Was uns wirklich glücklich macht

Wie lässt sich Glück messen und was macht ein erfülltes Leben wirklich aus? Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel erklärt, warum soziale Beziehungen, Vertrauen, Demokratie und eine klare innere Haltung entscheidend sind. Auch Religiosität kann zur Lebenszufriedenheit beitragen.
Soziale Beziehungen machen glücklich.

Der emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Technischen Hochschule Nürnberg, Karlheinz Ruckriegel, forscht seit rund 20 Jahren zum Thema Glück. Er berät zahlreiche Unternehmen und Organisationen sowie die Politik darin, wie sie die Erkenntnisse der interdisziplinären Glücksforschung umsetzen können. Bei einer Veranstaltung der Diözese Eichstätt am Donnerstag, 26. Februar, spricht er mit Lehrkräften über die Rolle der Schule bei der Entwicklung von Glück und darüber, worauf es im Leben wirklich ankommt. Die Anmeldung zur Veranstaltung ist bis 22. Februar möglich.

Herr Ruckriegel, laut einem „Glücksatlas“ stabilisiert sich die Lebenszufriedenheit in Deutschland auf einem hohen Niveau. Im „World Happiness Report“ schneidet Deutschland hingegen schlecht ab und belegt den 22. Platz. Was halten Sie von solchen Indizes?

Karlheinz Ruckriegel: Insbesondere Befragungen zur Lebenszufriedenheit gelten als zentraler Indikator für die Lebensqualität in einem Land. Die Werte zur Lebenszufriedenheit in Deutschland liegen in beiden Fällen um die 7 (7,09 bzw. 6,75 auf einer Skala von 0-10) und sind also sehr ähnlich. Sie beruhen auf unterschiedlichen Befragungen. Im Ranking des „World Happiness Report“ von 2025 belegt Deutschland damit den 22. Platz von 147 Ländern. Ein Vergleich mit anderen Ländern ist wichtig, da man dadurch erkennen kann, ob es Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Und das ist der Fall. Seit es dieses Ranking gibt, also seit 2012, liegen die skandinavischen Länder immer vorne. Und das hat etwas mit der Politik zu tun. Es gibt dort eine gute Versorgung mit öffentlichen Gütern und eine geringere Ungleichheit. Die Menschen haben daher auch ein größeres Vertrauen in den Staat und ihre Mitbürger. Man spricht hier auch von Sozialkapital. Die Politik in Deutschland sollte sich daran orientieren, um die Lebensqualität in Deutschland zu verbessern.

Lässt sich Glück überhaupt messen?

In der Glücksforschung misst man Glück mittels Befragungen zum subjektiven Wohlbefinden, und zwar in der Ausprägung des emotionalen und des kognitiven Wohlbefindens. Beim emotionalen Wohlbefinden geht es um die Gefühlslage im Moment, wobei es im Wesentlichen auf das Verhältnis zwischen positiven und negativen Gefühlen im Tagesdurchschnitt ankommt. Beim kognitiven Wohlbefinden geht es um den Grad der „Zufriedenheit“ mit dem Leben, üblicherweise gemessen auf einer Skala von 0–10. Hier findet eine Abwägung statt zwischen dem, was man will (den Zielen, Erwartungen, Wünschen), und dem, was man hat. Es kommt hier entscheidend auf die Ziele an, die Menschen für sich selbst setzen.

Was macht nach Ihren Forschungsergebnissen ein zufriedenes, glückliches und erfülltes Leben aus?

Für ein glückliches Leben sind entscheidend: gute, gelingende soziale Beziehungen, psychische und physische Gesundheit, Engagement und befriedigende Tätigkeit, ein gewisses Maß an persönlicher Freiheit, die innere Haltung sowie ein Einkommen zur Befriedigung der wesentlichen materiellen Bedürfnisse. Dazu gehört auch, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

Wann kann man von gelungenen sozialen Beziehungen sprechen, wenn selbst Ehen brüchig sind?

Unter guten, gelingenden sozialen Beziehungen versteht man Beziehungen zwischen Menschen, die für die Beteiligten positiv, stabil und erfüllend sind. Typische Merkmale sind Vertrauen, gegenseitiger Respekt, offene und ehrliche Kommunikation, gegenseitige Unterstützung, Gleichwertigkeit, Empathie und gemeinsame positive Erfahrungen.

Eine der Fragen, die Sie in Eichstätt ansprechen werden, lautet: Warum sind Demokratie und Nächstenliebe wichtig für eine glückliche Gesellschaft?

Eine liberale Demokratie garantiert die Achtung der Menschenwürde und die rechtliche Gleichbehandlung. Nächstenliebe steht dafür, dass wir uns um andere kümmern. Beides schafft Vertrauen in den Staat und zu unseren Mitmenschen, also Sozialkapital. Ein hohes Maß an Sozialkapital ist wiederum die Voraussetzung für eine glückliche Gesellschaft.

„Bleib gesund, Hauptsache gesund“, wünschen wir uns. Macht Glücklichsein uns gesünder und langlebiger?

Ja, Studien zeigen, dass glückliche Menschen im Durchschnitt fünf bis zehn Jahre länger leben.

Kann man dafür etwas tun?

Ja! Man sollte seine Zeit so auf die Glücksfaktoren aufteilen, dass man zu einem zufriedenen Leben kommt. Man sollte aber auch auf seine Gefühlsbilanz achten. Um den positiven Dingen mehr Beachtung zu schenken, kann man etwa ein Dankbarkeitstagebuch schreiben. 

Wenn man sich zwei-, dreimal die Woche hinsetzt und überlegt, welche Dinge seit dem vergangenen Eintrag positiv waren und die darin aufschreibt, dann – das wissen wir aus der Forschung – rücken nach zwei, drei Monaten die positiven Sachen stärker ins Blickfeld. 

Und zu anderen muss man sich auch nicht über alles aufregen. Aufregen im Stau etwa nützt ja nichts, man steht ja schon im Stau.

Ist Glücklichsein auch altersabhängig?

In der Vergangenheit hatten junge Menschen relativ hohe Zufriedenheitswerte. Diese gingen dann während der „Rushhour des Lebens“ zurück, wenn Stressfaktoren wie Familiengründung, Kinder, berufliche Karriere oder Immobilienerwerb hinzukamen. Mit zunehmendem Alter stiegen die Zufriedenheitswerte wieder an. Man spricht hier von einem U-förmigen Verlauf. Seit wenigen Jahren hat sich dies geändert. Das Dramatische ist, dass es jungen Menschen zunehmend schlechter geht als älteren. Dies hängt mit Zukunftsängsten zusammen. So zeigt die aktuelle „Jugend in Deutschland“-Studie, dass junge Menschen auch nach dem Ende der Corona-Pandemie beunruhigt in die Zukunft blicken. Zu den größten Sorgen gehören Inflation, Kriege und Klimawandel. Wir müssen generationsübergreifend solidarisch zusammenstehen.

Ein ausreichend hohes Einkommen nennen Sie als weiteren Glücksfaktor. Macht Geld glücklich?

Wir brauchen ein gewisses Maß an Einkommen, um unsere wesentlichen materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Darüber hinaus hat Einkommen bzw. Geld kaum noch Einfluss auf das Glück. Sind die wesentlichen materiellen Bedürfnisse befriedigt, kommt es zu einer bloßen Anpassung: Die materiellen Ansprüche und Ziele passen sich an die tatsächliche Entwicklung an, das heißt, mit steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche, sodass daraus keine größere Zufriedenheit erwächst.

Spielt Glaube eine Rolle für ein glückliches Leben?

Studien zeigen: Menschen mit gemäßigter Religiosität oder Spiritualität berichten oft über höhere Lebenszufriedenheit. Sie sind meist in funktionierenden Gemeinschaften eingebunden und finden auch in schweren Lebenslagen Halt, etwa bei Verlusten. Wichtig ist jedoch: Es geht nicht um Fanatismus, sondern um Werte wie Nächstenliebe, Dankbarkeit und Vergebung – die übrigens auch außerhalb religiöser Kontexte gelebt werden können.

Die Fragen stellte Geraldo Hoffmann

Kann Liebe eine gesellschaftliche und politische Kraft sein?

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit