„Vergebung ist ein Kind der Freiheit“: Über Verzeihung und Feindesliebe

Jeden Tag werden weltweit Menschen Opfer von Krieg und Gewalt. Für Überlebende und Hinterbliebene bricht damit oft eine Welt zusammen. Wie können Menschen, denen Schlimmes angetan wurde, ihren Tätern vergeben oder sie sogar lieben? Eine Suche nach Antworten.
Bild des Eichstätter Künstlers Stefan Weyergraf-Streit: „Jesus trägt Judas heim“.

Es gibt Dutzende Bücher über Vergebung, Verzeihung und Versöhnung, viele davon in Form von Ratgebern. Es wirkt fast so, als suchten Menschen umso stärker nach Wegen, inneren Frieden zu finden, je mehr Konflikte, Ungerechtigkeiten oder Gewalt in der Welt zutage treten. Gefragt sind Methoden, um mit Wut, Schmerz, Trauer oder Rachegefühlen umzugehen. Ungewöhnliche und sehr berührende Einblicke in das Thema bietet ein Buch des Münchner Journalisten Andreas Unger: „Vergebung – Eine Spurensuche“.

Die Idee dazu kam dem bekennenden Katholiken mitten im Sonntagsgottesdienst. Beim Vaterunser stockt Unger bei den Worten: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Er betet diese Zeilen seit seiner frühen Kindheit und fand daran nie etwas auszusetzen. Vielleicht, weil er, wie die meisten Betenden, noch nie so richtig darüber nachgedacht hatte, was er da sagt. Jetzt, in der Kirche, schweifen seine Gedanken zurück in die Kindheit, zu dem Moment, in dem er selbst Schuld und Vergebung kennengelernt hat. Er hatte einem Nachbarsjungen mit einem Taschenmesser in den Finger geschnitten – keine schlimme Verletzung. Er tat, was zivilisierte Menschen tun, wenn sie einen Fehler machen: Er entschuldigte sich. Als er aus dieser Erinnerung auftaucht, hakt sich eine Frage in seinem Kopf fest: Wie geht Vergebung?

Der preisgekrönte Reporter begibt sich auf die Suche, reist in mehrere Länder und trifft Menschen, die die verschiedenen Seiten von Vergebung erfahren haben: Menschen, denen Schlimmes angetan wurde und die selbst vor der Frage standen, wie sie es mit demjenigen halten, der dafür verantwortlich ist. Sie haben unterschiedliche Antworten gefunden und gegeben.

Menschlichkeit und Vergebung

Da ist Gisela Meyer, deren Tochter am 12. Mai 2009 zusammen mit zwölf weiteren Menschen beim Amoklauf an einer Schule in Winnenden erschossen wird. Wie eine Naturkatastrophe bricht das Attentat über die Familie herein. Gisela Meyer braucht viel Zeit, um es als „Tat“ und den Urheber als „Täter“ zu erfassen, bis sie darin eine „Menschenkatastrophe“ erkennt. „Ich musste erst die Not dieses Menschen begreifen, um die Tat zu begreifen“, sagt sie. Aus dem „Täter“ ist für sie irgendwann „der Junge“ geworden: 

Nur wenn ich ihn erst Mensch werden lasse, kann ich ihm verzeihen.“ 

Das ist ihr nach vielen Jahren gelungen, obwohl sie es nicht vorhatte: „Das ist mir eher nebenher passiert, als ich begonnen habe, den Jungen zu begreifen“. Über ihre Erfahrungen hat die Ethiklehrerin selbst ein Buch geschrieben: „Die Kälte darf nicht siegen! Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann“.

Dass man menschlich und großherzig handeln kann, auch wenn Vergebung unmöglich scheint, zeigt der Palästinenser Ismael Khatib. Sein Sohn wird von israelischen Soldaten beim Spielen auf der Straße erschossen. Trotzdem spendet er die Organe seines toten Sohnes an jüdische Kinder. Mittlerweile leitet Khatib ein Haus, in dem Jugendliche aus Jenin im Westjordanland ihre Freizeit verbringen. Vergeben kann er trotzdem nicht. „Sie haben mir mein Land und meinen Sohn genommen. Ich verzeihe nichts“, sagt er. Das stimmt Unger nachdenklich: „Verzeihen ist nur ein Weg unter mehreren, um mit dem zurechtzukommen, was einem das Leben vor die Füße wirft“, notiert er.

Allen Nazis vergeben?

Verzeihen könne auch ein „Akt der Selbstermächtigung“ sein, schreibt der Autor – und erzählt die Geschichte von Eva Mozes Kor. Sie verlor ihre Eltern und zwei Schwestern in Auschwitz und überlebte dort die Zwillingsversuche des KZ-Arztes Josef Mengele. Den größten Teil ihres Lebens nach Auschwitz sei sie ein „vorbildliches Opfer“ gewesen, in dem Sinn, dass sie ihre Lebensgeschichte als Überlebende von den Tätern aus und auf sie hin entwarf und erzählte, sagt sie dem Journalisten. 1984 gründet sie eine Organisation für KZ-Überlebende, reist nach Auschwitz und beginnt öffentlich darüber zu sprechen: „Nicht davonlaufen, sondern darauf zulaufen.“ Daran hält sie sich bis zum Lebensende (2019) und begleitet Reisegruppen nach Auschwitz.

1995 vergibt sie öffentlich dem letzten noch lebenden SS-Lagerarzt von Auschwitz-Birkenau, Hans Münch, nachdem dieser die Existenz der Gaskammern und den Massenmord an den Juden in Auschwitz schriftlich eingeräumt hatte. Neben ihm stehend liest sie in Auschwitz ihren Brief vor: 

Ich, Eva Mozes Kor, vergebe hiermit allen Nazis, die an der Ermordung meiner Familie und von Millionen anderen beteiligt waren. Ich tue dies nur in meinem Namen. Ich vergebe, weil es Zeit ist, unsere Seelen zu heilen.“ 

Diese Vergebung wird von Holocaust-Überlebenden als unangemessen kritisiert und abgelehnt. Für Kor ist es eine „innere Befreiung“ von ihrer Opferhaltung. Ein Opfer habe das Recht, irgendwann frei zu sein von der „täglichen Last aus Schmerz und Wut“. Und sie macht deutlich: „Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei“. Die Gerichte sollen ruhig ihre Arbeit machen.

Mit Gottes Hilfe

Im Fall der US-Amerikanerin Aba Gayle tun die Gerichte ihre Arbeit. Sie verurteilen den Mörder ihrer Tochter zum Tode, setzen jedoch die Hinrichtung auf unbestimmte Zeit aus. Nach einer „Zeit der Finsternis“, in der sie nur den Wunsch nach Rache für ihr Kind spürt, nimmt Gayle Kontakt mit dem Mörder auf. Sie trifft ihn oft im Gefängnis, freundet sich mit ihm an, wird zu seiner Fürsprecherin und setzt sich daraufhin gegen die Todesstrafe ein. Zwischenzeitlich besucht sie Meditationskurse, Gesprächs- und Gebetszirkel, sucht Zuflucht in Religion und Spiritualität. Auf einer Autofahrt nach Hause hat sie eine Eingebung: „Du musst ihm vergeben und du musst es ihn wissen lassen!“ Sie schreibt ihm einen Brief und vergibt ihm. Als sie den Brief in den Postkasten steckt, weichen Wut und Rachelust der Freude, der Liebe und dem Frieden: 

Ich wusste, dass niemand sterben musste, damit ich geheilt würde.“

Auf Aba Gayle war Andreas Unger auf der Website theforgivenessproject.com gestoßen. Dort beschreiben rund 150 Menschen aus der ganzen Welt, denen Schlimmes widerfahren ist, wie Schockstarre, Wut, Hass, Hilflosigkeit und Rachegedanken mit der Zeit übergingen in die Bereitschaft zum Verzeihen.

Verzeihen sei zunächst einmal hilfreich, sagt Sabine Becker, die eine Praxis für Traumatherapie leitet und das Thema im Buch fachlich einordnet. Es sei aber nichts, das man sich einfach vornehmen oder planen könne. Verzeihen sei das Ende eines langen Weges: „Zuvor jedoch dürfen, müssen Verachtung, Wut und Hass zugelassen werden“. Man könne diese Gefühle nicht einfach überspringen oder wegstecken. Erst müsse der erlittene Schmerz ein bewusster Teil der eigenen Geschichte werden. Verzeihen sei kein Selbstzweck und kein Allheilmittel. Ziel sei es, mit dem Geschehenen so umzugehen, dass es dem eigenen Leben nicht mehr im Wege stehe.

Sich selbst verzeihen

Über Therapeuten, Seelsorgende und Selbsthilfegruppen findet Andreas Unger eine Person, die sich selbst etwas zu vergeben hat. Es ist eine evangelische Christin, die ein Kind abgetrieben hat. Fast 20 Jahre trägt sie die psychische Last dieser Entscheidung schweigend mit sich herum. Dann stirbt ihr Vater, und in ihrer Trauer kommen auch die verdrängten Erinnerungen an die Abtreibung wieder hoch. Sie sucht das Gespräch mit einem katholischen Priester, dessen Gottesdienste sie und ihr Ehemann seit langem besuchen. Er bietet ihr an, ihr die Beichte abzunehmen. Das Sakrament ist ihr fremd, aber sie lässt sich darauf ein. Und dann spricht er sie mit dem dafür vorgesehenen Gebet los. „Ich hatte das Gefühl, da nimmt mich wirklich einer ernst“, sagt sie.

Nicht, dass danach alles gut gewesen wäre. Aber eins ist doch passiert: 

Ich habe Gott die Tat gesagt. Ich habe gesagt, es tut mir leid. Er hat es gehört“, erzählt sie. 

Dass er ihr verziehen hat, heißt noch nicht, dass sie sich selbst verziehen hat. „Ich glaube, es ist leichter, jemand anderem zu verzeihen als sich selbst. Den anderen muss ich nicht wiedersehen“, sagt sie. An manchen Tagen habe sie sich 100 Prozent verziehen, an anderen brauche sie Selbstmitleid: „Es ist ein Kampf mit mir selbst.“

Weitere Beispiele im Buch zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit Vergebung umgehen. Eine Israelin, deren Ehemann bei einem Selbstmordattentat getötet wurde, meint: 

Nur Gott kann Vergebung gewähren.“ 

Verzeihen empfindet sie als oberflächlich. Sie setzt auf Versöhnung mit den Tätern: Damit könne man Brücken für eine gemeinsame Zukunft bauen. „Schuld auf sich nehmen, Verantwortung dafür übernehmen, um Vergebung bitten, eine Entschuldigung akzeptieren, Strafen, Verzeihen und Versöhnen – diese Elemente eines Prozesses stehen weit weniger stark in Verbindung zueinander als ich gedacht hätte“, resümiert Andreas Unger am Ende seiner Reise. „Vergebung funktioniert überhaupt nicht auf Druck. Vergebung ist ein Kind der Freiheit“, lautet sein Fazit.

Berufen zum Vergeben

Es gibt keine Pflicht, zu vergeben, ganz oft hilft es aber, heißt es im Buch. Für Christinnen und Christen gehört die Feindesliebe jedoch zum Kern ihres Glaubens: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen“, sagt Jesus. Und er lebt es vor. Als er am Kreuz hingerichtet wird, betet er: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“ „Warum sagt er nicht ‚ich vergebe‘“, frage ich Pater Johann Schurm nach dem Gottesdienst am 4. Fastensonntag im Salesianum Rosental in Eichstätt. Hätte er dafür – wie die Menschen im Buch von Andreas Unger – einfach etwas Zeit gebraucht? 

Jesus spricht hier eine allumfassende Vergebung aus. Nicht nur er persönlich vergibt als Mensch, sondern auch Gott der Vater, mit dem er eins ist“, erklärt der Salesianerpater. 

Er betont auch, dass alle Christinnen und Christen dazu berufen seien, Vergebende zu sein. Genau das habe der auferstandene Jesus gemeint, als er sagte: „Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“

Das Gebot der Feindesliebe und der Barmherzigkeit bringt auch das Bild des Eichstätter Künstlers Stefan Weyergraf-Streit am Anfang dieses Textes zum Ausdruck: „Jesus trägt Judas heim“. Das Gemälde zeigt Judas nach seinem Tod: Der auferstandene Christus hat seinen früheren Weggefährten aus der Schlinge befreit und trägt ihn auf den Schultern – „wie der gute Hirte das verlorengegangene Schaf“. Diese Bildidee greift eine Darstellung aus dem 12. Jahrhundert in der Basilika Sainte-Marie-Madeleine in Vézelay im Burgund auf. Für Weyergraf-Streit liegt darin eine starke Botschaft der Versöhnung: 

Der auferstandene Jesus trägt den zutiefst verwundeten Menschen Judas in sein Reich.“ 

Das Motiv widerspreche der jahrhundertelangen Tradition, Judas ausschließlich als Symbol des Bösen zu deuten.

Für den Künstler eröffnet die Szene eine hoffnungsvolle Perspektive auf Schuld, Verzweiflung und Vergebung. Die Hoffnung des mittelalterlichen Bildhauers erscheine ihm „schlüssiger als die Drohbotschaft von Strafe und Vergeltung“. Jesus kenne die Stärke und Schwäche des Menschen und gehe selbst dem Verlorenen nach. Darin sieht Weyergraf-Streit eine Einladung für heute: „Habt Mut zur Vergebung. Lernt den Feind zu lieben, und er wird zum Freund.“ Die Liebe Gottes, so seine Überzeugung, gebe selbst dem scheinbar Gescheiterten eine neue Zukunft.

Text: Geraldo Hoffmann

Kann Liebe eine gesellschaftliche und politische Kraft sein?

Buchtipp

Unger, Andreas: Vergebung - Eine Spurensuche (eBook/EPUB). Verlag Herder. Preis: 14,99 Euro. ISBN: 978-3-451-81436-5

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit