Wenn Wahlplakate hängen, Talkshows laufen und sich politische Fronten verhärten, dominieren Begriffe wie Sicherheit, Leistung, Wachstum, Ordnung, „Überfremdung“ oder Angst. Kaum jemand spricht darüber, was eine Gesellschaft im Innersten zusammenhält, wenn der Ton rauer wird und das Vertrauen schwindet. Liebe gehört nicht zum üblichen Vokabular der Politik, nicht einmal bei christlichen Parteien. Sie gilt als zu weich, zu privat, zu unpolitisch. Dabei zeigt sich gerade in Zeiten von Polarisierung, sozialer Kälte und wachsender Gewaltbereitschaft, wie sehr ihr Fehlen politisches Handeln prägt.
Die Kommunalwahlen in Bayern finden in einem gesellschaftlichen Klima statt, in dem Solidarität brüchig wird, demokratische Selbstverständlichkeiten infrage stehen und der Blick für das Gegenüber zunehmend verloren geht. Genau hier setzt der Bestsellerautor Daniel Schreiber an. In seinem Essay „Liebe. Ein Aufruf“ plädiert er für ein Verständnis von Liebe, das nichts mit Romantik zu tun hat, sondern mit Verantwortung, Anerkennung und der Fähigkeit, andere Menschen als gleichwertig und veränderbar zu begreifen. Seine These lautet: Ohne eine solche Form von Liebe als politische Haltung verliert die Demokratie ihre menschliche Grundlage.
Gesellschaftliche Spaltung, die Verrohung politischer Debatten, der Vormarsch rechtsradikaler Ideologien, weltweite Kriege und die Klimakrise verängstigen viele Menschen. Die Probleme erscheinen so groß, dass sich ein Gefühl der Ohnmacht breitmacht. Angesichts dieser Lage stellt Schreiber an den Anfang seines Essays zwei Fragen:
Welche Haltung bleibt uns, um politisch aktiv zu werden? Wie kann es uns gelingen, wieder wirksam gesellschaftlich zu handeln?“
Resignation und Rückzug ins Private sind für ihn keine Optionen. Immer wieder, so schreibt er, führe ihn das Nachdenken über diese Fragen zurück zur Liebe – zur Liebe im Allgemeinen und zur Weltliebe im Besonderen.
Schon immer hätten sich soziale, religiöse und politische Bewegungen auf die Kraft der Liebe berufen, oft mit großem Erfolg. Die Philosophie der Antike oder die Theologie des Mittelalters seien ohne entsprechende Liebeskonzeptionen kaum denkbar. Beispielhaft verweist Schreiber auf Augustinus von Hippo, dessen Verständnis von Liebe die politische Theoretikerin Hannah Arendt in ihrer Dissertation untersuchte. Beide nehmen im Essay breiten Raum ein. Daneben begegnen Leserinnen und Leser weiteren Denkerinnen und Denkern wie Martin Buber, Emmanuel Levinas, Paul Ricœur, Erich Fromm, Martha Nussbaum und Albert Schweitzer.