Theologe: „Tiere haben das Recht auf ein gutes Leben“

Die Bibel erzählt von Tieren als eigenständigen Geschöpfen Gottes. Der Theologe Wolfgang Schürger, Umweltreferent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB), erläutert, warum diese Perspektive heute zu einem bewussteren Umgang mit Tieren und zu neuen ethischen Fragen über Konsum und Verantwortung führt.
Wolfgang Schürger, Umweltreferent der ELKB und Sprecher der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten, erläutert die Rolle der Tiere in der Bibel und die Verantwortung des Menschen im Umgang mit ihnen.

Noch bis zum 26. Juli ist die Wanderausstellung „tierisch biblisch – Tiere der Bibel“ des Bibelmuseums Nürnberg im ehemaligen Benediktinerkloster Heidenheim zu sehen. Auf Einladung der Stabsstelle Schöpfung, Klima- und Umweltschutz der Diözese Eichstätt sprach Wolfgang Schürger dort darüber, wie Tiere in der Bibel wahrgenommen werden und welche ethischen Konsequenzen sich daraus für den Umgang mit ihnen ergeben. Im Interview erläutert er diese Zusammenhänge näher.

Herr Schürger, haben Tiere aus biblischer Sicht einen eigenen Wert vor Gott – unabhängig davon, ob sie dem Menschen nützen?

Wolfgang Schürger: Definitiv! Lesen Sie nur einmal Psalm 104, das „Loblied auf den Schöpfer“, da wird Gottes Fürsorge für Wildesel und junge Löwen sehr anschaulich. Ähnlich auch in Gottes großer Antwort an Hiob (Hi 38 und 39). Da ist zum Beispiel davon die Rede, dass Gott den jungen Raben ihre Speise bereitet (Hi 38,41). Und dann ist da natürlich noch das Gleichnis Jesu von den Lilien und den Vögeln (Mt 6,25ff). Auch da wird deutlich, wie sehr sich Gott um alle seine Geschöpfe kümmert.

Der Mensch soll laut Genesis über die Tiere „herrschen“. Welche Folgen hatte diese Stelle in der christlichen Tradition?

Diese Aussage ist eng mit der Vorstellung von den Menschen als Ebenbildern Gottes verbunden. Ein Ebenbild, das war im Alten Orient ein Statthalter für eine Autorität, die selbst nicht anwesend war. Wir haben gerade gesehen, wie fürsorglich Gott mit allen Geschöpfen umgeht, wie sehr ihnen ihr Wohlergeben am Herzen liegt. Als Statthalter Gottes auf Erden sollen wir Menschen ebenso mit unseren Mitgeschöpfen umgehen – das ist der Auftrag, der sich mit dem Herrschen verbindet. Entsprechend spricht auch die ältere Schöpfungserzählung in Genesis 2 davon, dass die Menschen die Erde bebauen und bewahren sollen. 

Den Vorwurf, dass das Christentum Schuld sei an der ökologischen Krise hat im deutschsprachigen Bereich Carl Amery mit seinem Essay „Das Ende der Vorsehung“ im Jahr 1972 aufgebracht. Ich bin mir nicht sicher, ob er bei einer historischen Untersuchung zu halten wäre. Ich habe in meiner Gemeindezeit in Oberfranken in den 1990er Jahren jedenfalls sehr viele Landwirtinnen und Landwirte erlebt, die ihren Tieren und der ganzen Mitwelt mit sehr viel Respekt und Fürsorge begegnet sind. 

Ist es moralisch vertretbar, Tiere für unsere Zwecke zu nutzen, wenn wir wissen, dass sie leiden können?

Die Geschichte vom sogenannten Sündenfall (Gen 3) beschreibt die Welt, in der wir leben. In dieser Welt, die nicht das Paradies ist, finden wir Schmerz und Leid an vielen Orten und bei vielen Geschöpfen. 

Die Leidensfähigkeit von Tieren zeigt einmal mehr, wie nahe sie mit uns verbunden sind: Wir sind Geschöpf unter Mitgeschöpfen. 

Es fällt mir aber schwer, diese Leidensfähigkeit zu einem moralischen Kriterium zu machen. Allerdings: Christlichen Handel richtet sich gemäß dem Doppelgebot der Liebe immer daran aus, das Leiden des Nächsten zu minimieren – und dieser Nächste kann auch das Tier sein. In Ex 22,29 wird deutlich, dass dieses sogar einen eigenen Anspruch auf Unterstützung im Leiden hat, selbst wenn ich mit seinem Besitzer verfeindet bin.

Die biblischen Texte gehen von einem ganz selbstverständlichen Miteinander von Mensch und Nutztier aus, wenn ich aber diese ethische Maxime dazu lege, dann heißt das heute, dafür Sorge zu tragen, dass es den Nutztieren möglichst gut geht, also Schmerz und Leid zu vermeiden. Landwirtinnen und Landwirte sagen mir immer wieder, dass das eigentlich zur guten fachlichen Praxis des Berufs gehört.

Haben Tiere aus biblischer Sicht eigene Rechte, oder hat lediglich der Mensch Pflichten ihnen gegenüber?

Auch die Tiere haben eindeutig das Recht auf ein gutes Leben. Sie haben zum Beispiel genauso ein Recht auf die Sabbatruhe wie alle Menschen – inklusive Mägden und Migranten übrigens. Das lesen wir in Exodus 20,9f. Auch an der Perspektive des endzeitlichen Reiches Gottes haben sie Anteil. Jesaja stellt im 11. Kapitel dieses Friedensreich Gottes sehr ausdrucksstark vor Augen: Löwe und Kuh werden da friedlich miteinander weiden! Der Apostel Paulus spricht umgekehrt im Röm 8,18-22 davon, dass sich die ganze Schöpfung, alle Kreatur – und da ist hier exegetisch eindeutig nicht nur gemeint: alle Menschen – nach Erlösung sehnt.

Kann man aus der Bibel ein Argument für einen reduzierten Fleischkonsum oder sogar Vegetarismus ableiten?

Im paradiesischen Zustand – egal ob zu Anbeginn oder zum Ende der Zeiten – ist vegetarische Ernährung offenbar der Weg, die Erde im Gleichgewicht zu halten und allen Geschöpfen ein gutes Leben zu ermöglichen. In dem Bild vom endzeitlichen Friedensreich im Buch Jesaja (Jes 11) wird selbst der Löwe zum Grasfresser. Wir leben aber nicht in paradiesischen Zeiten, deshalb gibt Gott am Ende der Sintfluterzählung (Gen 9,1-4) den Menschen auch die Erlaubnis zum Fleischessen. Mit einer wesentlichen Einschränkung allerdings: Das Blut als Zeichen des Lebens in diesem Tier, soll nicht gegessen werden (Gen 9,4). Daraus folgt für mich dann eine ernährungsethische Maxime: 

Wenn du Fleisch isst, dann mit Respekt vor dem Tier auf deinem Teller und dem Leben, das es bis zu seinem Tod gehabt hat! Das heißt, ich möchte, dass dieses Tier dann möglichst gut gelebt hat. 

Wie lässt sich Tierwohl überhaupt objektiv messen und in ethische Entscheidungen einbeziehen?

Ich bin Theologe, kein Verhaltensbiologe. Daher muss ich mich hier auf die wissenschaftlichen Untersuchungen verlassen, die zum Beispiel hinter den Stufen des Tierwohlsiegels oder ähnlicher Zertifizierungen stehen. So, wie sich die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher ja auch an diesen Siegeln orientieren müssen – die meisten von uns können ja nicht unmittelbar beim Landwirt einkaufen, der auch noch eine Hofschlachtung betreibt.

Welche Bibelstelle über Tiere wird Ihrer Meinung nach am häufigsten übersehen, obwohl sie für die heutige Tierethik besonders relevant wäre?

Ich finde es schwierig, hier eine einzelne Bibelstelle zu erwähnen. Wichtig ist mir die Perspektivumkehr, die in verschiedenen Texten zum Ausdruck kommt, etwa im Buch der Sprichwörter: 

Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise!“ (Spr. 6,6). Da kommt zum Ausdruck, dass wir von den Tieren lernen können. 

Für tierethische Überlegungen heißt das für mich, zu fragen, was das Tier braucht, damit es ihm gut geht und es gut leben kann.

Gibt es eine Tiergeschichte der Bibel, die Sie persönlich in Ihrer Sicht auf Tiere verändert hat?

Ja, das ist Bileams Eselin aus dem 4. Buch Mose (Num 22,21ff): Sie ist es, die die Gegenwart Gottes erkennt und Bileam davor bewahrt, von dem Engel Gottes getötet zu werden. Ich finde, da kommt ganz deutlich zum Ausdruck, dass auch die Tiere einen ganz eigenen Bezug zu Gott haben – und uns manchmal vielleicht sogar etwas voraus haben in dieser Beziehung.

Die Fragen stelle Geraldo Hoffmann

Auch lesenswert: „Bileams Esel: Ein Lehrstück“ (Internationale Katholische Zeitschrift Communio)

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit