„Ein hörendes Herz“: Warum Demokratie Religion braucht

Für den Soziologen Hartmut Rosa kann Religion ein entscheidender Faktor für das Gelingen von Demokratie und Zusammenleben sein. „Demokratie braucht Religion – gerade jetzt!“ heißt sein neues Buch. Politikerinnen und Politiker aus der Diözese Eichstätt stimmen ihm dabei zu.
Hartmut Rosa: "Demokratie bedarf der Fähigkeit, auf-zu-hören und zu-zu-hören."

Braucht Demokratie Religion? Fragt man Politikerinnen und Politiker im Bistum Eichstätt, fällt die Antwort parteiübergreifend einhellig aus: Ja. Die Gaimersheimer Bürgermeisterin Andrea Mickel (SPD) meint, dass Religionen wesentlich zur Wertebildung beitragen und diese Werte den Umgang in der Gesellschaft ordnen und prägen. „Ja, Religionen sind mit einigen anderen Rahmenbedingungen wichtig für unsere Demokratie“, so Mickel.

Für Maria Lechner, Stadträtin der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) in Eichstätt, ist „eine gesunde Religiosität die beste Grundlage für eine Haltung der Wertschätzung für andere Menschen und deren Leben“. Die christliche Botschaft nehme den Einzelnen ernst, weise aber zugleich über das Ego hinaus auf ein größeres „Du“ und relativiere so Egoismen und Verabsolutierungen. „Religion soll und kann für diese Haltung Räume bieten – durch Bildung, Rituale und Stille, aber auch für echte Auseinandersetzung und Diskussionen“, so Lechner.

Für den Bundestagsabgeordneten Reinhard Brandl (CSU) braucht Demokratie vor allem ein festes Wertefundament und einen inneren Kompass. Grundlage ist für ihn die christliche Soziallehre. „Für uns steht immer der Mensch als einzelne Person im Mittelpunkt. Nicht der Mensch als Mitglied einer Klasse oder gar einer Rasse“, sagt er. Jede Person habe eigene Fähigkeiten, Stärken und Schwächen, was sich auch in Gesetzen widerspiegeln solle. „Hier bewegen wir uns immer im Spannungsfeld zwischen Subsidiarität und Solidarität, also der Frage: Wie viel Eigenverantwortung braucht es, und wo muss die Gesellschaft helfen. In dieser Abwägung ist der Glaube für mich eine wertvolle Richtschnur“, so Brandl.

„Demokratie bietet der Religion Raum“, sagt Harald Lemke (Die Linke), Kreistagsmitglied im Landkreis Roth. Die Toleranz gegenüber Religionen, wie sie bereits 1555 im Augsburger Religionsfrieden angelegt sei, hält er für wichtig. 

Alle christlichen Werte, zuvorderst die Nächstenliebe, sind für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft unerlässlich“, betont er. 

Eine strikte Trennung von Staat und Religion sei jedoch von größter Bedeutung. „Wir sehen momentan, wie gefährlich es ist, wenn Religion missbraucht wird, um Verbrechen an Menschen zu begründen.“

Weg aus dem „rasenden Stillstand“

Es ist keineswegs selbstverständlich, dass Demokratie Religion braucht in einer Zeit, in der demokratische Gesellschaften massiv herausgefordert werden und die christlichen Kirchen weiter an Bedeutung verlieren. Diese Entwicklungen nimmt der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch „Demokratie braucht Religion – gerade jetzt!“ in den Blick. Religion könne Menschen „resonanzfähig“ machen, also ansprechbar und verwandelbar, laufe aber stets Gefahr, autoritär zu werden und so – wie Rosa formuliert – zum „schrecklichsten aller Resonanzkiller“. Zugleich könne sie helfen, ein „hörendes Herz“ zu entwickeln, also Ansprechbarkeit, Antwortfähigkeit und Veränderungsbereitschaft einzuüben. Ein solches „hörendes, berührbares und antwortendes Herz“ sei, so Rosa, entscheidend für gelingendes individuelles und gesellschaftliches Leben.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Analyse moderner Gesellschaften. Diese seien, so Rosa, dadurch geprägt, dass sie sich nur „dynamisch stabilisieren“ könnten, also auf permanente Steigerung durch technische Beschleunigung, ökonomisches Wachstum und kulturelle Innovation angewiesen seien, um sich zu reproduzieren und den institutionellen Status quo zu erhalten. Diesen Zustand beschreibt er als „rasenden Stillstand“. Das Problem bestehe darin, „dass wir in allen Branchen einfach weiterwachsen müssen, weil sonst die Arbeitsplätze nicht erhalten werden können, obwohl es sachlich längst keinen Sinn mehr macht zu wachsen.“ Ohne Wachstum könne das bestehende gesellschaftliche Gefüge nicht mehr erhalten werden. Durch diese Steigerungslogik entstehe ein grundlegendes Aggressionsverhältnis zur Welt, das sich in der ökologischen Krise, sozialer Unsicherheit und individueller Erschöpfung (Burn-Out) zeige. Auch politisch habe das gravierende Folgen: 

Der politisch Andersdenkende wird nicht mehr einfach nur als Dialogpartner, mit dem man sich auseinandersetzen muss, gesehen, sondern geradezu als ekelerregender Feind wahrgenommen, den man zum Schweigen bringen muss.“ 

Rosa sieht in dieser Situation eine „Störung der Weltbeziehung“, die verbunden sei mit dem Gefühl, nicht mehr auf eine verheißungsvolle Zukunft zuzugehen, sondern vor einem Abgrund zu fliehen. Die Gesellschaft suche verzweifelt nach einer alternativen Form der Weltbeziehung, des In-der-Welt-Seins.

„Zeitalter der Bastelreligiosität“

Vor diesem Hintergrund stellt sich für ihn die Frage, ob eine solche Gesellschaft religiöse Orientierung oder sogar religiöse Institutionen wie Kirchen benötigt: 

Bedarf eine moderne, säkulare, kapitalistische Gesellschaft in irgendeiner Hinsicht religiöser Ideen, Praktiken, Konzeptionen, weil (nur) diese das Herz vielleicht so zu erreichen vermögen, dass es hörend wird?“ 

Oder ist Religion lediglich ein Anachronismus in einem „Zeitalter der Bastelreligiosität“, in dem Menschen ihr eigenes Weltbild konstruieren? Kritiker verweisen auf genau das: auf religiösen Pluralismus, schwindende Bindungskraft der Kirchen und nicht zuletzt auf deren moralisches Versagen, etwa durch Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt. All dies wird in dem Buch nicht beschönigt.

Dennoch ist Rosa überzeugt, dass Religion und vielleicht auch Kirche weiterhin eine wichtige Rolle spielen kann. Sie verfüge über Ressourcen, die helfen könnten, aus dem „rasenden Stillstand“ herauszufinden, indem sie andere „Formen der Weltbeziehung denkbar, erahnbar und fühlbar werden lassen, die anders sind als der unter modernen kapitalistischen Verhältnissen vorherrschende Aggressionsmodus zum Leben“. Denn, so Rosa, „Demokratie funktioniert nicht im Aggressionsmodus“, das zeigten aktuelle Demokratiekrisen deutlich.

Die Aussage „Gib mir ein hörendes Herz“ aus dem Buch der Könige erhält für ihn daher eine politische Dimension. Der junge Salomo habe, als er unerwartet zum König erhoben wurde, nicht um Waffen, Macht oder Verbündete, sondern um ein hörendes Herz gebeten. „Das hörende Herz ist also, wenn man so will, schon in der Bibel eine Voraussetzung für gelingende politische Herrschaft, für gutes Regieren“, folgert Rosa. In der Demokratie reiche es nicht, eine eigene Stimme zu haben, die gehört werde; es brauche Ohren, die die anderen Stimmen hören, und ein hörendes Herz, das die anderen hören und ihnen antworten will. 

Demokratie bedarf eines hörenden Herzens, sonst funktioniert sie nicht“, so Rosa. 

Die Krise der Moderne sei daher auch eine Krise der Anrufbarkeit, und diese zeige sich in der Glaubenskrise und in der Demokratiekrise gleichermaßen.

Auf- und zuhören

„Die Gesellschaft, ja, die Demokratie bedarf der Fähigkeit, sich anrufen zu lassen, und das heißt, der Fähigkeit, auf-zu-hören und zu-zu-hören, auf- und zu-zu-hören, sozusagen“, schreibt Rosa. Diese Fähigkeit beschreibt er mit dem Begriff der Resonanz. Sie setze soziale, materiale und kulturelle Räume voraus, in denen ein anderes Weltverhältnis möglich wird. Religionen stellten solche Räume oft bereit, etwa in Kirchen, Tempeln oder Moscheen. Dort unterscheide sich die körperliche Haltung, die innere Gestimmtheit, die Richtung des In-der-Welt-Seins grundlegend vom Alltag: 

Wir müssen in der Kirche nichts erreichen, beherrschen, erwerben, kontrollieren.“ 

Der „Aggressionsmodus“ finde kein Ziel; stattdessen entstehe die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, auch wenn dies, wie Rosa einschränkt, nicht immer gelinge.

Über die Räume hinaus biete Religion weitere Elemente solcher Resonanzbeziehungen auf unterschiedlichen Seinsebenen: So wie Kirchen, Tempel, Moscheen oder Pilgerstätten die Tendenz hätten, uns anrufbar zu machen, würden dies auch Feiertage oder „heilige Stunden“ tun. Rosa betont, dass viele religiöse Traditionen auf die Vergegenwärtigung von Resonanzverhältnissen zielten. Im Katholizismus zeige sich dies besonders in körpernahen Praktiken, etwa beim Kreuzzeichenmachen, im Berühren des Weihwassers, im Weihrauchatmen, im Niederknien, im Anzünden von Kerzen oder in der Anrufung von Heiligen. All diese Gesten zielten darauf, eine Verbindung zur Welt und zu einer „anderen“ Wirklichkeit herzustellen. Auch esoterische oder sogenannte „New-Age“-Praktiken deutet Rosa als Ausdruck einer tiefen Resonanzsehnsucht: 

Menschen suchen in Steinen und Kräutern, Bächen und Bergen und in den Sternen nach Resonanzen, wollen sie daran oder daraus wiedergewinnen.“  

Die Attraktivität solcher Praktiken liege darin, dass sie ein Gespür dafür vermittelten, dass zwischen dem Innersten des Menschen und dem Kosmos ein Zusammenhang bestehe – eine Resonanzbeziehung.

Die besondere Kraft der Religion sieht Rosa in „einer Art vertikalen Resonanzversprechen“: der Zusage, dass am Grund der Existenz nicht ein stummes, gleichgültiges Universum steht, sondern eine Antwortbeziehung. Dieses Motiv finde sich in vielen Religionen. Im Christentum komme es besonders deutlich zum Ausdruck, etwa wenn es in der Bibel heiße: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ oder „Ich habe dir den Atem des Lebens eingehaucht.“ Für Rosa verdichten solche Bilder die Bibel zu einem „Dokument des Schreiens, Rufens und Flehens danach, gehört zu werden, Resonanz zu finden, Widerhall zu finden angesichts einer schweigenden Sternenwelt.“

Gleichzeitig betont er, dass religiöse Institutionen ihr Potenzial, Resonanzräume zu schaffen, oft nicht einlösen oder ausschöpfen. Im Gegenteil: „Kaum eine Instanz war historisch gesehen ein wirksamerer Resonanzkiller als die christlichen Kirchen. Aber das gilt auch für religiöse Institutionen und Autoritäten anderen Typs.“ Die Gefahr, Resonanz zu unterdrücken, gehöre ebenso zum Wesen von Religion wie die Möglichkeit, sie zu eröffnen. Trotz dieser Ambivalenz zieht Rosa ein zuversichtliches Fazit: 

Religion hat die Kraft, ein Ideenreservoir und ein rituelles Arsenal voller entsprechender Lieder, Gesten, Räume und Zeiten, Traditionen und Praktiken, die den Sinn dafür öffnen können, was es heißt, sich anrufen zu lassen, sich transformieren zu lassen, in Resonanz zu stehen.“ 

Ohne diese Fähigkeit zur Resonanz – so seine These – könne eine lebendige Demokratie nicht bestehen. Ob sich die Kirchen dieses Potenzials stets bewusst sind, bleibt eine andere Frage.

Text: Geraldo Hoffmann

Kann Liebe eine gesellschaftliche und politische Kraft sein?

Buchtipp

Rosa, Harmut: Demokratie braucht Religion – gerade jetzt! Verlag: Kösel, 2026. Preis: 14 Euro. ISBN: 978-3-466-37362-8

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit