Mehr Anerkennung der katholischen Kirche für queere Menschen: Das ist ein spürbares Ergebnis der Initiative „#OutInChurch“ und des Reformprozesses Synodale Weg in Deutschland. Mittlerweile gibt es in fast allen Bistümern Beauftragte für „queersensible Pastoral“. Im Bistum Augsburg ist Andreas Ihm seit September 2023 dafür zuständig. Im Interview gibt der Pastoralreferent Einblick in sein Arbeitsfeld und plädiert für echte Teilhabe queerer Menschen am kirchlichen Leben.
Herr Ihm, was bedeutet „queersensible Pastoral“?
Andreas Ihm: „Queersensible Pastoral“ bezeichnet im Bistum Augsburg eine Fachstelle im Seelsorgeamt, die sich gezielt mit den Lebensrealitäten von queeren Menschen im kirchlichen Kontext auseinandersetzt. Sie hat dabei einen doppelten Auftrag: Zum einen geht es um konkrete seelsorgliche Begleitung. Das umfasst Gespräche und geistliche Unterstützung für queere Menschen selbst, ebenso wie für ihre Angehörigen, Freundeskreise oder Gruppen aus der Community. Viele bringen Fragen nach Glaube, Identität, Zugehörigkeit oder auch Verletzungserfahrungen mit der Kirche mit. Hier möchte die queersensible Pastoral einen geschützten Raum bieten, in dem diese Themen ausgesprochen, reflektiert und im Licht des Glaubens gedeutet werden können.
Zum anderen gehört die Sensibilisierung innerhalb des Bistums zu den zentralen Aufgaben. Mitarbeitende in Pfarreien, Schulen, Verbänden oder kirchlichen Einrichtungen werden beraten und fortgebildet, damit sie angemessen auf Fragen rund um sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität reagieren können. Dabei geht es nicht nur um Sachinformationen, sondern vor allem um eine Haltung, die die Würde jedes Menschen ernst nimmt und pastorales Handeln entsprechend ausrichtet. Queersensible Pastoral versteht sich somit als Beitrag zu einer Kirche, die die Vielfalt menschlicher Lebensgeschichten wahrnimmt, seelsorglich begleitet und in ihren Strukturen und Angeboten darauf aufmerksam reagiert.
Welche Fragen werden an Sie herangetragen, und welche Hilfe können Sie bieten?
Die Anfragen sind sehr vielfältig und kommen aus unterschiedlichen Richtungen. Ein großer Bereich ist die seelsorgliche Begleitung von Eltern, deren Kinder sich als schwul, lesbisch, queer oder trans geoutet haben.
Viele Eltern ringen damit, wie sie ihre Liebe zum Kind mit ihrem Glauben in Einklang bringen können.
Hier geht es oft um Zuhören, Klärung von Fragen und darum, Ängste abzubauen. Daneben melden sich queere Menschen selbst, die nach spirituellen Angeboten suchen oder sich fragen, ob und wie sie ihren Platz in der Kirche finden können. Ich unterstütze zum Beispiel bei der Planung von Gottesdiensten im Umfeld von Christopher-Street-Day-Veranstaltungen oder bei besonderen liturgischen Feiern vor Ort. Auch Oasentage, geistliche Impulse oder Gesprächsangebote gehören dazu – Räume also, in denen queere Menschen Glauben und Identität miteinander in Beziehung setzen können.
Ein weiterer Teil meiner Arbeit besteht darin, Verantwortliche in Pfarreien, Schulen oder kirchlichen Einrichtungen zu beraten. Dort geht es häufig um konkrete Fragen: Wie reagieren wir auf ein Coming-out? Wie gestalten wir Angebote sensibel und zugleich im Einklang mit unserem kirchlichen Profil? Im Kern versuche ich, Brücken zu bauen: zwischen queeren Menschen, ihren Familien und den kirchlichen Strukturen. Ziel ist, dass queere Menschen erfahren: Sie sind in unserer Kirche nicht nur geduldet, sondern gewollt – und werden in ihrer geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung ernst genommen.
Wie reagieren streng katholische Angehörige von queeren Menschen, wenn sich ihr Kind oder Enkelkind outet?
Direkte Erfahrungen mit streng katholischen Familien habe ich persönlich bisher nur vereinzelt gemacht. Was ich aber wahrnehme: Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Es gibt Angehörige, die zunächst verunsichert sind, weil sie das Gefühl haben, ihr Glaube und die Lebensrealität ihres Kindes stünden plötzlich in Spannung. Andere reagieren mit Sorge um das Seelenheil, wieder andere mit Schweigen und manche auch mit großer Offenheit und Lernbereitschaft.
In Gesprächen zeigt sich oft, dass hinter ablehnenden Reaktionen nicht nur theologische Überzeugungen stehen, sondern auch Angst, Überforderung oder das Gefühl, die eigene religiöse Orientierung zu verlieren. Gerade streng gläubige Eltern oder Großeltern ringen dann darum, wie sie Liebe zum Kind und Treue zu ihrem Glaubensverständnis zusammenbringen können.
Ich erlebe aber auch, dass sich Haltungen verändern können, wenn Begegnung möglich bleibt und queere Menschen nicht nur als ‚Thema‘, sondern als geliebte Familienmitglieder wahrgenommen werden.
Viele Angehörige gehen – manchmal langsam und schmerzhaft – einen Lernweg, auf dem sie versuchen, ihre Glaubensüberzeugungen neu mit der konkreten Biografie ihres Kindes zu verbinden. Gleichzeitig darf man nicht verschweigen: Für manche queere Menschen wird die Situation so belastend, dass sie Abstand brauchen, um sich selbst zu schützen. Das ist nie leicht, weil damit oft nicht nur familiäre Bindungen, sondern auch religiöse Beheimatung infrage stehen. Umso wichtiger ist es, dass Kirche und Gemeinden Räume anbieten, in denen sowohl queere Menschen als auch ihre Angehörigen begleitet werden können – im Gespräch, im Ringen und hoffentlich auch auf dem Weg zu mehr gegenseitigem Verstehen.