In seinem Lehrschreiben, das er am Pfingstmontag, 25. Mai, veröffentlichte, befasst sich Papst Leo XIV. mit der digitalen Revolution. Mit „Magnifica humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ greift er frühere eigene Äußerungen sowie die Vatikan-Note „Antiqua et nova“ vom 28. Januar 2025 über das Verhältnis von künstlicher und menschlicher Intelligenz auf und entwickelt sie weiter. In den 245 Punkten des rund 100-seitigen Textes gibt es Positionen des Papstes, die in eine ähnliche Richtung zeigen, wie die KI-Verordnung der Europäischen Union (AI Act) und die Stellungnahme des Deutschen Ethikrats „Mensch und Maschine – Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz“, auch wenn er beide Dokumente nicht ausdrücklich erwähnt.
Der Papst versteht seine erste Enzyklika als Beitrag zur katholischen Soziallehre, der Sammlung vatikanischer Dokumente zu gesellschaftlichen Themen. Technik sei keine „menschenfeindliche Kraft“, betont er, verweist aber auf ihren ambivalenten Charakter:
Technologische Innovationen – einschließlich der Künstlichen Intelligenz – sind nicht neutral: Sie können Teilhabe und Gerechtigkeit fördern oder Ungleichheiten, Kontrolle und Ausgrenzung verstärken.“
Entscheidend sei, ob sie in den Dienst von Menschenwürde, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit gestellt werde. Deshalb spricht sich der Papst für Regulierung aus. Maßstäbe seien unter anderem Menschenwürde, Gemeinwohl, Solidarität, soziale Gerechtigkeit und ganzheitliche menschliche Entwicklung.
Die Enzyklika lehnt sowohl naiven Technikoptimismus als auch sterile Angst ab. Papst Leo XIV. ruft Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Bildung, Zivilgesellschaft und Glaubensgemeinschaften dazu auf, eine menschenwürdige digitale Ordnung mitzugestalten: „Scheuen wir uns nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen.“ Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter sei eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der bloße Profit zum Maßstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker. Wichtig ist ihm, neue Formen von Ausgrenzung und Freiheitsberaubung zu verhindern. Nicht der Mensch solle sich der Logik der Maschine unterwerfen; Technik müsse dem ganzheitlichen Wachstum des Menschen und einer „Zivilisation der Liebe“ dienen.
Neuer Kolonialismus und Machtkonzentration
Der Papst prangert einen neuen digitalen Kolonialismus an, der sich Daten aneigne und persönliches Leben in verwertbare Informationen verwandle. Gesundheitsdaten, genetische Karten und demografische Daten würden zu den neuen „Seltenen Erden“ der Macht: „lebenswichtige Informationen“, die genutzt werden könnten, um Vorhersagemodelle zu trainieren, Investitionen zu lenken und darüber zu entscheiden, „wer und was zählt“. Kritisch sieht der Papst zudem die Machtkonzentration in der digitalen Welt. Kontrolle über Plattformen, Daten und Rechenleistung liege vielfach bei großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren. „Wenn sich solche Macht in wenigen Händen konzentriert, besteht die Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht.“ Dadurch drohten neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit.
Besonders hebt Leo XIV. fünf miteinander verwobene Bereiche hervor: die Suche nach Wahrheit im öffentlichen Leben, Bildung im digitalen Umfeld, den Wandel der Arbeitswelt, die Fragilität von Familien und neue Formen der Sklaverei. Dahinter stehe dasselbe Grundproblem:
Wenn die Technik zum absoluten Maßstab wird, läuft der Mensch Gefahr, als Daten, als Rädchen in einer Maschine oder als Ware behandelt zu werden; wenn die Technik hingegen im Rahmen eines weisheitlichen Horizonts angenommen wird, kann sie zu einer Chance für Wachstum, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit werden.“