PFR Ingolstadt St. Pius, Bistum

„Du sollst dir kein falsches Bild machen“: Fotografie, Glaube und Wahrheit

Was bedeutet das alte Bildverbot der Bibel in Zeiten von DeepFakes und KI-Bildfluten? Ein Priester und ein Profi-Fotograf sprechen über die Macht der Fotografie und die Herausforderung, das Wahre im Überfluss der Bilder zu erkennen.
Martin Geistbeck (links) und Hubert Klotzeck im Gespräch.

In einer Welt, die von Bildern überflutet wird, sind diese längst mehr als nur visuelle Darstellungen von Momenten – sie sind Botschaften, Wahrheiten, aber auch Täuschungen. In diesem Interview blicken zwei Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven darauf: Martin Geistbeck, ein katholischer Priester, der die Fotografie als Hobby betreibt, und Helmut Klotzeck, ein professioneller Fotograf ohne religiöse Bindung.

In der Bibel heißt es: „Du sollst dir kein Bild noch irgendein Abbild dessen machen, was oben im Himmel, unten auf der Erde oder im Wasser unter der Erde ist.“ Verkürzt wird es oft wiedergegeben als: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen.“ Was sagt Ihnen dieses Bildverbot?

Martin GeistbeckEs sagt mir: Wenn du ein Bild hast oder zwei, wird alles darauf ausgerichtet, und die Flexibilität, wie sich Gott zeigt, geht verloren. Die verschiedenen Erscheinungsformen lassen sich dann gar nicht mehr erkennen, weil man auf etwas fixiert ist. Ein Bild zu haben ist eine Chance, birgt aber auch das Risiko, dass man immer nur dieses eine Bild im Blick hat und andere Bilder, in denen sich Gott zeigt, nicht wahrnimmt. Mit der Geburt Jesu als Kind, als Mensch mit Angesicht, Armen, Beinen und Sprache, geht Gott auf die Menschen zu, um sein Wesen zu zeigen.

Das geschieht auch in Bildern, Erzählungen und Gleichnissen, was es besonders für Menschen, die nicht lesen können, verständlich macht. Die Kirche hat erkannt, dass solche Bilder hilfreich sind, auch wenn sie immer die Gefahr bergen, dass man sich zu stark auf ein Bild fixiert. Es hilft, wenn man sich nicht auf ein Bild als alles fixiert, denn Gott hat so viele Erscheinungsformen, wie es Menschen gibt, und ebenso viele Wesenseigenschaften, die wir gar nicht vollständig erfassen können. Viele Menschen erfahren Gott durch Gleichnisse, die Bilder aus dem Alltag verwenden – aus Ernte, Viehzucht, Leben und Miteinander. Diese Bilder, die die Menschen kannten, zum Beispiel durch Vergleiche wie das Weizenkorn oder die Weintraube, helfen zu verstehen, wie Gott wirkt. So entsteht ein guter Bogen über die vielfältigen Möglichkeiten, Gottes Gegenwart in der Welt zu erkennen.

Hubert Klotzeck: Auf den ersten Blick wirkt dieser Satz wie ein Widerspruch zu allem, wofür Fotografie steht. Für mich persönlich ist er dennoch überraschend aktuell. Ich komme nicht aus einer religiösen Praxis, im Gegenteil: Meine Biografie ist eher von Distanz zur Kirche geprägt. Und trotzdem berührt mich dieser Gedanke heute stärker denn je – allerdings weniger dogmatisch als moralisch.

Wir leben in einer Zeit, in der Bilder in einer kaum vorstellbaren Menge produziert und verbreitet werden. Sie sind schnell, laut, überzogen, oft einseitig. 

Vielleicht meint dieses alte Gebot, in unsere Gegenwart übersetzt, genau das: Sei vorsichtig mit den Bildern, die du machst – und mit denen, die du glaubst. 

Die Grenze liegt für mich nicht im Verbot, sondern in der Verantwortung. Bilder können manipulieren, vereinfachen, verführen. Gleichzeitig ist es aus dokumentarischer und journalistischer Sicht wichtiger denn je, Missstände sichtbar zu machen – und ebenso das Schöne, das Hoffnungsvolle zu zeigen. Problematisch wird es dort, wo künstlich erzeugte Bilder unsere Fähigkeit untergraben, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Vielleicht müsste das Gebot heute lauten: „Du sollst dir kein falsches Bild machen.“

Wenn man annimmt, dass Gott – oder das, was viele als göttlich empfinden – im Universum und in allem Seienden zum Vorschein kommt: Kann man überhaupt fotografieren, ohne dabei Gott abzubilden?
Martin GeistbeckFür mich ist es eigentlich nicht möglich, zu fotografieren, ohne Gott abzubilden, denn Gott zeigt sich in allem, was aus dem Schöpfer hervorgeht. Jeder Grashalm, jede Fliege und jede Form der Natur trägt Spuren Gottes in sich. Am deutlichsten werden diese Spuren beim Menschen sichtbar, wenn er vernünftig und gut in den Fußstapfen Jesu lebt.

Hubert Klotzeck: Letztlich ist jedes reale Bild ein Ergebnis der Schöpfung. Ob man diese Schöpfung religiös deutet oder naturwissenschaftlich – als Urknall, Physik, Chemie – spielt für das Staunen kaum eine Rolle. Die Natur besitzt eine eigene Ästhetik, die selbst Nichtgläubige ergreift. Und wir Menschen sind nun einmal visuelle Wesen. Fotografieren heißt in diesem Sinn: wahrnehmen, würdigen, sichtbar machen.

Wenn der Mensch ein Ebenbild Gottes ist, wie es in der Bibel heißt, ist dann nicht jedes Bild eines Menschen auch ein Bild von Gott?
Martin GeistbeckLetztlich ist jeder Mensch ein Abbild Gottes, der seine Nähe in der Welt verwirklicht. Menschen sind nicht nur zum Vergnügen hier, sondern, um das Gute zu tun und die Schöpfung Gottes im Miteinander zu nutzen. Deshalb kann jedes Bild eines Menschen auch ein Bild von Gott sein – nicht immer bewusst, aber die Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Lebenssituationen spiegelt Gottes Vielgestaltigkeit wider. Gott lässt sich nie auf ein einziges Bild fixieren: Er zeigt sich in allen Menschen, auch in denen, die leiden, hungern oder in Krieg und Not leben. Diese Vielfalt macht deutlich, dass Gottes Gegenwart unzählige Facetten hat, die in unserer Welt sichtbar werden.

Hubert Klotzeck: Ja, aber mit allen Konsequenzen. Nicht nur das Schöne, auch das Gebrochene, Hässliche und Leidvolle gehört dazu. Wenn Gott als Schöpfer von allem gedacht wird, dann vereint sich in diesem Gedanken auch das Widersprüchliche. Fotografie zeigt genau diese Spannbreite menschlicher Existenz.

Wir erleben – wie bereits hier erwähnt wurde – eine enorme Bilderflut, die durch künstlicher Intelligenz noch verstärkt wird. Wie verändert diese visuelle Überflutung unsere Fähigkeit, Wirklichkeit zu erkennen und zu deuten?
Martin Geistbeck: Diese unsere Fähigkeit wird durch die Bilderflut stark herausgefordert. Deshalb ist es wichtig, ein eigenes Koordinatensystem zu entwickeln, um die Flut von Medien, Nachrichten und Bildern zu filtern und zu verarbeiten. 

Man braucht bewusst Freiräume, in denen man diese Überreizung reduziert, sonst wird man schlicht von den Bildern erschlagen. 

Bilder und KI-generierte Inhalte sind wie ein Messer: Sie können helfen, Erkenntnisse zu gewinnen – etwa in Medizin oder Landwirtschaft – oder Schaden anrichten, wenn sie manipulativ eingesetzt werden. In falschen Händen kann das zu Hetze, Konflikten oder sogar Kriegen führen, wie die Geschichte zeigt. Deshalb ist es entscheidend, kritisch zu bleiben, Quellen zu prüfen und die Bilder bewusst einzuordnen, um Wirklichkeit erkennen zu können.

Hubert Klotzeck:  Die Bilderflut verändert unsere Wahrnehmung massiv. Wir sind trainiert auf schnelle Schnitte, kurze Sequenzen, starke Reize. Aber wir verlieren zunehmend die Fähigkeit, ein einzelnes Bild wirklich zu betrachten. Wir hetzen weiter, sobald der erste emotionale Impuls nachlässt. Das Innehalten fehlt – nicht nur in der Bildbetrachtung, sondern im Leben allgemein. Alles ist auf Tempo, Leistung und Wachstum ausgerichtet. Doch ein Bild erschließt sich erst im Verweilen. 

Bilder „lesen“ zu können, setzt innere Ruhe voraus.

Was macht ein Bild „wahr“? Und ist diese Frage im Zeitalter von KI-generierten bzw. KI-manipulerten Bildern (DeepFakes) überhaupt noch sinnvoll?
Martin Geistbeck: Ein Bild ist für mich dann „wahr“, wenn es die Geschichte, die es erzählt, vollständig und unverfälscht zeigt – ohne dass am Rand etwas weggelassen oder manipuliert wird. Es sollte mir ermöglichen, die Situation zu erkennen und selbst zu verstehen, was dargestellt wird. Dabei ist es schwierig, da jedes Bild den Betrachter in bestimmte Richtungen lenkt und stets eine Perspektive vermittelt. Im Zeitalter von Deepfakes und KI-generierten Bildern wird diese Unterscheidung immer komplexer. Man muss genau hinschauen, kritisch prüfen und sich bewusst machen, dass Bilder sowohl zum Nachdenken anregen als auch manipulativ eingesetzt werden können.

Hubert Klotzeck: Vielleicht ist das heute eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Fragen. Wahrheit im Bild ist weniger eine rein technische Eigenschaft als ein Zusammenspiel aus Intention, Gestaltung, Moment und innerer Haltung. Manche Fotografien berühren uns, brennen sich ein, weil sie etwas erfassen, das über das rein Sichtbare hinausgeht. Es ist dieses geistige Moment, das wir als stimmig oder wahr empfinden. Tragischerweise sind solche leisen, vielschichtigen Bilder in der medialen Logik oft weniger gefragt als das Sensationelle. Doch gerade die Haltung des Fotografen – seine Absicht und seine Fähigkeit, diese ins Bild zu übertragen – ist entscheidend.

Welche Rolle spielen Bilder in Ihrer eigenen Biografie?
Martin Geistbeck: Bilder spielen für mich eine wichtige Rolle. Ich fotografiere gerne und halte dabei Momente, Ereignisse oder Menschen fest, die mir wichtig sind, um sie präsent zu halten.

Hubert Klotzeck: Bilder spielen für mich ganz unterschiedliche Rollen. Da ist die künstlerische Fotografie, die abstrahiert, isoliert, provoziert oder bewusst aus unserer gewohnten Bildwelt herausfällt. Und da ist die dokumentarische Fotografie, die als visuelles Gedächtnis funktioniert, Missstände aufzeigt, aber auch die Wunder von Natur und Leben sichtbar macht. Ich bin in den 70er- und 80er-Jahren groß geworden, mit journalistischen Jahrbüchern, die Bilder aus Politik, Gesellschaft und Weltgeschehen versammelten. Diese Bücher haben mich früh geprägt – als stille Lehrmeister für die Kraft des fotografischen Blicks.

Glauben Sie, dass es Dinge gibt, die sich grundsätzlich nicht abbilden lassen, weil sie dem Bild widerstehen?
Martin Geistbeck: Es gibt sicherlich Dinge, die sich nur schwer oder gar nicht vollständig abbilden lassen – Gefühle, Emotionen oder flüchtige Momente. Jedes Bild ist immer nur eine Momentaufnahme: die Ruhe vor dem Sturm, das Schöne vor der Katastrophe. Man kann diese Situationen fotografieren oder digital darstellen, aber ob man das Ganze wirklich erfasst, bleibt offen. Bilder sind eher Einladungen, interessante Momente wahrzunehmen – sie können aber nie die vollständige Tiefe von Erfahrungen oder Emotionen wiedergeben.

Hubert Glotzeck: Ja, die gibt es. Man kann eine wilde Steilküste fotografieren: Sturm, Wellen, Wolkenberge. Aber das Bild kann nicht den Regen zeigen, der ins Gesicht peitscht, nicht den Geruch des Meeres, nicht das Dröhnen des Windes. 

Fotografie kann sich annähern, aber das Gesamterlebnis bleibt körperlich und innerlich. 

Vielleicht ist ein Bild immer nur eine Spur, eine Erinnerungshilfe, ein Hinweis auf etwas Größeres. Und gerade darin liegt seine Stärke.

Gibt es ein Bild, das Sie nicht mehr loslässt? Und warum?
Martin Geistbeck: Ein Bild, das mich bis heute nicht loslässt, stammt von dem brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der leider im vergangenen Jahr verstorben ist. Es zeigt Menschen, die unter mittelalterlich anmutenden Arbeitsbedingungen in einem Schlund an einem Berg Gold abbauen. Dieses Bild bleibt mir präsent. Neben zahlreichen anderen großartigen Fotografen hat Salgado mich nachhaltig beeindruckt. Mit seinen Bildern vermittelt er so viel über das Leben und die Erde, über Menschen, Tiere und die Natur. Sie regen zum Staunen an, berühren aber auch tief. Oft zeigen sie klar die Sorgen und Nöte der Menschen und der Natur, die Verletzung der Würde des Menschen sowie die brutale Ausbeutung der Natur.

Hubert Klotzeck: Ja, viele. Aber eines betrachte ich fast täglich: ein Studioporträt meiner Großmutter mit meiner Mutter als Kind, aufgenommen Mitte der 1950er-Jahre. Beide sind früh gestorben, wie auch mein Papa, der nur 39 wurde. Meine Mutter starb mit 36, meine Großmutter mit 54. An ihre Stimmen kann ich mich nicht mehr erinnern – das schmerzt. Aber dieses Bild spricht. Es trägt ein Lebensgefühl in sich, eine Ernsthaftigkeit, eine leise Melancholie. Die beiden konnten nicht wissen, wie kurz ihr Leben sein würde. Und doch bleibt ihr Dasein in diesem Bild gegenwärtig. Für mich ist das vielleicht die stärkste Form fotografischer Wahrheit: dass ein Bild über Zeit hinaus eine Beziehung bewahrt.

Die Fragen stellte Geraldo Hoffmann

Zur den Personen

Martin Geistbeck stammt aus Nürnberg und wurde 1994 zum Priester geweiht. Nach seiner Kaplanszeit in Schwabach war er von 1995 bis 1998 Stadtjugendseelsorger in Ingolstadt. 1998 wechselte er als Regionaljugendseelsorger für die Dekanate Herrieden und Weißenburg sowie als Pfarradministrator nach Stopfenheim. Von 2003 bis 2010 war er Diözesanjugendseelsorger. Seitdem leitet er die Pfarrei St. Pius in Ingolstadt.

Hubert Klotzeck ist gebürtiger Ingolstädter und lebt in Eichstätt, wo er seit 2014 hauptberuflich als Fotograf, Galerist und Fine-Art-Printer arbeitet. Als freier Fotograf ist er bereits seit 1997 tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Architektur, Porträt und Tanz, Landschaft, Dokumentation und Reportage. Seit 2011 betreibt er das Atelier und Studio bildfläche in Eichstätt und hat bereits rund 30 Einzelausstellungen realisiert. Von 2016 bis 2024 war er Vorsitzender des Kunstvereins Ingolstadt. 2013 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Eichstätt und 2014 den Kulturpreis des Musik- und Theatervereins Eichstätt.

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit