Getrennt, aber verbunden: Weihnachten im Sinne der Kinder gestalten

Die Psychologischen Beratungsstellen des Bistums helfen, dass trotz gescheiterter Beziehung die Elternrolle verantwortlich geteilt wird.
Weihnachtliche Stimmung im Wohnzimmer
Mutter und Sohn schmücken Baum

Neumarkt/Ingolstadt/Schwabach - „Last Christmas“ und „Feliz Navidad“ tönt es aus dem Radio, die Vorbereitungen für das Fest rollen an, die Geschenke werden anhand einer Ideenliste besorgt, die idealerweise schon das ganze Jahr über geführt wurde. Wenn aber auf einem Wunschzettel steht, dass Mama und Papa sich an Weihnachten wieder vertragen sollen und alles so wie früher wird, dann stehen getrennte oder geschiedene Elternpaare vor einer schweren Aufgabe. Wie man mit dieser Situation zum Wohl der Kinder am besten umgeht, ist im Vorfeld von Familienfesten wie Heiligabend oder auch Erstkommunionfeier, immer wieder ein Thema bei den Psychologischen Beratungsstellen für Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL), die das Bistum Eichstätt in Neumarkt, Ingolstadt und Schwabach betreibt. Eine Grundregel heben die Stellenleiterinnen und -leiter, Martina Moritz, Nikolaus Bittlmayer und Dr. Ansgar Ehrlich, unisono hervor: Die Unterscheidung zwischen Eltern- und Paarebene.

In zwei Lebensräumen

Sich trotz gescheiterter Paarbeziehung , trotz Kränkungen, Enttäuschungen, Verletzungen, auf die gemeinsame Eltern-Verantwortung zu besinnen, „das kommt dem Kind zugute“, betont Diplompsychologin Moritz, die auch EFL-Teamleiterin im Bistum Eichstätt ist. In die Beratungsstellen kämen manche, die noch Hoffnung haben, wieder zusammenzufinden, andere hingegen mit der Erkenntnis: „Es ist vorbei, aber wir suchen nach einem guten Weg für die Kinder“. Am schwierigsten sei für viele das erste Jahr nach der Trennung, wenn jedes Fest, jeder Geburtstag, jeder besondere Tag erstmals unter neuen Vorzeichen begangen wird: Es ist anders als früher.

Dies zu akzeptieren, „ist der erste Schritt“, stellt Moritz fest und ermuntert Betroffene, die neue Situation aktiv zu gestalten. Einem fünfjähriges Kind dürfe man nicht die Entscheidung überlassen, wie es Weihnachten diesmal erleben möchte, „das muss klar sein. Da haben die Eltern die Verantwortung“. Dazu gehöre es auch, zu akzeptieren, dass das Kind jetzt in zwei Lebensräumen unterwegs sei: Dem des Vaters mit seinen Angehörigen und dem der Mutter mit den ihr nahestehenden Personen. Wann und wie das Kind in welchem Lebensraum unterwegs ist, „das muss man aushandeln“. Lebt das Kind etwa bei der Mutter, so rät Moritz dazu, es am ersten Heiligabend nach der Trennung in diesem sicheren und vertrauten Umfeld zu lassen. Diese Vereinbarung müsse dann zwischen den Ex-Partnern aber auch als gesetzt gelten und solle nicht kurzfristig umgeworfen werden, vielleicht weil es kurz vor der Bescherung Stress mit Mama gibt und das Kind daraufhin den Papa bittet, es abzuholen. 

Für Kinder entsteht Klarheit, wenn sie spüren: Die Eltern haben eine Vereinbarung getroffen, hinter der beide stehen.

Diplompsychologin Martina Moritz

Damit dies wiederum gelingt, leisten die diözesanen Beratungsstellen Unterstützung. „Bei meiner Kollegin war ein sehr zerstrittenes Paar“, erinnert sich Moritz, „aber es gelang ihnen, eine gute Lösung zu finden und hinterher auch zusammen anzuschauen, wie es gelaufen ist. Zum Wohl des Kindes – so lautet stets die große Überschrift.“

Loyalitätskonflikt vermeiden

Über den eigenen Schatten zu springen, hilft weiter. Eine Mutter, die bislang im Alleingang dekoriert, gebacken und fürs weihnachtliche Flair gesorgt hat, während sich der Ex heraushielt, dürfe ihm dennoch zutrauen, dass er es hinkriegt, wenn das Kind bei ihm ist, meint Moritz. „Wenn es von der Mama hört: ‚Der Papa, der ist schon in Ordnung!‘, dann ist das gut. Das Kind möchte ja zu beiden loyal sein, ist ein Teil von beiden.“ 

Letztlich liege es auch in der Verantwortung der Eltern, wie sie den Kontakt zu den Großeltern weiter ermöglichen, meint Moritz auf Nachfrage, hier habe die Beratungsstelle keine konkrete Möglichkeit zur Einflussnahme. Ebenso wenig gibt es pauschale Modelle, wie in gespaltenen Verwandtschaften mit festlichen Anlässen umzugehen ist. Im Zweifelsfall lieber zwei schöne, entspannte Feiern mit dem Geburtstags- oder Kommunionkind als eine große, bei der dicke Luft herrscht. Kindern heile Welt vorzuspielen, „das funktioniert letztlich nicht“, sagt Moritz. 

Wenn ein Familienidyll mit seinen gewachsenen Traditionen zerbrochen ist, „braucht es neue Lösungen, neue Settings, neue Rituale“, sagt Dr. Ansgar Ehrlich von der Schwabacher Beratungsstelle. Solche gelte es individuell mit den Leuten zu entwickeln, „ich kann nicht einfach, wie manche Zeitschriften, fünf pauschale Tipps geben“. Dass der Verlust der früheren Sicherheit und Geborgenheit gerade in der Vorweihnachtszeit besonders belastend ist, merken er und seine Kolleginnen und Kollegen. Eine Klientin etwa berichtete ihm, sie schaffe es seit der Trennung nicht mehr in die Christmette zu gehen, wo so viele Familien versammelt sind. 

Das spült alles hoch in diesen Wochen, das liegt in der Luft, das triggert die Menschen.

Ansgar Ehrlich

 

Anfang vor etwas Neuem

Ob getrennte Paare sich auf Elternebene noch begegnen können, um die beste Lösung für die gemeinsamen Kinder zu finden, das hänge natürlich auch stark davon ab, wie Trennungen verlaufen, meint Ehrlich: „Für manche zerbricht einfach sehr viel und in kränkender Weise“. Dass dies meist nicht von heute auf morgen geschieht und Kinder die schlechte Stimmung im Regelfall mitbekommen, darauf verweist der Ingolstädter Beratungsstellenleiter Nikolaus Bittlmayer. 

Trennung ist nicht immer nur das Ende, sondern der Anfang, Eltern-Ebene anders zu gestalten.

Nikolaus Bittlmayer

Sind die Ex-Partner noch nicht so weit, dann rät Bittlmayer mit Blick auf Familienfeste wie Erstkommunion oder den runden Geburtstag der Oma: „Ball flach halten und sich vornehmen: heute hat der Konflikt mal Pause. Das ist heute das Fest von unserem Kind, das Fest von der Oma. Sie sollen heute einen schönen Tag haben. Das hat viel mit Selbstkontrolle zu tun. Da muss ich ehrlich in den Spiegel schauen.“ Heizt sich die Stimmung auf, rät er: „Gehen Sie notfalls eine rauchen, gehen Sie kurz spazieren“. Oder, wie der Psychologe sagt, „gehen Sie aus dem Feld“. Und noch ein Tipp von Bittlmayer für friedliche Feste: „Bitte meiden Sie Alkohol“.

Adressen und Angebot der Beratungsstellen

 


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	Gabi Gess
Gabi Gess Redakteurin in der Stabsstelle Kommunikation