Die Gleichnisse Jesu als „Eselsbrücken zu Gott“

In den Augen von Beatrice von Weizsäcker ist Jesus ein Bild- und Wortkünstler, seine Gleichnisse sind wie Kunstwerke, deren Sinn wir oft nicht verstehen können. Die „Neu-Katholikin“ sieht die Parabeln als Brücken, um dem Reich Gottes näherzukommen.
Die Autorin Beatrice von Weizsäcker ist seit 2020 katholisch

In ihrem neuen Buch „Eselsbrücken zu Gott“ nimmt die Juristin und Publizistin Beatrice von Weizsäcker zehn Gleichnisse des Neuen Testaments unter die Lupe und entdeckt darin tiefe und überraschende Botschaften: über Wichtigtuerei und Weisheit, Macht und Ohnmacht, Söhne und Töchter, Sturheit und Hartnäckigkeit, Trost und Schutz, Frieden und Freundschaft, Dunkelheit und Licht. Umrahmt und unterbrochen werden die Erzählungen von drei Gesprächen mit Jesus, die alle gedanklich an einer Brücke stattfinden.

Jesus erzählte aus dem Alltag, so von Weizsäcker, weil die Menschen den Alltag kannten und er wollte, dass sie seine Botschaft verstehen. Ob es ihm dabei immer gelang, ihnen die Idee vom Reich Gottes näher zu bringen, ist spätestens nach der Lektüre ihres Buches fraglich. Diese Idee verständlich zu vermitteln, dürfte auch für heutige Verkünderinnen und Verkünder des Wortes Gottes nicht einfach sein. Der oft ländlich geprägte Alltag, in dem sich viele der biblischen Geschichten abspielen, hat sich in den vergangenen 2.000 Jahren radikal verändert – man denke nur an die Industrialisierung der Landwirtschaft. Gerade hier setzt die Autorin an und fragt nach der Bedeutung der Parabeln für die Menschen heute. Konkret: 

„Ich möchte wissen, was die Geschichten mit mir zu tun haben, wie sie mir helfen können, woran ich mich stoße und warum.“ 

Sie nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Suche, die den Blick auf die Heilige Schrift erweitert und dazu einlädt, „über die Brücken zu gehen, die Jesus mit seinen Erzählungen baut – wie Eselsbrücken.“

Beatrice von Weizsäcker gehörte zwölf Jahre zu den Präsidien des evangelischen und ökumenischen Kirchentags. Anfang 2020 trat die Tochter des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1984-1994) zum katholischen Glauben über. Sie setzt sich intensiv mit ihrem Glauben und mit der Bibel auseinander, wie bereits ihre ersten beiden Bücher „Vaterunser“ (2023) und „Wer's glaubt … Meine Seligpreisungen“ (2025) zeigen.

Der barmherzige Samariter

In „Eselsbrücken zu Gott“ beleuchtet und aktualisiert sie zehn Parabeln, die sie – wie es im Untertitel heißt – durch das Leben begleiten. Besonders deutlich wird diese „Aktualisierung“ an den eigenen kleinen Gleichnissen, die wie Meditationen oder Gebete anmuten und mit denen sie ihre Überlegungen zum jeweiligen Bibeltext abschließt. Zur Sprache kommen auch ein schmerzlicher Schicksalsschlag in der Familie sowie innerkirchliche, gesellschaftliche und politische Themen. Der barmherzige Samariter, zum Beispiel, verkörpere das Gegenteil unserer Gesellschaft – „eine Gesellschaft der Starken, die die Rechte der Schwachen schnell übersieht“, – und würde allen Benachteiligten helfen. Jesus habe hingeschaut und das Leid nicht ausgeblendet. Eine Kirche, die sich auf ihn berufe, müsse dem entsprechen. 

„Wer eine unpolitische Kirche fordert, will eine Kirche ohne Gerechtigkeit. Wer eine unpolitische Kirche verlangt, will eine Kirche ohne Gott“, argumentiert sie. 

Die Kirche dürfe nicht schweigen, sie müsse sich zu politischen Themen äußern. Damit widerspricht sie der aktuellen Bundestagspräsidentin, die eine kirchliche Einmischung in die Tagespolitik kritisiert hatte. 

Der barmherzige Samariter stelle gläubige Menschen auch vor Herausforderungen. „Nicht alle sind zum Samariter geboren“, stellt die Autorin fest. Vielleicht gehe es Jesus aber vor allem um einen Perspektivwechsel: „Dass ich nicht auf mich schaue, sondern auf die anderen. Dass ich selbst der Mensch sein kann, der am Boden ist.“ Zu einem Perspektivwechsel lädt die Autorin immer wieder in ihrem Buch ein. Beim Gleichnis des verlorenen Sohnes stört sie, dass es eine reine Männergeschichte ist. Dabei spreche nichts gegen eine verlorene Tochter – bis auf das damalige Erbrecht. Sie berichtet mit viel Offenheit von eigenen Erfahrungen des Verlorenseins: „Verloren in meinem Glauben und sogar in meinen Zweifeln.“ Rembrandt habe 1668 mit seinem Gemälde „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ als Erster der Parabel eine weibliche Note gegeben. In seinem Bild seien die Hände des Vaters, die den Sohn trösten, besonders: eine männlich, die andere weiblich. So führten für sie zwei Brücken zum Sinn des Gleichnisses: „Die von Rembrandt mit der frohen Kunde, dass Gott beides ist, Mann und Frau, und dass das Reich Gottes allen offensteht. Und die jesuanische von der Gnade Gottes.“ Gott sage Ja zu uns, so wie wir sind, ohne Vorbedingung.

Ein Gleichnis, das nicht zu Jesus passt

Beim Gleichnis vom verlorenen Schaf führe das Thomasevangelium besser als die Evangelien nach Matthäus und Lukas zur Kernbotschaft: Es sei ein Grund der Freude, weil es die Liebe Gottes beweise. Nur Thomas deute das Gleichnis im Sinne Jesu, indem er einen Hirten dem verlorenen Schaf sagen lässt: „Ich liebe dich mehr als die neunundneunzig.“ Umso mehr verwundert es Beatrice von Weizsäcker, dass das Thomasevangelium zu den Apokryphen abgetan wurde, also zu den Schriften, die den biblischen Texten zwar ähneln, aber nicht in die Bibel aufgenommen wurden. 

Mit dem Gleichnis von den klugen und den törichten Frauen tut sich Beatrice von Weizsäcker schwer. Sie wundert sich, dass Jesus es erzählt haben soll. „Die Unterscheidung von Gut und Böse, die Rolle der jungen Frauen, die Herzlosigkeit des Bräutigams – das passt nicht zu Jesus“, schreibt sie. Auch dass er die Frauen gegeneinander aufspiele, passe nicht zu seinem Umgang mit Frauen in anderen Situationen. „Hat Gott je die Türen vor uns zugeschlagen und gesagt: Ich kenne euch nicht?“ Nein, ist die Autorin überzeugt. Gewiss handele es sich um eine Parabel, aber wenn Jesus schon die Jungfrauen bemühe, um die Herrlichkeit Gottes zu preisen und das Reich Gottes zu verkünden, dann sei das Bild bizarr: „Es gibt kein Mitgefühl, kein Mitleid, kein Erbarmen, keine Gnade, keine Vergebung, keine Barmherzigkeit.“ Hier zeigt sich eine weitere Stärke ihres Buches: Indem die Autorin die Gleichnisse in Beziehung zu anderen Bibelstellen stellt, deckt sie auch Widersprüche in den Texten auf. Dieses Gleichnis tauge ihr nicht als Brücke, um Jesus zu verstehen. Hier zieht sie ihr eigenes „Gleichnis der Tür“ vor. Gott frage nie: „Wieso bist du nicht vorbereitet?“

Das „Gleichnis der Unendlichkeit“

Eines ihrer Lieblingsgleichnisse ist das vom Senfkorn. Hier lernen Leserinnen und Leser, dass botanische Angaben in der Bibel nicht immer genau sind und was eine „Senfkornbibel“ ist. Aber darum geht es nicht. Es geht um etwas, das ganz klein beginnt und unendlich groß werden kann: das Reich Gottes oder auch der Glaube. „Gottes Reich umfasst alles und wird von nichts umfasst“, betont von Weizsäcker. Ihre eigene Version der Parabel trägt deshalb den Titel „Gleichnis der Unendlichkeit“. Die Botschaft vom Reich Gottes im Senfkorn bedeutet für sie: „Nichts und niemand kann mich vom Himmelreich trennen. Nur ich selbst.“ 

Dass wir den Sinn der Gleichnisse oft nicht verstehen können, liegt laut der Autorin daran, dass das Reich Gottes, ja Gott selbst ein Geheimnis ist. Gott entziehe sich unserer Vorstellungskraft. Einer ihrer Brüder, der Künstler war, habe einmal gesagt: „Geheimnisse werden in der Kunst nicht gelüftet, sondern geschaffen“. Das überträgt sie auf den Glauben an Gott: 

„Das Geheimnis Gottes wird durch den Glauben nicht gelüftet, sondern geschaffen. Wenn wir nicht glaubten, gäbe es kein Geheimnis.“ 

Merkwürdig findet sie deshalb die Erklärung Jesu, als die Jünger ihn fragen, weshalb er in Gleichnissen spreche. Das Markusevangelium überliefert die Antwort Jesu: „Denn sehen sollen sie, sehen aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird.“ Dieses Zitat widerspreche anderen Gleichnissen, etwa dem vom verlorenen Sohn, und passe weder zu Jesus noch zu Gott. Es wäre grotesk, sich vorzustellen, dass Jesus nicht wollte, dass wir seine Worte verstehen. Er könne doch kein Theologiestudium von uns verlangen. „Gott ist kein strafender Gott. Es wäre aber eine Strafe, würde wahr, was Jesus sagt“, argumentiert von Weizsäcker. „Niemals würde Gott uns mit Zitaten vor den Kopf stoßen, die die Evangelien Jesus in den Mund gelegt haben“, fügt sie hinzu.

Der Sämann und eine „HerStory“

Das Gleichnis vom Sämann hätten die Menschen ihrer Ansicht nach vielleicht leichter verstanden, wenn sie das Bild „Der Sämann bei untergehender Sonne“ von Vincent van Gogh vor Augen gehabt hätten. Der niederländische Maler und Zeichner habe die Parabel als „Gleichnis des Lebens“ interpretiert. Der Sämann sei für ihn ein Symbol für die Sehnsucht nach dem Unendlichen gewesen. „Der Sämann ist Gott. Und die Körner sind seine Wörter“, so deutet es die Autorin. Manchmal fallen sie auf fruchtbaren Boden und manchmal nicht. Das klinge einfach, sei es aber nicht, denn: 

„Niemand kann Gott in Worte fassen. Viel zu gering ist unsere Sprache, viel zu wenig sagt sie aus. Auch eine Parabel kann das nicht.“ 

Wie an anderen Stellen des Buches begegnen die Lesenden auch hier bei Beatrice von Weizsäcker einer tiefen Selbstreflexion des Glaubens, die in einem Gebet mündet. Das Gebet, das ihr helfe, habe nur drei Worte, verrät sie: „Gott ist da“. Diese kleinen Silben habe Gott in ihr gesät. 

Eine „starke Geschichte eines antiken Frauenwiderstandes“, eine sogenannte „HerStory“ (eine Geschichte aus Frauenperspektive), erkennt sie im Gleichnis vom Richter und der Witwe. Es geht um eine Witwe, die unaufhörlich auf ihr Recht pocht. Das nervt den Richter, der irgendwann nachgibt, um sie sich vom Hals zu halten. Es geht, so von Weizsäcker, um Macht und Ohnmacht, Sturheit und Hartnäckigkeit, Gottlosigkeit und Mut, Mann und Frau, Beten und Beharrlichkeit. Als Rechtsreferendarin und auch beim Prozess gegen den Mörder ihres Bruders war die Autorin oft im Gerichtssaal und weiß, was sich dort abspielt. Deshalb fällt es ihr leicht, Ungereimtheiten im Gleichnis aufzudecken und dessen Sinn in Frage zu stellen. „Ich glaube nicht, dass Jesus kommt, um uns zu richten. […] Er richtet nicht über uns. Er richtet uns auf“, erklärt sie. Eine Gerichtsverhandlung sei nicht das Reich Gottes.

Gleichnis vom Salz und vom Licht

Das „Glanzstück aller Gleichnisse“ ist für sie das doppelte Bild „Ihr seid das Salz der Erde“ und „Ihr seid das Licht der Welt“. Zusammen kommen beide Sätze nur im Matthäusevangelium vor und es ist unter Fachleuten umstritten, ob es sich um ein Gleichnis handelt – für die Autorin schon. Salz und Licht zu sein gelte für jede und jeden – selbstverständlich auch für die Kirche. So stehe es auch in der Konstitution „Lumen gentium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Für alle Menschen zu leuchten, ist die Aufgabe der Kirche.“ Diese Aufgabe erfülle sie nicht, wenn sie eigene Verfehlungen vertusche. Gleich um welche Skandale es sich handele, ob um sexualisierte Gewalt, um Machtmissbrauch, um Missachtung von Frauen, fragwürdiger Umgang mit Finanzen oder was immer: 

„Nur mit Offenheit sich selbst und den Menschen gegenüber hat die Kirche eine Zukunft.“

Das Gleichnis vom Salz und vom Licht ist für sie ein „Schlussakkord in C-Dur: strahlend und offen, hell und klar, kraftvoll und jubelnd“. Es ist der Schlussakkord ihres Buches. Ihr Entschluss, katholisch zu werden, fiel an einem 21. Dezember, das Datum, ab dem die Tage wieder heller werden, erzählt Beatrice von Weizsäcker. Das Wort „fiel“ treffe es genau, weil sie nichts entschieden habe. Als sie am Morgen aufgewacht sei, habe sie es gewusst, „das ist mein Weg“. Ein Weg mit Brücken, aber auch mit vielen Fragen, wie sie gesteht: „Ich bin ein gläubiger Mensch, trotz meiner Zweifel. Vielleicht auch wegen meiner Zweifel. Gewiss aber mit ihnen“. Ihr Buch eröffnet nicht nur erfrischende Perspektiven auf altbekannte Bibeltexte, sondern bezeugt auch einen weltoffenen, suchenden und reflektierten Glauben. Diese Texte können neue Brücken zu Gott sein.

Text: Geraldo Hoffmann

Buchtipp

Von Weizsäcker, Beatrice: Eselsbrücken zu Gott – Zehn Gleichnisse, die mich durchs Leben begleiten. Verlag Herder, 2026. Preis: 20 Euro. ISBN: 978-3-451-03742-9 

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Bildquelle: „Der Sämann bei untergehender Sonne“ 

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit