In ihrem neuen Buch „Eselsbrücken zu Gott“ nimmt die Juristin und Publizistin Beatrice von Weizsäcker zehn Gleichnisse des Neuen Testaments unter die Lupe und entdeckt darin tiefe und überraschende Botschaften: über Wichtigtuerei und Weisheit, Macht und Ohnmacht, Söhne und Töchter, Sturheit und Hartnäckigkeit, Trost und Schutz, Frieden und Freundschaft, Dunkelheit und Licht. Umrahmt und unterbrochen werden die Erzählungen von drei Gesprächen mit Jesus, die alle gedanklich an einer Brücke stattfinden.
Jesus erzählte aus dem Alltag, so von Weizsäcker, weil die Menschen den Alltag kannten und er wollte, dass sie seine Botschaft verstehen. Ob es ihm dabei immer gelang, ihnen die Idee vom Reich Gottes näher zu bringen, ist spätestens nach der Lektüre ihres Buches fraglich. Diese Idee verständlich zu vermitteln, dürfte auch für heutige Verkünderinnen und Verkünder des Wortes Gottes nicht einfach sein. Der oft ländlich geprägte Alltag, in dem sich viele der biblischen Geschichten abspielen, hat sich in den vergangenen 2.000 Jahren radikal verändert – man denke nur an die Industrialisierung der Landwirtschaft. Gerade hier setzt die Autorin an und fragt nach der Bedeutung der Parabeln für die Menschen heute. Konkret:
„Ich möchte wissen, was die Geschichten mit mir zu tun haben, wie sie mir helfen können, woran ich mich stoße und warum.“
Sie nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Suche, die den Blick auf die Heilige Schrift erweitert und dazu einlädt, „über die Brücken zu gehen, die Jesus mit seinen Erzählungen baut – wie Eselsbrücken.“
Beatrice von Weizsäcker gehörte zwölf Jahre zu den Präsidien des evangelischen und ökumenischen Kirchentags. Anfang 2020 trat die Tochter des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1984-1994) zum katholischen Glauben über. Sie setzt sich intensiv mit ihrem Glauben und mit der Bibel auseinander, wie bereits ihre ersten beiden Bücher „Vaterunser“ (2023) und „Wer's glaubt … Meine Seligpreisungen“ (2025) zeigen.
Der barmherzige Samariter
In „Eselsbrücken zu Gott“ beleuchtet und aktualisiert sie zehn Parabeln, die sie – wie es im Untertitel heißt – durch das Leben begleiten. Besonders deutlich wird diese „Aktualisierung“ an den eigenen kleinen Gleichnissen, die wie Meditationen oder Gebete anmuten und mit denen sie ihre Überlegungen zum jeweiligen Bibeltext abschließt. Zur Sprache kommen auch ein schmerzlicher Schicksalsschlag in der Familie sowie innerkirchliche, gesellschaftliche und politische Themen. Der barmherzige Samariter, zum Beispiel, verkörpere das Gegenteil unserer Gesellschaft – „eine Gesellschaft der Starken, die die Rechte der Schwachen schnell übersieht“, – und würde allen Benachteiligten helfen. Jesus habe hingeschaut und das Leid nicht ausgeblendet. Eine Kirche, die sich auf ihn berufe, müsse dem entsprechen.
„Wer eine unpolitische Kirche fordert, will eine Kirche ohne Gerechtigkeit. Wer eine unpolitische Kirche verlangt, will eine Kirche ohne Gott“, argumentiert sie.
Die Kirche dürfe nicht schweigen, sie müsse sich zu politischen Themen äußern. Damit widerspricht sie der aktuellen Bundestagspräsidentin, die eine kirchliche Einmischung in die Tagespolitik kritisiert hatte.
Der barmherzige Samariter stelle gläubige Menschen auch vor Herausforderungen. „Nicht alle sind zum Samariter geboren“, stellt die Autorin fest. Vielleicht gehe es Jesus aber vor allem um einen Perspektivwechsel: „Dass ich nicht auf mich schaue, sondern auf die anderen. Dass ich selbst der Mensch sein kann, der am Boden ist.“ Zu einem Perspektivwechsel lädt die Autorin immer wieder in ihrem Buch ein. Beim Gleichnis des verlorenen Sohnes stört sie, dass es eine reine Männergeschichte ist. Dabei spreche nichts gegen eine verlorene Tochter – bis auf das damalige Erbrecht. Sie berichtet mit viel Offenheit von eigenen Erfahrungen des Verlorenseins: „Verloren in meinem Glauben und sogar in meinen Zweifeln.“ Rembrandt habe 1668 mit seinem Gemälde „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ als Erster der Parabel eine weibliche Note gegeben. In seinem Bild seien die Hände des Vaters, die den Sohn trösten, besonders: eine männlich, die andere weiblich. So führten für sie zwei Brücken zum Sinn des Gleichnisses: „Die von Rembrandt mit der frohen Kunde, dass Gott beides ist, Mann und Frau, und dass das Reich Gottes allen offensteht. Und die jesuanische von der Gnade Gottes.“ Gott sage Ja zu uns, so wie wir sind, ohne Vorbedingung.