Am einfachsten ist es zu glauben, wenn man nicht über Gott nachdenkt und den eigenen Glauben nicht hinterfragt. Spannender ist es jedoch, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Sobald man beginnt, über Gott nachzudenken, entstehen Fragen, Zweifel, vielleicht auch Widersprüche. Dann wird der Glaube komplexer, manchmal sogar anstrengend. Genau das treibt viele Philosophinnen und Philosophen sowie Theologinnen und Theologen an: Gerade die Auseinandersetzung macht den Glauben lebendig. Ohne Fragen bleibt er eher oberflächlich. Mit Fragen wird er persönlicher, bewusster – vielleicht auch ehrlicher.
Für den Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) sind Glaube und Vernunft „die beiden Kräfte, die zur Erkenntnis führen“. Aus seinen Predigten (Sermones) stammen die oft zitierten Formeln „crede ut intellegas“ (glaube, damit du verstehst) und „intellige ut credas“ (verstehe, damit du glaubst). Damit beschreibt er die Wechselwirkung zwischen Glaube und Vernunft. Glauben ist für ihn „nichts anderes als ein zustimmendes Denken“, und zum Denken wird schließlich die Vernunft gebraucht.
Gerade in einer aufgeklärten, rationalen Gesellschaft ist es wichtig, Glaubensfragen vernunftbasiert und nachvollziehbar erklären zu können. Das gehört zum Handwerk der Theologie und dürfte auch Religionslehrkräften und Seelsorgenden in der Pastoral vertraut sein. Will man heute Menschen von seinem Glauben überzeugen, braucht man neben dem persönlichen Zeugnis gute Argumente. Wenn es um die Existenz Gottes geht, ist das nicht einfach. Mit seinem Essay „Gott existiert – Analytische Theologie und die Frage nach dem Ursprung der Wirklichkeit“ liefert Göcke, Professor für Religionsphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, eine wertvolle Hilfe.
In dem 100-seitigen Bändchen versucht er, die Existenz Gottes argumentativ zu begründen. Göcke ist sich der Herausforderung dieser Aufgabe bewusst. Denn die Möglichkeit schlüssiger Argumente für diese Existenz wird – wie er in der Einleitung anmerkt – in großen Teilen der gegenwärtigen Philosophie und Theologie bestritten, vor allem mit Verweis auf David Hume (1711–1776) oder Immanuel Kant (1724–1804). Hume lehnte rationale Gottesbeweise ab; für Kant war Gott kein Gegenstand erfahrbarer Vernunft. Demnach werden der Glaube und die Existenz Gottes tendenziell als willkürliche Entscheidung des Einzelnen oder Postulat der praktischen Vernunft aufgefasst. Göcke ist dennoch überzeugt, dass das Erbringen von Gottesbeweisen immer noch eine zentrale Aufgabe der Philosophie und Theologie ist.
Zunächst erklärt er, wie wir die Wirklichkeit erkennen und wie die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen arbeiten, um die uns umgebende Welt zu erschließen und der Wahrheit näherzukommen. „Die menschliche Erkenntnis der Wirklichkeit ist nicht unmittelbar gewiss, sondern durch metaphysische Annahmen bestimmt, die der Erfahrung der Wirklichkeit vorgelagert sind. Diese Annahmen konstituieren die Perspektive, durch die uns die Wirklichkeit verständlich wird. Sie können als Erfahrungsrahmen bezeichnet werden und bilden den Kern einer Weltanschauung“, schreibt Göcke. Weltanschauungen, die sich nicht mehr für die Menschen bewähren, werden aufgegeben. Das geschieht durch neue Erkenntnisse, durch die Menschen ihre Perspektive auf die Wirklichkeit verändern. Heute wird zum Beispiel kaum noch jemand glauben, dass die Erde eine Scheibe ist.
Gott als Ursprung der Wirklichkeit
Zu den Weltanschauungen gehört seit mehr als 2000 Jahren das Christentum. „Der christliche Glaube nimmt an, dass Gott existiert, die Welt aus dem Nichts auf ein Ziel hin erschaffen hat und sich den Menschen in der Geschichte in Jesus Christus geoffenbart hat“, bringt es Göcke auf den Punkt. Und er fügt hinzu: „Die Plausibilität der christlichen Weltanschauung hängt im Kern von der Frage nach der Existenz Gottes ab.“ Um diese zu begründen, greift Göcke eine klassische Idee aus der Philosophie auf: Dass die Tatsache, dass wir die Welt verstehen können, selbst erklärungsbedürftig ist. Albert Einstein schrieb 1936 dazu in seinem Essay „Physik und Realität“:
Das ewig Unbegreifliche an der Welt ist ihre Begreiflichkeit.“
Kurz gesagt: Die Welt ist nicht chaotisch oder völlig irrational. Wir Menschen können Naturgesetze erkennen, Mathematik anwenden und Zusammenhänge begreifen. Diese „Ordnung“ und „Erkennbarkeit“ sind erstaunlich – und laut Göcke nicht selbstverständlich. Die Welt ist zum Beispiel durch die Naturwissenschaften verständlich. Diese Verständlichkeit lässt sich nicht einfach als Zufall oder Selbstverständlichkeit erklären. Die beste Erklärung dafür sei ein vernünftiger Ursprung der Welt. Diesen Ursprung nennt Göcke „Gott“.
Für seine Beweisführung bedient sich Göcke der Methoden der „analytischen Theologie“, einer Art des Theologisierens, die versucht, die Wahrheitsfrage theologischer Aussagen mithilfe von Begriffs- und Argumentanalyse zu beantworten und sich an der „analytischen Philosophie“ orientiert. Der Begriff „Gott“ kennzeichnet für ihn „den transzendenten, singulären, ultimativen Ursprung der Wirklichkeit, der nicht mit dieser Wirklichkeit identisch ist und vollständig unabhängig von unserer Wirklichkeit existieren kann, und der aufgrund seiner Perfektion absolut heilig und anbetungswürdig ist“.
Auch wenn diese Definition auf den ersten Blick kompliziert wirkt: Göcke nimmt die Leserinnen und Leser Schritt für Schritt auf seinem Argumentationsweg mit. Sein Gottesbeweis aus der Intelligibilität, also aus der Begreiflichkeit der Wirklichkeit, basiert auf 29 logisch aufeinander aufbauenden Aussagen, an deren Ende er zu dem Schluss kommt: „Wenn die Welt intelligibel ist, dann existiert Gott.“ Anders ausgedrückt:
Wenn wir also die Wirklichkeit verstehen, wenn Dinge nicht grundlos existieren, dann kommen wir an der Annahme nicht vorbei, dass es einen ultimativen und transzendenten Ursprung der Wirklichkeit gibt, der ‚Gott‘ genannt werden kann.“