Er gilt als „Brückenbauer zwischen zwei Welten“: Der Bamberger Dichter und Islamwissenschaftler Nevfel Cumart versucht seit Jahrzehnten, zwischen Christentum und Islam zu vermitteln und Vorurteile abzubauen. Am Freitag, 17. April, von 15 bis 18 Uhr hält er im Eichstätter Priesterseminar ein Kurzseminar über die Grundlagen und die Mystik des Islam. Dabei geht er auch auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Christentum und Islam ein. Die Anmeldung zur Veranstaltung ist bis zum 6. April möglich.
Herr Cumart, wo sehen Sie theologisch die zentralen Gemeinsamkeiten und die unüberbrückbaren Unterschiede zwischen Islam und Christentum?
Nevfel Cumart: Theologisch gibt es zwischen Islam und Christentum zunächst eine bemerkenswerte gemeinsame Grundlage: Beide Religionen sind streng monotheistisch geprägt und verstehen sich als Teil der abrahamitischen Tradition. Sie glauben an einen einzigen, schöpferischen und barmherzigen Gott, der sich den Menschen zuwendet, der spricht, führt und Orientierung gibt. Auch zentrale Gestalten wie Abraham, Mose oder – natürlich in unterschiedlicher Deutung – Jesus spielen in beiden Religionen eine wichtige Rolle. Darüber hinaus teilen Christentum und Islam grundlegende ethische Überzeugungen: die Verantwortung des Menschen vor Gott, die Bedeutung von Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und die Verpflichtung zu einem verantwortungsvollen Leben.
Und doch gibt es zugleich Unterschiede, die aus theologischer Sicht tatsächlich nicht einfach aufzulösen sind. Der wohl zentralste Unterschied liegt im Gottesverständnis. Während das Christentum Gott als Dreifaltigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – denkt, betont der Islam mit dem Konzept des Tauhīd die absolute Einheit und Unvergleichlichkeit Gottes. Jede Form von „Teilhabe“ an Gott wird im Islam grundsätzlich abgelehnt. Eng damit verbunden ist die unterschiedliche Sicht auf Jesus. Für Christen ist Jesus Christus der Sohn Gottes und Erlöser der Welt und somit der Mittelpunkt des Glaubens. Im Islam hingegen wird Jesus als einer der großen Propheten verehrt, jedoch nicht als göttlich verstanden und nicht als Erlöser im christlichen Sinn. Auch das Verständnis von Offenbarung unterscheidet sich: Während Christen die Bibel als Zeugnis der Offenbarung Gottes in der Geschichte verstehen, gilt der Koran im Islam als das unmittelbare, unverfälschte Wort Gottes. Diese Unterschiede sind nicht nebensächlich, denn sie berühren den Kern des jeweiligen Glaubens. Und gerade deshalb ist der Dialog so wichtig: nicht um Unterschiede aufzulösen oder zu relativieren, sondern um sie zu verstehen, zu respektieren und dennoch das Gemeinsame zu stärken.
In Ihrer Erfahrung als Islamwissenschaftler: Welche Missverständnisse prägen das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen heute am stärksten – und wie lassen sich diese konkret abbauen?
Ein zentrales Missverständnis besteht darin, dass Religion und Kultur oft miteinander vermischt werden. Viele Verhaltensweisen, die als „islamisch“ wahrgenommen werden, sind in Wirklichkeit kulturell geprägt und nicht religiös begründet. Ähnliches gilt auch umgekehrt:
Auch im Blick auf das Christentum werden kulturelle Prägungen manchmal vorschnell als religiöse Inhalte verstanden.
Ein weiteres verbreitetes Missverständnis ist die Gleichsetzung des Islams mit Extremismus. Gewalt im Namen der Religion wird medial stark sichtbar, prägt die öffentliche Wahrnehmung und führt letztendlich dazu, dass viele Menschen den Islam insgesamt mit solchen Erscheinungen verbinden. Für die große Mehrheit der Muslime entspricht das jedoch nicht ihrem Glaubensverständnis. Auf muslimischer Seite gibt es wiederum nicht selten ein verkürztes Bild vom Christentum, etwa die Vorstellung, Christen glaubten an „drei Götter“ oder hätten ihre ursprüngliche Botschaft verfälscht. Solche Sichtweisen haben oft historische oder theologische Gründe, werden aber im Alltag selten differenziert reflektiert.
Wie lassen sich diese Missverständnisse abbauen? Entscheidend sind Begegnung, Bildung und ehrlicher Dialog. Wo Menschen einander persönlich begegnen, miteinander sprechen und Fragen stellen dürfen, verändern sich Bilder. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen nicht übereinander, sondern miteinander gesprochen wird. Und das respektvoll, offen und ohne vorschnelle Urteile. Der christlich-islamische Dialog lebt genau davon: vom Zuhören, vom gegenseitigen Lernen und von der Bereitschaft, auch die eigene Perspektive zu reflektieren.
Sie haben das Thema Gewalt im Islam genannt, das in öffentlichen Debatten oft verkürzt dargestellt wird. Wie lässt sich aus wissenschaftlicher Perspektive differenzieren zwischen religiösen Quellen, historischer Praxis und politischer Instrumentalisierung?
Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es entscheidend, diese drei von Ihnen angeführten Ebenen klar voneinander zu unterscheiden: die religiösen Quellen, die historische Praxis und die politische Instrumentalisierung. Zunächst zu den religiösen Quellen: Der Koran enthält wie auch die Bibel sowohl friedensorientierte als auch konfliktbezogene Passagen. Viele Verse entstanden in konkreten historischen Situationen, etwa in Zeiten von Bedrohung oder Krieg. Ohne diesen Kontext werden einzelne Aussagen leicht missverstanden oder aus dem Zusammenhang gerissen. Die klassische islamische Auslegungstradition hat solche Verse immer im Gesamtzusammenhang gelesen und dabei auch ethische Begrenzungen von Gewalt betont.
Zweitens die historische Praxis: In der Geschichte muslimischer Gesellschaften finden wir so wie in der Geschichte christlicher Gesellschaften sowohl Phasen friedlicher Koexistenz als auch Zeiten von Gewalt und Expansion. Diese Entwicklungen sind jedoch nie allein religiös zu erklären, sondern immer auch politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich bedingt. Und damit bin ich bei der dritten Ebene, der politischen Instrumentalisierung: Religiöse Begriffe und Texte wurden und werden immer wieder für politische Ziele genutzt, sei es zur Legitimation von Macht, zur Mobilisierung von Anhängern oder zur Abgrenzung gegenüber anderen. Das gilt nicht nur für den Islam, sondern für alle großen Religionen.
Eine differenzierte Betrachtung bedeutet daher, nicht vorschnell von einzelnen Textstellen oder aktuellen Ereignissen auf „den Islam“ insgesamt zu schließen. Stattdessen ist es notwendig, genau hinzuschauen: Wie werden Texte interpretiert? In welchem historischen Kontext stehen sie? Und wer nutzt sie heute und zu welchem Zweck? Gerade diese Differenzierung ist eine wichtige Voraussetzung für einen sachlichen Dialog und für ein realistisches Verständnis von Religion in der Gegenwart.
Inwiefern kann gerade die spirituelle Dimension des Islams, seine Mystik, einen Beitrag zum interreligiösen Verständnis leisten?
Die spirituelle Dimension des Islams, insbesondere die islamische Mystik, der Sufismus, kann einen sehr wertvollen Beitrag zum interreligiösen Verständnis leisten. Denn sie lenkt den Blick weg von Abgrenzung und Dogmatik hin zur inneren Dimension des Glaubens: zur Gottesliebe, zur Suche nach Sinn, zur Verwandlung des eigenen Herzens. Im Zentrum der islamischen Mystik steht die Sehnsucht nach der Nähe Gottes. Diese Sehnsucht ist etwas zutiefst Menschliches und verbindet religiöse Traditionen über ihre Unterschiede hinweg.
Wenn Sufi-Meister davon sprechen, dass der Mensch Gott „im Herzen finden“ kann oder dass die Liebe der tiefste Zugang zu Gott ist, dann entstehen überraschende Berührungspunkte zur christlichen Mystik.
Gerade hier eröffnet sich ein Raum der Begegnung: Nicht zuerst auf der Ebene theologischer Abgrenzung, sondern auf der Ebene gelebter Spiritualität. Menschen verschiedener Religionen können einander in ihren Erfahrungen von Stille, Gebet, Hingabe und innerer Suche begegnen.
Zugleich fördert die Mystik im Islam eine Haltung der Demut und der inneren Läuterung. Der Blick richtet sich weniger auf das Urteil über andere, sondern auf die eigene Entwicklung. Diese Haltung kann helfen, im interreligiösen Dialog achtsamer, offener und respektvoller miteinander umzugehen. So kann die islamische Mystik eine Brücke sein. Und das nicht, indem sie Unterschiede aufhebt, sondern indem sie eine gemeinsame Tiefe sichtbar macht, die oft unterhalb der theologischen Debatten liegt.
Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland beklagen einen Rückgang ihrer Mitglieder, während der Islam ein moderates Wachstum verzeichnet, wenngleich nicht primär durch „Konversionen“. Was können die christlichen Kirchen vom Islam lernen, um wieder mehr Menschen zu begeistern?
Zunächst ist es wichtig, vorsichtig mit solchen Vergleichen umzugehen. Die religiöse Entwicklung in Deutschland hat komplexe Ursachen, und das Wachstum des Islams ist, wie Sie sagen, vor allem migrationsbedingt und weniger das Ergebnis gezielter „Anziehungskraft“ im Sinne von Konversionen. Dennoch gibt es Aspekte im gelebten Islam, die auch für die christlichen Kirchen interessant sein können. Ein zentraler Punkt ist die Selbstverständlichkeit, mit der Religion in vielen muslimischen Lebenswelten im Alltag verankert ist. Glaube wird nicht nur gedacht, sondern praktiziert im Gebet, im Fasten, im gemeinsamen Feiern religiöser Feste. Diese gelebte Praxis schafft Identität und Zugehörigkeit.
Ein weiterer Aspekt ist die starke Gemeinschaftsorientierung. Moscheegemeinden sind oft soziale Räume, in denen Menschen sich begegnen, unterstützen und ihren Glauben gemeinsam leben. Diese Form von Gemeinschaft kann gerade in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft eine große Anziehungskraft entfalten. Auch die spirituelle Klarheit spielt eine Rolle:
Der Islam formuliert zentrale Glaubensinhalte und religiöse Praxis oft sehr konkret und alltagsnah. Das gibt etwas Orientierung, gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nach Halt und Sinn suchen.
Gleichzeitig sollte es nicht darum gehen, dass Kirchen „etwas übernehmen“. Jede religiöse Tradition hat ihren eigenen Weg und ihre eigene Tiefe. Aber der Blick auf den Islam kann Impulse geben, den eigenen Glauben neu zu beleben: etwa durch eine stärkere Verbindung von Spiritualität und Alltag, durch lebendige Gemeinschaft und durch eine verständliche, glaubwürdige Sprache. Im besten Fall führt dieser Blick nicht zu Konkurrenz, sondern zu gegenseitiger Inspiration.
Im „Goldenen Zeitalter des Islam“ (ca. 8.–13. Jahrhundert) waren die Naturwissenschaften im islamischen Raum hoch angesehen. Wie sieht es heute aus: Ist der Islam mit wissenschaftlichem Denken vereinbar, etwa in Fragen der Evolutionstheorie, Bioethik und Kosmologie?
Grundsätzlich ist der Islam wie auch das Christentum nicht im Widerspruch zu wissenschaftlichem Denken. Im Gegenteil: In der klassischen islamischen Geistesgeschichte, insbesondere im sogenannten „Goldenen Zeitalter“, waren Wissenschaft, Philosophie und Glaube eng miteinander verbunden. Die Erforschung der Natur wurde als ein Weg verstanden, die Zeichen Gottes in der Schöpfung zu erkennen. Auch heute gibt es viele muslimische Gelehrte und Denker, die betonen, dass Glaube und Wissenschaft sich nicht ausschließen, sondern ergänzen können. Der Koran selbst enthält zahlreiche Hinweise auf die Ordnung und Gesetzmäßigkeit der Welt und ruft den Menschen immer wieder dazu auf, nachzudenken, zu beobachten und zu erkennen.
Allerdings zeigt sich so wie in anderen Religionen auch ein breites Spektrum an Positionen. In Fragen wie der Evolutionstheorie, der Bioethik oder der modernen Kosmologie gibt es innerhalb der muslimischen Welt unterschiedliche Auffassungen. Einige vertreten eher traditionelle, wörtliche Auslegungen der Schöpfung, andere versuchen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit den religiösen Aussagen in Einklang zu bringen. Entscheidend ist dabei, wie die religiösen Texte verstanden werden: ob eher symbolisch und offen für Interpretation oder eher wörtlich und festgelegt. Gerade hier findet heute eine intensive innerislamische Diskussion statt. Insgesamt lässt sich sagen:
Der Islam ist grundsätzlich offen für Wissenschaft, aber die konkrete Haltung hängt wie auch im Christentum stark von der jeweiligen Auslegung, Bildung und gesellschaftlichen Situation ab.
Ein fruchtbarer Dialog zwischen Religion und Wissenschaft bleibt daher eine wichtige Aufgabe, und zwar für alle Religionen.
Der interreligiöse Dialog steht aktuell unter dem Druck multipler Krisen – von geopolitischen Konflikten bis hin zu gesellschaftlicher Polarisierung. Welche Rolle kann und sollte Religion in solchen Zeiten spielen?
In Zeiten multipler Krisen steht Religion tatsächlich unter besonderem Druck, aber gerade darin liegt auch ihre Chance und ihre Verantwortung. Religion kann Orientierung geben, wo viele Menschen Verunsicherung erleben. Sie erinnert daran, dass der Mensch mehr ist als seine Ängste, Interessen oder Zugehörigkeiten. In beiden Traditionen – im Christentum wie im Islam – finden wir starke Impulse für Frieden, Barmherzigkeit und die Würde jedes einzelnen Menschen. Diese ethische und spirituelle Orientierung kann in Krisenzeiten stabilisierend wirken.