Es gibt Dutzende Bücher über Vergebung, Verzeihung und Versöhnung, viele davon in Form von Ratgebern. Es wirkt fast so, als suchten Menschen umso stärker nach Wegen, inneren Frieden zu finden, je mehr Konflikte, Ungerechtigkeiten oder Gewalt in der Welt zutage treten. Gefragt sind Methoden, um mit Wut, Schmerz, Trauer oder Rachegefühlen umzugehen. Ungewöhnliche und sehr berührende Einblicke in das Thema bietet ein Buch des Münchner Journalisten Andreas Unger: „Vergebung – Eine Spurensuche“.
Die Idee dazu kam dem bekennenden Katholiken mitten im Sonntagsgottesdienst. Beim Vaterunser stockt Unger bei den Worten: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Er betet diese Zeilen seit seiner frühen Kindheit und fand daran nie etwas auszusetzen. Vielleicht, weil er, wie die meisten Betenden, noch nie so richtig darüber nachgedacht hatte, was er da sagt. Jetzt, in der Kirche, schweifen seine Gedanken zurück in die Kindheit, zu dem Moment, in dem er selbst Schuld und Vergebung kennengelernt hat. Er hatte einem Nachbarsjungen mit einem Taschenmesser in den Finger geschnitten – keine schlimme Verletzung. Er tat, was zivilisierte Menschen tun, wenn sie einen Fehler machen: Er entschuldigte sich. Als er aus dieser Erinnerung auftaucht, hakt sich eine Frage in seinem Kopf fest: Wie geht Vergebung?
Der preisgekrönte Reporter begibt sich auf die Suche, reist in mehrere Länder und trifft Menschen, die die verschiedenen Seiten von Vergebung erfahren haben: Menschen, denen Schlimmes angetan wurde und die selbst vor der Frage standen, wie sie es mit demjenigen halten, der dafür verantwortlich ist. Sie haben unterschiedliche Antworten gefunden und gegeben.
Menschlichkeit und Vergebung
Da ist Gisela Meyer, deren Tochter am 12. Mai 2009 zusammen mit zwölf weiteren Menschen beim Amoklauf an einer Schule in Winnenden erschossen wird. Wie eine Naturkatastrophe bricht das Attentat über die Familie herein. Gisela Meyer braucht viel Zeit, um es als „Tat“ und den Urheber als „Täter“ zu erfassen, bis sie darin eine „Menschenkatastrophe“ erkennt. „Ich musste erst die Not dieses Menschen begreifen, um die Tat zu begreifen“, sagt sie. Aus dem „Täter“ ist für sie irgendwann „der Junge“ geworden:
Nur wenn ich ihn erst Mensch werden lasse, kann ich ihm verzeihen.“
Das ist ihr nach vielen Jahren gelungen, obwohl sie es nicht vorhatte: „Das ist mir eher nebenher passiert, als ich begonnen habe, den Jungen zu begreifen“. Über ihre Erfahrungen hat die Ethiklehrerin selbst ein Buch geschrieben: „Die Kälte darf nicht siegen! Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann“.
Dass man menschlich und großherzig handeln kann, auch wenn Vergebung unmöglich scheint, zeigt der Palästinenser Ismael Khatib. Sein Sohn wird von israelischen Soldaten beim Spielen auf der Straße erschossen. Trotzdem spendet er die Organe seines toten Sohnes an jüdische Kinder. Mittlerweile leitet Khatib ein Haus, in dem Jugendliche aus Jenin im Westjordanland ihre Freizeit verbringen. Vergeben kann er trotzdem nicht. „Sie haben mir mein Land und meinen Sohn genommen. Ich verzeihe nichts“, sagt er. Das stimmt Unger nachdenklich: „Verzeihen ist nur ein Weg unter mehreren, um mit dem zurechtzukommen, was einem das Leben vor die Füße wirft“, notiert er.
Allen Nazis vergeben?
Verzeihen könne auch ein „Akt der Selbstermächtigung“ sein, schreibt der Autor – und erzählt die Geschichte von Eva Mozes Kor. Sie verlor ihre Eltern und zwei Schwestern in Auschwitz und überlebte dort die Zwillingsversuche des KZ-Arztes Josef Mengele. Den größten Teil ihres Lebens nach Auschwitz sei sie ein „vorbildliches Opfer“ gewesen, in dem Sinn, dass sie ihre Lebensgeschichte als Überlebende von den Tätern aus und auf sie hin entwarf und erzählte, sagt sie dem Journalisten. 1984 gründet sie eine Organisation für KZ-Überlebende, reist nach Auschwitz und beginnt öffentlich darüber zu sprechen: „Nicht davonlaufen, sondern darauf zulaufen.“ Daran hält sie sich bis zum Lebensende (2019) und begleitet Reisegruppen nach Auschwitz.
1995 vergibt sie öffentlich dem letzten noch lebenden SS-Lagerarzt von Auschwitz-Birkenau, Hans Münch, nachdem dieser die Existenz der Gaskammern und den Massenmord an den Juden in Auschwitz schriftlich eingeräumt hatte. Neben ihm stehend liest sie in Auschwitz ihren Brief vor:
Ich, Eva Mozes Kor, vergebe hiermit allen Nazis, die an der Ermordung meiner Familie und von Millionen anderen beteiligt waren. Ich tue dies nur in meinem Namen. Ich vergebe, weil es Zeit ist, unsere Seelen zu heilen.“
Diese Vergebung wird von Holocaust-Überlebenden als unangemessen kritisiert und abgelehnt. Für Kor ist es eine „innere Befreiung“ von ihrer Opferhaltung. Ein Opfer habe das Recht, irgendwann frei zu sein von der „täglichen Last aus Schmerz und Wut“. Und sie macht deutlich: „Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei“. Die Gerichte sollen ruhig ihre Arbeit machen.