Theologe Daniel Bogner: „Liebe kann nicht scheitern“

Zwischen Ideal und Wirklichkeit: Die klassische Sicht auf Liebe, Ehe und Scheitern stellt der Moraltheologe Daniel Bogner radikal infrage. Warum Beziehungen nicht „scheitern“ können und wie ein neues Ethos der Liebe aussehen könnte, erklärt er im Interview.
Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg, Schweiz

Rund 40 Prozent aller geschlossenen Ehen in den deutschsprachigen Ländern werden wieder geschieden. Dennoch bleibt die Anzahl der Zivilehen stabil, während die Zahl der katholischen Trauungen seit Jahrzehnten stark zurückgeht. 2005 gaben sich im Bistum Eichstätt 870 Paare das Ja-Wort vor dem Altar, 2024 waren es nur noch 471 – das sind nicht einmal zwei kirchliche Trauungen pro Pfarrei und Jahr. Der Neumarkter Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg in der Schweiz, erklärt im Interview, warum Liebe nicht scheitern kann und was das für das Beziehungsleben und die Ehe, aber auch für die Kirche bedeutet.

Herr Bogner, die kirchliche Statistik und die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigen eine sinkende Bedeutung der kirchlichen Trauung. Womit hat das zu tun?
Daniel Bogner: Die Zahlen zeigen zunächst einmal: Verbindlichkeit ist nicht aus der Mode – die zivile Ehe bleibt durchaus stabil. Aber die kirchliche Trauung verliert an Attraktivität. Das hat aus meiner Sicht weniger mit mangelnder Liebesfähigkeit zu tun als mit einem Glaubwürdigkeitsproblem kirchlicher Deutungsangebote. Viele erleben die kirchliche Ehe als ein normatives Modell mit einer „0-oder-1-Logik“: Entweder man erfüllt das sehr hohe Ideal – oder es bleibt nur das Eingeständnis des Scheiterns. Allenfalls kann die Ehe kirchenrechtlich für „nichtig“ erklärt werden, obwohl sie ja für viele doch eine bedeutsame Wegstrecke ihres Lebens gewesen ist. Diese Logik passt schlecht zu biographischen Realitäten, die von Entwicklung, Brüchen und Lernprozessen geprägt sind. 

Wer Beziehung als dynamischen Weg versteht, fühlt sich von starren Idealbildern eher abgeschreckt als angezogen. 

Anstatt sich als Agentur für das Eheschließungsritual zu begreifen, sollte die Kirche Mühe und Fantasie aufwenden, um die Kompetenzen zu vermitteln, die man braucht, um eine gelingende Beziehung zu führen. In den zahlreichen kirchlichen Beratungsstellen geschieht solche Arbeit heute schon und sie verdient alle Unterstützung – unter anderem auch durch eine weiter zu entwickelnde kirchliche Lehre.

Die zivile Ehe ist beliebt, aber viele Ehen gehen in die Brüche. Sie sagen mit dem Titel Ihres neuen Buches, „Liebe kann nicht scheitern“. Warum sind Sie sich da so sicher?
Natürlich können Beziehungen enden. Aber der Begriff „Scheitern“ beim Thema Liebe suggeriert doch, dass eine Beziehung nur dann Wert hatte, wenn sie bis zum Lebensende hält. Das halte ich für verkürzt und auch für verletzend. Vom ‚Scheitern‘ einer Beziehung zu sprechen, ist häufig einfach eine pragmatische Art und Weise, sich nicht vertieft mit der Komplexität menschlichen Miteinanders auseinandersetzen zu müssen. Liebe ist kein reines Gefühl, sondern eine Haltung und tätige Praxis. Wo Menschen sich ehrlich aufeinander eingelassen haben, Verantwortung übernommen, gelernt und sich entwickelt haben, da wird Liebe Wirklichkeit – auch wenn die Beziehung nicht dauerhaft besteht. Beziehungsleben ist eher ein gemeinsamer Tanz als ein sicherer Hafen. Und beim Tanzen gehört es dazu, dass man auch einmal aus dem Takt gerät. Dann gibt es die Erfahrung, dass Entwicklungen ungleichzeitig verlaufen und es für den einen oder beide Partner heilsamer sein kann, die Verbindung zu lösen. Solche Erfahrungen aus der Sprachlosigkeit zu befreien, mit der die kirchliche Lehre ihnen bisher begegnet, wäre sehr wichtig.

Für die katholische Kirche bedeutet die Ehe die „unauflösliche, treue und hingebende Liebe Jesu Christi zu seiner Kirche“. Können Menschen diesem „göttlichen“ Anspruch genügen?
Die Ehe ist für die Kirche mehr als eine private Vereinbarung. Sie ist eine Zeichenhandlung, ein öffentlich vollzogenes Deutungsangebot: In der Lebensform zweier Menschen soll etwas von Gottes Treue, sein Bund mit Mensch und Schöpfung anschaulich werden. Aber eine solche theologische Deutung darf nicht zur Messlatte werden, an der reale Lebensgeschichten permanent scheitern müssen – weil Menschen niemals in der Vollkommenheit lieben und einen Bund eingehen können, wie wir dies Gott zuschreiben. 

Eine Ethik der Liebe anerkennt, dass Menschen ihr Bestes geben können und dennoch niemals vollständig das abbilden, was der Glaube die Einzigartigkeit der Güte Gottes nennt. 

Das Ideal einer lebenslangen Liebe ist daher weniger eine Leistungsanforderung als eine Vertrauenszusage: Ihr dürft euch auf Dauer aneinanderbinden, wenn ihr auf den Zuspruch Gottes setzt, der dabei hilft, dass ihr euch immer weiter miteinander fortentwickeln könnt. Entscheidend ist, dass dieser Anspruch nicht in eine Überforderung kippt. Der Anspruch darf inspirieren, aber er darf nicht erdrücken. Denn es kann auch Situationen geben, in denen Trennung der richtige Weg ist. Dass dies dann in der klassischen Ehetheologie direkt als ein Affront gegen die Bundeszusage Gottes gedeutet werden muss, ist wohl die momentan härteste theologische Knacknuss, wie man es Schweizerdeutsch ausdrücken würde.

Sie weiten den Begriff der Treue aus – auf „Treue zu sich selbst“ und „familiäre Treue“, die auch nach einer Trennung wichtig bleibt. Was macht eine treue Liebesbeziehung aus?
Treue wird erst möglich, wenn wir uns selbst treu sein können. Wer dauerhaft gegen die eigene innere Wahrheit lebt, wird auf Dauer weder sich noch dem anderen gerecht. Treue gegenüber dem Partner oder der Partnerin erschöpft sich deshalb nicht in sexueller Exklusivität oder formaler Verantwortungsübernahme. Sie bedeutet die Bereitschaft, gemeinsam zu wachsen, sich auf Veränderungen einzulassen und miteinander in Bewegung zu bleiben. 

Beziehung ist kein statischer Besitzstand, sondern ein koordiniertes In-Bewegung-Bleiben. Und selbst wenn eine Partnerschaft endet, verschwindet Treue nicht einfach. 

Wo gemeinsame Kinder da sind, gibt es eine bleibende Verantwortung. Treue heißt dann: respektvoll miteinander umgehen, das Wohl der Kinder über die Verletzungen der Paarbeziehung stellen und die gemeinsame Elternschaft verlässlich gestalten. Das ist für viele getrennte Eltern eine enorme Herausforderung – und genau hier bräuchte es mehr Unterstützung, Ermutigung und konkrete Begleitung.

Sie und andere Theologen und Theologinnen – auch Gläubige in Umfragen – halten die „katholische Sexuallehre“ für reformbedürftig. Wie stark prägt diese Moral noch die Gesellschaft? 

Der unmittelbare normative Einfluss kirchlicher Sexualmoral ist heute deutlich geringer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die meisten Menschen gestalten ihr Liebes- und Sexualleben nicht mehr entlang kirchlicher Verbotskataloge. Kulturelle Prägungen wirken aber weiter. Über Generationen hinweg wurde Sexualität mit Misstrauen betrachtet, häufig moralisch aufgeladen oder mit Scham belegt – eine „Kontamination“ von Körperlichkeit und Begehren, die nicht einfach verschwindet. Sprachlosigkeit, Unsicherheit oder ein unterschwelliger Rechtfertigungsdruck sind Spuren dieser Geschichte. 

Positiv ist allerdings, dass die Kirche Sexualität nie als belanglos betrachtet hat. Sie hat immer gewusst, dass es hier um etwas Existenzielles geht. 

Die Herausforderung besteht heute darin, diese existenzielle Bedeutung nicht länger defizitorientiert zu deuten, sondern als Ausdruck menschlicher Ganzheit – verantwortet, beziehungsbezogen und menschenfreundlich.

Sie plädieren für eine positive Sicht auf Liebe, Sexualität und Körperlichkeit, sehen Sexualität als „Sprache“ der Liebe. Wie viel Geschlecht erlaubt der christliche Glaube?
Vielleicht ist schon die Fragestellung irreführend. Es geht nicht zuerst um Erlaubnis, sondern um ein angemessenes Verständnis. So wie Melodien eben mit der Stimme gesungen werden, so ist der Körper ein Instrument der Liebe. 

Sexualität ist eine Sprache ganzheitlichen menschlichen Ausdrucks. In ihr können Nähe, Begehren, Hingabe und gegenseitige Anerkennung Ausdruck finden. 

Sie verkommt allerdings zur bloßen Technik, wenn der tiefere Blick für den anderen fehlt. Es gibt schlicht keinen Raum menschlichen Zusammenseins, in dem Sexualität nicht zumindest implizit mitspielt. Der christliche Glaube sollte weniger als Kontrollinstanz auftreten. Seine Aufgabe wäre es vielmehr, Menschen zu einer verantworteten, beziehungsfähigen Sexualität zu befähigen, auf Augenhöhe, frei von Angst und frei von Machtmissbrauch.

Anstatt einer Verbotsmoral schlagen Sie ein „neues Ethos von Liebe und Beziehung“ vor. Was sollte diese neue Haltung prägen?
Im sechsten Kapitel meines Buches spreche ich bewusst von Grundhaltungen und nicht von neuen Einzelregeln. Es geht um ein Ethos, das heißt, um einen tragfähigen Boden, aus dem konkrete Entscheidungen erst erwachsen können. Fünf solcher Grundhaltungen halte ich für zentral:

1. Entwicklung ermöglichen statt Ideal fixieren
Beziehungsleben darf nicht in einer Null-oder-eins-Logik von „gelungen“ oder „gescheitert“ gedacht werden. Entscheidend ist, ob Menschen sich innerhalb ihrer Partnerschaft entwickeln können und ob die Beziehung selbst entwicklungsoffen bleibt. Eine Kirche, die allein auf die Form schauen würde, verliert den Blick für den lebendigen Gehalt.

2. Person-orientiert urteilen statt Status sichern
Eine christliche Ethik sollte nicht zuerst einen bestimmten Beziehungsstatus um jeden Preis erhalten wollen, sondern am Wohl und an der konkreten Verantwortung der beteiligten Personen interessiert sein. Es geht darum, Menschen in Krisen nicht moralisch abzuwerten, sondern sie in ihrer Gewissens- und Entscheidungsfähigkeit zu stärken.

3. Sexualität als Kommunikation verstehen
Sexualität ist keine bloße Funktion, sondern Ausdrucks- und Beziehungsgeschehen. Sie ist eine Weise der Kommunikation – eine Sprache, die auf ein Gegenüber hin orientiert ist und Gemeinschaft stiften soll. Ein neues Ethos muss deshalb Wahrnehmung und Sprachfähigkeit in Sachen Sexualität schulen, statt mit pauschalen Verboten zu operieren. 

4. Verpflichtet bleiben – auch im Ernstfall der Trennung
Treue endet nicht automatisch mit dem Ende einer Partnerschaft. Wer eine gemeinsame Geschichte begonnen hat, bleibt dieser Geschichte und insbesondere gemeinsamen Kindern verpflichtet. Hier braucht es eine christliche Ethik, die nicht sprachlos bleibt, wenn eine Beziehung endet, sondern Orientierung und Begleitung anbietet – gerade in solchen Momenten existenzieller Herausforderung. 

5. Sexualmoral neu denken – weg von der Bewahrpädagogik
Die traditionelle Sexualmoral operiert häufig wie eine „Helikoptermoral“, die schlechte Erfahrungen vorwegnehmen und Risiken vermeiden will. Ein neues Ethos setzt dagegen Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen zu verantworteter Selbstführung. Es spricht orientierend, nicht bevormundend und traut Menschen zu, aus Erfahrung zu lernen.

Dieses Ethos verschiebt den Akzent: weg von der Kontrollinstanz, hin zu einer Kirche und einem christlichen Ethos, das Wahrnehmung schärft, Entwicklungsräume eröffnet und Menschen befähigt, ihre Liebesgeschichten verantwortlich zu leben.

Machen Ihnen das Schreiben „Amoris Laetitia“ und die Erklärung „Fiducia supplicans“ Hoffnung, dass solche weltoffenen Positionen Eingang in die kirchliche Lehre finden?
„Amoris Laetitia“ war aus meiner Sicht ein wichtiger Einschnitt, weil hier deutlich wurde: Es genügt nicht, allgemeine Normen zu wiederholen. Papst Franziskus hat die Bedeutung des Gewissens, der konkreten Lebensgeschichte und der Unterscheidung im Einzelfall gestärkt. Das verschiebt den Akzent – weg von einer bloßen Anwendung vorgefertigter Regeln hin zu einer verantworteten, begleiteten Entscheidungsfindung.

„Fiducia supplicans“ geht einen Schritt weiter, indem es signalisiert: Auch Beziehungen, die nicht dem kirchlichen Ideal entsprechen, stehen nicht automatisch außerhalb des Segensraumes. Das ist kein Bruch mit der bisherigen Lehre, aber es relativiert die scharfe Grenzziehung zwischen „drinnen“ und „draußen“. Es öffnet einen Raum, in dem Anerkennung möglich wird, ohne sofort die gesamte Lehre umzuschreiben.

Kirchliche Entwicklungen verlaufen selten revolutionär. Sie geschehen eher in behutsamen Verschiebungen von Akzenten, in neuen Sprachformen, in pastoralen Öffnungen. Ob daraus einmal substanzielle lehramtliche Veränderungen erwachsen, lässt sich nur schwer prognostizieren. Aber jede Bewegung weg von einer „Daumen-hoch–Daumen-runter“-Logik hin zu einer Ethik der Begleitung, der Gewissensachtung und der Barmherzigkeit ist ein realer Schritt – und insofern durchaus ein Grund zur Hoffnung.

Die Fragen stellte Geraldo Hoffmann

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OMG: Der Podcast über mehr als alles - mit Daniel Bogner

Buchtipp

Bogner, Daniel: Liebe kann nicht scheitern – Welche Sexualmoral braucht das 21. Jahrhundert? Verlag Herder, 2024. Preis: 20 Euro. ISBN: 978-3-451-39850-6

Ehevorbereitungskurse

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit