„Schöpfungszeit“: Wie die Welt in sieben Tagen entsteht

Mit der „Schöpfungszeit“ erinnern die christlichen Kirchen an die Schöpfungsverantwortung der Menschen und an die Erzählung von der Erschaffung der Welt. In seinem Buch „Genesis“ liefert der Physiker Guido Tonelli eine moderne Version der Schöpfungserzählung. Eine zentrale Rolle spielt darin ein katholischer Priester, der unser Weltbild grundlegend veränderte.
Blick des ESA-Weltraumteleskops Euclid auf den Pferdekopfnebel.

Der Ökumenische Rat der Kirchen ruft jährlich vom 1. September bis zum 4. Oktober zur „Schöpfungszeit“ auf. In dieser Zeit sollen Christinnen und Christen weltweit besonders für die Schöpfung beten sowie sich mit Umwelt- und Klimafragen auseinandersetzen. Das Leitwort in Deutschland lautet in diesem Jahr: „Hast du erkannt, wie weit die Erde ist?“ (Hiob 38,18, Lutherbibel) – in der Einheitsübersetzung: „Hast du der Erde Weiten überblickt? Sag es, wenn du das alles weißt!“ Damit rückt die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) auch das menschliche Wissen über die Schöpfung in den Fokus. Es geht darum, die Schöpfung zu verstehen und als Konsequenz daraus verantwortungsvoll zu handeln. 

Beim Wort „Schöpfungszeit“ denkt man unweigerlich an die biblische Schöpfungserzählung im Buch Genesis. Demnach erschafft Gott die Welt in sieben Tagen und nennt sie am Ende „sehr gut“. Wer diese Erzählung wörtlich als chronologischen Bericht der Entstehung von Erde und Kosmos liest, greift jedoch zu kurz. Die historisch-kritische Bibelwissenschaft sieht die Zeitangabe als literarisches Stilmittel, als Erzählungsrahmen. So heißt es in der hebräischen Bibel: „Am Tag, da Gott Himmel und Erde machte“ (Gen 2,4). Das hebräische Wort für Tag (Jom) kann im Alten Testament einen unbestimmten Zeitraum, sogar den gesamten Schöpfungsvorgang bedeuten. Das ermöglicht es der Wissenschaft, die Schöpfungstage als lange Zeitalter zu deuten und sie mit naturwissenschaftlichen Befunden zu vereinbaren.

Genau das macht der italienische Physiker Guido Tonelli in seinem Buch „Genesis – Die Geschichte des Universums in sieben Tagen“. Dafür blickt er weit über die Erde hinaus, tief in den Ursprung des Kosmos. In Anlehnung an die biblische Erzählung, unterteilt er sein Buch in sieben Schöpfungstage. Dabei haben seine „Tage“ nichts mit unserem 24-Stunden-Tag zu tun, sondern sind von sehr unterschiedlicher Dauer: von einem kaum messbaren Sekundenbruchteil bis zu unvorstellbaren Milliarden von Jahren.

Ein Priester erkennt den Anfang

„Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“, heißt es in der Bibel. Tonellis physikalische Schöpfungserzählung beginnt anders: „Im Anfang war das Vakuum.“ Damit wäre auch schon die schwierigste aller Fragen geklärt: Was war vor dem Urknall? Eine Frage, die der Autor sinnlos findet, denn für ihn gibt es kein „Davor“, keine Uhr, die außerhalb des Universums tickt, das noch entstehen muss. Seine Erzählung der Ursprünge basiert auf der Urknalltheorie. Demnach begann das Universum vor etwa 13,8 Milliarden Jahren aus einem heißen, dichten Zustand heraus, sich explosionsartig auszudehnen. Seitdem dehnt es sich kontinuierlich aus und kühlt ab, wodurch im Laufe der Zeit Materie, Sterne, Galaxien und letztlich alle heute beobachtbaren Strukturen des Kosmos entstanden.

Noch bis Anfang des vergangenen Jahrhunderts, erzählt Tonelli, gingen die klügsten Köpfe der Wissenschaftsgeschichte – darunter Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie – davon aus, dass das Universum ein in sich insgesamt gleichbleibendes, harmonisches und geordnetes System sei. Ausgerechnet ein junger katholischer Priester aus Belgien habe mit einer „genialen Eingebung“ dieses Bild radikal verändert: Georges Lemaître (1894-1966). Er war nicht nur ein Mann des Glaubens, sondern auch ein brillanter Astrophysiker. In seinem 33. Lebensjahr leitet er 1927 als einer der Ersten mathematisch aus der Allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins ab, dass sich das Universum ausdehnt. Selbst Einstein konnte sich das nicht vorstellen und fand die Idee des Priesters „schrecklich“.

Lemaître beschrieb die Entstehung des Kosmos als einen Prozess, der vor zehn bis zwanzig Milliarden Jahren erfolgt sein sollte, beginnend mit dem Urzustand, den er „Uratom“ nannte. Seine neue kosmologische Hypothese stieß auf viel Skepsis. Laut Tonelli weigerten sich nicht wenige maßgebliche Forscher, die Vorstellung eines „Anfangs“ der Raumzeit, einer „Geburt“ des Universums zu akzeptieren: „Sie ähnelte stark der biblischen Genesis und einer Schöpfungsgeschichte, wie sie verschiedene Religionen verfochten. Und zu allem Überfluss war die neue Theorie erstmals von einem forschenden Priester vertreten worden, noch dazu von einem römisch-katholischen.“ 

Kritiker behaupteten, Lemaître suche eine wissenschaftliche Bestätigung für die „creatio ex nihilo“, die Schöpfung aus dem Nichts, wie sie die Kirche lehrt. Dagegen betonte er immer wieder: 

Die Vorstellung eines Anfangs in der Zeit ist nicht identisch mit dem ersten Tag der Genesis“. 

Das erzählte der frühere Direktor der Vatikanischen Sternwarte, Guy Consolmagno, als er ihn 2024 als „Begründer der Urknalltheorie“ würdigte. Zu den schärfsten Gegnern dieser Idee gehörte der britische Astronom und Mathematiker Fred Hoyle (1915-2002), der sie 1949 abwertend als „Big Bang-Theorie“ bezeichnete und damit ungewollt zu ihrem Erfolg beitrug. Auch das ist eine Ironie des Schicksals, so Tonelli. Mit seiner Intuition, bestätigt durch Messungen von Edward Hubble (1889-1953), dem Namensgeber des „Hubble“-Weltraumteleskops, habe Lemaître die Grundlagen für das neue Weltbild gelegt. 

Die sieben Schöpfungstage

Die jüdisch-christliche Vorstellung der Schöpfung aus dem Nichts, „ex nihilo“, lässt viele Menschen glauben, Vakuum sei gleichbedeutend mit „Nichts“. Doch das Vakuum, von dem Tonelli in seinem Buch spricht, ist ein bestimmtes materielles System, in dem Materie und Energie gleich null sind – kein echtes Nichts.

Am ersten Tag bringt eine „Quantenfluktuation“ aus diesem Vakuum – also eine kurze, zufällige Energieänderung an einem Punkt im Raum – das „erste Wunder“ hervor: ein ganzes Universum. „Ein plötzlicher, unaufhaltsamer Hauch lässt es über jedes Maß anschwellen“, erzählt Tonelli. Nach nur einem Sekundenbruchteil enthält der entstandene Kosmos bereits alles Nötige, um sich in den folgenden 13,8 Milliarden Jahren weiterzuentwickeln.

Am zweiten Tag sorgt das Higgs-Boson, jenes Elementarteilchen, das anderen Teilchen ihre Masse verleiht, für Vielfalt im jungen Universum. „Die sanfte Berührung eines Bosons ändert für immer alles“, schreibt Tonelli. Ohne diese Berührung wäre es „ein steriles Universum geblieben, ... trostlos, namenlos und desolat“.

Am dritten Tag vollzieht sich „Die Geburt der Unsterblichen“. Das Universum hat nach nur drei Minuten schon einen Durchmesser von 100 Milliarden Kilometern erreicht. Es entstehen erste stabile Bausteine: Protonen, Neutronen und „Atom-Urkerne“. Tonelli nennt es „den Uranfang einer beständigen materieller Welt“. Doch der Kosmos ist noch undurchsichtig, erfüllt von dunklem Nebel.

Am vierten Tag beginnt das „Zeitalter der Materie“: Es ist der Punkt, an dem sich die Bedingungen so abkühlen, dass stabile Atome entstehen. Photonen, die Lichtteilchen, können sich nun frei bewegen und kollidieren ständig mit frei herumwirbelnden geladenen Teilchen. „Kurzum, genauso so, wie es die Bibel erzählt, wurde am Ende Licht. […] Das Universum ist nun durchsichtig und wird von Licht durchflutet“, so Tonelli. 380.000 Jahre sind seit dem Urknall vergangen.

Am fünften Tag versinkt der Kosmos zunächst wieder in Finsternis. Durch seine Ausdehnung erlischt der Lichtschein des Vortags. Doch dann, 200 Millionen Jahre nach dem Urknall, erstrahlt der erste Stern. In der Folgezeit kommen unzählige dazu und noch ehe das Universum seinen milliardsten Geburtstag feiert, gewinnt das Licht endgültig die Oberhand.

Am sechsten Tag entstehen Galaxien und gewaltige Galaxienhaufen, mitunter durch kosmische Kollisionen. „Das Chaos hat sich als Ordnung verkleidet“, schreibt Tonelli. Diese Ordnung wiege uns in Sicherheit vor dem unausweichlichen Sturz „in einen schrecklichen Schlund“, ein Schwarzes Loch. Die Zeiträume, in denen sich solche Katastrophen abspielen, seien jedoch nach den Maßstäben der Menschheit „schier endlos lang“, beruhigt er.

Über neun Milliarden Jahre nach dem Urknall bricht schließlich der siebte Tag an: „Plötzlich leuchtet die Sonne auf, und kleine Gasplaneten entstehen“, berichtet Tonelli. Langsam formen sich anschließend auch die Gesteinsplaneten, darunter die Erde. Rund eine weitere Milliarde Jahre später entstehen erste Lebensformen auf der Erde, die sich immer weiterentwickeln und komplexer werden – bis hin zum Menschen. Der siebte Tag und Tonellis Schöpfungserzählung enden 13,8 Milliarden Jahre nach dem Urknall.

„Woher kommt das alles?“

Tonelli, ein anerkannter Teilchenphysiker, der 2012 an der Entdeckung des Higgs-Bosons beteiligt war, ist ein begnadeter Erzähler. Immer wieder greift er in seinem Buch Sagen, Mythen, Kunstwerke und Filme auf, um das trockene Wissen der Physik bildhaft zu vermitteln und an verschiedene kollektive Vorstellungswelten zu erinnern. Das macht aus seinem Werk weit mehr als ein klassisches Physikbuch. Es regt zum Staunen und Nachdenken an. Alles rührt aus seiner Sicht von einer einfachen Frage her: „Woher kommt das alles?“ 

Keine Kultur könne existieren ohne eine Erzählung von den Ursprüngen.

Vermutlich, schreibt er, hatten schon unsere entferntesten Vorfahren, die in Höhlen lebten, eine auf Symbolen beruhende Vorstellung vom Anfang der Welt. Diese Erzählung setze sich bis heute durch das wissenschaftliche Wort fort. Die Erzählung, die die Wissenschaft vom Ursprung des Universums liefere, präge schon jetzt unser Leben und verändere die Fundamente, auf denen wir neue Gesellschaftsverträge schließen: „Sie eröffnet unerhörte Szenarien von Chancen und Risiken und bestimmt die Zukunft künftiger Generationen mit.“

Damit spannt er am Ende einen Bogen zur Bibel und erzählt die Genesis seines Buches. 2018 spricht er über die Ursprünge des Universums auf einer Tagung in Modica, einer Kleinstadt in Sizilien. Nach ihm redet ein Theologe, der viele Jahre in Jerusalem gelebt und eine Neuübersetzung des Buches Genesis besorgt hat. Er beleuchtet den Hintergrund der biblischen Texte, die etwa im 6. Jahrhundert vor Christus entstanden sind. Konfrontiert mit einer Kultur des geschriebenen Wortes im babylonischen Exil, hätten die hebräischen Gelehrten die Erzählung der Ursprünge des jüdischen Volkes erstmals verschriftlicht. „Im Augenblick größter Verzweiflung setzen sie auf eine Schrift, in der ihre Identität, ihre tiefsten Wurzeln festgehalten sind. Dem heiligen Buch vertrauen sie die Hoffnung an, über die Serie erlittener Schicksalsschläge hinwegzukommen: Indem sie die Entstehung der Welt erzählen, suchen sie ihre Zukunft“, kommentiert Tonelli. Aus den Anregungen dieser Tagung sei bei ihm die Idee entstanden, das Buch zu schreiben und es „Genesis“ zu nennen: „Damit alle an der großen Erzählung der Ursprünge, die uns die moderne Wissenschaft liefert, teilhaben können, unsere tiefsten Wurzeln verstehen und Anstöße finden, um uns der Zukunft zu stellen.“

Text: Geraldo Hoffmann

Buchtipp

Tonelli, Guido: Genesis – Die Geschichte des Universums in sieben Tagen. Verlag: C.H. Beck, 2026. Preis: 16 Euro, ISBN: 978-3-406-84175-0

Mehr zum Thema:

Astrophysiker Andreas Burkert: „Das Wort Gottes in der Schöpfungsgeschichte entspricht dem Urknall“

 „Urknall und Sternenstaub“: Buch und Konzert zu Glauben und Verstehen

Materialien zur “Schöpfungszeit” und zum Erntedankfest

Diözesaner Schöpfungstag am 27. September in Plankstetten

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit