Im Schutz der Gottesmutter: Vielfältige Marienverehrung

Im Mai startet an vielen Pilgerstätten die Wallfahrtsaison. Im Bistum Eichstätt werden besonders die Marienwallfahrtstätten häufig aufgesucht. Die Verehrung der Muttergottes zeigt sich in Frömmigkeit, Brauchtum und Kunst, in Kirchen, Grotten und Kapellen sowie an Wegen und im Alltag von Glaubenden.
Die Buchenhüller Madonna im Eichstätter Dom.

Für die katholische Kirche ist Maria als zentrale Figur der biblischen Heilsgeschichte die wichtigste aller Heiligen. Der 2014 heiliggesprochene Papst Johannes Paul II., ein großer Marienverehrer, wies in seinem Lehrschreiben „Redemptoris Mater“ („Die Mutter des Erlösers“) vom 25. März 1987 darauf hin, dass Maria begonnen habe, in der „Nacht“ der adventlichen Erwartung Christi als wahrer „Morgenstern“ zu leuchten. Maria sei dem Kommen des Erlösers, der „Sonne der Gerechtigkeit“, vorausgegangen. Auf ihrem „Pilgerweg des Glaubens“ habe sie „ihre Verbundenheit mit Christus in Treue bewahrt“. Der Papst aus Polen betonte auch die Rolle Marias als „Mittlerin und Fürsprecherin“. Die Gottesmutter stelle sich zwischen ihren Sohn und die Menschen in deren Situationen von Entbehrungen, Bedürfnisse und Leiden. Als „Mittlerin“ und Mutter sei sie sich bewusst, dass sie „dem Sohn die Nöte der Menschen vortragen kann“. 

Der Vatikan warnte allerdings 2025 vor einer übertriebenen Marienverehrung und sprach sich klar dagegen aus, Maria als „Mittlerin“ der Gnade Gottes anzusehen. Auch Titel wie „Miterlöserin“ oder „Gnadenmittlerin“ sollten von Theologinnen und Theologen sowie von Gläubigen vermieden werden.

Maria als Namensgeberin

Der Gedanke, zu Maria zu beten, kam im 4. Jahrhundert auf. Die Idealisierung Marias geht laut dem italienischen Theologen Giovanni Miegge (1900-1961) auf Ambrosius von Mailand zurück. Nach dem Konzil von Ephesus (431 n. Chr.), das die Mutter Jesu als „Gottesgebärerin“ bezeichnete, entwickelte sich eine intensivere Marienverehrung. Dabei ging es bei dem Konzil weniger darum, wer Maria sei, sondern vielmehr um die Frage, ob Jesus von Nazareth Gott sei. Der Begriff der Gottesgebärerin oder Gottesmutter sollte klarstellen, dass Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott sei.

Seit dem Zweiten Ökumenischen Konzil von Nizäa, das im Jahr 787 stattfand, dürfen zusammen mit dem heiligen Kreuz auch die Bilder der Gottesmutter, der Engel und der Heiligen in den Kirchen und Häusern sowie an den Straßen den Gläubigen zur Verehrung angeboten werden. Dieser Brauch wurde im Osten und im Westen beibehalten. 

Die Bilder der Jungfrau Maria haben in den Kirchen und Häusern einen Ehrenplatz“, schrieb Johannes Paul II.. 

Bereits Papst Paul VI. (1963 bis 1978) hatte in einer Ansprache am 21. November 1964 während des Zweiten Vatikanischen Konzils erklärt, dass Maria „die Mutter der Kirche“, das heißt „Mutter des ganzen christlichen Volkes“, ist.

Durch die Verehrung war Maria in früherer Zeit auch eine beliebte Namenspatronin. Auch heute noch ist der Name weit verbreitet. Laut dem Portal Forebears gibt es weltweit mehr als 61 Millionen Marias, mehr als 14,5 Millionen allein in Brasilien (in Deutschland sind es rund 886.000). Dazu zählen auch Namensvariationen in den jeweiligen Landessprachen – von Mirjam oder Miriam (Hebräisch) über Mary (Englisch) und Marija (Slawisch) bis zu Kurzformen wie Mia, Ria, Marica oder Maja.

Schutzpatronin

Maria wird in Bayern seit 1916 als Landespatronin „Patrona Bavariae“ hoch verehrt. Bischof Michael Rackl (1883-1948) vertraute 1942 erstmals das Bistum Eichstätt dem Schutz der Gottesmutter an. Diese Weihe erneuerte zuletzt Bischof Gregor Maria Hanke im Jahr 2017. Viele der 755 Kirchen und Kapellen im Bistum stehen – mit verschiedenen Bezeichnungen – unter dem Schutz Marias, angefangen mit dem Eichstätter Dom. 

Mariä Himmelfahrt ist mit Abstand das am häufigsten vorkommende Marienpatrozinium“, sagt Leo Hintermayr, Referent für diözesangeschichtliche Aufgaben im Bischöflichen Ordinariat Eichstätt. 

Die genaue Zahl der Kirchen mit Marienpatrozinium im Bistum ist nicht bekannt. Hintermayr nennt aber aus dem Stehgreif rund 40 Gotteshäuser, die der Gottesmutter geweiht sind. Er weist darauf hin, dass sich in manchen Fällen die Marienbezeichnung der Kirche von deren Patroziniumstitel unterscheidet. Dies ist zum Beispiel der Fall beim Münster „Zur Schönen Unserer Lieben Frau“ in Ingolstadt und bei der Hofkirche „Zu Unserer Lieben Frau“ in Neumarkt (beide haben das Patrozinium Mariä Aufnahme in den Himmel) sowie bei der Wallfahrtskirche „Maria Hilf“ bei Neumarkt (Verkündigung des Herrn / Mariä Verkündigung) und bei der Wallfahrtsbasilika „Maria Brünnlein“ bei Wemding (Patrozinium: Christi Himmelfahrt).

Darüber hinaus gibt es laut Hintermayr in der Diözese zahlreiche Ortskapellen, die der Gottesmutter gewidmet sind, ganz allgemein oder unter speziellen Titeln wie etwa „Mariä Namen“ (Ortskapelle in Winterzhofen), „Unsere Liebe Frau von Fatima“ (Ortskapelle in Grubach), „Mariä Mutterschaft“ (Ortskapelle in Heidmersbrunn) oder „Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“ (Ortskapelle in Tandl). „Nahezu unüberschaubar ist die Zahl der kleineren Weg- und Feldkapellen und Mariengrotten, die in den traditionell katholisch geprägten Landstrichen des Bistums zu Ehren Mariens errichtet wurden und oft liebevoll gepflegt und geschmückt werden“, sagt Hintermayr.

Durch die Kunst ins Leben

Die große Verehrung der Gottesmutter Maria ist seit Jahrhunderten auch außerhalb der Gotteshäuser erkennbar, wie Ludwig Brandl, Direktor des Diözesanbildungswerks Eichstätt, anmerkt. Gläubige hätten oftmals an ihren Hausfassaden ein Bild Mariens oder eine Marienfigur angebracht. Oft treffe man in den engen Gassen kleinerer Städte und Gemeinden, manchmal auch in der Innenstadt größerer Städte auf diese Mariendarstellungen, wenngleich ihre Zahl geringer zu werden scheine. 

Gläubige wollten sich und ihre Häuser vertrauensvoll unter den Schutz Mariens gestellt wissen“, sagt Brandl. 

Maria ist nach seiner Einschätzung wie wohl keine andere Heilige durch Bilder und Statuen, Mariengrotten und -kapellen sowie durch Bildstöcke im öffentlichen Raum präsent. Dazu gehören auch die Mariensäulen, die vielerorts in der Diözese zu finden sind.

„Maria, die Muttergottes, ist der häufigste Bildgegenstand der christlichen Kunst. Seit dem 3. Jahrhundert begegnet uns ihr Bild in vielfachen künstlerischen Medien und Zusammenhängen“, erklärt die Direktorin des Domschatz- und Diözesanmuseums Eichstätt, Kunsthistorikerin Claudia Grund. Bildnisse vom 13. bis zum 18. Jahrhundert zeigten, wie weit die Marienfrömmigkeit in der Diözese zurückreicht und wie vielfältig sie sei. Die Fülle der Mariendarstellungen – ob als Skulptur oder Gemälde, ob als Einzelbildwerk, als Teil von Altären oder als Wand- oder Deckengemälde – sei schier unüberschaubar und „gibt eindrucksvoll Zeugnis von einer lebendigen Marienverehrung“, berichtet sie. Auffällig sei, dass selbst in nachmittelalterliche Um- und Neugestaltungen von Kirchen im Regelfall die tradierten Madonnenbilder übernommen wurden. Grund wertet dies „als eindrucksvolles Zeichen für die ungebrochene Kontinuität der Marienverehrung“. Für diese Kontinuität steht auch die Marianische Männerkongregation, die 1615 in Eichstätt gegründet wurde und heute etwa 2.300 Mitglieder (Sodalen) zählt.

Marienwallfahrten

Besonders im Mai und Oktober ist die Marienverehrung vielerorts spürbar. Davon zeugen zahlreiche Wallfahrten und Andachten. Die Maiandacht entstand aus der barocken Volksfrömmigkeit und wurde in ihrer heutigen Form erstmals 1748 in Ferrara abgehalten. Von Italien aus kam die Andacht über Frankreich und die Schweiz schließlich nach Bayern. In Deutschland gab es die erste Maiandacht im Jahr 1841 im Kloster der Schwestern vom Guten Hirten in München-Haidhausen. 1844 folgte die Diözese Regensburg, und erst elf Jahre später wurden die Maiandachten in Eichstätt und Passau eingeführt. Auch wenn die Blütezeit des Marienkults vorüber ist, kommen heute noch Gläubige in den Abendstunden zusammen, beten zur Muttergottes und singen die altbekannten Marienlieder, wie es besonders an den 18 Marienwallfahrtsorten im Bistum zu beobachten ist. 

Die bekannteste dieser Pilgerstätte ist die Basilika „Maria Brünnlein“ in Wemding. Um 1680 brachte der Wemdinger Schuhmacher Franz Forell das Gnadenbild Unserer Lieben Frau, das auf dem Gnadenaltar steht, von Rom nach Wemding. Bei der Wallfahrt „Maria Brünnlein zum Trost“ wird seit dem 17. Jahrhundert vor allem eine aus Holz geschnitzte Marienfigur verehrt. Beim Besuch der Wallfahrtsbasilika trinken viele Pilger Wasser vom „Gnadenbrünnlein“.

Oft aufgesucht werden auch die Marienwallfahrtskirchen in Buchenhüll bei Eichstätt, auf dem Habsberg und auf dem Maria-Hilf-Berg in Neumarkt sowie das Liebfrauenmünster in Ingolstadt. Dort wird seit 1881 das Gnadenbild der „Dreimal Wunderbaren Mutter“ verehrt. Es handelt sich um eine Nachbildung der alten Marienikone „Salus populi Romani“ (Heil des römischen Volkes) in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom. 1571 gelangte die Nachbildung nach Ingolstadt in das Jesuitenkolleg.

„Königin des Friedens“

Auch die Frauenbergkapelle bei Eichstätt ist ein beliebter Ort der Marienverehrung. Ihr widmete Domkapitular Reinhard Kürzinger, Leiter der Diözesanstelle für Wallfahrts- und Tourismuspastoral im Bistum Eichstätt, seine jüngste Morgenfeier zu Beginn des Marienmonats Mai im Bayerischen Rundfunk. Er erinnerte daran, dass Maria oft als Königin angerufen wird: „als Königin der Engel, der Patriarchen und Propheten, als Königin aller Heiligen und als Königin des Friedens.“ An sie richtete Kürzinger in seiner Sendung eine Bitte: 

Maria, Königin des Friedens – hilf auch heute in dieser von Krisen geschüttelten Welt! Stimme die Kriegsparteien versöhnlich. Führe die Kriegsgegner an den Verhandlungstisch. Stifte Frieden!“

Dann erzählte er von Bitten, die Pilgerinnen und Pilger in der Frauenbergkapelle – wohl auch an anderen Wallfahrtstätten – vor Maria bringen. Sie handelten von Sorgen, die das Leben beeinträchtigen und schwer machen, von Krisen in der Beziehung, Schwierigkeiten im Ehealltag oder sogar von Trennung, Scheidung und Tod. Aber auch die Hoffnung auf glückliche Fügungen, die Dankbarkeit dafür sowie Segensbitten kommen zum Ausdruck.

Fest verankert in der Marienverehrung ist das Rosenkranzgebet. Es wird mit Hilfe einer Gebetskette vollzogen, auf der 59 Perlen – sechs große und 53 kleine – aufgereiht sind und an deren Ende ein Kreuz hängt. Die Betenden kommen dabei zur Ruhe und in die Meditation. Mit dem „Gegrüßet seist du, Maria“ wird nicht nur die Gottesmutter verehrt, sondern auch das Leben Jesu mit den Augen Marias betrachtet. Die Spuren dieser Gebetspraxis, die bei vielen Gläubigen das ganze Kirchenjahr durchzieht, lassen sich bis in das Jahr 1450 zurückverfolgen. Es wurde als Gabe an Maria in Form von Rosen verstanden. Seit der Liturgiereform von 1969 begeht die Kirche am 7. Oktober den Gedenkfeiertag „Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“.

Ob im Mai, im Oktober oder in einem anderen Monat: Keine Marienandacht oder -wallfahrt endet ohne „Segne du, Maria“, ein „echter Schlager unter den Liedern über die Gottesmutter“, wie Kürzinger sagt. Auch bei Taufen oder Trauungen, sogar bei Beerdigungen höre man dieses Lied. „Viele haben Tränen in den Augen, wenn sie das ‚Segne Du Maria‘ singen oder hören. Es drückt das Bedürfnis aus, wieder Kind sein zu können, umsorgt zu werden und Zuwendung zu bekommen“, sagt Kürzinger. Die 1845 geborene Cordula Peregrina Wöhler, eine evangelische Christin, habe die Verse 1870 gedichtet im Konflikt mit ihrer Familie, weil sie den katholischen Glauben annehmen wollte. Seither spricht es vielen Gläubigen aus dem Herzen. Die Segensbitte umfasst laut Kürzinger den ganzen Menschen: „Segne all mein Denken, segne all mein Tun.“

Text: Geraldo Hoffmann

„Segne du Maria“: Ein Lied und seine Geschichte (Katholische Sonntagszeitung, S. 45)

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit