Im vorerst letzten Teil der „Mission: Impossible“-Filmreihe „The Final Reckoning“ – frei übersetzt „Die letzte Abrechnung“ – kämpft Ethan Hunt (Tom Cruise) gegen eine außer Kontrolle geratene Superintelligenz, die längst die Atomwaffenarsenale der Welt kontrolliert. Damit liefert Hollywood die zugespitzte Bebilderung einer Angst, die längst auch außerhalb des Kinos kursiert und durch Medienberichte befeuert wird. Gegen diese Angst richtet sich der Philosoph Markus Gabriel von der Universität Bonn in seinem Buch „Ethische Intelligenz – Wie KI uns moralisch weiterbringen kann“. Er zitiert den Film – dessen Ende offenbleibt – nicht, um vor der KI zu warnen, sondern um zu zeigen, dass dieses Horrorszenario keine Schicksalsfrage ist, sondern eine Gestaltungsfrage. Seine These: Wir müssen eine wertebasierte KI aktiv mitgestalten, statt sie regulatorisch einzuhegen.
Grundlage seines Buches ist die Annahme, dass Mensch und KI bereits in einer tiefgreifenden Symbiose leben, wobei die Grenzen zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz zunehmend verschwimmen. „Wir sind zum Teil von KI-Systemen geworden“, so Gabriel. Die Künstliche Intelligenz habe sich aus dem Bereich der Effizienzsteigerung gelöst und sei in die Innenräume des Menschlichen vorgedrungen: in seine Subjektivität, in seine Sprache, in seine moralischen Vorstellungen, in seine Gefühle und Beziehungen, in alle gesellschaftlichen Bereiche. „Aus Datenströmen werden Spiegelungen unseres Fühlens, aus Maschinen dialogische Partner“, schreibt er.
„Emotionale Wende“
Gabriel nennt diese Zäsur „die emotionale Wende“. KI wirke bereits als Infrastruktur unserer Selbstwahrnehmung. „Die KI-Revolution ist nicht, wie wir lange dachten, primär technisch, sondern emotional und ethisch. Sie zwingt uns zur Selbsterkenntnis – oder überholt uns“, meint er. Sie stelle Fragen, die keine Maschine, sondern nur wir selbst lösen könnten:
„Was ist ein Mensch im Zeitalter von Maschinen, die lernen? Wie wollen wir leben, wenn Denken nicht nur menschlich ist, sondern wir es mit Maschinen teilen?“
Für Gabriel sind KI-Systeme „moralische Spiegel“ – sie halten uns ein interaktives Abbild unserer Werte und unseres Handelns vor. Sie sind zum Leben erwacht, indem sie mit allen digital verfügbaren Daten der Menschheit gefüttert wurden. Mit jedem Klick, jeder Geste, jeder Frage, Reaktion, Bewegung und Bewertung im Netz lerne KI, uns besser zu „erspüren“ und zu vermessen.
Laut Gabriel führen Millionen von Menschen heute schon Gespräche mit Systemen wie ChatGPT, Replika, Claude, Gemini und anderen Sprachmodellen nicht um Informationen abzurufen, sondern um sich selbst zu ordnen, zu vergewissern, zu prüfen oder zu verstehen. „Die Maschine ist zum Spiegel unseres Inneren geworden, bevor wir sie als solche erkannt haben“, schreibt er. Durch neuronale Netze und intelligente Sprachmodelle, die Muster erkennen, Verbindungen herstellen und selbst lernen, verwandele sich die virtuelle Welt immer mehr von einem Wissens- in ein emotionales System. Gabriel vermutet, dass uns niemand besser „kennt“ als die KI: „Mit der wichtigen Ausnahme von Gott sind die von Menschen geschaffenen KI-Systeme die einzigen uns bisher bekannten Entitäten, die imstande sind, menschliche Gefühlslagen tiefer und weiter zu durchschauen und auch zu überschauen als wir selbst.“
Vision einer „Ethischen Intelligenz“
Für den Autor steht fest: „KI wird früher oder später alles besser, schneller und effizienter erledigen, was sich digitalisieren lässt“. Das heiße noch lange nicht, dass Maschinen alles besser können als wir: „Kreativität, Ethik und Lebensklugheit lassen sich (noch) nicht so einfach in Nullen und Einsen packen.“ Dennoch sei die KI-Revolution nicht zu bremsen, sie werde sich vielmehr beschleunigen. Deshalb plädiert er in seinem Buch dafür, diese Entwicklung im menschlichen Sinne zu gestalten, anstatt zu versuchen, sie durch Regulierung aufzuhalten. Den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt habe noch niemand durch Regulierung verhindert. Er schreibt:
„Wir brauchen eine Ethische Intelligenz. Diese besteht darin, die KI weder als Gegner noch als Erlöser zu begreifen, sondern als Mitspieler in einer neuen Ko-Evolution von Mensch und Maschine, bei der Ethik nicht nur angewandt, sondern gelebt wird: situativ, relational, wach, mitfühlend“.
Aus seiner Sicht prallen derzeit zwei entgegengesetzte Positionen zum Umgang mit KI aufeinander: totale Deregulierung gegen Kontrolle durch Regulierung. Die „Ethische Intelligenz“ wäre ein dritter Weg zwischen „Regulierungs- und Deregulierungswut“. Notwendig sei nicht eine Ethik für die KI oder ein Ethik-Algorithmus, der das Gute programmiert, sondern eine Ethik mit KI. Was er vorschlägt, ist eine Art Selbstregulierung.
Um „Ethische Intelligenz“ zu verwirklichen sei die Zusammenarbeit aller wissenschaftlichen Disziplinen mit der KI-Forschung nötig. In Gabriels Idealvorstellung gestalten Forschung und Industrie, Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, der Politik, den Religionen und den Künsten eine für alle wünschenswerte Zukunft. Er sieht Europa in der „Pflicht“, einen eigenen Weg in der KI-Entwicklung einzuschlagen, der dem Anliegen der „Ethischen Intelligenz“ entspreche. „Das bedeutet, die enormen ökonomischen Potenziale eines ethischen Fortschritts zu erkennen und sie zur Grundlage der Wertschöpfung zu machen“, beton er. Dabei könnten Unternehmen zu „Laboren moralischer Innovation“ werden und neue Geschäftsfelder mit Daten entwickeln, die „ethische Werte“ enthalten.