Missio canonica: Ein Vertrauensbeweis der Kirche

Alle katholischen Religionslehrkräfte benötigen eine kirchliche Unterrichtserlaubnis. Die Diözese begleitet sie auf dem Weg dorthin.
Eine Bibel wird überreicht
Bei der Missio canonica erhalten die Lehrkräfte eine Bibel.

Eichstätt. (pde) – Während Bayerns Schülerinnen und Schüler noch mehr oder weniger entspannt dem Zeugnistag entgegensehen, durften sich einige ihrer Lehrkräfte bereits ein wichtiges Papier abholen: Die kirchliche Unterrichtserlaubnis, besser bekannt als Missio canonica oder kurz die Missio. Sie ist Voraussetzung, um katholischen Religionsunterricht zu erteilen, ganz gleich in welcher Schulart. Und sie erstreckt sich nicht nur auf kirchliche, sondern auch auf staatliche Schulen. Denn Kirche und Staat arbeiten beim Religionsunterricht zusammen, er ist im Grundgesetz verankert als „ordentliches Lehrfach“ an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. Zwar unterliegt er deshalb auch der staatlichen Schulaufsicht, doch verantworten die Kirchen und Religionsgemeinschaften seine Ziele und Inhalte. Deshalb begleitet die Diözese Eichstätt junge Lehrkräfte schon während der ersten und zweiten Ausbildungsphase. Die Missio, die zum Abschluss verliehen wird, „stellt eine grundlegende Vertrauenserklärung zwischen Lehrkraft und Kirche dar“, heißt es von Seiten der diözesanen Schulabteilung.

Zwei Verleihungen fanden nun kurz hintereinander im Bistum statt: Zunächst bekamen drei Männer und eine Frau, die am Gymnasium unterrichten, in der Ingolstädter Spitalkirche ihre Missio überreicht. Zufällig haben sich alle vier die Fächerkombination Mathematik und Katholische Religionslehre ausgesucht. Eine durchaus gängige Wahl, meint der Leiter der diözesanen Abteilung Schule und Bildung, Ordinariatsrat Markus Moder. Klassische Kombinationen mit Religion seien aber auch Deutsch, Latein oder Sport. Dass die vier jungen Lehrkräfte ihre Missio-Urkunden von der Diözese Eichstätt bekommen haben, heißt nicht zwangsläufig, dass sie auch aus dem Bistum stammen. Der Zufall, oder vielmehr das Kultusministerium, wollte es, dass sie als Seminarschule während ihres Referendariats das Ingolstädter Christoph-Scheiner-Gymnasium zugewiesen bekamen. Dort leitet Studiendirektor Franz Hertle schon seit 2007 das einzige Seminar für das Lehramt Katholische Religionslehre an Gymnasien im Bereich der Diözese Eichstätt. Bayernweit gebe es etwa ein Dutzend Seminarschulen für das Fach, berichtet Hertle. Immer wenn eine neue Seminargruppe am Christoph-Scheiner-Gymnasium ihre Seminarausbildung beginnt, ist auch Markus Moder als Schulreferent und Gesamtverantwortlicher für den Katholischen Religionsunterricht in der Diözese eingeladen, die Angebote und Zuständigkeiten der Abteilung Schule und Bildung vorzustellen. Außerdem ist Moder bei der mündlichen Prüfung der Referendarinnen und Referendare stets als Vertreter der kirchlichen Seite eingeladen. Die Missio-Verleihung, meint Hertle, „ist dann jedes Mal der schöne Schlusspunkt“.

Staatliche Lehrkräfte: „Ganz wichtig“

Eine Woche nach der Feier in Ingolstadt fanden sich auch im Eichstätter Dom Missio-Kandidatinnen und -Kandidaten ein. Domkapitular Michael Alberter überreichte die Urkunde an 31 Lehrkräfte, davon 21 staatliche Anwärterinnen und -anwärter für Lehramt Grundschule, jedoch nur vier für Mittelschule. Kein Zufall, wie man in der Abteilung Schule und Bildung des Bistums bemerkt: Im Lehramt Mittelschule sei die Entscheidung, Katholische Religionslehre als eines von vier Fächern zu belegen, „mittlerweile eher die Ausnahme“. Fest vorgegeben für alle Studierenden sind Deutsch und Mathematik.

Zwei der Missio-Empfängerinnen arbeiten an der Förderschule, zwei weitere sind Religionslehrerinnen und -lehrer im Kirchendienst. An den früher so bezeichneten „Volksschulen“ – Grundschule, Mittelschule, Förderschule – haben die Kirchen für ihr eigenes Personal ein Erstbesetzungsrecht der Religionsstunden. Aber könnte die Diözese Eichstätt den Bedarf in den Schulen auf Bistumsgebiet überhaupt mit kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stemmen? Nein, meint Moder, „wir haben viel zu wenige kirchliche Lehrkräfte, um die Unterrichtsstunden abdecken zu können. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch staatliche Lehrkräfte haben. Nicht als Lückenfüller, sondern als gleichwertige Akteure“. Daher betrachtet man deren religionspädagogische und auch spirituelle Begleitung in der diözesanen Abteilung Schule und Bildung auch als Kernaufgabe.

Begleitung von Studienbeginn an

Das beginnt schon mit dem Studium. An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt gibt es neben der Katholischen Hochschulgemeinde das ebenfalls von der Abteilung Schule und Bildung verantwortete Geistliche Mentorat. Es bietet nicht nur angehenden Theologinnen und Theologen, sondern auch Lehramtsstudierenden mit dem Fach Katholische Religionslehre ein Forum für Fragen rund um Glauben, Berufung und Kirche. Während ihrer Zeit an der Uni nehmen die angehenden Lehrkräfte regelmäßig Angebote wahr und lassen sich dies dokumentieren im sogenannten Studienbegleitbrief. Er ist ein wichtiges Dokument, um eine vorläufige kirchliche Bevollmächtigung zu bekommen, wenn es endlich von der Uni zum Einsatz ins Klassenzimmer geht.

Nun kommt auch das Religionspädagogische Seminar des Bistums Eichstätt ins Spiel. Die Ausbildung, geleitet von Mitarbeitenden der Abteilung Schule und Bildung, läuft über zwei Jahre. Dazu gehören Ausbildungs- und Seminartage in Eichstätt, aber auch an den Einsatzschulen vor Ort sowie verschiedene beratende und bewertende Unterrichtsbesuche. Zum Teil bestehen Kooperation mit Nachbardiözesen, so etwa im Bereich der Förder- oder Berufsschulen. Am Ende der Ausbildung vertraut die Kirche den Pädagoginnen und Pädagogen drei aus ihrer Perspektive wesentliche Aufgaben an: Wissen über die „Basics“ des Glaubens vermitteln, Formen gelebten Glaubens erschließen und religiöse Dialog- und Urteilsfähigkeit fördern. Den Vertrauensbeweis gibt es schwarz auf weiß in Form der Missio canonica. Das Pendant der evangelischen Kirche nennt sich Vokatio. 

Im Leben verankert

Auch nach der Missio-Verleihung hält das Bistum Kontakt. So gibt es zum Beispiel neben den jährlichen Fortbildungen alle zwei Jahre den „Tag der Religionslehrkräfte“. Im März 2027, kündigt Moder an, wird er sich dem Thema „Künstliche Intelligenz“ widmen. Lebensrelevante Themen, dafür böten auch die Lehrpläne im Religionsunterricht genügend Bezüge, meint der Theologe und leitende Oberstudiendirektor im Kirchendienst Moder, der früher als pastoraler Mitarbeiter selbst an unterschiedlichen Schulorten und -arten unterrichtet hat: „Ich bin, glaube ich, aktuell der einzige Schulreferent Bayerns, der die Missio canonica für alle Schularten hat“. 

Neben zahlreichen Lehramtsanwärterinnen und -anwärtern nahmen an der Missio-Verleihung im Dom auch zwei Grundschullehrerinnen teil, die bereits einige Jahre im Schuldienst sind und sich nachträglich für das zusätzliche Unterrichtsfach katholische Religionslehre qualifiziert haben. Kathrin Pelz aus Buxheim ist eine von ihnen. Ihren Entschluss begründet sie unter anderem mit persönlichem Interesse daran, „christliche Werte sowie den interreligiösen Dialog altersgerecht und lebensnah im Unterricht zu vermitteln“. Aus der Schulabteilung heißt es, dass die Religionsstunden gerade für Klassenleiterinnen und -leiter oft eine gute Möglichkeit seien, den sozialen Zusammenhalt in der Klasse zu fördern und mit den Schützlingen über den Glauben ins Gespräch zu kommen.

Bis vor drei Jahren war die Erteilung der kirchlichen Unterrichtserlaubnis gebunden an eine persönliche Lebensführung nach kirchlichen Regeln. 2023 kam dann eine neue Ordnung, die Religionslehrerinnen und -lehrer zwar nach wie vor zu einem christlichen Zeugnis auffordert, die aber nicht mehr danach fragt, wie sie leben oder wen sie lieben. Um Lehrkräfte, die aufgrund dieser Regelung ihre Missio verloren oder abgegeben hatten, zu erreichen, „haben wir proaktiv alle staatlichen Schulen angeschrieben“, berichtet Moder. Und tatsächlich hätten sich zwei Lehrkräfte gemeldet, die die kirchliche Unterrichtserlaubnis mit Freude wieder annahmen. 

Dass dieser Unterricht herausfordernd sein kann, brachte der Ständige Vertreter des Diözesanadministrators, Michael Alberter, in seiner Predigt bei der Missio-Verleihung im Eichstätter Dom zur Sprache: „Sie werden im Schulalltag sicher auch Situationen erleben, die aussichtslos erscheinen: eine Klasse, die sich dem Religionsunterricht verweigert, ein Kind, das partout keinen Zugang zum Glauben finden kann, oder das eigene Gefühl, an den falschen Ort gestellt zu sein“. Und doch, nahm er in seiner Ansprache Bezug auf das zuvor im Gottesdienst vorgetragene Gleichnis vom Sämann, „vertrauen Sie darauf, dass der Same, den Sie ausstreuen, auch dann wachsen kann, wenn Sie selbst die Frucht nicht sehen – manchmal erst nach Jahren, manchmal an ganz unerwarteter Stelle“.


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	Gabi Gess
Gabi Gess Redakteurin in der Stabsstelle Kommunikation