Wo waren Sie am 11. September 2001? Diese Frage können die meisten Menschen, die an diesem Tag die Bilder der brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers in New York in den Medien gesehen haben, ohne längeres Zögern beantworten. Die Terroranschläge vor einem Vierteljahrhundert haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, verbunden mit Begriffen wie „al-Qaida“, „Islamischer Staat“ (IS) oder, allgemein, „religiöser Fundamentalismus“. Nach Trauer und Bestürzung in der westlichen Welt folgte der von den USA ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ und die „Achse des Bösen“, der nach Beendigung der massiven Militäreinsätze als Kampf gegen den internationalen Terrorismus bis heute andauert. Die fortbestehende Bedrohung hat den Alltag der Menschen nachhaltig verändert: Verschärfte Sicherheitskontrollen an Flughäfen und bei Großveranstaltungen gehören seither ebenso zum Standard wie eine deutlich ausgeweitete digitale Überwachung.
Immer wieder berichten die Medien von Terrorakten, die im Namen Gottes verübt werden und die Einzelne, manchmal auch Dutzende oder Hunderte von Menschen in den Tod reißen. Die Täter werden dann als Islamisten, Dschihadisten oder religiöse Extremisten bezeichnet. „Alle diese Begriffe unterstellen, dass die Angst und Schrecken auslösende Gewalt irgendwie mit religiösen Identitäten und Überzeugungen zusammenhängt. Gewiss wollen die meisten Attentäter Menschen verunsichern und Gesellschaften destabilisieren. Was aber hat ihr Terror mit Religion zu tun?“, fragt der Religionssoziologe Detlef Pollack in seinem neuen Buch „Religiöser Fundamentalismus – Geschichte, Erscheinungsformen, Hintergründe“.
Was eint Fundamentalisten?
Pollack sucht zunächst nach einer allgemein gültigen Definition von religiösem Fundamentalismus. Mit dem Begriff versuchten Medien, Wissenschaft und Politik, „etwas Unmenschliches, etwas Lebenszerstörendes, etwas scheinbar Irrationales verständlich zu machen. Es sei eine radikalisierte Religion, ein religiöser Fanatismus, der Menschen zu ihren Untaten treibe.“ Doch in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist der Begriff umstritten, da bei Akten des Terrors nicht nur religiöse, sondern auch ökonomische, politische und soziale Faktoren eine Rolle spielen. Religiös fundamentalistische Haltungen führten nicht zwangsläufig zu Gewalt, wird laut Pollack eingewendet: „Es handele sich um einen polemischen Kampfbegriff, der religiöse Motive abwerte, tief verinnerlichte religiöse Überzeugungen vorschnell mit Gewaltbereitschaft in Verbindung bringe und das Selbstverständnis der Frommen verletze.“
Trotzdem hält die Wissenschaft – laut Pollack zu Recht – am Begriff fest. Er helfe, typische Einstellungen, Handlungsmuster und Strukturen von fundamentalistischen religiösen Gruppierungen und deren Veränderungen zu analysieren und zu vergleichen. So arbeitet Pollack charakteristische Merkmale des religiösen Fundamentalismus heraus: das Bestehen auf einer exklusiv gültigen und unhinterfragbaren religiösen Wahrheit, die Abgrenzung und Ausgrenzung von anderen religiösen Überzeugungen, der kämpferische Angriff auf die Moderne und das, was man für sie hält. Weitere Kennzeichen sind ein Bewusstsein der Überlegenheit gegenüber allen anderen weltanschaulichen Positionen, eine dualistische Argumentations- und Urteilskultur (Schwarz-Weiß-Denken), die Abwertung der Gegenwart als Zeit moralischen Verfalls bei gleichzeitiger Hochschätzung einer idealisierten Vergangenheit.
Wenn man religiösen Fundamentalismus so definiert, dann lässt er sich laut Pollack sowohl von Orthodoxie als auch von Traditionalismus abgrenzen. Der Fundamentaltheologe Christoph Böttigheimer von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt betont den Unterschied zwischen christlichen oder jüdischen Fundamentalisten und konservativen oder orthodoxen religiösen Gruppen: „Während diese gegenüber den gegenwärtigen Entwicklungen eine zwar kritische, aber doch eher moderate Haltung einnehmen und die Tradition ihrer unmittelbaren Vorfahren fortsetzen wollen, treten Fundamentalisten radikal und kompromisslos für ihre Grundsätze ein, über die sie keine Diskussion zulassen.“