„Schwangere als Prophetinnen“: Weihnachten neu gelesen

Was erzählt die Weihnachtsgeschichte über Schwangerschaft, Geburt und die Menschwerdung Gottes? Drei Theologinnen eröffnen neue Perspektiven auf Maria, das Magnificat und die spirituelle Erfahrung des Werdens einer Mutter – zwischen Hoffnung, Risiko und Verheißung.
Weihnachtskrippe mit Kerzen im Hintergrund

Nach einer oft zitierten Schätzung werden weltweit etwa 150 Babys pro Minute geboren. Das entspräche knapp 216.000 Geburten pro Tag – auch am 25. Dezember. Doch für Christinnen und Christen steht an diesem Tag nur „die eine“ Geburt im Mittelpunkt: die von Jesus aus Nazareth vor mehr als 2000 Jahren. Mit seiner Geburt wird auch eine Mutter „geboren“: die Gottesmutter. Drei Theologinnen blicken auf das damalige Geschehen in Bethlehem und deuten es menschennah, jenseits von Krippe und Kitsch.

Für die Neutestamentlerin Sabine Bieberstein lassen sich viele Motive der Weihnachtsgeschichte aus literarischen Absichten, theologischen Botschaften und dem sozialen Kontext der damaligen Zeit erklären. Die Leiterin der Arbeitsstelle Frauenseelsorge der Freisinger Bischofskonferenz, Hildegard Gosebrink, sieht mit Blick auf Maria und Elisabet „Schwangere als Prophetinnen“. Weihnachten zeige, dass Gott in jedem Menschen Mensch werden möchte. Ausgehend von ihrer eigenen Erstgeburt beschreibt die Theologin Rowena Roppelt von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt die spirituelle, adventliche Dimension einer bevorstehenden Entbindung als ein intensives „Schon“ und „Noch-nicht“ – eine Spannung aus Vorfreude, Hoffnung, Unsicherheit und tiefer Sehnsucht, die auch das Leben werdender Mütter prägt.

Frau Prof. Bieberstein: Wie deutet die Bibelwissenschaft die Beschreibung der Geburt Jesu in der Heiligen Schrift? Aus heutiger europäischen Sicht scheint es ja dramatisch-chaotisch gewesen zu sein.

Prof. Sabine Bieberstein: Bei den Erzählungen über die Geburt Jesu handelt es sich um Literatur. Wir haben es weniger mit historischen Berichten, als vielmehr mit verkündenden Erzählungen zu tun. Das kann man schon daran erkennen, dass das Matthäus- und Lukasevangelium zwei unterschiedliche Erzählungen bieten. Nach Matthäus wohnen die Eltern Jesu bereits in Betlehem, und die Geburt samt der Ankunft der Sterndeuter aus dem Osten findet in einem Haus statt. Bei Lukas hingegen müssen sich die Eltern Jesu von Nazareth in Galiläa nach Betlehem in Judäa begeben, um sich in Steuerlisten eintragen zu lassen, und weil das alle tun und es daher keinen Platz mehr in den Herbergen gibt, wird Jesus auf diese Weise erstens in Betlehem und zweitens in einem Stall geboren. Betlehem ist für die Evangelien als Geburtsort Jesu wichtig, weil aus Betlehem der Messias kommen soll (Micha 5,1–3) – und dies wird in den Erzählungen gezeigt.

Aber Sie haben Recht: Beide Evangelien erzählen auf ihre Art dramatische Geschichten. Nach Matthäus kommen Sterndeuter aus dem Osten, um den „neugeborenen König der Juden“ zu finden. Für Matthäus ist es wichtig, dass es nichtjüdische Menschen sind, die zuerst die Bedeutung Jesu erkennen. Sie verehren ihn wie einen König und bringen königliche Geschenke. Matthäus zeigt von Anfang an in seinem Evangelium, dass das Heil, das mit Jesus gekommen ist, für Menschen aus allen Völkern da ist. Matthäus zeigt aber auch, wie die Jesusgeschichte mit der Moseerzählung verbunden ist: Das neugeborene königliche Kind Jesus ist sogleich tödlich bedroht, nun nicht durch den Pharao wie Mose, sondern durch den König Herodes. Es entkommt der Bedrohung durch Flucht – ausgerechnet nach Ägypten, und es kommt dann wieder aus Ägypten zurück. All das begleitet Matthäus Schritt für Schritt mit Zitaten aus dem Alten Testament, um zu zeigen, dass all dies in voller Übereinstimmung mit den Schriften – und damit mit dem Willen Gottes – geschieht.

Ganz anders Lukas: Er zeichnet in seiner Geburtsgeschichte das Jesuskind in Kontrast zum Kaiser Augustus, der die Macht hat, „alle Bewohner des Reiches“ in Bewegung zu bringen, damit sie sich in Steuerlisten eintragen lassen. Maria und Josef gehören zu den Menschen, die unter der Macht dieses Kaisers stehen. Für sie gibt es keinen (angemessenen) Platz in Betlehem, so dass das Kind am Rande, in einem Stall, zur Welt kommen muss. Aber ausgerechnet dieses ortlose und machtlose Kind wird in der Erzählung als „Herr“, „Sohn Davids“, „Retter“ und Friedensbringer gepriesen. Auf diesem Kind sind alle diese Ehrentitel vereint, die sonst der Kaiser für sich beansprucht. So zeigt Lukas, wer der wahre „Herr“ und „Retter“ der Welt und der wahre Friedensbringer ist. Bei Lukas sind es sodann nicht ausländische Sterndeuter, die als erste zum neugeborenen Kind kommen, sondern Hirten. Das hat zunächst mit der Davidtradition (und damit mit Messiashoffnungen) zu tun; denn auch David war nach den alttestamentlichen Erzählungen ein Hirte und wurde von den Herden weg zum König gesalbt. Sodann hat es mit einem wichtigen inhaltlichen Schwerpunkt des Lukasevangeliums zu tun: 

Das Lukasevangelium zeichnet Jesus noch stärker als die anderen Evangelien als denjenigen, der sich Menschen am Rande und den Armen zuwendet. 

Das beginnt schon bei seiner Geburt, wenn es Hirten sind, die die frohe Botschaft als erste erhalten und zur Krippe eilen; denn Hirten sind die Randsiedler der damaligen Gesellschaft. Viele der erzählten Motive haben also mit der Verkündigungsabsicht der Evangelisten zu tun.

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Ochs und Esel kamen erst später dazu

Hausgeburten dürften damals der Normalfall gewesen sein, und Tiere im Wohnbereich waren nicht unüblich. Welche Rolle spielte der soziale Kontext zum Beispiel bei einer Schwangerschaft vor der Hochzeit?

Sozialgeschichtlich gesehen war es so, dass Schwangerschaften und Geburten für die Frauen ein hohes Risiko bargen. Viele Frauen sind während der Schwangerschaft oder bei oder nach der Geburt gestorben. In der Regel fanden Geburten zu Hause statt. Schon damals gab es aber kundige Frauen, Hebammen, die den Frauen bei der Geburt beistanden. Sie hatten ein großes Erfahrungswissen. Zum Teil halfen sich auch die Nachbarinnen gegenseitig. Aber natürlich hatte man noch nicht das medizinische Wissen, das man heute hat, und die hygienischen Verhältnisse waren so, dass nicht nur viele Frauen, sondern auch viele Neugeborene die Geburt nicht überlebten. Maria wird als sehr junge Frau gezeichnet. Für eine so junge Frau und Erstgebärende war eine Geburt erst recht mit einem hohen Risiko verbunden.

Mit dem „Stall“ und der „Futterkrippe“, von denen in Lk 2 die Rede ist, verbinden wir die Anwesenheit von Tieren. Davon steht im biblischen Text noch nichts. Ochs und Esel kamen erst in einem zu Beginn des 7. Jahrhunderts entstandenen, apokryph gewordenen Evangelium, dem Pseudo-Matthäusevangelium, in den Text hinein. Grund war die Aufnahme einer Schriftstelle aus dem Buch Jesaja (Jes 1,3), die in antijüdischer Absicht mit der Geburtserzählung verbunden wurde. Weil das Pseudo-Matthäusevangelium im Westen sehr beliebt war, hat sich mit ihm auch das Motiv von Ochs und Esel an der Krippe verbreitet. Auch hier sind es also theologische Gründe, die für diese Szenerie der Geburt Jesu verantwortlich sind.

Maria wird in beiden Evangelien als mit Josef verlobt gezeichnet. Das bedeutet, dass die beiden Ehepartner einander versprochen sind und rechtlich bereits als Mann und Frau gelten. Allerdings lebt die Frau in der Zeit der Verlobung noch in ihrem Elternhaus. Eine Schwangerschaft sollte in dieser Zeit keinesfalls sein. Wenn erzählt wird, dass Maria bereits vor der Hochzeit schwanger wurde, ist dies eine für sie höchst gefährliche Situation. Deshalb betont vor allem das Matthäusevangelium, dass Josef sich trotz ihrer Schwangerschaft nicht von ihr trennt und sie auf diese Weise schützt.

In der Bibel heißt es, „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ (Lk 2,19). Was bedeutet hier das „Bewahren im Herzen“?

Das ist ein sehr wichtiger Satz. Er ist von biblischer Ausdrucksweise inspiriert. Lukas zeichnet damit Maria als die Einzige, die das Geschehen richtig einordnen kann. Denn nach der Erzählung des Lukasevangeliums war an sie die Verheißung des Engels Gabriel ergangen, die ihr die Bedeutung und die Zukunft ihres Kindes offenbart hatte (Lk 1,30–33), sie hatte die prophetischen Worte der Elisabet vernommen und daraufhin ihr Magnificat gesungen (Lk 1,39–56), und nun hatte sie die Worte der Hirten gehört, die wiederum die Botschaft der Engel weitergaben (Lk 2,17f.). Während sich alle anderen nur wundern können, kann sie die bislang gebotenen Mosaiksteinchen der Deutung des Kindes zusammenbringen, sich einen Reim darauf machen und richtig interpretieren. „Im Herzen bewegen“ bedeutet „den Sinn erfassen“ oder „verstehen“. Lukas zeichnet hier Maria also als diejenige, die die Zuwendung Gottes, sein Eingreifen, sein Handeln richtig erkennt und versteht.

Schon lange ist es den Auslegenden des Lukasevangeliums aufgefallen, dass Lukas Maria wie eine ideale Jüngerin und vorbildhaft Glaubende zeichnet. Darum wird Lukas in der Kunstgeschichte auch oft als Marienmaler dargestellt. Diese besondere Sorgfalt bei der Zeichnung der Figur der Maria lässt sich auch hier beobachten.

Gosebrink: "Schwangersein hat mit Revolution zu tun"

Frau Dr. Gosebrink: Wie ordnen sie das Magnificat im Zusammenhang mit der Weihnachtsgeschichte ein?

Dr. Hildegard Gosebrink: Das Magnificat wird im Lukasevangelium überliefert, und zwar bei der Begegnung von Maria und Elisabet (Lk 1,39-56). Das sind zwei Frauen mit skandalösen Schwangerschaften: Die eine ist unehelich schwanger, die andere eine alte Frau. Das Lukasevangelium sieht beide Schwangere als Prophetinnen: Auf Elisabet kommt der Geist, sie sieht das Besondere in Marias ungeborenem Kind. Sie geht auf die junge Maria zu und verkündet ihr, wovon sie überzeugt ist (Lk 1,41-45). Auf die prophetische Rede der alten Elisabet antwortet die junge Maria mit einem prophetischen Gebet (Lk 1,46-55). Das ist voller Zitate aus den alttestamentlichen Psalmen. Die Psalmen nehmen die Sehnsucht nach Gerechtigkeit ins Gebet. Maria baut darauf, dass Gott seinen alten Verheißungen treu ist – und dass sie und ihr ungeborenes Kind dabei eine entscheidende Rolle spielen. 

Es gibt von Bert Brecht „Wiegenlieder einer Arbeitermutter“. Ich finde, da gibt es Verbindungslinien zum Magnificat. Brechts Arbeitermutter sagt etwa: „Der, den ich trage, der muss sorgen, dass sie (=die Welt) besser wird…“ Auch Maria hofft auf eine bessere Welt: Wer Hunger hat, soll satt werden. Die Stolzen und Mächtigen stürzt Gott vom Thron. Bei Gott gelten andere Maßstäbe. Das Magnificat legt nahe: Schwangersein hat mit Revolution zu tun. Denn es fängt neu an. Und zwar ganz anders. Schwangere sind Prophetinnen. Ich finde sehr schön: Das Magnificat ist das Evangelium am 15. August, wenn wir feiern, dass Maria bei ihrem Tod von Gott ins Leben aufgenommen wird. Auch da fängt etwas neu an. Auch das ist revolutionär: Gott stürzt den Tod vom Thron und holt die Toten ins Leben.

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"In jedem Menschen will Gott Mensch werden"

Was sagt Ihnen, was sagt den Menschen heute, die Weihnachtsbotschaft „Gott wird Mensch, Gott ist Menschen geworden“? Wenn Gott sich in all seinen Geschöpfen zeigt, war er dann nicht schon seit es Menschen gibt, Mensch geworden? 

Ja, in unserer Tradition hat man immer Joh 1,14 („Und das Wort ist Fleisch geworden“) gehört mit Ohren, in denen die Schöpfung am Anfang der Bibel wiederklingt: Gott schafft den Menschen als sein Bild (Gen 1,27). Alle Menschen sind berufen, von Anfang an Gott in der Welt zu repräsentieren – das ist ja kein Freibrief, sie auszubeuten, sondern bedeutet eine große Verantwortung. Gott ist geheimnisvoll in seiner ganzen Schöpfung – nicht nur in uns Menschen – gegenwärtig. Diesen uralten Gedanken finde ich wichtig in Zeiten ökologischer Krisen. In jedem Menschen will Gott Mensch werden.

Wir Christen glauben, dass Gott einmal ganz besonders Mensch geworden ist: in Jesus Christus. Der Kolosserbrief greift die Idee von Gen 1,27 (Mensch als Bild Gottes) auf, wenn es heißt: Er (Christus) sei das Bild des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15). 

Gott zeigt sich uns in seiner ganzen Schöpfung und in jedem Menschen – und einzigartig in Jesus Christus. 

In ihm wird sichtbar und anschaulich, verständlich und begreifbar, was Menschwerdung Gottes bedeutet. Weil Menschwerdung nicht nur eine Idee oder ein Ideal ist, sondern etwas ganz Konkretes mit Haut und Haaren und ganz viel Herzblut. Dazu gehört auch das Scheitern am Ende. Aber Gott lässt den Menschgewordenen nicht im Tod hängen, sondern holt ihn zu sich ins Leben. An Jesus Christus zeigt er uns, was auch uns blüht …

Das widerspricht überhaupt nicht der Überzeugung, dass Gott in jeder und jedem von uns Mensch wird. Es gibt Unterschiede zwischen uns und Jesus Christus. Und gleichzeitig: Wir sind zutiefst mit ihm verwandt.

Viele Mütter berichten, dass für sie die Geburt des ersten Kindes eine schöpferische Dimension hatte. Wie denken Sie darüber?

Wenn ein Kind geboren wird, ist das ein Hauch von Ewigkeit – die Zeit steht still, und es ist nichts da außer dem kleinen großen Wunder – nach so viel Mühen … Beim zweiten Kind ist das zwar immer noch ein Wunder, aber – vielleicht kann man sagen: ein schon etwas vertrautes Wunder?! Und trotzdem ganz anders und einmalig. 

Zum Schöpfungswunder der Geburt gehört auch die Erfahrung von Zerbrechlichkeit und Gefährdung – trotz medizinischem Fortschritt. 

Wir erleben, dass nicht alles planbar ist und glatt läuft, wie wir uns das vorstellen. Auch diese Erfahrung hat eine spirituelle Dimension. Wir erleben ein sehr zerbrechliches Wunder.

Mir ist außerdem wichtig: Wir müssen die Geburt nicht überhöhen. Manchmal fällt während des Geburtsprozesses die Entscheidung für eine Kaiserschnitt-Geburt. Für manche Frauen ist das eine Enttäuschung, sie fühlen sich um eine angeblich große Erfahrung gebracht … Ich finde, es gibt so viele verschiedene Geburtswege – selbst Eltern, die Ja zu einem Pflege- oder Adoptivkind sagen, erleben ja in gewisser Weise auch eine Geburt, einen Weg ins Leben. Und der ist immer eine große Erfahrung.

Zum Schwangersein und Gebären – egal auf welchem Weg – gehört das Warten und dass wir uns selber mühen – und auch die Erfahrung, dass wir nichts tun können, dass scheinbar nichts weiter geht und gerade da Großes geschieht. Das gilt für alle Geburtserfahrungen – auch die im übertragenen Sinn. Es gilt sogar bis zuletzt, wenn wir sterben müssen.

Roppelt: Das „Schon“ und „Noch-nicht“ in Advent und Mutterschaft

Frau Prof. Roppelt: Was können Sie als Mutter und Theologin über die spirituellen Dimensionen einer Geburt – besonders der Erstgeburt – sagen? 

Prof. Rowena Roppelt: Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich mein erstes Kind erwartete – meine Tochter, die kurz nach Weihnachten zur Welt kam –, berührt mich an der Adventszeit ganz besonders dieses eigentümliche „Schon“ und „Noch-nicht“, das ich damals so intensiv erlebt habe. 

Das Kind lebte schon – ich spürte ihre Bewegungen, wir haben bereits ihren Namen ausgesucht, und ich hatte längst begonnen, sie zu lieben, obwohl ich ihr Gesicht noch nie gesehen hatte. 

Die Zeit vor der Geburt war voller Vorfreude: Wir bereiteten alles vor, richteten das Kinderzimmer ein, besorgten Kleidung und Kinderwagen. Und zugleich – gerade beim ersten Kind – war diese Zeit begleitet von Fragen, Sorgen und auch Ängsten: Wird alles gut gehen? Wird das Baby gesund sein? Werde ich eine gute Mutter sein? Advent fühlt sich für mich genau so an: eine Mischung aus tiefer Hoffnung, gespannter Erwartung und ganz menschlicher Unsicherheit.

Als Liturgiewissenschaftlerin fasziniert mich an der Adventszeit besonders ihre eschatologische Dimension. Advent bedeutet Warten und sich vorbereiten auf das Kommen des Herrn und damit auf das Hereinbrechen des Reiches Gottes in unsere Welt. In dieser Zeit erfahren wir das „Schon“ und „Noch-nicht“ der christlichen Botschaft auf besondere Weise: Wir erinnern uns an die Geburt Christi, die vor über 2000 Jahren geschehen ist; wir begegnen Gott im Hier und Jetzt; und wir erwarten sein Wiederkommen und die Vollendung der neuen Welt. Durch meine eigene Erfahrung als werdende Mutter, habe ich erst richtig für mich nachvollziehen können, wie adventliches Warten – das schon aber noch nicht – wirklich geht.

Ich würde mir wünschen, dass die Perspektive der werdenden Mutter – diese Spannung aus Freude und Erwartung, aber auch aus Sorge und Sehnsucht – in unseren adventlichen Liturgien stärker zur Geltung kommt, weil ich meine, dass die Erfahrung der werdenden Mutter den eschatologischen Charakter der Adventszeit erleuchtet. 

Ich tue mich oft schwer mit der Vorstellung des Advents als einer Art „zweiter Fastenzeit“. Denn für mich überwiegt die freudige, spannende Hoffnung dieser besonderen Wochen – eine Hoffnung, die dem Warten einer schwangeren Frau tief verwandt ist.

War Maria einsam in ihrem Wissen, dass sie Mutter Gottes werden würde, da vermutlich kaum jemand ihr Erleben nachvollziehen konnte? Was bedeutete es für sie, Vertrauen zu haben, obwohl sie vermutlich nur Ausschnitte dessen verstand, was passieren sollte?

War Maria einsam? Ich glaube nicht. Denn dem Lukasevangelium zufolge suchte sie die Nähe und Unterstützung ihrer Verwandten Elisabet. Sie machte sich auf den Weg zu einer Frau, die – wie sie selbst – etwas Wunderbares und zugleich Unvorstellbares erwartete: die Geburt eines Kindes, das für Elisabet lange ersehnt war.

In Taizé gibt es ein Glasfenster, das die Begegnung zwischen Maria und Elisabet zeigt. Die beiden Frauen begrüßen sich freudig, und selbst die Kinder in ihrem Mutterleib scheinen einander zu begegnen. Diese Szene ist für mich eine Schlüsselszene in der Geschichte Marias. 

Elisabet bestätigt Maria in ihrer Berufung, und daraufhin stimmt Maria ihr kraftvolles, fast kämpferisches Lied an – das Magnificat. 

Gemeinsam schöpfen die beiden Frauen Mut, von einer neuen Welt zu träumen, die Gott verheißen hat und in der Maria eine entscheidende Rolle spielt: als Mutter des Retters.

Sicherlich hat Maria nicht vollständig verstanden, was mit ihr geschah und was auf sie zukommen würde. Aber sie war nicht allein. An der Seite Elisabets fand sie Trost, Bestärkung und Gemeinschaft – und vielleicht genau aus dieser geteilten Erfahrung erwuchs die Kraft, Ja zu sagen zu Gottes Verheißung.

Die Fragen stellte Geraldo Hoffmann

Buchtipp: „Geburt einer Mutter“

Geburt einer Mutter  von Daniel N. Stern und Nadia Bruschweiler-Stern ist ein einfühlsames, tiefgründiges Buch über die psychischen und emotionalen Veränderungen, die eine Frau beim ersten Kind durchlebt. Stern gelingt es auf unnachahmliche Weise, die „Geburt einer Mutter“ als einen Entwicklungsprozess zu schildern, in dem Gefühle, Gedanken und Beziehungen auf den Prüfstand gestellt werden. Das Buch macht deutlich, dass Mutterschaft nicht einfach passiert, sondern sich in einem komplexen Wechselspiel aus Liebe, Verantwortung und Identitätsveränderung entfaltet. Anhand vieler Beispiele und leicht verständlicher Analysen können auch Männer erahnen, wie tiefgreifend diese Veränderungen sind – und wie sie selbst in diesem neuen Familienalltag herausgefordert und bereichert werden. 

Daniel N. Stern war ein international renommierter Psychoanalytiker und Entwicklungspsychologe, der durch seine Arbeiten zur Säuglingsforschung weltweit Anerkennung erlangte. Nadia Bruschweiler-Stern, Kinderärztin und Kinderpsychiaterin, ergänzt das Buch durch ihre langjährige Erfahrung in der Praxis und Forschung, wodurch die Darstellungen besonders fundiert und praxisnah sind. Nach vielen über viele Jahren mit Frauen geführten Gesprächen über ihre Mutterschaft schreiben die Autoren über die Geburt eines Babys (vor allem des ersten): 

“Für die meisten Frauen ist diese Erfahrung so ursprünglich und tiefgreifend, dass sie sie kaum vollständig in ihr Selbst integrieren oder in Worte fassen können. Die Geburt eines Kindes ist eine Geschichte, die nie wirklich ganz erzählt wird, nicht einmal der Mutter selbst, und die deshalb ein nur teilweise bekannter, unverrückbarer Eckstein in der Konstruktion ihrer Lebensgeschichte ist.”

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit