„90 Prozent der Kirchenmitglieder nehmen nicht am Gemeindeleben teil. Sie zahlen nur für den Rest. Kann das wirklich die Idee einer Kirche sein?“ Diese provokative Frage stellt der Bestsellerautor Erik Flügge in dem Buch „Eine Kirche für Viele statt heiligem Rest“, das er gemeinsam mit dem Kommunikationsberater David Holte geschrieben hat.
Der Katholik Flügge zählt sich selbst zu diesen 90 Prozent, Holte ist aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Die beiden Autoren plädieren für einfache Veränderungen, um Kirche wieder zu einer Kirche der Vielen zu machen. An erster Stelle steht für sie der ehrliche Versuch, mit den Distanzierten in Kontakt zu kommen, eine Art „Haustürmission“, die mehr ist als bloße Rekrutierung zum Gottesdienst. Die Kirche, die sie aus unterschiedlichen Perspektiven entwerfen, unterscheidet sich deutlich von jener, deren langsamen Verfall viele beklagen: „Sie versucht, sich im Kontakt zu anderen zu erneuern und macht damit den Menschen mit seiner Glaubenserfahrung heute zum Mittelpunkt einer neuen Gottessuche.“ Es geht um eine neue Glaubenssprache und darum, Gott im Gespräch zu entdecken.
Ausgangspunkt ist eine Lage, die sich nicht schönreden lässt: leere Kirchenbänke, Mitgliederschwund, rückläufige Zahlen bei Taufe, Erstkommunion, Firmung und kirchlicher Trauung sowie die Überalterung der Gottesdienstbesuchenden. Hinzu kommen Studien wie die Kirchenmitgliedsuntersuchung (KMU), die zeigt, dass rund zwei Drittel der katholischen wie evangelischen Kirchenmitglieder kein auf Jesus Christus bezogenes Gottesbild mehr teilen. Der Aussage „Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat“ stimmen sie nicht zu. Fachleute folgern daraus, dass nicht nur die Kirche als Organisation, sondern auch der überlieferte christliche Gottesglaube in eine Krise geraten ist.
Die jährlich alarmierender werdende Kirchenstatistik setzt nicht nur Geistliche und andere kirchliche Verantwortungsträger unter Druck. Der Priester und Bestsellerautor Thomas Frings schreibt in seinem Buch „Gott funktioniert nicht – Deshalb glaube ich an ihn“ (in der Neuauflage heißt das Buch “Das Unglaubliche glauben”), dass schwindender und weniger praktizierter Glaube die verbleibenden Mitglieder religiöser Gemeinschaften stärker dazu zwinge, Rechenschaft über ihren Glauben abzulegen:
Warum bleibe ich bei meiner Religion, in meiner Kirche, bei meiner Praxis? All das wird heute viel stärker hinterfragt als noch vor zwei oder drei Generationen.“
Glauben abseits der Statistik
Frings schränkt jedoch ein: Die negativen Zahlen seien nicht gleichzusetzen mit schwindendem Glauben und sagten nichts über den Glauben des Einzelnen aus. Tatsächlich existieren viele religiöse Berührungspunkte und ein vielfältiges Glaubensleben jenseits der Kirchenstatistik, zum Beispiel in Gesprächen mit Seelsorgenden und kirchlich Engagierten, im Kindergarten, Religionsunterricht, Krankenhaus, Seniorenheim, in Exerzitien, Beratungsstellen und Caritas-Sozialstationen, in Jugendgruppen sowie bei Veranstaltungen katholischer Verbände und der Erwachsenenbildung, an Schnittstellen zwischen Kultur, Religion und Wissenschaft. Allein diese Beispiele zeigen schon, dass die Kirche – entgegen Flügges Annahme – ihre noch vorhandenen Ressourcen nicht nur für die 10 Prozent ihrer Mitglieder einsetzt, die sonntags im Gottesdienst sitzen.
Auch am Esstisch wird weiterhin über Glauben gesprochen, und sei es auch nur wenn Kinder im Ethikunterricht erstmals vom Christentum hören. Die Nachfrage nach religiöser Literatur ist hoch, die Bibelgesellschaft meldet steigende Bibelverkäufe (für 2024). Religion bleibt Thema in Kunst und Medien, die Kirche ist auch in sozialen Netzwerken präsent. Wie ein Herzschlag sind ihre Glocken noch überall hörbar. Dennoch warnt der Religionssoziologe Detlef Pollack: „Der Glaube verkümmert, wenn der Austausch mit dem Pfarrer und anderen Gleichgesinnten sowie gemeinsame Riten im Gottesdienst fehlen.“