibasis am Laufen halten. Sie sichern den Erfolg von Spitzenpolitikern oder Parteien, ohne selbst im Rampenlicht zu stehen. „Wasserträger“ wird aber auch für eine Partei oder einen Politiker verwendet, der ungeliebte oder „schmutzige“ Arbeit für eine andere politische Kraft erledigt und sich dadurch instrumentalisieren lässt. Und es gibt „Die Wasserträger des Bundestages“, wie die Berliner Morgenpost einmal die Plenarsekretäre umschrieb: „Man sieht sie ständig, nimmt sie aber nicht richtig wahr. Sie sorgen dafür, dass die Redner stets eine feuchte Kehle haben.“

Für feuchte Kehlen sorgten echte Wasserträger schon immer. Sie gehörten vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert zum Stadtbild Europas und waren wichtige Arbeitskräfte. Sie transportierten Frischwasser von öffentlichen Brunnen oder Flüssen in Holzeimern in die städtischen Haushalte, vor allem der wohlhabenden Bevölkerung. Es war eine schwere körperliche Arbeit, oft schlecht bezahlt. Mit dem Bau moderner Trinkwasser- und Kanalisationsnetze in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Beruf in den europäischen Großstädten überflüssig.

„Wir waren die Wasserträger Gottes!“

Verschwunden ist dieser Dienst anderswo noch lange nicht, wie Manès Sperber (1905-1984) in seinem Buch „Die Wasserträger Gottes – All das Vergangene“ zeigt. Der österreichisch-französische Schriftsteller, Sozialpsychologe und Philosoph jüdischer Herkunft, bekannt für seine Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“, beschreibt im ersten Band seiner Autobiografie, wie der Wasserträgerdienst in seiner Heimat Zablotów zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiterlebt.

Sperber, der unter vielen Auszeichnungen auch den Georg-Büchner-Preis erhielt, veröffentlichte das Werk 1974, zwei Jahre nach dem Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“. Umweltfragen beschäftigten ihn – wie die meisten Menschen – damals noch nicht. Er beschreibt die ersten 13 Jahre seines Lebens (1905-1918) in Zablotów, einem Städtchen in Ostgalizien (heute Ukraine). Juden, die 90 Prozent der rund 3.000 Einwohner ausmachten, waren dort eine „gefestigte autonome Gemeinschaft mit einer eigenartigen Kultur – dies inmitten von Armut und Hässlichkeit, und eingekreist von Feinden des jüdischen Glaubens“. Die meisten waren so bettelarm, dass sie sich selbstironisch „Luftmenschen“ oder „Luftexistenzen“ nannten. „Es gab kein Gas, keine Elektrizität und keine Kanalisation im Städtchen, und es gab natürlich keine Wasserleitung in den Häusern, sondern einige wenige Brunnen, aus denen man das Wasser schöpfte. Wasserträger brachten es jenen, die es bezahlen konnten [Anmerkung: Sperbers Familie gehörte dazu], ins Haus, wo man es in großen Fässern bewahrte; die Armen mussten sich das Wasser selber holen“, erzählt Sperber.

Das tägliche Leben war bis ins Detail bestimmt von den Regeln des Glaubens, von der gegenseitigen Hilfe der Menschen. Joschér, das hebräische Wort für die gerechte Haltung des Menschen, galt als fundamentales Prinzip des Zusammenlebens. Sie beteten und hofften, der Messias komme bald, um sie von der Armut zu befreien, von weiteren Katastrophen zu verschonen und das Unrecht von der Erde zu beseitigen. Satt essen konnte sich kaum jemand, aber niemand verhungerte. Man war überzeugt von der Gleichheit aller Menschen vor Gott, dass jeder Mensch, unabhängig von Status oder Bildung, etwas Unverzichtbares zur Gemeinschaft beiträgt. Eindrucksvoll zeigte sich der Zusammenhalt, wenn die hölzernen Häuser des Städtchens Feuer fingen, oft verursacht durch marode Öfen, und die „geordnete Welt“ der Zablotówer aus den Fugen zu geraten schien. Dann griffen selbst Kinder zu den Eimern und halfen bei den Löscharbeiten.

Das Schicksal der Wasserträger berührt Sperber besonders, weil sie in seinen Augen ungerecht behandelt und für ihre harte Arbeit schlecht entlohnt werden. Er stellt sich auf ihre Seite und setzt ihnen mit seinem Buchtitel ein literarisches Denkmal, das allerdings doppeldeutig ist. Zum einen drückt es seine Wertschätzung für den Wasserträger aus – und mit ihm für alle, die sich für die Gemeinschaft einsetzen. Gleichzeitig klingt im Titel eine Enttäuschung, ein Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes mit, den der Antisemitismus in ihm auslöste. Wie ein Wasserträger den ganzen Tag schwere Eimer schleppt, um den Menschen das lebensnotwendige Wasser zu bringen, so verrichten die Gläubigen in seiner Gemeinde ihren unscheinbaren, alltäglichen Dienst für Gott. Doch er habe früh erfahren, dass der Glaube, mit dem er im Alter von 13 Jahren gebrochen hat, den Juden die Feindseligkeit all jener eingetragen habe, die ihn nicht teilten. Er schreibt: „Mich empörte es, dass Gott uns die Treue so schlecht belohnte, ja dass er uns bestrafte und nie belohnte. Wir waren die Wasserträger Gottes! Wenn er gerecht war, wie konnte er es dann zulassen, geschweige denn fordern, dass wir von Ewigkeit zu Ewigkeit seine Wasserträger seien?“ In der Bibel steht das Wort Wasserträger auch mit einer Strafe in Verbindung: Josua verurteilt die Gibeoniter dazu, als „Holzfäller und Wasserträger für das Haus meines Gottes“ zu dienen. Als Sperber seine Autobiografie schrieb, war Zablotów wie viele andere jüdische Gemeinden längst im Holocaust zerstört worden. Die Familie musste bereits vor dem Ersten Weltkrieg fliehen und lebte ab 1916 in Wien.

Sperbers Wortschöpfung „Wasserträger Gottes“ hat – so darf vermutet werden – angesichts des wieder erstarkten Antisemitismus in Europa ihre Aktualität nicht eingebüßt (sein Werk ist 2023 wieder neu aufgelegt worden). Außerdem könnten sich mit dem Begriff auch Menschen anderer Religionen identifizieren, die sich aus Enttäuschung von ihrem Glauben abwenden.

Die Wasserträgerinnen von heute

Erstaunlich ist vor allem, dass mehr als 100 Jahre nach der Zeit, die Sperber beschreibt, unzählige Menschen weiterhin den Dienst des Wassertragens verrichten, allerdings nicht mehr als Dienstleistung für Wohlhabende, sondern als Teil ihres täglichen Überlebenskampfes. Einem Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) zufolge leben weltweit 1,8 Milliarden Menschen in Haushalten ohne Wasserversorgung auf ihrem Grundstück, die meisten von ihnen auf dem Land im subsaharischen Afrika sowie in Zentral- und Südasien. In sieben von zehn dieser Haushalte sind Frauen und Mädchen ab 15 Jahren hauptverantwortlich für die Wasserbeschaffung. Mädchen unter 15 Jahren (sieben Prozent) sind auch häufiger für das Wasserholen zuständig als Buben unter 15 Jahren (vier Prozent). „In den meisten Fällen nehmen Frauen und Mädchen längere Wege auf sich, um Wasser zu holen, wodurch sie Zeit für Bildung, Arbeit und Freizeit verlieren und sich unterwegs körperlichen Verletzungen und Gefahren aussetzen“, heißt es im Bericht.

Die Frauen, die Wasser holen und tragen (auf Suaheli in Ostafrika „mwanamke anayechota maji“, im Arabischen in Nordafrika/Sahelzone „Saqqa’a“ genannt), bilden das Rückgrat der Gemeinschaft in ländlichen Regionen. Da diese unbezahlte Sorgearbeit oft als selbstverständliche Pflicht gesehen wird, bringt sie ihnen kaum soziales Ansehen. Die Wasserstellen fungieren jedoch oft als wichtige soziale Treffpunkte, an denen sich Frauen austauschen und Netzwerke der gegenseitigen Unterstützung aufbauen. Im Rahmen der WASH-Initiative (Water, Sanitation and Hygiene) bringt Unicef sauberes Wasser dorthin, wo es dringend gebraucht wird, unter anderem durch den Bau von Brunnen, die Reparatur von Wassersystemen und mobile Trinkwasserversorgungen. Auch kirchliche Hilfswerke wie Misereor unterstützen unter anderem mit Brunnenprojekten die Wasserversorgung insbesondere in Afrika, zum Beispiel in Nigeria. Das Bistum Eichstätt fördert ebenfalls solche Maßnahmen, wie etwa die Installation von Solarpumpen an Wasserlöchern in Kenia.

Namenlose Helfer in der Klimakrise

Manès Sperbers Buch lenkt den Blick auf einen weiteren Aspekt, der wichtig ist, um Krisen zu bewältigen: der Gemeinschaftssinn. Während Wassertragen für Millionen Menschen weiterhin bittere Notwendigkeit ist, entsteht andernorts – in wohlhabenderen Weltregionen – eine neue, freiwillige Form des Wasserträgerdienstes: als Antwort auf die Klimakrise. Ihn verrichten etwa Menschen, die zur Gießkanne greifen und städtische Bäume vor der eigenen Haustür mit Wasser versorgen. Dazu hat die Stadt Ingolstadt vor wenigen Tagen beispielsweise ihre Bürgerinnen und Bürger aufgerufen. In einigen Städten kann man Gießpatenschaften übernehmen. Mit ein wenig religiöser Fantasie darf man diese Menschen „Wasserträger für Gottes Schöpfung“ nennen.

Zu ihnen gehören auch Feuerwehrleute, die Freiwilligen des Technischen Hilfswerkes sowie Bauern, die mit Traktoren und Wassertanks gegen Waldbrände kämpfen – teilweise über nationale Grenzen hinweg. Sie tragen – besser transportieren – Wasser an die Feuerfronten, um Leben zu schützen und zu retten. Dazu zählen auch die Mitarbeitenden der öffentlichen Gartenämter, die seit Wochen ständig im Einsatz sind, ebenso wie Menschen, die im Sommer Wasserschalen für Vögel und Insekten aufstellen sowie Trockenperioden für Wildtiere überbrücken. Oder solche, die den Gießdienst in der Ferienzeit für verreiste Nachbarn oder Freunde übernehmen. Ebenso diejenigen, die sich, wenn Angehörige verhindert sind, um die Bewässerung von Grabpflanzen kümmern, damit auch auf dem Friedhof noch Leben ist. Die Liste ließe sich fortsetzen, etwa mit Organisationen, die Wasseraufbereitung in Krisengebieten ermöglichen oder Brunnen bauen sowie Unterstützer solcher Projekte, ganz allgemein mit ehrenamtlich Engagierten fürs Gemeinwohl, vor allem im Naturschutz. Die meisten von ihnen bleiben zumindest medial namenlos, genauso wie die Wasserträgerinnen in Afrika oder der Wasserträger in der Bibel, der die Jünger Jesu zum Ort ihres Paschamahls führt.

Manès Sperber lernt in seiner Vorkriegs-Kindheit im Chassidismus, einer Bewegung des orthodoxen Judentums Osteuropas, dass in einer Gemeinschaft jeder Mensch unverzichtbar ist. In einer Zeit, in der große Krisen wie der Klimawandel oft nach großen Lösungen verlangen, erinnert das Bild des Wasserträgers als Helfer im Verborgenen daran, dass es die vielen kleinen, oft unsichtbaren Beiträge sind, die eine Gemeinschaft – und vielleicht auch den Planeten – zusammenhalten.

Text: Geraldo Hoffmann

„Wir müssen mit Wasser anders umgehen“: Studientag zum Wassernotstand

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit