Das Rationale ist ein den Bischof besonders auszeichnender Schulterschmuck. Im Mittelalter entwickelte sich das Rationale zu einem besonderen Zeichen bischöflicher Würde und geistlicher Vollmacht. Es verweist auf den „guten Hirten“, der die Verantwortung für seine Gläubigen auf den Schultern trägt und steht zugleich für Weisheit, Gerechtigkeit und die Verpflichtung des Bischofs zu einem vorbildlichen geistlichen Leben.
Das Rationale wird heute nur noch von den Erzbischöfen von Krakau und Paderborn sowie von den Bischöfen von Nancy-Toul und Eichstätt getragen.
Im Hochmittelalter war es dagegen in etwa 35 Bistümern im Heiligen Römischen Reiche und in den heutigen Gebieten von Frankreich, Belgien, Polen und Böhmen gebräuchlich.
Wie das Pallium der Erzbischöfe wird das Rationale über der Kasel getragen. Während sein Gebrauch in den anderen (Erz-)Bistümern der Gebrauch auf bestimmte Festtage beschränkt ist, wird es in Eichstätt bei allen liturgischen Anlässen und im Regelfall innerhalb seiner Diözese verwendet.
Das Rationale geht auf ältere liturgische und kulturelle Traditionen zurück. Eine wichtige Grundlage bildet das reich geschmückte Schultergewand des jüdischen Hohepriesters, das sogenannte Ephod, das Würde, Heiligkeit und die besondere Aufgabe des Priesters symbolisierte. Dessen mit 12 Edelsteinen verzierter Brustschild ist das eigentliche rationale. Ebenso dürften auch spätantike römische Kleidungstraditionen die Form beeinflusst haben. Hohe Beamte und Würdenträger kunstvoll verzierte Schulterumhänge oder Kragenstücke als Rangabzeichen.
Als bischöfliche Insignie kam das Rationale im 6. Jahrhundert auf. In Eichstätt ist es sich seit dem 11. Jahrhundert in den Buchmalereien des von Bischof Gundekar II. (reg. 1057–1075) in Auftrag gegebenen Pontificale Gundekarianum belegt.
Wie in den anderen Diözesen wandelte sich seine Form im Lauf der Jahrhunderte, bewahrte jedoch auch viele Grundelemente. Darstellungen des Bistumsgründers Willibald, dessen ständiges Attribut das Rationale ist, zeigen bis ins späte 15. Jahrhundert einen ringförmigen Schulterschmuck, von dem vier Stoffstreifen an Brust und Rücken herabhängen.
Das älteste erhaltene Rationale, das auch die berühmte Sitzfigur des hl. Willibald von 1514 in Dom trägt, entstand unter Bischof Johann III. von Eych (reg. 1445–1464). Es besteht aus zwei nach unten gerichteten U-förmigen Stoffstücken für Brust und Rücken, die an den Schultern durch runde Schilde verbunden sind. Der Seidenstoff ist reich mit stilisierten Pflanzenranken bestickt.
Die lateinischen Inschriften nennen auf der Vorderseite die göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe sowie die Kardinaltugenden Gerechtigkeit und Tapferkeit.
Rückseitig stehen die Tugenden Wahrheitsliebe, Disziplin, Besonnenheit und Klugheit. Die Schultermedaillons zeigen den hl. Willibald mit dem Löwenwappen und den hl. Bonifatius mit dem Mainzer Rad.
Mit nur geringfügigen formalen Änderungen wurde die Gestalt des Eychsche Rationale für die 1750 bzw. 1892 gefertigten Rationale der Bischöfe Johann Anton II. von Freyberg (reg. 1736–1757) und Franz Leopold Freiherr von Leonrod (reg. 1866–1905) übernommen.
1944 fertigten die Eichstätter „Englischen Fräulein“ für Bischof Michael Rackl (reg. 1935–1948) ein großes Rationale, dessen reicher Bildschmuck Christus und Maria wie zahlreiche Heiligen und Selige des Bistums zeigt. Das 1969 entstandene, schlichte Rationale für Bischof Alois Brems (reg. 1968–1983) greift die ältere Ringform mit den traditionellen Inschriften auf. Sein zweites, 1980 entstandenes Rationale kehrt dagegen zur spätmittelalterlichen Form zurück. Das ikonographische Programm wurde dabei um Motive aus dem Alten und Neuen Testament sowie Szenen aus dem Leben und Leiden Jesu Christi erweitert. Die Schultermedaillons zeigen die Evangelistensymbole. Das von den Franziskanerinnen zu Dillingen gestickte Rationale trägt die charakteristische Handschrift von Sr. Animata Propst. Sie schuf 1984 auch das schlichte Rationale für Bischof Karl Braun (reg. 1984–1995), dessen Schmuck sich auf die Inschriften beschränkt.