Theologe Göcke: „Gott existiert, weil die Welt verständlich ist“

Der katholische Theologe und Philosoph Benedikt Paul Göcke ist davon überzeugt, dass sich trotz gegenteiliger Behauptungen die Existenz Gottes argumentativ beweisen lässt. Er hat dazu einen spannenden Essay geschrieben, über den er beim „Theologischen Salon am Nachmittag“ am 10. Juni mit Mitarbeitenden aus verschiedenen Diözesen sprechen wird.
Der Theologe und Philosoph Benedikt Paul Göcke begründet die Existenz Gottes mit wissenschaftlichen Argumenten.

Am einfachsten ist es zu glauben, wenn man nicht über Gott nachdenkt und den eigenen Glauben nicht hinterfragt. Spannender ist es jedoch, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Sobald man beginnt, über Gott nachzudenken, entstehen Fragen, Zweifel, vielleicht auch Widersprüche. Dann wird der Glaube komplexer, manchmal sogar anstrengend. Genau das treibt viele Philosophinnen und Philosophen sowie Theologinnen und Theologen an: Gerade die Auseinandersetzung macht den Glauben lebendig. Ohne Fragen bleibt er eher oberflächlich. Mit Fragen wird er persönlicher, bewusster – vielleicht auch ehrlicher.

Für den Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) sind Glaube und Vernunft „die beiden Kräfte, die zur Erkenntnis führen“. Aus seinen Predigten (Sermones) stammen die oft zitierten Formeln „crede ut intellegas“ (glaube, damit du verstehst) und „intellige ut credas“ (verstehe, damit du glaubst). Damit beschreibt er die Wechselwirkung zwischen Glaube und Vernunft. Glauben ist für ihn „nichts anderes als ein zustimmendes Denken“, und zum Denken wird schließlich die Vernunft gebraucht.

Gerade in einer aufgeklärten, rationalen Gesellschaft ist es wichtig, Glaubensfragen vernunftbasiert und nachvollziehbar erklären zu können. Das gehört zum Handwerk der Theologie und dürfte auch Religionslehrkräften und Seelsorgenden in der Pastoral vertraut sein. Will man heute Menschen von seinem Glauben überzeugen, braucht man neben dem persönlichen Zeugnis gute Argumente. Wenn es um die Existenz Gottes geht, ist das nicht einfach. Mit seinem Essay „Gott existiert – Analytische Theologie und die Frage nach dem Ursprung der Wirklichkeit“ liefert Göcke, Professor für Religionsphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, eine wertvolle Hilfe.

In dem 100-seitigen Bändchen versucht er, die Existenz Gottes argumentativ zu begründen. Göcke ist sich der Herausforderung dieser Aufgabe bewusst. Denn die Möglichkeit schlüssiger Argumente für diese Existenz wird – wie er in der Einleitung anmerkt – in großen Teilen der gegenwärtigen Philosophie und Theologie bestritten, vor allem mit Verweis auf David Hume (1711–1776) oder Immanuel Kant (1724–1804). Hume lehnte rationale Gottesbeweise ab; für Kant war Gott kein Gegenstand erfahrbarer Vernunft. Demnach werden der Glaube und die Existenz Gottes tendenziell als willkürliche Entscheidung des Einzelnen oder Postulat der praktischen Vernunft aufgefasst. Göcke ist dennoch überzeugt, dass das Erbringen von Gottesbeweisen immer noch eine zentrale Aufgabe der Philosophie und Theologie ist.

Zunächst erklärt er, wie wir die Wirklichkeit erkennen und wie die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen arbeiten, um die uns umgebende Welt zu erschließen und der Wahrheit näherzukommen. „Die menschliche Erkenntnis der Wirklichkeit ist nicht unmittelbar gewiss, sondern durch metaphysische Annahmen bestimmt, die der Erfahrung der Wirklichkeit vorgelagert sind. Diese Annahmen konstituieren die Perspektive, durch die uns die Wirklichkeit verständlich wird. Sie können als Erfahrungsrahmen bezeichnet werden und bilden den Kern einer Weltanschauung“, schreibt Göcke. Weltanschauungen, die sich nicht mehr für die Menschen bewähren, werden aufgegeben. Das geschieht durch neue Erkenntnisse, durch die Menschen ihre Perspektive auf die Wirklichkeit verändern. Heute wird zum Beispiel kaum noch jemand glauben, dass die Erde eine Scheibe ist.

Gott als Ursprung der Wirklichkeit

Zu den Weltanschauungen gehört seit mehr als 2000 Jahren das Christentum. „Der christliche Glaube nimmt an, dass Gott existiert, die Welt aus dem Nichts auf ein Ziel hin erschaffen hat und sich den Menschen in der Geschichte in Jesus Christus geoffenbart hat“, bringt es Göcke auf den Punkt. Und er fügt hinzu: „Die Plausibilität der christlichen Weltanschauung hängt im Kern von der Frage nach der Existenz Gottes ab.“ Um diese zu begründen, greift Göcke eine klassische Idee aus der Philosophie auf: Dass die Tatsache, dass wir die Welt verstehen können, selbst erklärungsbedürftig ist. Albert Einstein schrieb 1936 dazu in seinem Essay „Physik und Realität“: 

Das ewig Unbegreifliche an der Welt ist ihre Begreiflichkeit.“ 

Kurz gesagt: Die Welt ist nicht chaotisch oder völlig irrational. Wir Menschen können Naturgesetze erkennen, Mathematik anwenden und Zusammenhänge begreifen. Diese „Ordnung“ und „Erkennbarkeit“ sind erstaunlich – und laut Göcke nicht selbstverständlich. Die Welt ist zum Beispiel durch die Naturwissenschaften verständlich. Diese Verständlichkeit lässt sich nicht einfach als Zufall oder Selbstverständlichkeit erklären. Die beste Erklärung dafür sei ein vernünftiger Ursprung der Welt. Diesen Ursprung nennt Göcke „Gott“.

Für seine Beweisführung bedient sich Göcke der Methoden der „analytischen Theologie“, einer Art des Theologisierens, die versucht, die Wahrheitsfrage theologischer Aussagen mithilfe von Begriffs- und Argumentanalyse zu beantworten und sich an der „analytischen Philosophie“ orientiert. Der Begriff „Gott“ kennzeichnet für ihn „den transzendenten, singulären, ultimativen Ursprung der Wirklichkeit, der nicht mit dieser Wirklichkeit identisch ist und vollständig unabhängig von unserer Wirklichkeit existieren kann, und der aufgrund seiner Perfektion absolut heilig und anbetungswürdig ist“.

Auch wenn diese Definition auf den ersten Blick kompliziert wirkt: Göcke nimmt die Leserinnen und Leser Schritt für Schritt auf seinem Argumentationsweg mit. Sein Gottesbeweis aus der Intelligibilität, also aus der Begreiflichkeit der Wirklichkeit, basiert auf 29 logisch aufeinander aufbauenden Aussagen, an deren Ende er zu dem Schluss kommt: „Wenn die Welt intelligibel ist, dann existiert Gott.“ Anders ausgedrückt: 

Wenn wir also die Wirklichkeit verstehen, wenn Dinge nicht grundlos existieren, dann kommen wir an der Annahme nicht vorbei, dass es einen ultimativen und transzendenten Ursprung der Wirklichkeit gibt, der ‚Gott‘ genannt werden kann.“

Gott als Lückenfüller?

Diese Idee ist nicht neu. Es handelt sich um eine Variante des Gottesbeweises, der ursprünglich im Werk „De Ente et Essentia“ (Das Seiende und das Wesen) von Thomas von Aquin (um 1225-1274) entwickelt wurde und der nach Einschätzung Göckes auch heute noch als tragfähiger Gottesbeweis gelten kann. Warum ist das wichtig? Ohne einen Gottesbeweis macht das Theologisieren wenig Sinn, und der christliche Glaube verliert seinen Boden. Die Existenz Gottes könnte dann als eine „nützliche Fiktion“, ein „Konstrukt des menschlichen Bewusstseins“ oder als Aberglaube abgetan werden. Übrig bliebe lediglich der Atheismus. Göckes Essay hilft – auch Nichtgläubigen, sofern sie daran interessiert sind – zu verstehen, dass der christliche Glaube als „allumfassende Weltanschauung auch ein gehaltvoller Glaube ist“, und dass es dafür gute Argumente gibt. Außerdem öffnet seine Beweisführung eine Tür zum Dialog mit den Naturwissenschaften. Denn: „Obwohl die Naturwissenschaften nie direkt die Existenz Gottes widerlegen oder bestätigen können, sind sie sehr wohl in der Lage, indirekt zur Schlüssigkeit eines Arguments für die Schlussfolgerung ‚Gott existiert‘ beizutragen“, schreibt er.

Göckes These ist kein naturwissenschaftlicher Beweis, sondern ein philosophisch-theologisches Argument: Die Ordnung und Erkennbarkeit der Welt deuten für ihn auf einen rationalen Urgrund hin – den er als Gott bezeichnet. Nicht alle Philosophinnen und Philosophen werden ihm zustimmen. Man könnte einwenden, dass die Verständlichkeit der Welt ein Ergebnis der Evolution unseres Denkens sein könnte: Wir verstehen nur, was wir verstehen können. Naturgesetze könnten einfach gegeben sein, ohne weitere Erklärung. Manche sehen darin Gott als einen Lückenfüller für offene Fragen. Diese Einwände entkräftet Göcke auf Nachfrage.

Verständlichkeit der Welt ist unabhängig von der Evolution

Dass die Verständlichkeit der Welt – im Sinne meines Argumentes – ein Ergebnis der Evolution unseres Denkens sein könnte, halte ich nicht für plausibel. Zum einen, wie bereits der US-amerikanische Philosoph Alvin Plantinga argumentierte, spielt die Wahrheit unseres Erkennens in der Evolutionstheorie an sich keine Rolle, da alleine die durch Mutationen bedingte Fitness und Reproduktionsfähigkeit entscheidend ist. Solange sich Lebewesen so an ihre Umgebung angepasst finden, dass sie sich in dieser erfolgreich reproduzieren, ist es, zugespitzt, völlig egal, ob sie diese Umgebung wahrheitsgemäß auffassen. Zum anderen setzt der in meinem Essay entwickelte Begriff der Verständlichkeit der Welt tiefer an, ist also jedem evolutionären Prozess vorgeordnet: Die Welt ist an sich intelligibel (verstehbar), auch bevor der Mensch existierte, daher kann die Verständlichkeit der Welt nicht aus dem evolutionären Prozess des Menschen erklärt werden. Man könnte vielleicht den Spieß umdrehen und argumentieren: Nur weil die Welt im erklärten Sinne intelligibel ist, kann überhaupt ein evolutionärer Prozess gedacht werden, in dessen Rahmen die Welt eben als intelligibel aufgefasst wird. Der Satz „Wir verstehen nur, was wir verstehen können,“ scheint mir aus sprachphilosophischer Sicht analytisch zu sein, also wahr in jedem Szenario.

Dass Naturgesetze einfach gegeben sein könnten, ist eine theoretische Möglichkeit. Sie könnten in der Tat ‚brute facts‘ (harte Fakten) sein, der Hamburger Philosoph Ansgar Beckermann vertritt beispielsweise eine solche These. Allerdings scheint mir diese These naturwissenschaftlich auf sehr schwachen Beinen zu stehen, denn aus der Physik wissen wir ja, dass die Naturgesetze ganz fein aufeinander abgestimmt sind, und nur geringfügige Veränderungen an ihnen oder den physikalischen Grundkonstanten dazu führen würden, dass kein Leben im Universum möglich wäre. Nun kann man sagen, dass sei nun einmal so und wir wären ja gar nicht hier, wenn es anders wäre. Aber etwas, das so offensichtlich nach einer Erklärung ruft, weil es eben nicht aus sich heraus in seinem Sein verständlich ist, das sollte man meiner Einschätzung nach durch einen höheren Grund erklären."

Göcke macht in seinem Essay auch klar: Mit seiner Feststellung „Gott existiert, weil die Welt intelligibel ist“ erhebe er keinen Anspruch darauf, vollständig zu erklären, „wie Gott an sich ist, noch abschließend ein vollständiges Wissen über das Wesen Gottes zu ermöglichen.“ Auf die Frage, wie seine Vorstellung von Gott ist, sagt er: „Persönlich scheint mir der Gottesbegriff des klassischen Theismus, also die These, dass Gott das reine Sein an sich ist, ein, soweit für endliche Menschen möglich, adäquater Gottesbegriff zu sein. Diesen Begriff erweitere ich unter Bezug auf die panentheistische Idee des Philosophen Karl Christian Friedrich Krause: Gott ist persönlich und alles zugleich, oder, wie der Kirchenvater Dionysius der Pseudo-Areopagita es formuliert: Es gibt nichts, was Gott ist, und nichts, was Gott nicht ist.“

Text: Geraldo Hoffmann

Theologischer Salon am Nachmittag

Der „Theologische Salon am Nachmittag“ ist eine bistumsübergreifende Vortragsreihe, die sich einmal im Monat mit spannenden theologischen Themen befasst. Derzeit kooperieren die Bistümer Aachen, Augsburg, Bamberg, Berlin, Hamburg, Magdeburg und Münster. Ab kommendem Herbst gehört auch die Diözese Eichstätt dazu. Bereits jetzt können Mitarbeitende aus dem Bistum Eichstätt an den Veranstaltungen teilnehmen.

Buchtipp

Göcke, Benedikt Paul: Gott existiert: Analytische Theologie und die Frage nach dem Ursprung der Wirklichkeit. Meiner Verlag für Philosophie, 2025. Preis: 19,90 Euro. ISBN: 978-3-7873-4907-4

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit