Ulrich Hemel: Kirche braucht mehr Mut, Klarheit und Verlässlichkeit

Für den Theologen und Wirtschaftsexperten Ulrich Hemel sind menschenwürdiges Handeln, unternehmerische Frische und eine fundierte Werteorientierung kein Widerspruch – auch nicht in der Seelsorge. Im Interview sowie bei einer bevorstehenden Veranstaltung in Eichstätt spricht er darüber, was die Kirche von Unternehmen lernen kann.
Theologe und Ökonom Ulrich Hemel: „Dialog ohne Folgen ist Dialogsimulation.“

Er verbindet unternehmerische Praxis mit Theologie und Ethik: Ulrich Hemel. Der Theologe und Ökonom, langjähriger Wirtschaftsberater und ehemaliger Präsident des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), ist überzeugt: „Die Kirche braucht mehr Strategie und weniger Verzagtheit.“ Glaubwürdige Führung, klare Ziele und echte Wertschätzung für alle, die sich einbringen, seien unerlässlich, um in unserer Gesellschaft wieder Überzeugungskraft zu gewinnen. Es gelte, die Schätze der christlichen Botschaft so zu heben, dass die Praxis kirchlicher Administration sie nicht ausbremse: „Wir brauchen den Mut, Herausforderungen wie die pastorale Dialogsimulation und die Verstrickung in das weite Feld der Verantwortungsflucht offen anzusprechen und Defizite zu überwinden.“ Unter diesem Vorzeichen steht eine Fortbildung mit Hemel am Dienstag, 30. Juni, im Priesterseminar Eichstätt. Der Workshop soll umsetzbare Impulse für eine Erneuerung pastoraler Praxis geben. Eingeladen sind alle Hauptamtlichen, die in oder für die Seelsorge im Bistum tätig sind. Im Interview stimmt Hemel auf die Tagung ein.

Herr Hemel, Sie sprechen davon, dass die Kirche wichtige Modernisierungsprozesse verschlafen habe. Welche meinen Sie konkret? 

Ulrich Hemel: Mit der Frohen Botschaft haben Christinnen und Christen eine einzigartige Chance, Menschen zu begeistern. Umgekehrt suchen Menschen im säkularen Kontext von Wirtschaftsunternehmen verstärkt „Purpose“, also Sinnerfüllung. Daher wird heute in der Unternehmenskommunikation verstärkt nach außen getragen, welchen Beitrag ein Unternehmen nicht nur für eigene Zwecke, sondern auch fürs Gemeinwohl stiftet. 

Hier hat die Kirche großen Nachholbedarf. Sie leistet viel für das Gemeinwohl, kommuniziert das aber nur sehr zurückhaltend. 

Dabei gilt in unserer Zeit: Tue das Gute und sprich darüber. In unserer Kirche begegnet mir hingegen häufig eine Praxis, die sich auf eine Haltung des Problematisierens und Lamentierens zu beschränken scheint. Das ist zu wenig. Und es bedeutet: Häufig fehlt es an zeitgemäßer Kommunikation, die auch klar ausspricht, was gut läuft. Denn da gibt es einiges.

Ein zweiter Punkt: Größere Unternehmen haben für Gemeinschaftsaufgaben eine Art „Konzernumlage“. In der katholischen Kirche in Deutschland gibt es in ähnlicher Art und Weise den „Verband der Diözesen Deutschlands“ (VDD). Doch ist diese Umlage in den letzten Jahren von etwa vier Prozent auf unter zwei Prozent der jeweiligen diözesanen Kirchensteuer gesunken. Für Gemeinschaftsaufgaben wie beispielsweise eine Social Media-Kampagne für die gesamte katholische Kirche in Deutschland fehlen daher die Mittel. Dem von mir eingebrachten und mit überwältigender Mehrheit verabschiedeten Beschluss der ZdK-Vollversammlung vom November 2025 zur Erhöhung dieser Umlage auf zumindest drei Prozent sind bislang keine Taten gefolgt.

Drittens: Im Talent-Management sind gute Unternehmen der Kirche weit voraus. Dazu gehört heutzutage auch ein hinreichender Gestaltungs- und Verantwortungsspielraum. Im Gegensatz dazu fühlen Menschen sich in kirchlichen Beschäftigungsverhältnissen häufig gegängelt, nicht ausreichend wertgeschätzt, nicht hinreichend gefördert. Merkwürdigerweise ist es seit Jahren so, dass ausgerechnet in Rüstungsfirmen sehr gute, in kirchlichen Kontexten insgesamt eine unterdurchschnittliche Qualität der Personalarbeit zu beobachten ist. Das ist ausgesprochen schade!

Viertens: Professionelle Unternehmen entwickeln für sich eine Vision und eine Strategie. Sie setzen dadurch Prioritäten. Das wiederum gibt es in der katholischen Kirche in Deutschland höchstens punktuell. Wenn eine Strategie mit klaren Prioritäten fehlt, dann fehlen auch Entscheidungskriterien, etwa wenn es um den Zuschnitt der Gemeinden, um die Zukunft kirchlicher Gebäude, aber auch um inhaltliche Fragen wie die Zukunft katholischer Schulen geht.

Viele Diözesen haben in den vergangenen Jahren wiederholt Beratungsfirmen engagiert. Warum wirken viele dieser Beratungsprozesse offenbar nicht nachhaltig?

Nachhaltigkeit im Sinn langfristiger Wirkung guter Beratungsprozesse setzt maßgeschneiderte Kenntnis der kirchlichen Wirklichkeit voraus. Diese kann man von noch so guten Beratungsfirmen nicht leicht erwarten. In vielen Fällen sind außerdem die kirchlichen Auftraggeber nicht gut miteinander vernetzt, etwa weil einzelne Diözesanabteilungen eher nebeneinander als miteinander arbeiten. Das führt dann bedauerlicherweise auch dazu, dass professionelle Kompetenzen aus den eigenen Reihen gar nicht recht genutzt werden. Das konnte ich auch in meiner Zeit als Bundesvorsitzender im Bund Katholischer Unternehmer (BKU) erleben, wo viel Expertise vorhanden ist, aber innerkirchlich selten genutzt wird.  Darüber hinaus suchen Bistümer in Deutschland noch nicht ausreichend die überdiözesane Zusammenarbeit, etwa im Bereich von IT-Systemen oder Gebäudemanagement.

Sie nennen glaubhafte Führung als Voraussetzung für neue Überzeugungskraft. Woran mangelt es der kirchlichen Führung derzeit am meisten?

Führung erfordert Klarheit, Verlässlichkeit und Mut. Bei der Entscheidungsvorbereitung gilt in privaten Unternehmen oft der Vorrang eines partizipativen Vorgehens, auch wenn am Ende eine deutliche und hoffentlich verständliche Entscheidung zu treffen ist. Dabei kann es eine Führungskraft nie allen recht machen. 

Es erfordert also Mut, am Ende eine Entscheidung zu treffen und diese gegen Widerstände auch durchzuhalten. 

In kirchlichen Kreisen erlebe ich leider oft ein hohes Maß an Zögerlichkeit und Verzagtheit. Im Bemühen, es allen recht zu machen, entstehen bisweilen undurchsichtige Prozesse und unverständliche Beschlüsse.  Manchmal werden Entscheidungen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Eine solche Praxis spiegelt sich dann in der gesamten kirchlichen Struktur, die wie eine Nebelwand wirken kann. Das ist dann für Außenstehende, speziell auch für junge Talente, wenig attraktiv.

Sie sprechen von „pastoraler Dialogsimulation“. Was verstehen Sie darunter?

Zunächst einmal sollten wir schon anerkennen, wie viel sich in den letzten Jahren getan hat. Wir haben eine breite Beteiligung in unseren Gemeinden und darüber hinaus. Der Synodale Weg mit all seinen Höhen und Tiefen hat Bischöfe und engagierte Christinnen und Christen, die nicht Bischöfe sind, in ein engagiertes Gespräch gebracht, das ich als sehr ernsthaft empfunden habe. Trotzdem ist die Kirche leider auch ein Ort wiederkehrender Verantwortungsdiffusion. Oft werden Themen erörtert, bei denen nicht vorab geklärt wird: „Wem gehört das Problem“ und „Wer entscheidet“. Das kann dazu führen, dass Dialoge geführt und Beschlüsse gefasst werden, deren Effekt sich im Nirwana der Wirkungslosigkeit verliert. 

Wenn aber vorab schon klar ist, dass aus einem Dialog gar kein Ernstnehmen der vorgebrachten Anliegen und Gesichtspunkte folgt, dann handelt es sich tatsächlich um „Dialogsimulation“. 

Wir erleben dann einen „Dialog ohne Dialog“, also höchstens parallele Monologe. Das kann Menschen auf Dauer frustrieren, auf der Ebene von Pfarrgemeinden ebenso wie auf diözesaner Ebene und darüber hinaus.

Was meinen Sie mit „organisatorischer Empathielosigkeit“, ein Begriff, der in der Ankündigung Ihrer Veranstaltung vorkommt? 

Oft genug kommt es vor, dass in kirchlichen Lebensäußerungen unmittelbar betroffene Menschen gar nicht erst wahrgenommen werden oder zu Wort kommen. Das wird dann sehr wohl als mangelnde Empathie erfahrbar, anders gesagt: als Rücksichtslosigkeit, bei der die Not konkreter Menschen gar keine Rolle zu spielen scheint: Der einzelne Mensch zählt nicht. Ich durfte dies bei einer hohen rückwirkenden Kirchensteuerzahlung, die mich in einer schwierigen Situation traf, selbst erleben. „Dann treten Sie eben aus der Kirche aus“, war dann der Rat, den ich jedoch nicht befolgt habe.

Betrachten wir zur Frage organisatorischer Empathielosigkeit zwei konkrete, übergreifende Beispiele, das Themenfeld „Missbrauch“ und das Themenfeld „Schulische Bildung“. Obwohl die Kirche als Großorganisation inzwischen enorme Anstrengungen zur Bewältigung und zur Vorbeugung von Missbrauch unternommen hat, kann ich nach meiner Erfahrung mit dem Thema keineswegs von menschenfreundlicher Empathie gegenüber Betroffenen sprechen. Zu den Betroffenen gehören die Opfer, in einigen Fällen aber auch Menschen, die zu Unrecht beschuldigt werden. Wer hier einzelne Fälle aus beiden Perspektiven kennt, kann nur zum Schluss kommen: Die Kirche ist bedauerlicherweise bis heute ein guter Ort, um Lieblosigkeit und Empathielosigkeit einzuüben.

Das ist aber nicht das ganze Bild, denn es gibt auch ein umgekehrtes Puzzlestück. So wird an kirchlichen Schulen häufig ein engagiertes und persönliches Miteinander gepflegt, das vorbildlich ist. Auch deshalb ist die Nachfrage dort unter Schülerinnen und Eltern sehr hoch. Dieser so positive Umstand verdunstet freilich, wenn es Zukunftsentscheidungen rund um eine Schulträgerschaft und um kirchliche Mittelzuweisungen geht: Dann gelten Schulen nur noch als „Kostenfaktor“, und die Betroffenen werden selten angehört. Dass hier junge Botschafterinnen und Botschafter einer sehr positiven Erfahrung mit Kirche ins Leben treten und Zeugnis ablegen, das scheint „empathiefrei“ übersehen zu werden.

Kann ein Pfarrer seine Empathielosigkeit durch Managementinstrumente kompensieren?

Managementinstrumente helfen hier wenig. 

Es geht um gutes Zuhören und Wahrnehmen, um das Einüben von Menschlichkeit und eine Haltung der Authentizität, die auch eigene Grenzen anerkennt. 

Das muss und kann gelernt werden, denn solche Grundhaltungen helfen, wenn es um das Schaffen von Glaubwürdigkeit geht.

Ist die Krise der Kirche eher eine Organisations- oder eine Glaubenskrise? 

Wir haben ja nicht nur Krise, sondern tatsächlich auch Aufbrüche und Inseln guter kirchlicher Praxis. Daher stimme ich der etwas polarisierten Problembeschreibung nicht zu. Denn beides spielt zusammen: eine Institution, die um ihren Weg ringt, und eine gesellschaftliche Resonanz, die jeden Tag neu zeigt: Es geht doch auch ohne Kirche. Es ist nicht einfach, hier eine Haltung ansteckender Glaubensfreude zu gewinnen und zu bewahren. Andererseits ist der christliche Glaube ein gnadenhaftes Geschenk. Wir können ihn nicht handwerklich herstellen. Wir können für ihn werben, aber genau das haben viele gläubige Christinnen und Christen in den letzten Jahren etwas verlernt. Es ist, so gesehen, ganz einfach: Wenn ich eine gute Erfahrung mache, spreche ich darüber. Warum soll dies nicht auch für den Glauben gelten?

Handfeste Organisationsmängel gibt es sicherlich, etwa beim Fehlen eines wirksamen interdiözesanen Finanzausgleichs. Es hilft aber wenig, dies zu beklagen oder in solchen Mängeln die Hauptursache der heutigen Krisen zu sehen. Es wäre zu einfach, nur auf Organisation und Strukturen zu setzen. Das Schöne am Christentum ist ja, dass es immer auch eine Bewegung ist, die über institutionelle Formen weit hinausgeht.

Wenn Sie heute die Möglichkeit hätten, in einem deutschen Bistum drei Dinge sofort zu verändern: Welche wären das?

Da gibt es organisatorische und pastorale Antworten. Zur spröden Welt der Organisation gehören ein finanzieller Kassensturz, ein strategischer Gesamtplan, deren Erarbeitung und Kommunikation. Leider kann dies auch bedeuten, dass klare Botschaften erforderlich werden, etwa mit Blick auf nicht mehr zu haltende Gebäude oder Einrichtungen. Auch das Ausmaß kirchlicher Bürokratie ist dringend zu überprüfen. 

Zur pastoralen Wirklichkeit gehört es aber auch, Beteiligungsformate des Christlichen erlebbar zu machen. Da bieten sich Begegnungen an, etwa mit Künstlern, aber auch mit den scheinbar Vergessenen, etwa den Obdachlosen. Auch „Events“ können sinnvoll sein, die aber nicht einfach von oben nach unten verplant werden, sondern die kommunikativ durchdacht sein müssen. Das kann ein Diözesantreffen zwischen den Generationen oder ein Diözesanjugendtag sein. Öffentlichkeitswürdig sind auch Praxisbeispiele guter Führung im kirchlichen Kontext, die es ja auch gibt. Denn so können „Inseln der Hoffnung“ entstehen!

Schließlich geht es um die soziale Welt. Hier möchte ich einen sehr konkreten Punkt aufgreifen: Den Wohnungsbau. Nach dem 2. Weltkrieg sind kirchliche Siedlungsgenossenschaften entstanden. Die Kirche hat nach wie vor eine hohe finanzielle Bonität. Daher gehört angesichts der aktuellen Wohnungsnot ein Akzent zugunsten kirchlicher Wohnbauprojekte ganz vorne auf die Tagesordnung. Dass Bildung ein Grundtenor des Christlichen ist, habe ich schon erwähnt. Daher ist auch ein „Masterplan Bildung“ für eine Diözese in meinen Augen ein Muss.

Papst Leo XIV. hat gerade seine Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz veröffentlicht. Wie wird KI die Kirche in den kommenden Jahren verändern?

Kirche kann sich ja nicht von der Umwelt abkoppeln. Sicherlich wird das Werkzeug KI auch in kirchlichen Strukturen zum Einsatz kommen. Wir brauchen dafür aber kritische KI-Kompetenz, damit wir wissen, wo die Grenzen solcher Werkzeuge sind. Ein ganz großes Thema dabei ist Menschlichkeit und- erneut-  Empathiefähigkeit. 

Digitale Programme sind hilfreich, ersetzen aber auf Dauer nicht den menschlichen Kontakt. Denn der Mensch ist Person. 

Er muss und kann seine Freiheit einüben und ist darin gelegentlich ausgesprochen widersprüchlich. Daher gilt hier ganz besonders im Umgang mit jungen Menschen nach dem Dreischritt „Auswählen – Ansprechen – Ausschalten“. Der Vorrang der Menschlichkeit muss auch pädagogisch und praktisch durchdekliniert werden, nach dem Motto: „Fördert oder hemmt eine KI-Anwendung Menschlichkeit?“

Was macht Ihnen trotz aller Krisendiagnosen Hoffnung für die Zukunft der Kirche?

Das Evangelium selbst. Wir haben eine Frohe Botschaft, trotz aller Widersprüche, trotz aller Krisen und trotz aller Anfechtungen. Wir erleben derzeit eine große Transformation in der Gesellschaft, aber eben auch in der Kirche. Aber wir dürfen vertrauen – so wie beim Sturm auf dem See, als Jesus im Boot schlief und die Jünger ihn ängstlich weckten. „Habt Ihr noch immer keinen Glauben“, fragte er sie. Es liegt an uns, auch auf stürmischer See und trotz aller Ohnmachtserfahrung Glaubensfreude zu leben, zu erleben und zu kultivieren. Und vielleicht andere anzustecken.

Die Fragen stellte Geraldo Hoffmann

Inventur und Visionen – Auswertung der Pastoralkonzepte 

Buchtipps

Hemel, Ulrich: Kontroll-Illusion und Verantwortungsflucht oder nachholende Modernisierung? Ein organisationstheoretischer Blick auf die katholische Kirche, In: Bernhard S. Anuth/ Georg Bier/ Karsten Kreutzer (Hrsg.), Der Synodale Weg, Eine Zwischenbilanz, Freiburg/Br.: Herder 2021, 130-147

Hemel, Ulrich: Kritik der digitalen Vernunft – Warum Humanität der Maßstab sein muss, 2020, Verlag Herder. Preis: 32 Euro. ISBN: 978-3-451-38915-3

Hemel, Ulrich: Wert und Werte: Ethik für Manager – Ein Leitfaden für die Praxis, 2. Auflage 2007, Carl Hanser Verlag, ISBN: 978-3-446-41224-8

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit