Eichstätt. (pde) - Sie erblickten am selben Tag das Licht der Welt, dem 5. April 1991. Der eine in Ingolstadt, der andere im mehr als 2000 Kilometer entfernten Moskau. Nichts deutete darauf hin, dass sich ihre Lebenswege einmal kreuzen würden. Und doch werden Christoph Scharnagl und Nikolai Losev nun am selben Tag gemeinsam zu Priestern der Diözese Eichstätt geweiht, zusammen mit einem weiteren Kandidaten, dem 28-jährigen Jonas Reißmann. Über Wege, Umwege, Fügungen und den Ruf, dem sie gefolgt sind, erzählen die drei kurz vor ihrer Priesterweihe. Diese wird ihnen Weihbischof Adolf Bittschi Mayer am 25. April um 9.30 Uhr im Eichstätter Dom spenden. Bittschi hatte die drei im vergangenen Sommer, als sich das Bistum bereits in der Sedisvakanz befand, auch zu Diakonen geweiht. Den aus dem Bistum Eichstätt stammenden und mittlerweile emeritierten Weihbischof in Sucre (Bolivien) „kennen wir von seinen Besuchen im Seminar“, berichtet Scharnagl. „Wir freuen uns auf ihn“, bekräftigt Reißmann.
Nikolai Losev, Jonas Reißmann und Sebastian Scharnagl werden am 25. April zu Priestern der Diözese Eichstätt geweiht
Jonas Reißmann
Jonas Reißmann wurde von Bittschi bereits gefirmt. Er war damals längst Ministrant in seiner Heimatpfarrei Roth, wo er immer neue Aufgaben übernahm: Oberministrant, Gruppenleiter in der katholischen Jugend, Organisator der Sternsingeraktion. Er kam ins Gespräch mit den Kaplänen, die der Ausbildungspfarrei Roth zugeteilt wurden, bekam mehr als einmal die Frage gestellt, ob er sich nicht auch diesen Weg vorstellen könnte. Unterdessen wurde Reißmann auch auf Dekanatsebene aktiv, engagierte sich zum Beispiel in der Gruppenleiterausbildung. „Die Jugendstelle Schwabach hat mich geprägt“, stellt er fest, „dort bin ich groß geworden“. Die katholische Jugendarbeit vertrat er darüber hinaus in der Vorstandschaft des Kreisjugendrings Roth. Aber auch in bistumsweite Projekte wuchs er hinein, arbeitete im „You-Orientierungsjahr“ in Eichstätt mit, war Mitorganisator von Veranstaltungen im Bereich Neuevangelisierung und fuhr natürlich mit zu Weltjugendtagen. Als frischgebackener Abiturient war er beim WJT in Krakau dabei, um anschließend an der TH Nürnberg ein Energie- und Gebäudetechnik-Studium zu beginnen. Schon damals, das weiß er im Nachhinein, hätte es auf Theologie hinauslaufen können. Aber, erzählt er offen, „davor hatte ich ein bisschen Bammel“. Nicht zuletzt, weil er sich im Freundeskreis hätte erklären müssen. „Da war Technik der klarere Weg. Das Studium hat auch wirklich Spaß gemacht. Aber mit der Perspektive war ich nicht glücklich“. Nach zwei Jahren nahm Plan B seinen Lauf: Reißmann schrieb sich an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zunächst für den Studiengang Religionspädagogik/kirchliche Bildungsarbeit ein, um wenige Monate später Priesteramtskandidat für die Diözese Eichstätt zu werden und an der Uni auf Theologie zu wechseln. „Die Entscheidung, ins Seminar zu gehen, hat viel Mut gekostet“, blickt er zurück. „Jetzt macht er’s doch endlich“, habe es hingegen bei einigen im Bekannten- und Freundeskreis geheißen. Fragt man ihn nach dem entscheidenden, zündenden Funken, der zum Entschluss führte, dann nennt er nach kurzem Überlegen ein Besinnungswochenende in Velburg, bei dem Bibelverse gezogen werden konnten. Seiner lautete: „Befiehl dem Herrn deinen Weg, vertrau ihm - er wird es fügen“. Dieser Psalm 37,5 wird nun auch sein Primizspruch. Um die Primizpredigt hat er Pfarrer Sebastian Stanclik gebeten. Nicht nur, weil Reißmann gerade als Diakon im Pfarrverband Communio Ingolstadt-West eingesetzt ist und Stanclik dort sein Chef ist, sondern weil die beiden sich schon lange aus der Jugendarbeit kennen und gemeinsam beim diözesanen Jugend-Pfingstfestival aktiv sind. Sinn im Leben zu finden, „da suchen Jugendliche gerade sehr stark“, begründet Reißmann, warum er hier einen beruflichen Schwerpunkt sieht. Aber auch ganz generell wolle er dazu beitragen „Menschen in Beziehung mit Gott zu bringen, sie dabei zu begleiten, den Glauben zu entdecken“.
Sebastian Scharnagl
Manche Kinder möchten Lokomotivführer oder Astronaut werden. Sebastian Scharnagls Wunschberuf dagegen lautete schon in der Grundschule: Priester. Kaum erwachsen, engagierte er sich bereits ehrenamtlich in der Kirche und wurde Pfarrgemeinderat seiner Heimatpfarrei St. Canisius in Ingolstadt. Im diözesanen Amt für Kirchenmusik absolvierte er die Kirchenmusikprüfung D und umrahmte als Organist Gottesdienste im Raum Ingolstadt oder auch in der Benediktinerabtei Scheyern, wo er seit 2014 Vertretungsorganist ist. Nur beruflich war er zwischenzeitlich auf eine andere Schiene abgebogen: Nach der mittleren Reife und einem Dreivierteljahr ehrenamtlicher Mitarbeit in der Caritas-Tagespflege Ingolstadt-Ringsee machte er eine Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation beim Ingolstädter Förderkreis für Integrierte Erziehung. Es folgten drei Jahre an der BOS Ingolstadt, die ihm ein fachgebundenes Studium ermöglichten. Er entschied sich für das Lehramt an Mittelschulen und schrieb sich an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ein. Mit dem Schwerpunktfach katholische Religion kam er seinem eigentlichen Berufswunsch, der sich nun wieder nach vorne drängte, schon ein Stück näher und nach dem ersten Staatsexamen war der Weg frei zur Volltheologie und ins Priesterseminar. An sämtlichen Stationen „habe ich Erfahrungen gemacht, die mich geprägt haben“, meint er. „Tatsächlich würde ich diesen Weg wieder so gehen“. Gerade die Erfahrungen aus dem Lehramtsstudium erfährt er jetzt, wo er Diakon im Pfarrverband Berching ist, im Religionsunterricht als hilfreich. Gut gefällt ihm auch die Seelsorge in der örtlichen Rehaklinik. Wer ihn nicht kennt, hat vielleicht in der Fastenzeit zumindest seine Stimme gehört: Beim traditionellen Ölbergspiel übernahm Scharnagl, dessen Primizprediger Pater Lukas Wirth vom Kloster Scheyern sein wird, den Part des Christussängers.
Nikolai Losev
„Moskau (Russische Föderation)“ gibt Nikolai Losev in seinem Steckbrief als Geburtsort an. Die alte Sowjetunion war in dem Jahr, in dem er zur Welt kam, zerfallen. In der Atmosphäre von Glasnost und Neuaufbruch ließen ihn seine Eltern orthodox taufen und zugleich firmen, obwohl sie selbst nicht kirchlich sozialisiert waren. Bewegende Bilder aus Rom waren es, die dann bei Teenager Nikolai das Interesse am römisch-katholischen Glauben weckten: Die Beisetzung von Papst Johannes Paul II. am 8. April 2005. Es war auch der Beginn der social-media-Ära, Nikolai suchte gezielt nach immer neuen Informationen, „damit begann meine katholische Geschichte“. Und das, obwohl es in seiner Heimatstadt Voskresensk (Großraum Moskau) weit und breit keine katholische Kirche gab. Dass er nach der Schule ein Psychologiestudium begann, sei vor allem der Wunsch seiner mittlerweile verstorbenen Eltern gewesen, berichtet Losev. Die Familie zog dafür nach Moskau, wo Nikolai einen Katechesekurs an der katholischen Kathedrale begann, heimlich, „ein Jahr lang, jeden Mittwoch eine Stunde“. Er trat in die katholische Kirche ein, wurde Ministrant an der Kathedrale, dann Oberministrant, zog von daheim aus und ins Franziskanerkloster, weil seine Familie nicht einverstanden war mit seinem Weg. Für seinen Lebensunterhalt musste er allein aufkommen und arbeitete deshalb parallel zum Studium an der Uni auch als Eventmanager in Restaurants und Clubs. Als er sein Diplom in Psychologie hatte und seinen Priesterwunsch offenbarte, vermittelte ihn der Erzbischof von Moskau zum Vorbereitungskurs („Propädeutikum“) nach Novosibirsk. Dass er es dort nur sechs Monate aushielt und nach Moskau zurückkehrte, begründet Losev mit dem schwierigen Gemeinschaftsleben im Seminar und gesundheitlichen Gründen. Doch bald erfasste ihn wieder Unruhe „in Bezug auf meine Berufung“. Über kirchliche Kontakte kam er schließlich in Verbindung mit einem Priester in Berlin-Teltow. „Er hatte zuvor in Russland gearbeitet und verstand meine Schwierigkeiten sehr gut. Daraufhin lud er mich ein, nach Deutschland zu kommen, um gemeinsam mit ihm nach einer passenden Diözese für mich zu suchen“. Er erinnerte sich an eine Teilnehmerin aus dem Katechesekurs in Moskau, die inzwischen an einer katholischen Universität in einer bayerischen Kleinstadt studierte. So nahm er zum Eichstätter Priesterseminar Kontakt auf. Mit Blick auf die vielen russlanddeutschen Katholiken im Bistum „fanden die mich passend“, berichtet Losev. „Und ich dachte mir: ich versuch‘ es!“. Nach dem Sprachkurs begann er mit dem Theologiestudium, das er zunächst in Eichstätt und dann an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. im österreichischen Heiligenkreuz absolvierte. Als Diakon arbeitet er derzeit im Nürnberger Pastoralraum Langwasser-Ludwigskanal. Im großstädtischen Raum fühlt er sich zu Hause, er interessiert sich für Kultur, Theater, Oper. „Dort ist mein Ort“, bekräftigt der 34-Jährige, der in seinem jetzigen Einsatzort auch Primiz feiern wird. 2000 Kilometer weg von seiner alten Heimat, die nicht entfernter sein könnte als gerade in diesen Tagen.
Priesterweihe am 25. April in Eichstätt
Den drei Diakonen spendet Weihbischof Adolf Bittschi Mayer am Samstag, 25. April, im Eichstätter Dom durch Handauflegung und Gebet die Priesterweihe. Die feierliche Weiheliturgie beginnt um 9.30 Uhr und wird live unter www.bistum-eichstaett.de/live übertragen. Der Domchor unter Leitung von Domkapellmeister und Diözesanmusikdirektor Manfred Faig gestaltet die Feier musikalisch. An der Orgel sitzt der Ehren-Musikpräfekt des Priesterseminars, Rudolf Pscherer.
Die Weihekandidaten Jonas Reißmann (28) aus Roth, Sebastian Scharnagl (35) aus Ingolstadt und Nikolai Losev (35) aus Moskau begehen am 26. April ihre Primiz, jeweils um 10 Uhr. Jonas Reißmann (Primizspruch: Ps 37,5 „Befiehl dem Herrn deinen Weg, vertrau ihm – er wird es fügen.“) feiert an der Realschule in Roth, sein Primizprediger ist Pfarrer Sebastian Stanclik aus Ingolstadt. Sebastian Scharnagl (Primizspruch: Gen 12,2 „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“) begeht seine Primiz in der Pfarrkirche St. Canisius in Ingolstadt-Ringsee. Die Primizpredigt hält Pater Lukas Wirth aus der Benediktinerabtei Scheyern. Die Primiz von Nikolai Losev (Primizspruch: Sprüche 3:5 „Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit“) findet in der Kirche Heiligste Dreifaltigkeit in Nürnberg-Langwasser statt. Primizprediger ist Pfarrer Anton Heinz aus Pressig/Oberfranken. Eine Nachprimiz mit Sebastian Scharnagl findet am Samstag, 9. Mai um 16 Uhr in der Europahalle Berching statt. Jonas Reißmann feiert Nachprimiz am Sonntag, 10. Mai (10 Uhr) in Ingolstadt-Friedrichshofen/St. Christophorus.
Die Priesterweihe im Bistum Eichstätt findet immer am Samstag vor dem vierten Sonntag der Osterzeit, dem Weltgebetstag für geistliche Berufe, statt. Im Rahmen ihrer Ausbildung absolvieren die zukünftigen Priester der Diözese nach ihrem Theologiestudium eine dreijährige Berufseinführungsphase, während der sie bereits in Pfarreien in Seelsorge und Schule tätig sind. Die begleitenden Ausbildungs- und Reflexions-Module werden seit 2024 in Kooperation der Bistümer Bamberg, Eichstätt, Speyer und Würzburg auf Metropolie-Ebene und berufsgruppenübergreifend (Gemeindeassistent/-innen, Pastoralassistent/-innen, Priester) organisiert. In diese drei Jahre fallen auch Diakonen- und Priesterweihe. In den Pfarreien, in denen Reißmann, Scharnagl und Losev aktuell eingesetzt sind, werden sie nach ihrer Priesterweihe noch ein ganzes Jahr mitarbeiten.