Rund 40 Prozent aller geschlossenen Ehen in den deutschsprachigen Ländern werden wieder geschieden. Dennoch bleibt die Anzahl der Zivilehen stabil, während die Zahl der katholischen Trauungen seit Jahrzehnten stark zurückgeht. 2005 gaben sich im Bistum Eichstätt 870 Paare das Ja-Wort vor dem Altar, 2024 waren es nur noch 471 – das sind nicht einmal zwei kirchliche Trauungen pro Pfarrei und Jahr. Der Neumarkter Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg in der Schweiz, erklärt im Interview, warum Liebe nicht scheitern kann und was das für das Beziehungsleben und die Ehe, aber auch für die Kirche bedeutet.
Herr Bogner, die kirchliche Statistik und die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigen eine sinkende Bedeutung der kirchlichen Trauung. Womit hat das zu tun?
Daniel Bogner: Die Zahlen zeigen zunächst einmal: Verbindlichkeit ist nicht aus der Mode – die zivile Ehe bleibt durchaus stabil. Aber die kirchliche Trauung verliert an Attraktivität. Das hat aus meiner Sicht weniger mit mangelnder Liebesfähigkeit zu tun als mit einem Glaubwürdigkeitsproblem kirchlicher Deutungsangebote. Viele erleben die kirchliche Ehe als ein normatives Modell mit einer „0-oder-1-Logik“: Entweder man erfüllt das sehr hohe Ideal – oder es bleibt nur das Eingeständnis des Scheiterns. Allenfalls kann die Ehe kirchenrechtlich für „nichtig“ erklärt werden, obwohl sie ja für viele doch eine bedeutsame Wegstrecke ihres Lebens gewesen ist. Diese Logik passt schlecht zu biographischen Realitäten, die von Entwicklung, Brüchen und Lernprozessen geprägt sind.
Wer Beziehung als dynamischen Weg versteht, fühlt sich von starren Idealbildern eher abgeschreckt als angezogen.
Anstatt sich als Agentur für das Eheschließungsritual zu begreifen, sollte die Kirche Mühe und Fantasie aufwenden, um die Kompetenzen zu vermitteln, die man braucht, um eine gelingende Beziehung zu führen. In den zahlreichen kirchlichen Beratungsstellen geschieht solche Arbeit heute schon und sie verdient alle Unterstützung – unter anderem auch durch eine weiter zu entwickelnde kirchliche Lehre.
Die zivile Ehe ist beliebt, aber viele Ehen gehen in die Brüche. Sie sagen mit dem Titel Ihres neuen Buches, „Liebe kann nicht scheitern“. Warum sind Sie sich da so sicher?
Natürlich können Beziehungen enden. Aber der Begriff „Scheitern“ beim Thema Liebe suggeriert doch, dass eine Beziehung nur dann Wert hatte, wenn sie bis zum Lebensende hält. Das halte ich für verkürzt und auch für verletzend. Vom ‚Scheitern‘ einer Beziehung zu sprechen, ist häufig einfach eine pragmatische Art und Weise, sich nicht vertieft mit der Komplexität menschlichen Miteinanders auseinandersetzen zu müssen. Liebe ist kein reines Gefühl, sondern eine Haltung und tätige Praxis. Wo Menschen sich ehrlich aufeinander eingelassen haben, Verantwortung übernommen, gelernt und sich entwickelt haben, da wird Liebe Wirklichkeit – auch wenn die Beziehung nicht dauerhaft besteht. Beziehungsleben ist eher ein gemeinsamer Tanz als ein sicherer Hafen. Und beim Tanzen gehört es dazu, dass man auch einmal aus dem Takt gerät. Dann gibt es die Erfahrung, dass Entwicklungen ungleichzeitig verlaufen und es für den einen oder beide Partner heilsamer sein kann, die Verbindung zu lösen. Solche Erfahrungen aus der Sprachlosigkeit zu befreien, mit der die kirchliche Lehre ihnen bisher begegnet, wäre sehr wichtig.
Für die katholische Kirche bedeutet die Ehe die „unauflösliche, treue und hingebende Liebe Jesu Christi zu seiner Kirche“. Können Menschen diesem „göttlichen“ Anspruch genügen?
Die Ehe ist für die Kirche mehr als eine private Vereinbarung. Sie ist eine Zeichenhandlung, ein öffentlich vollzogenes Deutungsangebot: In der Lebensform zweier Menschen soll etwas von Gottes Treue, sein Bund mit Mensch und Schöpfung anschaulich werden. Aber eine solche theologische Deutung darf nicht zur Messlatte werden, an der reale Lebensgeschichten permanent scheitern müssen – weil Menschen niemals in der Vollkommenheit lieben und einen Bund eingehen können, wie wir dies Gott zuschreiben.
Eine Ethik der Liebe anerkennt, dass Menschen ihr Bestes geben können und dennoch niemals vollständig das abbilden, was der Glaube die Einzigartigkeit der Güte Gottes nennt.
Das Ideal einer lebenslangen Liebe ist daher weniger eine Leistungsanforderung als eine Vertrauenszusage: Ihr dürft euch auf Dauer aneinanderbinden, wenn ihr auf den Zuspruch Gottes setzt, der dabei hilft, dass ihr euch immer weiter miteinander fortentwickeln könnt. Entscheidend ist, dass dieser Anspruch nicht in eine Überforderung kippt. Der Anspruch darf inspirieren, aber er darf nicht erdrücken. Denn es kann auch Situationen geben, in denen Trennung der richtige Weg ist. Dass dies dann in der klassischen Ehetheologie direkt als ein Affront gegen die Bundeszusage Gottes gedeutet werden muss, ist wohl die momentan härteste theologische „Knacknuss“, wie man es Schweizerdeutsch ausdrücken würde.
Sie weiten den Begriff der Treue aus – auf „Treue zu sich selbst“ und „familiäre Treue“, die auch nach einer Trennung wichtig bleibt. Was macht eine treue Liebesbeziehung aus?
Treue wird erst möglich, wenn wir uns selbst treu sein können. Wer dauerhaft gegen die eigene innere Wahrheit lebt, wird auf Dauer weder sich noch dem anderen gerecht. Treue gegenüber dem Partner oder der Partnerin erschöpft sich deshalb nicht in sexueller Exklusivität oder formaler Verantwortungsübernahme. Sie bedeutet die Bereitschaft, gemeinsam zu wachsen, sich auf Veränderungen einzulassen und miteinander in Bewegung zu bleiben.
Beziehung ist kein statischer Besitzstand, sondern ein koordiniertes In-Bewegung-Bleiben. Und selbst wenn eine Partnerschaft endet, verschwindet Treue nicht einfach.
Wo gemeinsame Kinder da sind, gibt es eine bleibende Verantwortung. Treue heißt dann: respektvoll miteinander umgehen, das Wohl der Kinder über die Verletzungen der Paarbeziehung stellen und die gemeinsame Elternschaft verlässlich gestalten. Das ist für viele getrennte Eltern eine enorme Herausforderung – und genau hier bräuchte es mehr Unterstützung, Ermutigung und konkrete Begleitung.
Sie und andere Theologen und Theologinnen – auch Gläubige in Umfragen – halten die „katholische Sexuallehre“ für reformbedürftig. Wie stark prägt diese Moral noch die Gesellschaft?