Unter dem Motto „zusammen_wachsen. damit Europa menschlich bleibt“ greift Renovabis, das Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche, in seiner Pfingstaktion 2026 die wachsende Polarisierung und Zerrissenheit auf – in den Partnerländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas ebenso wie in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten. Gleichzeitig fördert das Hilfswerk Projekte für Dialog und Versöhnung. Eine Veranstaltung dazu befasste sich mit dem Thema „Zwischen Brückenbau und Brandbeschleunigung: Zur Rolle der Kirchen in Europa in Zeiten der Polarisierung“.
Dabei betonte die Theologin Regina Elsner vom Ökumenischen Institut der Universität Münster, dass zwischen Polarisierung als gesellschaftlicher Diagnose und als politischer Strategie unterschieden werden müsse. Multiple Krisen schwächten den gesellschaftlichen Zusammenhalt und spielten mit Verlustängsten sowie den Erfahrungen von „Verlierern“ wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche, so Elsner. Menschen unterschätzten häufig, wie gut andere mit Diversität, Widersprüchen und Konflikten konstruktiv umgehen können. Das eigentliche Problem liege daher nicht in der Polarisierung selbst, sondern in ihrer gezielten politischen Instrumentalisierung durch autoritäre Kräfte. Als zentrale Gegenmittel nannte Elsner mehr Begegnung, offenen Dialog sowie den Aufbau von Glaubwürdigkeit und Vertrauen.
Feindbilder religiös überhöht
Die christlichen Kirchen hätten im Verlauf ihrer Geschichte eine widersprüchliche Rolle eingenommen, die auch in der spannungsreichen Grundbotschaft des Christentums selbst angelegt sei: dem Anspruch, Versöhnung zu ermöglichen und zugleich „fest in der Wahrheit“ zu stehen. Exklusion und „Othering“ gehörten dabei immer wieder zum kirchlichen Selbstverständnis, so Elsner. „Othering“ bedeutet, Gruppen oder Personen als „fremd“ oder „anders“ zu definieren und von einer vermeintlichen „Wir“-Gruppe als Norm abzugrenzen. Historisch seien Kirchen zudem nicht nur Beobachter, sondern auch aktive Akteure gewaltsamer Verfolgungen von „Anderen“ gewesen.
Die Kirchen haben in ihrer Theologie Feindbilder religiös überhöht, so dass weltliche Verfolgung legitimiert werden konnte. Die versöhnende Botschaft wird nur glaubwürdig, wenn eine Aufarbeitung dieser gewaltbelasteten Vergangenheit passiert“, sagte Elsner.
Polarisierungen innerhalb der Kirchen wirkten weit über den kirchlichen Raum hinaus in die Gesellschaften hinein, so Elsner.
Dies zeige sich insbesondere in Auseinandersetzungen um ethische Fragen wie Gender, Frauenrechte, reproduktive Rechte, Migration oder Nationalismus, aber auch im Ringen um das Verhältnis von Politik und Reich Gottes. Weitere Konfliktlinien ergäben sich im Umgang mit Säkularisierung und Post-Säkularisierung sowie in Fragen kirchlicher Strukturen und Synodalität. Die Verunsicherung durch den Verlust alter Ordnungen könne Bedrohungsgefühle erzeugen, die leicht in aktiven Widerstand umschlagen. Politische wie kirchliche Machtakteure nutzten diese Polarisierungsdynamiken teilweise gezielt aus, erklärte die Theologin.
Das Versöhnungspotenzial der Kirchen hänge wesentlich von ihrer gesellschaftlichen Glaubwürdigkeit ab – auch in Zeiten abnehmender Religiosität, betonte Elsner. Kirchen seien weiterhin wichtige Partner aller Akteure, die sich für den Schutz und die Verteidigung der Menschenwürde einsetzten. Geschätzt würden sie insbesondere für ihr soziales Engagement sowie für einen uneigennützigen Humanismus.
Kirchen können Dialogräume öffnen und Begegnungen mit den Anderen ermöglichen, wo die Gräben eigentlich zu tief scheinen“, so Elsner.
Ressentiments gegen den Westen
In Bezug auf Ost- und Westeuropa stellte Elsner die Frage, ob auch hier von einer Polarisierung gesprochen werden könne. Ihrer Ansicht nach seien Kirchen „entscheidende Akteure der europäischen Versöhnung durch zahlreiche Kontakte über die Mauern hinweg während des Kalten Kriegs“ gewesen. Zugleich hätten Nationalisierungsprozesse in Osteuropa religiöse Identitäten gestärkt und damit auch die gesellschaftliche Relevanz der Kirchen erhöht. Die Integration in das säkulare Europa gehe jedoch häufig mit Bedrohungsszenarien des „Fremden“ und Verlustängsten des „Eigenen“ einher, was an ältere Formen eines religiös geprägten „Anti-Westernismus“ anknüpfen könne. In dieser Gemengelage drohe das Versöhnungspotenzial der Kirchen von gleichzeitigen Verlustängsten überlagert zu werden. Auch die ökumenische Bewegung, ursprünglich als Ausdruck der Überzeugung einer möglichen versöhnten Verschiedenheit gedacht, werde dadurch zunehmend selbst zu einem Raum der Polarisierung.