Der Brückenschlag von der Theologie zu Literatur und Poesie ist eine große Leidenschaft von Erich Garhammer. Der frühere Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an den Katholisch-Theologischen Fakultäten in Paderborn (1991 bis 2000) und Würzburg (2000 bis 2017) hat dazu ein Buch geschrieben: „Spitz-fündig – Plädoyer für einen poetischen Glauben“. Im Interview spricht er darüber, wie Literatur und Theologie sich gegenseitig bereichern und ihren jeweiligen Blick erweitern.
Herr Garhammer, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Verbindung von Poesie und Glaube. Was macht einen poetischen Glauben aus?
Erich Garhammer: Der poetische Glaube weicht der Frage „Was ist der Mensch“ nicht kleinlaut aus, thematisiert Tod und Sterben als mitgehende Menschheitsfrage, sucht nach einer Sprache für das, was die Theologie Auferstehung nennt. Er benennt die Stille als ein Sehnsuchtsthema, hat Augen für die Schönheit trotz aller Abgründe der Wirklichkeit, entwickelt eine angemessene Sprache für das Nichtwissen, versteht Literatur als Mut zum Widerstand und entdeckt ihre therapeutische Dimension.
Ihr Anliegen ist es, eine Sprachheimat für Zweifelnde und Glaubende zu bieten. Kann die Frohe Botschaft mehr Menschen begeistern, wenn sie mit Literatur in Dialog tritt?
Papst Franziskus hat in seinem Brief „Über die Bedeutung der Literatur“ eine Steilvorlage für diese Frage geliefert. Literatur befreit seiner Meinung nach aus einer Haltung des Fundamentalismus und vertieft die Polyphonie, die Vielstimmigkeit der Offenbarung. Sie bringt den Reichtum des Evangeliums neu, frisch und unverbraucht zum Ausdruck. In den Augen von Papst Franziskus besteht das Problem des Glaubens heute nicht darin, dass die Menschen nicht mehr an die Lehrsätze der Kirche glauben wollen, sondern dass sie das Staunen verlernt haben, die Fähigkeit, sich von der Schöpfung anrühren zu lassen. Für dieses Staunen braucht es allerdings eine Sprache. Eine Sprache, die poetisch ist.
Die Bibel inspiriert nach wie vor Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Woher kommt diese Faszination?
Der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat es einmal unübertroffen so ausgedrückt: Die Bibel ist eine Menschheitsbibliothek. Das eine Wort artikuliert sich hier in sehr vielen Stimmen, die manchmal harmonieren, sich manchmal widersprechen bis zur grellen Dissonanz. Und die einander auch ins Wort fallen und einander den Platz streitig machen. Immer erzählt sich die eine Geschichte in mindestens zwei Geschichten. Man denke nur an die beiden Schöpfungsberichte. Und dass das eine Evangelium in vier Evangelien erscheint, ist für Christen so selbstverständlich geworden, dass sie vergessen haben, wie verblüffend es sein könnte, das schöne Skandalon einer heiligen Polyphonie neu zu entdecken. Insofern: Diese Vielstimmigkeit fasziniert gerade die Literaten.
Die Psalmen spielen dabei eine wichtige Rolle. Warum?
Die Psalmen spielen eine wichtige Rolle in ihrer bis heute spürbaren Bewältigung von Angst und Trauer, aber auch in ihrer Expression von Freude und Hoffnung. Der im Iran geborene Poet SAID hat für sich die Psalmen als eine eigene Sprachform entdeckt. Er schreibt nicht als ein konfessionell Glaubender, sondern er spricht Gott an mit seinen Gefühlen, Regungen und Fragen. Er will diesen Gott schützen gegen alle Gott-Besitzer, gegen die Faktisten, wie er sie nennt, die positivistisch über Gott reden. Er will beides sein: Suchender und Gesuchter. Denn nur Suchende sehen und nur Gesuchte finden. Der in Ostdeutschland geborene Literat und Lyriker Uwe Kolbe hat ebenfalls zu den Psalmen gefunden im Ton des Zweiflers, des Skeptikers, wie er sich selbst bezeichnet. Für Kolbe wird jedes Gedicht seitdem ein Psalm. Denn das Lied ohne Gott ist für ihn tonlos geworden, es langweilt sich bei sich selbst. Dem Lied ohne Gott fehlt Gott.
Sie sehen die biblischen Geschichten als „nicht abgeschlossen“. Warum fühlt sich das in der religiösen Praxis oft ganz anders an? Warum wirkt die Bibel in der Kirche oft kalt?
Ich habe gerade das Buch von Siri Hustvedt „Ghost Stories“ gelesen. Sie war 43 Jahre lang mit dem weltberühmten Autor Paul Auster verheiratet, der vor zwei Jahren gestorben ist. Das Buch ist eine Auskunft über das gemeinsame Leben, aber auch über den Prozess des Trauerns und den Verlust. Und sie schreibt darin eine Passage über das Buch Hiob. Das Buch Hiob ist ihr viel zu positiv. Den Ausgang kann sie nicht glauben. Hier sieht man, dass eine Literatin genau den Text, der am meisten offen ist in der Bibel als geschlossen interpretiert. Weil sie ihn so gedeutet bekam! Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, die Offenheit der biblischen Geschichten, ihre Offenheit auf die Lebensgeschichte der Menschen hin immer wieder neu anzubieten. Das ist Schwerstarbeit, das kann man nicht mit Formeln machen, sondern es braucht eine Sprache, die berührt und anspricht.
Sie zeigen, wie Literatur einerseits die Theologie befruchten und andererseits theologische Themen aufgreifen kann. Was ist Ihr Lieblingsbeispiel aus Ihrem Buch für den jeweiligen Ansatz?