Eichstätt. (pde) - 50 Jahre ist es her, dass das Hilfswerk Misereor erstmals ein künstlerisch gestaltetes Hungertuch präsentierte. 24 weitere sind seit 1976 im Zweijahres-Rhythmus hinzugekommen und haben viele Pfarrgemeinden durch die Fastenzeit begleitet. Jedes Tuch sollte Fragen von globaler Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung aufgreifen und dazu einladen „genauer hinzuschauen – auf die Menschen, ihre Geschichten und unsere gemeinsame Verantwortung“, wie es im Rückblick von Misereor heißt. Zum Jubiläum präsentiert das Hilfswerk in Buchform alle 25 bisherigen Hungertücher. Beim Leiter der Stabsstelle Weltkirche im Bistum Eichstätt, Dr. Gerhard Rott, liegt der Band schon auf dem Schreibtisch. Viele der Abbildungen hat er aber Tag für Tag in weit größerem Format vor Augen: In seinem Büro, dem wohl buntesten im ganzen Bischöflichen Ordinariat, sind alle Wände mit Zeugnissen weltkirchlicher Verbundenheit bedeckt, mit Aktionsplakaten und Urkunden, Fahnen und Fotos, Gastgeschenken und eben Hungertüchern. Das erste aus Rotts Dienstzeit ist von 2002. „El Loco“ nannte sich der Künstler, ein ehemaliger Meisterschüler von Joseph Beuys, der zwischen Deutschland und seiner Heimat Togo pendelte.
Dokumente des Dialogs: 50 Jahre Misereor Hungertücher
Immer wieder beauftragt Misereor Künstlerinnen und Künstler, die aus dem globalen Süden kommen, jedoch hierzulande leben. So schuf etwa die in Augsburg lebende gebürtige Chilenin Lilian Moreno Sánchez das 2021er Hungertuch. Unglücklicherweise „konnte man damals wegen Corona keinerlei Bildungsarbeit machen“, erinnert sich Rott. Dafür aber gab es in Eichstätt eine außergewöhnliche Aktion: Das Hungertuch-Motiv wurde auf eine großformatige Plane gedruckt und in Anwesenheit der Künstlerin am Bauzaun des damals wegen Restaurierung geschlossenen Doms befestigt. Fast zwei Jahre hing es dort, viele Passanten blieben stehen und betrachteten es.
Handsigniertes Tuch von Sieger Köder
Rotts Lieblingsmotiv ist von 2017. Der nigerianische Künstler veranschaulicht mit seinem Titel „Ich bin, weil du bist“ für Rott besonders eindringlich, dass Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe erfolgen sollte. Mit der Botschaft von Hungertüchern hat sich der heutige Weltkirche-Stabsstellenleiter schon früh auseinandergesetzt: „In der Jugendarbeit haben wir dazu Meditationen gemacht“. Gut erinnert er sich auch an die Fastenzeit 1997, als die bundesweite Misereor-Eröffnung in Eichstätt stattfand. Weltkirche-Referent war damals noch der kürzlich verstorbene Comboni-Missionar Josef Schmidpeter. Von dessen Mitbruder Sieger Köder wiederum stammte damals das Hungertuch. Handsigniert hängt es in Rotts Büro, gleich gegenüber dem jüngsten Exponat von 2025, einer digitalen Fotocollage. Auch wenn nicht alle Motive an den Wänden Platz haben, werden sie in der Stabsstelle lückenlos aufbewahrt. Rott öffnet einen Schrank, in dem säuberlich zusammengefaltet alle 25 Tücher liegen.
Misereor verweist in seinem Rückblick auch auf deren Geschichte, auf so berühmte Vorbilder wie etwa das Fastentuch von Zittau (1573). „Am Hungertuch nagen“, dieses Sprichwort entstand, als die Menschen noch echten Mangel litten. Heute hingegen, meint Rott, „ist es von dieser Redewendung nicht weit zu Fragen der globalen Verteilungsgerechtigkeit“.
Das Buch zum Preis von 19,50 Euro ist zu bestellen unter www.misereor.de/informieren/alle-publikationen; Suchbegriff: „Auf Tuchfühlung“