Künstliche Intelligenz in der Beratung: Wenn der Chatbot mitredet

Längst sprechen Menschen über persönliche und berufliche Probleme mit Sprachmaschinen. KI verändert zunehmend professionelle Unterstützungsangebote wie Supervision und Coaching für Seelsorgeteams und Beratungskräfte. Das alles berührt den Kernbereich der Kirchen: die Seelsorge.
Professorin Emily Engelhardt: „Die Frage ist nicht, ob KI unterstützen kann, sondern ob sich die Beratung hierdurch verbessert.“

Seelsorgende und Beratende arbeiten in der Kirche an vorderster Front. Sie begleiten Menschen in schwierigen Lebensphasen, Krisen oder Trauersituationen persönlich und bieten Gespräche an. Sie tragen also „Sorge für die Seele“, hören zu, spenden Trost und stehen in Krankenhäusern, Gefängnissen, Gemeinden oder per Telefon zur Verfügung. Um die Qualität dieser Arbeit zu sichern und Mitarbeitende in herausfordernden beruflichen Situationen zu unterstützen, bieten die Diözesen Supervision, Coaching und weitere Begleitformate an.

Ob in der pastoralen Ausbildung, der Ehe-, Familien- und Lebensberatung oder in Bereichen wie Krankenhaus-, Notfall- und Telefonseelsorge: Supervisorinnen und Supervisoren unterstützen die dort Tätigen dabei, ihre berufliche Praxis zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Coaching kann Führungskräften helfen, kurzfristig konkrete Lösungen zu entwickeln, klare Handlungsstrategien zu erarbeiten und das persönliche Verständnis guter Führung zu schärfen. Wenn Konflikte zwischen Einzelpersonen, mit Vorgesetzten, im Team oder zwischen Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen auftreten, können externe Fachkräfte zur Konfliktklärung oder Mediation beitragen. Darüber hinaus können Arbeitsteams und Gremien Moderation, Teamentwicklung oder Prozessbegleitung in Anspruch nehmen. Ansprechpartner für dieses breite Feld im Bistum Eichstätt ist Pastoralreferent Andreas Weiß, Referent für Ausbildungsbegleitung sowie der Koordinationsstelle für Unterstützungssysteme.

Bundeskonferenz in Eichstätt

Kürzlich hatte Weiß eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen zu Gast: Die Konferenz der Diözesanverantwortlichen für Supervision in den deutschsprachigen Bistümern tagte im Eichstätter Priesterseminar. Im Mittelpunkt des jährlichen Treffens stand diesmal das Thema „KI und Beratung“. Referentin war Emily Engelhardt, Professorin an der Hochschule München mit dem Schwerpunkt „Digitale Transformation in sozialen Handlungsfeldern und Gesellschaft“. Sie sprach über „Künstliche Intelligenz in Supervision und Coaching: Chancen und Herausforderungen“ sowie über die Fragen: „Was machen wir mit KI?“, „Was macht KI mit uns?“ und „Was bedeutet das für die beraterische Praxis?“.

Zum Einstieg forderte sie die Teilnehmenden zu einer kurzen Selbstreflexion über ihren persönlichen Umgang mit KI auf. Dabei wurden bereits Unsicherheiten und Ambivalenzen sichtbar. Einerseits könnten Beratende und Ratsuchende mithilfe eines Sprachmodells Gespräche vorbereiten. KI könne konzeptionelle Arbeit beschleunigen, den Blick erweitern oder sogar Gesprächssituationen mit professioneller Distanz simulieren. Andererseits seien Ergebnisse oft schwer überprüfbar, zudem bestehe die Gefahr, aus Bequemlichkeit von der Technik abhängig zu werden. Unklar sei außerdem, mit welchen Werten und welchem Menschenbild KI-Systeme für die Beratung trainiert würden.

Anhand verschiedener Beispiele zeigte Engelhardt, dass Chatbots in Beratung und Therapie kein völlig neues Phänomen seien. Sie verwies unter anderem auf den regelbasierten Chatbot „Woebot“, dessen Gesprächsstrukturen auf Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie beruhen. Zudem stellte sie aktuelle Anwendungen wie „guide.me“, „SuchtGPT“, „What2study“ oder den AWO-Chatbot „Marie“ vor. Dabei hob sie hervor, dass Chatbots einen „niedrigschwelligen Einstieg“ in Beratung ermöglichten und Fachkräfte bei Routinetätigkeiten entlasten könnten. Gleichzeitig warnte sie vor Risiken wie fehlenden Standards, Datenschutzproblemen und einer unkritischen Nutzung KI-gestützter Prozesse.

Zwischen Unterstützung und Beziehungssimulation

Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Perspektive der Ratsuchenden. Engelhardt stellte fest, dass KI „überall drin“ sei und längst zum Alltag gehöre. Viele Menschen würden KI-Systeme vermenschlichen und „quasi-soziale Beziehungen“ zu ihnen aufbauen. Besonders bemerkenswert sei, dass „nicht die Fachpraxis KI einführt“, sondern dass „die Adressatinnen und Adressaten sie längst eingeführt“ hätten: 

Menschen nutzen KI, weil sie verfügbar ist, nicht weil sie besser berät.“ 

Entscheidend seien dabei Fragen wie: „Hilft es mir gerade?“, „Verstehe ich mich danach besser?“ oder „Fühle ich mich weniger allein?“.

Im Hinblick auf die Beratungspraxis beschrieb Engelhardt unterschiedliche Rollen von KI: als Werkzeug zur Erstellung und Analyse von Materialien, als „Co-Berater“ im Beratungsprozess oder sogar als Teil des Klientensystems. Zugleich benannte sie klare „No-Go’s“, darunter die Eingabe vertraulicher personenbezogener Daten in kommerzielle KI-Systeme sowie unkritisches Vertrauen in KI-generierte Inhalte.

Laut Engelhardt stellen sich neue Anforderungen an die Kompetenzen von Beratungsfachkräften. Benötigt würden unter anderem „technologisches Verständnis“, „kritische Bewertungsfähigkeit“ sowie Kenntnisse in Ethik und Datenschutz. Beratende müssten lernen, KI-Ergebnisse kritisch zu prüfen, KI sinnvoll in Beratungsprozesse zu integrieren und ihre Medienkompetenz entsprechend zu erweitern. Engelhardt fasste ihre Haltung mit den Worten zusammen: „Die Frage ist nicht, ob KI unterstützen kann, sondern ob sich die Beratung hierdurch verbessert.“ Offen bleibe unter anderem, ob KI Fachkräfte unterstütze oder deren Denken vorstrukturiere und ob KI Beziehungen fördere oder lediglich einen „Beziehungseffekt“ erzeuge.

„KI hat kein Herz“

Andreas Weiß hatte sich bereits vor dem Treffen mit seinen Kolleginnen und Kollegen in Eichstätt Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, wenn der „Coach ein Algorithmus“ ist. Bei einer früheren Fortbildung, erzählt er, sollten die Teilnehmenden eine erste Antwort-E-Mail auf Anliegen von Klientinnen und Klienten verfassen. Die gleiche Aufgabe erhielt auch eine KI. Erstaunlicherweise habe der Chatbot nicht nur fachlich kompetente, sondern bereits beim ersten Versuch ausufernde und „richtige“ Antworten geliefert. Daran habe ihn jedoch etwas gestört: 

Professionelle Beraterinnen und Berater würden ihre Klientinnen und Klienten nicht mit einer umfassenden Auflistung noch so sinnvoller Vorschläge überfluten, die aus dem Netz synthetisiert wurden. „Sie nehmen die emotionale Verfassung ihres Gegenübers sensibel wahr, überfordern es nicht und ermitteln durch wiederholtes Nachfragen und Wahrnehmen, wie groß die Ressourcen gerade sind.“ 

Dadurch bleibe menschliche Beratung passgenau, „einfach, weil wir von Mensch zu Mensch mit viel größerem Wahrnehmungsumfang die Situation und die Atmosphäre einschätzen können“. Dabei spiele auch die nonverbale Kommunikation – Gestik, Mimik und Tonfall – eine entscheidende Rolle.

Für Weiß ist klar: Diese geschulte Wahrnehmungsfähigkeit werde einen entscheidenden Unterschied zwischen menschlicher und KI-gesteuerter Beratung ausmachen. Er lese immer wieder den Satz „Eine KI denkt nicht“ und möchte ihn erweitern: „Sie fühlt auch nicht. Sie nimmt nicht wahr. Sie macht uns nur sehr gut glauben, dass sie das könnte.“ Der Schriftsteller Martin Suter habe einmal einer KI geschrieben: „Du hast kein Herz!“ Die clevere Antwort darauf habe gelautet: „Das ist richtig. Aber ich kann so tun, als ob …“

Text: Geraldo Hoffmann


Buchtipp: „Kompass für die Praxis“

Emily Engelhardt ist Systemische Beraterin und Supervisorin und seit über 20 Jahren Onlineberaterin. Viele Erfahrungen aus diesen Tätigkeiten sowie aus ihrer Forschung hat sie in ein Buch gebündelt, das sie zusammen mit dem Erwachsenenbildner Stefan Kühne veröffentlicht hat: „Künstliche Intelligenz in der Beratung“. Es enthält einen Überblick über die Chancen und Risiken von KI im psychosozialen Beratungsalltag. Engelhardt und Kühne gelingt es, die oft abstrakte Debatte um Chatbots und Textgeneratoren konkret auf die Praxis systemischer Beratung herunterzubrechen. Besonders überzeugend ist ihre klare ethische Haltung: 

Die Verantwortung, ob und wie die von der KI generierten Ergebnisse in den Beratungsprozess einfließen, liegt bei der Beratungsperson.“ 

Damit machen sie deutlich: KI kann unterstützen, aber nicht Verantwortung übernehmen.

Mit ihrem differenzierten Blick verfällt das Autorenduo weder in Technikbegeisterung noch in kulturpessimistischen Alarmismus. Stattdessen zeigen sie nachvollziehbar, wie schnell KI-generierte Inhalte problematisch werden können: „Die Fähigkeit der KI, realistische, aber potenziell falsche Inhalte zu generieren, eröffnet das Risiko, dass Klient:innen […] durch manipulierte Informationen beeinflusst werden könnten“. Gerade für Fachkräfte in Beratung, Coaching oder Supervision ist diese nüchterne Analyse ein Gewinn, weil sie praxisnah bleibt und ethische Fragen nicht theoretisch abhandelt, sondern an konkreten Szenarien diskutiert.

Besonders lesenswert sind die Kapitel zu hybriden Beratungsformen und zum Einsatz von KI in Ausbildung und Supervision. Engelhardt und Kühne denken neue Möglichkeiten an, ohne die Bedeutung menschlicher Beziehungskompetenz aus dem Blick zu verlieren. Sie stellen den Menschen weiterhin ins Zentrum der Beratung: „Als vollwertiger Ersatz für eine systemische Beratung ist ein Chatbot – zumindest aktuell – nicht geeignet“. Das Buch „Künstliche Intelligenz in der Beratung“ bietet eine reflektierte, verständlich geschriebene und hochaktuelle Orientierung in einem Feld, das die psychosoziale Praxis in den kommenden Jahren nachhaltig verändern dürfte.

Text: Geraldo Hoffmann

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