Nachthimmel, die Weisen aus dem Morgenland und ein „singender Stern“

Mit dem Stern von Bethlehem sind die Sternsingerinnen und Sternsinger wieder im Bistum unterwegs. Sie führen eine Glaubenstradition fort, die den Blick auf Notleidende und zum Himmel richtet. Raoul Schrott zeigt in seinem „Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit“, dass Sterne den Menschen einst nicht nur Orientierung gaben, sondern ihren Glauben und ihr Weltbild prägten.
Stersingerinnen und Sternsinger mit einem Stern aus Holz im Eichstätter Dom.

„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten“, erzählt die Bibel. Caspar, Melchior und Balthasar erblickten den Stern im Morgenland und folgten ihm nach Bethlehem, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen: Jesus von Nazareth. Es war – wie sich später zeigte – kein gewöhnlicher „Stern“, der da aufging. Seine Lehre von Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sollte die Geschichte der Menschheit nachhaltig verändern. Bis heute klingt sie nach, wenn in diesen Tagen Sternsingerinnen und Sternsinger durch die Straßen ziehen, Segen bringen und Spenden für notleidende Kinder sammeln.

Was genau die Weisen vor mehr als 2000 Jahren am Firmament gesehen haben – einen Kometen, eine seltene Konstellation von Jupiter und Saturn oder die Explosion einer Supernova –, darüber rätselt die Wissenschaft bis heute. Unstrittig ist jedoch: Die Nutzung der Himmelszeichen als Navigationssystem war damals keineswegs ungewöhnlich. Lange bevor es Satelliten gab, dienten Sterne den Menschen nicht nur zur Orientierung, sondern standen in enger Verbindung mit Leben, Glauben und Weltdeutung.

Sternenhimmel und Schöpfungsmythen

Das dokumentiert der österreichische Autor Raoul Schrott eindrucksvoll in seinem monumentalen Werk „Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit“. Darin beschreibt er, wie Kulturen weltweit ihre ältesten Kunstwerke am Himmel entwarfen: „eine Szenerie von Figuren, die für die jeweilige ethische und ethnische Gemeinschaft ebenso zentral waren wie das Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle für das Christentum“.

In dem knapp 1300 Seiten starken Buch (4,5 Kilogramm schwer in der Druckversion) versammelt Schrott 17 Sternenhimmel aus allen Kontinenten: von den alten Ägyptern bis zu den australischen Aborigines, aus China, Indien und Tahiti, von Inuit, Inkas, Buschleuten und Tuareg. Er vergleicht sie miteinander, zeigt Übereinstimmungen und Unterschiede. So war das heutige Sternbild des Großen Wagens für die Maya ein göttlicher Papagei, für die Inka der einbeinige Gott des Gewitters, für die Inuit ein Elch, für die Araber eine Totenbahre.

Schrotts Dokumentation zeigt: Nicht nur Sternbilder ähneln einander, sondern auch die zugehörigen „Kosmogonien“, also Entstehungserzählungen des Kosmos. Sie folgen weltweit ähnlichen Grundmustern, sowohl bei der Entstehung der Gestirne als auch bei der Erschaffung von Welt und Mensch. Häufig findet sich etwa die Vorstellung, dass vor der Schöpfung Finsternis herrschte, ein Motiv, das auch in die Bibel Eingang fand. Ebenso verbreitet ist der Glaube, nach dem Tod in den Sternenhimmel einzugehen. Schrott fügt diese uralten Mythen und ihre Weitergabe in die griechisch-römische Tradition zu einem einzigartigen Epos der Menschheitsgeschichte und einer „Bibel des Himmels“ zusammen.

„Illusionsmaschine Gehirn“

Der Autor erklärt zunächst, wie Sternbilder durch die „Illusionsmaschine unseres Gehirns“, die evolutionär geprägte Wahrnehmungsweisen, entstehen. „Da unsere Sinne nur einen begrenzten Ausschnitt der Realität erfassen, zieht es den jeweiligen Kontext und seinen Katalog von abgespeicherten Erfahrungen hinzu, um der Welt rund um uns Form zu geben, Lücken auszufüllen, Bilder zu vervollständigen.“ So verwandelt das Gehirn verstreute Lichtpunkte am Himmel in scheinbar geordnete Figuren, die anschließend gedeutet werden. Für Sumerer und Babylonier etwa stellten Sternbilder Gottheiten dar. Man brachte ihnen Opfer, deutete ihre Omen und glaubte an ihre Heilkräfte. „Die daraus in unseren Breiten entstehende Astrologie behauptet sich wider besseres Wissen noch heutzutage“, merkt Schrott an.

Sternbilder erfüllten bei frühen Kulturen jedoch weit mehr als religiöse Funktionen. „Lange bevor die Schrift erfunden wurde, diente der Sternenhimmel bereits als Bilderbuch“, schreibt Schrott. Mythen und Legenden erklärten, was oben am Himmel zu sehen war. Er vergleicht dies mit den Hinterglasmalereien in Kirchen, die als „Bibel der Armen“ dienten und vom Pfarrer gedeutet wurden. Im Zentrum der Sternbilder stand stets die soziale Funktion. Die Sternzeichnungen seien „Merkhilfe und Mahnmal am Firmament“, durch die in nächtlichen Erzählungen alles weitergegeben wurde, was eine Gemeinschaft zusammenhielt: Gesetze, Gebräuche, Tabus, Herkunft und Glaubenslehre. Viele dieser Geschichten sind in Schrotts Atlas nachzulesen.

Hinzu kommt der pragmatische Nutzen. Der Sternenhimmel strukturierte den Kalender, bestimmte Zeiten für Aussaat, Ernte und Bewässerung. „Ohne die Sternbilder, welche die Wochen markieren, […] wäre keine Landwirtschaft möglich gewesen – und ohne sie wiederum keine Zivilisation“, schlussfolgert Schrott. Auch Reisenden boten die Sterne Orientierung – wie einst den Weisen aus dem Morgenland.

Schließlich hebt Schrott die poetische Kraft der Sternbilder hervor: „In ihnen kommt derart viel Fantasie zum Vorschein, dass einem dies fast wieder den Glauben an das Schöne und Gute des Menschen zurückgibt.“ Seine Zusammenschau bringt ein weitgehend vergessenes Kapitel der Menschheitsgeschichte ans Licht. „Eine Kultur versteht erst, wer auch ihren Sternenhimmel kennt“, ist Schrott überzeugt. 

Der Atlas sei das Ergebnis intensiver Teamarbeit, betont er: „Ohne Heidi Sorgs visuelle Archäologie würden diese Sternbilder nicht sichtbar werden, und ohne Christian Weibens sphärische Geometrie wären sie verschoben und verzerrt.“ Erst gemeinsam würden die nahezu verblassten „Deckengemälde“ der Kulturen wieder erkennbar. Schrotts Blick nach oben reicht dabei erstaunlich tief. „Die Sternenhimmel – die trotz aller Raumsonden und Teleskope ungreifbar bleiben – gehören wesentlich zum Kulturerbe der Menschheit“, schreibt er. Der entscheidende Unterschied zwischen damals und heute bestehe darin, dass der Himmel heute oft leer und gleichgültig wirke, während er den Menschen einst nahe war, als Teil ihrer Welt und ihrer selbst.

Der „singende Stern“

An verschiedenen Stellen seines Atlas zeigt Schrott, wie Sternsagen religiöse Schriften wie den Koran und die Bibel beeinflusst haben. Einen Hinweis auf den Stern von Bethlehem gibt es nicht. Aber unabhängig davon: Würden die Weisen aus dem Morgenland heute aufbrechen und sich nur am Himmel orientieren, liefen sie Gefahr, einem „falschen Stern“ zu folgen. Sie könnten fehlgeleitet werden von einem der rund 13.000 Satelliten, die die Erde umkreisen, je nach Position Sonnenlicht reflektieren und damit selbst moderne Teleskope und Raumsonden bei der Himmelsbeobachtung irritieren. Dennoch hat sich die Europäische Raumfahrtorganisation (ESA) auf die Suche nach dem Stern von Bethlehem gemacht, wie Andreas Burkert und Clemens Bittlinger in ihrem Buch „Urknall und Sternenstaub“ erzählen. Sie schickte eine Raumsonde zum Kometen „Tschuri“. Man stellte enttäuscht fest, dass der Komet eher einem Schneemann als einem Stern ähnelt. Doch er „singt“. Er erzeugt Radiostrahlungen, die sich mit einem Radioempfänger in Töne umwandeln lassen. So fliegt er singend durch das Sonnensystem. 

Sternsingerinnen und Sternsinger sind sozusagen mit einem „singenden Stern“ unterwegs. Sie tragen den Stern von Bethlehem vor sich her – und mehr noch: die Botschaft von Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, die mit ihm verbunden ist. Solange Kinder und Jugendliche von Haus zu Haus ziehen und „sternsingen“, wird auch diese Botschaft nicht verstummen.

Buchtipp

Schrott, Raoul: Raoul Schrott: Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit. Hanser Verlag, 1280 Seiten, Preis: 178 Euro. ISBN 978-3-446-28122-6

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit