Der verstorbene Papst Franziskus hat dafür gesorgt, dass eine offene Debatte über die Sexual- und Beziehungsethik in der Kirche möglich ist. Davon ist Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Fribourg/Schweiz, überzeugt. „Er hat wahrscheinlich so viel für mehr Beteiligung von Frauen getan wie kein Papst vor ihm, aber entscheidende Schritte stehen auch noch aus“, sagt der aus Neumarkt in der Oberpfalz stammende Theologe im Interview.
Herr Bogner, Papst Franziskus hat viele Türen aufgestoßen – so wurde es nach seinem Tod bereits mehrfach gesagt. Gilt das auch für die Sexualmoral der Kirche?
Daniel Bogner: Der Papst hat ganz sicher Vieles in Bewegung gebracht. Unter seinem Pontifikat hat die Theologie wieder begonnen, echte Debatten zu führen, etwa auf dem Gebiet der Sexual- und Beziehungsethik. Auch wenn der Papst selbst, was Fragen nach dem Geschlechterverhältnis und Geschlechterrollen anbelangt, sicher ein eher traditionelles Verständnis hatte, hat er dafür gesorgt, dass in der Kirche zunehmend ein offener Austausch gepflegt werden kann. Erkenntnisse aus Human- und Kulturwissenschaften können in das theologische Denken einbezogen werden, ohne dass man Angst haben muss, gemaßregelt zu werden. Das ist ein Gewinn. Auf der anderen Seite steht aber Vieles noch aus, weil der Papst zwar Türen geöffnet hat, aber damit nicht schon eine Korrektur und Neufassung bestehender, problematischer Positionen stattgefunden hat. Ein Beispiel? Es wäre an der Zeit, eine veränderte Bewertung von Homosexualität auch in die offiziellen, lehramtlichen Positionierungen aufzunehmen: Sie ist eine Form menschlicher Sexualität, eine Schöpfungsgabe und damit Ausdruck der Breite und Tiefe von Gottes reichem Schöpfungswerk.
Können sich Menschen, die nicht der gängigen katholischen Sexualmoral und den damit einhergehenden Geschlechterrollen entsprechen, seit Papst Franziskus freier und angenommener in der Kirche fühlen?
Das ist sicher so. Aber es bleibt auch ein schaler Beigeschmack, solange sich der neue Ton nicht auch in veränderten lehramtlichen Positionen und kirchenrechtlichen Regelungen ausdrückt. Die Annahme sollte ja nicht allein auf Toleranz und Mitmenschlichkeit beruhen, sondern auf echter, auch theologisch begründeter Anerkennung, dass bisherige Verurteilungen nicht länger angemessen sind. Die Kirche hat alles in der Hand, um verantwortet solche Korrekturen vorzunehmen, wenn sie den Maßstab von Liebe, gegenseitiger Verantwortung und Gegenseitigkeit heranzieht, der doch ihrem biblischen Auftrag entspricht. Eine Liebe zwischen Menschen, die von Gottes Liebe zu seinem Geschöpf zeugt, muss dann nicht auf eine bestimmte biologische Konstellation festgelegt sein, sondern kann den Gedanken der Fruchtbarkeit in einer breiteren Weise zugrunde legen. Menschliche Liebe kann auf vielfältige Weise fruchtbar werden, auch wenn Kinder und Elternschaft sicherlich eine ganz besondere Gestalt dieser Mitschöpferschaft sind.
Wie bewerten Sie „Fiducia Supplicans“ und die dort festgelegte Einschränkung „Es handelt sich um eine Segnung von Personen, nicht von Lebensformen“?
Das Dokument ist der Versuch, die Tür einen kleinen Spalt zu öffnen. Dabei merkt man den Willen, einerseits Bewegung in die festgefahrene Position zu bringen, andererseits aber jene Teile der Weltkirche bei der Stange zu halten, die an der bisherigen Verurteilung von Homosexualität festhalten wollen. Das kann eigentlich nicht gutgehen. Es kommt zu einer irgendwie schizophrenen Perspektive, weil man den Menschen sagt: Als Menschen seid ihr Gottes Geschöpfe und deswegen gut, aber was ihr lebt, ist es nicht. Das ist eine Aufspaltung zwischen der Person und einem der wesentlichsten personalen Vollzüge, die man sich vorstellen kann, der Sexualität, und entspricht eigentlich gar nicht dem sonstigen kirchlichen Verständnis von Sexualität. Ich sehe die Erklärung als vorsichtigen ersten Schritt, dem weitere folgen müssen.