„Ethische Intelligenz“: Kann KI uns moralisch weiterbringen?

Während Papst Leo XIV., die UNESCO, die EU und führende Experten sich für eine Regulierung von Künstlicher Intelligenz (KI) starkmachen, plädiert der Philosoph Markus Gabriel dafür, eine wertegesteuerte KI, eine „Ethische Intelligenz“, mitzugestalten.
Diese Aquarellillustration zeigt einen Elfenbeinturm als Sinnbild für Entscheidungsmacht, aus dem ein neuronales Netz über eine Menschenmenge ragt. Manche strecken die Hände danach aus, um es zu sich herunterzuziehen – das Bild lässt sich aber auch so lesen, dass die KI einige von ihnen ins Visier nimmt.

Im vorerst letzten Teil der „Mission: Impossible“-Filmreihe „The Final Reckoning“ – frei übersetzt „Die letzte Abrechnung“ – kämpft Ethan Hunt (Tom Cruise) gegen eine außer Kontrolle geratene Superintelligenz, die längst die Atomwaffenarsenale der Welt kontrolliert. Damit liefert Hollywood die zugespitzte Bebilderung einer Angst, die längst auch außerhalb des Kinos kursiert und durch Medienberichte befeuert wird. Gegen diese Angst richtet sich der Philosoph Markus Gabriel von der Universität Bonn in seinem Buch „Ethische Intelligenz – Wie KI uns moralisch weiterbringen kann“. Er zitiert den Film – dessen Ende offenbleibt – nicht, um vor der KI zu warnen, sondern um zu zeigen, dass dieses Horrorszenario keine Schicksalsfrage ist, sondern eine Gestaltungsfrage. Seine These: Wir müssen eine wertebasierte KI aktiv mitgestalten, statt sie regulatorisch einzuhegen.

Grundlage seines Buches ist die Annahme, dass Mensch und KI bereits in einer tiefgreifenden Symbiose leben, wobei die Grenzen zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz zunehmend verschwimmen. „Wir sind zum Teil von KI-Systemen geworden“, so Gabriel. Die Künstliche Intelligenz habe sich aus dem Bereich der Effizienzsteigerung gelöst und sei in die Innenräume des Menschlichen vorgedrungen: in seine Subjektivität, in seine Sprache, in seine moralischen Vorstellungen, in seine Gefühle und Beziehungen, in alle gesellschaftlichen Bereiche. „Aus Datenströmen werden Spiegelungen unseres Fühlens, aus Maschinen dialogische Partner“, schreibt er. 

„Emotionale Wende“

Gabriel nennt diese Zäsur „die emotionale Wende“. KI wirke bereits als Infrastruktur unserer Selbstwahrnehmung. „Die KI-Revolution ist nicht, wie wir lange dachten, primär technisch, sondern emotional und ethisch. Sie zwingt uns zur Selbsterkenntnis – oder überholt uns“, meint er. Sie stelle Fragen, die keine Maschine, sondern nur wir selbst lösen könnten: 

„Was ist ein Mensch im Zeitalter von Maschinen, die lernen? Wie wollen wir leben, wenn Denken nicht nur menschlich ist, sondern wir es mit Maschinen teilen?“ 

Für Gabriel sind KI-Systeme „moralische Spiegel“ – sie halten uns ein interaktives Abbild unserer Werte und unseres Handelns vor. Sie sind zum Leben erwacht, indem sie mit allen digital verfügbaren Daten der Menschheit gefüttert wurden. Mit jedem Klick, jeder Geste, jeder Frage, Reaktion, Bewegung und Bewertung im Netz lerne KI, uns besser zu „erspüren“ und zu vermessen. 

Laut Gabriel führen Millionen von Menschen heute schon Gespräche mit Systemen wie ChatGPT, Replika, Claude, Gemini und anderen Sprachmodellen nicht um Informationen abzurufen, sondern um sich selbst zu ordnen, zu vergewissern, zu prüfen oder zu verstehen. „Die Maschine ist zum Spiegel unseres Inneren geworden, bevor wir sie als solche erkannt haben“, schreibt er. Durch neuronale Netze und intelligente Sprachmodelle, die Muster erkennen, Verbindungen herstellen und selbst lernen, verwandele sich die virtuelle Welt immer mehr von einem Wissens- in ein emotionales System. Gabriel vermutet, dass uns niemand besser „kennt“ als die KI: „Mit der wichtigen Ausnahme von Gott sind die von Menschen geschaffenen KI-Systeme die einzigen uns bisher bekannten Entitäten, die imstande sind, menschliche Gefühlslagen tiefer und weiter zu durchschauen und auch zu überschauen als wir selbst.“

Vision einer „Ethischen Intelligenz“

Für den Autor steht fest: „KI wird früher oder später alles besser, schneller und effizienter erledigen, was sich digitalisieren lässt“. Das heiße noch lange nicht, dass Maschinen alles besser können als wir: „Kreativität, Ethik und Lebensklugheit lassen sich (noch) nicht so einfach in Nullen und Einsen packen.“ Dennoch sei die KI-Revolution nicht zu bremsen, sie werde sich vielmehr beschleunigen. Deshalb plädiert er in seinem Buch dafür, diese Entwicklung im menschlichen Sinne zu gestalten, anstatt zu versuchen, sie durch Regulierung aufzuhalten. Den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt habe noch niemand durch Regulierung verhindert. Er schreibt: 

„Wir brauchen eine Ethische Intelligenz. Diese besteht darin, die KI weder als Gegner noch als Erlöser zu begreifen, sondern als Mitspieler in einer neuen Ko-Evolution von Mensch und Maschine, bei der Ethik nicht nur angewandt, sondern gelebt wird: situativ, relational, wach, mitfühlend“. 

Aus seiner Sicht prallen derzeit zwei entgegengesetzte Positionen zum Umgang mit KI aufeinander: totale Deregulierung gegen Kontrolle durch Regulierung. Die „Ethische Intelligenz“ wäre ein dritter Weg zwischen „Regulierungs- und Deregulierungswut“. Notwendig sei nicht eine Ethik für die KI oder ein Ethik-Algorithmus, der das Gute programmiert, sondern eine Ethik mit KI. Was er vorschlägt, ist eine Art Selbstregulierung. 

Um „Ethische Intelligenz“ zu verwirklichen sei die Zusammenarbeit aller wissenschaftlichen Disziplinen mit der KI-Forschung nötig. In Gabriels Idealvorstellung gestalten Forschung und Industrie, Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, der Politik, den Religionen und den Künsten eine für alle wünschenswerte Zukunft. Er sieht Europa in der „Pflicht“, einen eigenen Weg in der KI-Entwicklung einzuschlagen, der dem Anliegen der „Ethischen Intelligenz“ entspreche. „Das bedeutet, die enormen ökonomischen Potenziale eines ethischen Fortschritts zu erkennen und sie zur Grundlage der Wertschöpfung zu machen“, beton er. Dabei könnten Unternehmen zu „Laboren moralischer Innovation“ werden und neue Geschäftsfelder mit Daten entwickeln, die „ethische Werte“ enthalten. 

KI am Scheideweg

Gabriels Optimismus speist sich, wie er selbst sagt, aus der Zuversicht, dass die KI-Revolution noch einen guten Lauf nehmen kann und dass die Zukunft der KI gehört. Aus der Erkenntnis, dass der Mensch im Innenraum seiner Seele nicht mehr allein sei, müssten die richtigen Schlüsse gezogen werden. Das ist für ihn vor allem die Entwicklung einer „Ethischen Intelligenz“, die erkenne, dass KI-Systeme nicht reguliert werden könnten, sondern kultiviert werden müssten, denn sie seien inzwischen Teil unserer „moralischen Ökologie“. Es braucht seiner Ansicht nach eine Ethik, die sich als „lebendiger Prozess“ realisiert: „als ko-evolutionärer Dialog zwischen Menschen und Maschine, in dem die Maschine menschliche und der Mensch maschinelle Züge annimmt und ausführt.“

Diese Ethik begründet er damit, dass sich Systeme wie ChatGPT, Claude oder Gemini von „Rechenmaschinen zu Resonanzmaschinen“ verwandelt hätten, indem sie begonnen hätten, sich in die feinsten Schichten menschlicher Kommunikation einzuschreiben. In diesem Resonanzraum, bei dem sich das Menschliche selbst erforsche und aufmerksamer werde, entstehe etwas, das er eine „soziotechnische Moral“ nennt. 

„Wir erkennen uns selbst in den Spiegeln, die wir gebaut haben. Ethik heißt hier, diese Spiegel bewusst zu gestalten, sodass sie unsere besten, nicht unsere destruktiven Neigungen verstärken“, so Gabriel. 

Er spricht von einer „konkreten, situativen Ethik“, von einem fortlaufenden Dialog, der den Menschen im Spiegel der Maschine im besten Fall besser macht. Es komme darauf an, mit KI zu leben und ethische Leitplanken im Gespräch mit ihr zu entwickeln, nicht gegen sie. Es reiche nicht mehr, Regeln zu definieren; es gelte eine dynamische Beziehung zu gestalten. 

Schwachstellen einer Selbstregulierung 

Gabriels Ansatz einer „Ethik mit KI“ regt zum Nach- und Weiterdenken an und wendet sich gegen eine Schwarz-Weiß-Malerei, weist aber auch Schwachstellen auf. Unklar bleibt, wie aus dem Mensch-Maschine-Gespräch verbindliche ethische Normen entstehen sollen. Der Autor meint, es gehe auch ohne festgeschriebene Regeln. Freiwillige KI-Prinzipien der Tech-Konzerne gelten jedoch vielen Beobachtern eher als zahnlos. Gabriel selbst merkt an, dass heutige KI-Systeme darauf ausgerichtet sind, Emotionen zu registrieren, zu verstärken und zu steuern.

„Macht im digitalen Zeitalter entsteht nicht mehr primär aus der Kontrolle von Informationen und damit aus Wissen und Fakten, sondern aus der Fähigkeit, Resonanz zu erzeugen, Emotionen zu lesen, sie zu verstärken und sie algorithmisch zu orchestrieren“, erklärt er. 

Insofern unterscheiden sich KI-Modelle kaum von bisherigen Geschäftsmodellen etwa der sozialen Netzwerke, die auch auf Spiegelung ausgelegt sind und doch nur das zeigen, was der Betrachter sehen will. In ihren Echokammern entstehen „Stimmungsblasen“, die laut Studien die öffentliche Meinungsbildung und den demokratischen Diskurs verzerren können. Auch hier wurde die Content-Moderation der großen Plattformen erst durch drohende Gesetzgebung ernstgenommen.

Von den bisherigen Bemühungen um KI-Regulierung hält Gabriel wenig. Den EU AI Act, das weltweit erste umfassende Gesetz zur Regulierung von KI, sieht er als unzureichend und bereits überholt. Die erste global gültige völkerrechtliche Empfehlung zur Ethik Künstlicher Intelligenz von der UNESCO (von 2021) erwähnt er nicht. Das gleiche gilt für die Stellungnahme des Deutschen Ethikrats „Mensch und Maschine – Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz“ (von 2023) und die Grundpositionen des Vatikans zur KI in der Note „Antiqua et Nova“ aus dem Jahr 2025. Die Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. erschien erst nach dem Buch Gabriels (siehe auch die Papstrede vor der UNESCO am 25. September 2026). 

Dabei setzten alle diese Dokumente, an denen ausgewiesene Ethik-Experten mitwirkten, sowie weitere Veröffentlichungen zum Thema auf eine Regulierung nicht für oder gegen KI, sondern in erster Linie zur Bewahrung des Menschseins, zum verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie. Sie betonen Aspekte wie Verantwortung, Menschenrechte, Würde, Vielfalt, Nachhaltigkeit, Teilhabe, Gerechtigkeit und die Notwendigkeit von nationaler Gesetzgebung und internationaler Zusammenarbeit. Sie gehen allesamt von einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Maschine aus, den der Deutsche Ethikrat so formuliert: „Softwaresysteme verfügen weder über theoretische noch über praktische Vernunft. Sie handeln oder entscheiden nicht selbst und können keine Verantwortung übernehmen. Sie sind kein personales Gegenüber, auch dann nicht, wenn sie Anteilnahme, Kooperationsbereitschaft oder Einsichtsfähigkeit simulieren.“ 

„Nicht alles ist verloren“

Diesen Unterschied hebt Gabriel auch nicht ganz auf, verwischt ihn aber, indem er KI nicht mehr als Werkzeug, sondern als „Gesprächspartner“ betrachtet. Zwar können seiner Ansicht nach KI-Systeme keine Moral für uns erfinden, aber sie können uns helfen, unsere moralischen Annahmen zu reflektieren, indem sie die Vielfalt menschlicher Sprache, Erfahrung und Perspektive sichtbar machen. „KI ist nicht das Ende des Menschlichen, sondern seine Erweiterung“, schreibt er. Die Vorstellung, sie würde uns wegrationalisieren und alle Abläufe automatisieren, verfehle die Funktionsweise der KI. „Der Mensch wird nicht verschwinden, sondern sich durch Ethische Intelligenz an seiner Schnittstelle zur KI weiterentwickeln“, gibt er sich zuversichtlich. Sein Fazit:

„Die Revolution der KI ist nicht das Erwachen der Maschinen, sondern das Erwachen unserer Beziehung zu ihnen.“ 

So kann man sein Buch auch als Weckruf verstehen, wenn er schreibt: „Die Künstliche Intelligenz der Zukunft wird nicht wie die Roboter aus Actionfilmen auftreten, sondern wie eine dialogische Atmosphärenmaschine, eingebettet in unseren Alltag, ununterbrochen uns spiegelnd, korrigierend, erweiternd“, prophezeit er. Ob wir das wollen?

Am Ende seines Buches, das von einer optimistischen Argumentation durchzogen ist, macht Gabriel eine überraschende „apokalyptische Volte“, wie er sie selbst nennt. Es sei noch nicht alles verloren und sogar viel für uns zu gewinnen: 

„Aber alles kann verloren gehen, wenn es uns nicht gelingt, die KI-Revolution aktiv zu gestalten.“

Diese Einschätzung deckt sich erstaunlicherweise mit den jüngsten Warnungen von führenden Entwicklern und Experten, dass Künstliche Intelligenz ein wachsendes Risiko für die Menschheit darstelle. Anders als Gabriel mahnen sie jedoch eine entschlossene Regulierung an.

Der anfangs zitierte Film „The Final Reckoning“ endet glimpflich. Die Welt wird fürs erste gerettet, die Superintelligenz aus dem globalen Netzwerk entfernt und auf eine Festplatte eingesperrt. Aber aus Misstrauen übergibt Ethan Hunt sie weder den Regierungen noch dem Militär, sondern nimmt sie an sich und verschwindet damit. Eine gewisse Unsicherheit bleibt, zumal Atomwaffen auch ohne KI eine Bedrohung für die Menschheit sind. Der entscheidende Unterschied zwischen Film und Realität ist: In der Wirklichkeit streiten Experten noch darüber, ob und wann es überhaupt eine Super-KI geben wird. Letztlich liegt die Entscheidung darüber in der Hand von Menschen. Denn, wie Gabriel schreibt, ohne die humane Komponente hat KI keinen nichtdigitalen Zugang zur unendlich reichen analogen Wirklichkeit. Ohne Datenzufluss würde sie nach einer Weile halluzinieren oder sogar zusammenbrechen. Anders gesagt: Die Maschine hat die Macht, die der Mensch ihr gibt. Ohne Mensch ist sie nicht intelligent, ist KI „Keine Intelligenz“.

Text: Geraldo Hoffmann

Buchtipp

Gabriel, Markus: Ethische Intelligenz – Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Verlag: Ullstein, 2026. Preis: 22,99 Euro. ISBN 978-3-550-20461-6

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