„Man legt hier sehr viel Wert auf Gemeinschaft“

Neun junge Leute aus dem Arbeitskreis Ghana des Eichstätter BDKJ reisten zum traditionellen Fachkräfteaustausch mit ihrem Partnerverband COSRA in die westafrikanische Diözese Koforidua und kehrten nach rund zwei Wochen mit vielen neuen Einblicken zurück.
Rund zwei Wochen genossen die jungen Leute aus Deutschland und Ghana die Gemeinschaft.

Eichstätt/Koforidua - „Diese Partnerschaft hat schon tiefgehende Freundschaften entstehen lassen“, stellt Veronika Graf nach der Rückkehr von einer rund zweiwöchigen Reise nach Ghana fest und spricht damit auch für die acht weiteren Teilnehmenden aus der Diözese Eichstätt. Sie alle vertraten den AK Ghana, einen Arbeitskreis im Bund der Deutschen katholischen Jugend  (BDKJ), der seit bald 30 Jahren festen Kontakt zum Partnerverband COSRA (Catholic Organisation for Social and Religious Advancement) in Koforidua (Ghana) pflegt. Selbsterklärtes Ziel des AK ist „eine Partnerschaft auf Augenhöhe, bei der wir alle voneinander lernen können.“ Gelegenheit dazu bot sich bei bislang fast einem Dutzend gegenseitiger, Fachkräfteaustausch genannter Besuche mit verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten.  „Globale Transformationen“ lautete heuer das Thema, bei dem die jungen Leute aus Deutschland und Ghana, jeweils aus ihrer Sicht, auf Gesellschaft und Kirche blickten, auf Klimawandel, Verteilungsgerechtigkeit und Umgang mit der Schöpfung. Exkursionen führten unter anderem zu einem Wasserwerk und zu einer Kakaoplantage.

Für einige aus der neunköpfigen Reisegruppe war es der erste Besuch in Ghana, so auch für Armin Drechsler, Kaplan im Pfarrverband Herrieden-Aurach, Jugendseelsorger im Dekanat Herrieden und seit einigen Monaten geistlicher Beirat des AK Ghana. „Klar war das spannend“, bilanziert er die Reise. Das habe schon beim Aufbruch begonnen, als der geplante Flug ausfiel und die Gruppe umdisponieren musste. „Statt früh um sieben mit British Airways sind wir erst abends um sechs mit Air Marokko geflogen.“ Am Zielflughafen in Accra habe es dann „ein total schönes Willkommen“ gegeben, „die COSRA-Mitglieder erwarteten uns und es war einfach schön, das Wiedersehen zu erleben“. Anderthalb Autostunden später traf die Gruppe schließlich in der Bischofsstadt Koforidua ein. 

Veronika Graf aus Hitzhofen, eine der drei Sprecherinnen und Sprecher des AK Ghana, kennt das westafrikanische Land bereits von einem neunmonatigen Aufenthalt im Rahmen des entwicklungspolitischen Lerndienstes „weltwärts“, den sie 2022 absolvierte. Damals arbeitete sie bei einem Aufforstungsprojekt auf dem Land mit. Asphaltierte Straßen, wie in der 150 000-Einwohnerstadt Koforidua, habe es dort nicht gegeben, erinnert sie sich. Was ihr und ihren Mitreisenden noch auffiel: Auch im großstädtischen Raum werden die sozialen Kontakte gepflegt, geht es weniger anonym als hierzulande zu. „Es wird sehr viel mehr Wert daraufgelegt, Zeit miteinander zu verbringen“, berichtet Graf. „Ganz viele Besuche haben uns die zwei Wochen hindurch getragen. Viele haben uns in ihre Familien mitgenommen und dort haben wir auch sehr ungezwungen den ganzen Tag verbracht. Einmal haben unsere Gastgeber auch gleich die Nachbarn eingeladen, beim Kochen dabei zu sein“.

Die Lebenswelt der Gastgeberinnen und Gastgeber so intensiv kennenzulernen, sei „extrem bereichernd“ gewesen, meint Florian Schwab, der sich seit zwei Jahren im Arbeitskreis engagiert. Beim letzten Gegenbesuch 2024 hatten sich die Gäste aus Ghana auch in Schwabs Heimatgemeinde Maximilian Kolbe in Nürnberg-Moorenbrunn umgeschaut. „Wir von der Katholischen Jungen Gemeinde waren zum Abendessen eingeladen, ich war gerade von einem einjährigen Indien-Aufenthalt im Rahmen des Freiwilligendiensts Jesuit Volunteers zurückgekommen.“  Als Schwab ein paar Monate später auch einen der jährlich stattfindenden Partnerschaftsgottesdienste des AK Ghana miterlebte, „hab‘ ich gefragt, ob ich mitmachen kann“. 

Über das Land, in das er jetzt mit dem AK reiste, „hab ich mich natürlich im Vorfeld ein bisschen informiert“, berichtet Schwab. Viel mehr habe er dann aber in persönlichen Gesprächen erfahren können, zum Beispiel über Politik. Machtfülle und weitreichende Befugnisse des Präsidenten erschwerten Oppositionsarbeit, große Infrastruktur-Projekte würden oft verzögert und nur kurzfristig vor Wahlen begonnen. Während der gut zwei Wochen in Ghana hat Schwab aber auch gemerkt, „dass nicht alles pauschal schlecht läuft, sondern dass in der dortigen Gesellschaft „viele Dinge besser laufen als bei uns, dass man aufeinander aufpasst, dass Wert auf Gemeinschaft gelegt wird“. Auf sehr beeindruckende Weise habe er das in der Sonntagsmesse erlebt: „Vor dem Segen dürfen die Familienangehörigen von Verstorbenen nach vorne kommen, ebenso die Geburtstagskinder, denen man ein Ständchen singt“. 

Auch nach dem Gottesdienst „stehen alle Leute noch zusammen“, erzählt Armin Drechsler. Er fand auch bemerkenswert, wie unmittelbar und pragmatisch sich die Gottesdienstgemeinde Notleidender annimmt: „Jeden Sonntag organisieren Gruppen wie COSRA oder auch die katholischen Mütter eine Kollekte“. Vor dem Altar würden dann Brot, Lebensmittel, Getränke, sogar Klopapier gesammelt. Staunen musste der Kaplan auch über die Intensität von Erstkommunion- und Firmvorbereitung in Koforidua: „Sie dauert dort ein Jahr lang, jede Woche eine Stunde“. Kein Wunder, dass er die jungen Erwachsenen von COSRA als sehr „sprachfähig“ in Glaubensthemen erlebte. 

Veronika Graf fiel auf, dass ihre ghanaischen Freunde „Wert legen auf gelebten Glauben, dass sie das umzusetzen versuchen, was der Glaube ihnen sagt“. Sie habe aber auch mitbekommen, dass die Zahl der jungen Leute abnehme, die sich Zeit für den Kirchenbesuch nehmen, selbst wenn man es in den immer noch vollen Gotteshäusern nicht gleich merke. Was Graf ebenso bemerkte, war die Diskussion um die intensive Nutzung von Social Media: „Ich hab schon von COSRA-Mitgliedern mitbekommen, dass sie schimpfen. Nicht nur wegen der Zeit, die man vergeudet, sondern auch wegen der Falschinformationen im Netz.“

Zur Freude der Eichstätter Delegation gab es ein Wiedersehen mit dem 76-jährigen Erzbischof und Oberhirten der Diözese Cape Coast, Charles Palmer-Buckle, der von 1992 bis 2005 Bischof von Koforidua war. Mit seinem Besuch in Eichstätt 1997 anlässlich der bundesweiten Eröffnungsaktion von Misereor hatte auch die Partnerschaft mit COSRA ihren Anfang genommen und zur 1998 zur Gründung des AK Ghana geführt. „Palmer-Buckle hat sich ganz toll Zeit für uns genommen“, berichtet Drechsler, „und er gab uns auch einen Impuls: Offen sein, Sprachen lernen, Leute kennenlernen. Denn was man kennt, davor hat man keine Angst“. Der Erzbischof nahm sich sogar Zeit, mit den jungen Leuten am Strand ein Bier zu trinken und auf Deutsch mit ihnen zu singen. Armin Drechsler hingegen kann zum nächsten Partnerschaftsgottesdienst ein „kunterbuntes ghanaisches Priesteroutfit“ tragen, das er mit nach Bayern gebracht hat und dort als erstes seiner 93-jährigen Oma vorführte. 

In zwei Jahren wollen COSRA und AK Ghana das 30-jährige Bestehen ihrer Partnerschaft feiern. Dann soll auch wieder eine COSRA-Delegation zum Fachkräfteaustausch ins Bistum Eichstätt kommen. Florian Schwab hofft, dass es keine Probleme mit den Visa-Anträgen gibt, denn „für mich wäre es extrem schön, einige von denen wiederzusehen, die ich jetzt kennengelernt habe und die Gastfreundschaft zurückzugeben“. 


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	Gabi Gess
Gabi Gess Redakteurin in der Stabsstelle Kommunikation