Kaum ein Buch schätzt die schöpferische Kraft der Sprache so hoch ein wie die Bibel. „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist“, heißt es im Johannesevangelium. Auch Paulus von Tarsus unterstreicht im ersten Brief an die Korinther die Bedeutung der Sprache: „Es gibt wer weiß wie viele Sprachen in der Welt und nichts ist ohne Sprache.“ Die Stelle lässt sich so verstehen: Alles Seiende trägt Ausdruck in sich, nichts ist völlig „sprachlos“.
Mit dieser existenziellen Dimension der Sprache befasst sich Roberto Simanowski in seinem Buch „Sprachmaschinen – Eine Philosophie der Künstlichen Intelligenz“. Der Kulturwissenschaftler und Medienphilosoph fragt: „Was geschieht, wenn wir uns von einer Sprachmaschine die Welt erklären, Werte vermitteln und uns das Denken abnehmen lassen?“ Dabei zieht er Parallelen zum Sprachwunder der Pfingsterzählung: Die Jüngerinnen und Jünger Jesu waren am Tag des Pfingstfestes zusammen, als plötzlich ein starkes Brausen vom Himmel kam. Feuerzungen erschienen über ihnen, und sie wurden vom Heiligen Geist erfüllt. Danach konnten sie in verschiedenen Sprachen sprechen, sodass Menschen aus vielen Ländern sie jeweils in ihrer eigenen Sprache verstanden. Heute übersetzen Apps unsere Worte in Echtzeit über Sprachgrenzen hinweg, sodass sie beim Gegenüber in seiner Muttersprache ankommen. „Das Pfingstwunder gehört mittlerweile zur technischen Grundausstattung unserer digitalen Kommunikation“, stellt Simanowski fest.
Eine „universelle Sprache“
Für ihn beginnt die Geschichte jedoch nicht erst an Pfingsten, sondern bereits im Buch Genesis – mit der Erzählung vom Turmbau zu Babel. Vom Vorhaben der Menschen, einen Turm bis zum Himmel zu bauen, ist Gott keineswegs begeistert. Da sie eine gemeinsame Sprache haben, sieht er keine Grenzen mehr für ihr Handeln. Deshalb verwirrt er ihre Sprache, sodass sie einander nicht mehr verstehen und das Bauvorhaben scheitert. Simanowski deutet dieses Eingreifen als „reine Selbstverteidigung eines überraschten, wenn nicht geschockten Gottes angesichts der Hybris seiner Schöpfung“. So zerstreuen sich die Völker über die Erde und wachsen in ihre jeweiligen Sprachhäuser hinein. „Bis sie eine neue universale Sprache erfanden: den Computercode“, so Simanowski. Mit ihm scheint der Mensch heute das zu korrigieren, was sein erstes technisches Großprojekt einst ausgelöst hatte. „Nur Gott weiß, was er von dieser neuerlichen Hybris des Menschen hält.“
Das Verstehen über Sprachgrenzen hinweg ist für Simanowski nur die technische Seite des Pfingstwunders. Die kulturelle Seite besteht darin, dass alle dieselbe Predigt hörten:
Das Pfingstwunder versammelt alle unter dem Dach des einen Gottes, vermittelt allen die gleiche Botschaft von Jesus Christus, auf den sich damals der Überlieferung nach 3.000 Menschen taufen ließen, was als Geburtsstunde der christlichen Kirche gilt.“
Genau hier beginnt die eigentliche Brisanz seines Buches. Denn wenn Sprachmaschinen heute weltweit übersetzen, antworten, erklären und deuten, stellen sie nicht nur Kommunikation her. Sie prägen auch, was wie verstanden wird. Daher liegt die Frage nahe: „Kann eine App auch die kulturelle Vereinigung des Pfingstwunders wiederholen?“
Simanowskis Antwort ist beunruhigend: „Im Prinzip ja.“ Wer seinen Lieblings-Chatbot befragt, werde in vielen Fällen eine ähnliche Antwort erhalten wie sein Nachbar. Die Maschine übersetzt also nicht nur Sprache. Sie vereinheitlicht Perspektiven. Sie erzeugt eine neue Form globaler Verständigung, aber auch eine neue Form von globalen Normen. „Der Heilige Geist der Maschine wird ausgeschüttet über alle, ganz gleich welcher sprachlichen, kulturellen oder nationalen Herkunft. Wie damals zu Pfingsten in Jerusalem“, schreibt Simanowski. Wissenschaftliche Studien zeigten, dass es ein sehr progressiver Geist sei, weltanschaulich liberal eingestellt, ähnlich wie die Mehrheit der IT-Experten im Silicon Valley, wo die „heiligen Texte“ der Chatbots geschrieben werden.