„Das Leben ist unberechenbar“: Solidarität in Krisenzeiten

Der 1. Mai steht traditionell für Solidarität, für die Rechte von Arbeitenden und für die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft. Angesichts von Krisen und Transformationsprozessen sehnen sich viele nach einfachen Lösungen. Doch wie geht man mit der Unsicherheit und Komplexität des Lebens um?
Der 1. Mai steht für Solidarität mit und unter den Arbeitenden.

„Ihr wisst doch nicht, was morgen mit eurem Leben sein wird“: Diese Warnung vor Selbstsicherheit aus dem Jakobusbrief scheint wie für die Gegenwart geschrieben, obwohl sie aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammt. Sie trifft das allgegenwärtige Gefühl, dass die Welt aus den Fugen gerät und das Leben nicht (mehr) berechenbar ist – als wäre Letzteres je möglich gewesen. Die steigenden Lebenshaltungskosten belasten viele Menschen. Energiepreise, Mieten und Lebensmittelkosten stellen insbesondere Geringverdienende und Familien vor große Herausforderungen. Gleichzeitig befindet sich die Wirtschaft im Wandel: Digitalisierung und Transformation hin zu einer klimaneutralen Industrie verändern die Arbeitswelt. „Arbeitsplätze geraten unter Druck, Standorte werden verlagert, soziale Sicherheit wird infrage gestellt“, beklagt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in seinem Aufruf zum 1. Mai.

Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Bistum Eichstätt unterstützt den DGB-Aufruf und setzt sich für den Schutz von Arbeitnehmerrechten, des arbeitsfreien Sonntags sowie für soziale Gerechtigkeit und eine Stärkung der Demokratie ein. „Arbeitszeit ist Lebenszeit“, betont die Vorsitzende Regina Soremba-Böxkes. Wer den 8-Stunden-Tag infrage stelle, gefährde die Gesundheit der Beschäftigten, das Familienleben und das ehrenamtliche Engagement. Gerade Frauen, Familien sowie Pendlerinnen und Pendler würden dadurch unter zusätzlichen Druck geraten. 

Zeitgerechtigkeit ist deshalb eine Grundvoraussetzung für soziale Gerechtigkeit und eine lebendige Demokratie“, sagt sie.

Die Gewerkschaften wissen aus den Tarifverhandlungen, dass es auf die Gerechtigkeitsfrage keine einfache Antwort gibt. Kriege, die Klimakrise, geopolitische Spannungen und Migration greifen ineinander und stellen die Gesellschaft vor komplexe Aufgaben. Es geht darum, tragfähige Wege zu finden für sozialen Ausgleich, faire Arbeitsbedingungen und eine Politik, die niemanden zurücklässt. Transformation, sagen Experten, darf nicht gegen die Menschen gestaltet werden, sondern muss mit ihnen gelingen. Solidarität, wie sie auch in der katholischen Soziallehre verankert ist, bildet eine zentrale Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

„Wie berechenbar ist das Leben?“

Der Soziologe Ulrich Beck (1944-2015) prägte 1986 den Begriff der „Risikogesellschaft“. Seitdem haben zahlreiche Krisen die Welt weiter verunsichert. Becks Diagnose scheint nach wie vor aktuell: „Die Welt ist so komplex geworden, dass die Vorstellung einer Macht, in der alles zusammenkommt und zentral kontrolliert werden kann, heute falsch ist.“ Dennoch hält sich die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und einer starken Hand, wie etwa Beobachter mit Blick auf den Zulauf zu populistischen Parteien argumentieren.

Ein Gegenentwurf zu solchen Steuerungsfantasien entwerfen der Astrophysiker Harald Lesch und der Theologe und Wirtschaftsethiker Thomas Schwarz in ihrem Buch „Unberechenbar – Das Leben ist mehr als eine Gleichung“, das in der Corona-Pandemie entstanden ist. Darin skizzieren sie die Vision einer „souverän-gelassenen“ Gesellschaft, die Krisen nicht verdrängt, sondern sie gemeinsam bewältigt: 

Die Haltung einer gesunden, souveränen Gesellschaft, die mit sich im Reinen ist, wäre diejenige, ruhig zu bleiben, sich anzuschauen, was der Fall ist, cool zu bleiben, auch dann, wenn die Krise länger dauert, und mutig zu werden, wenn es notwendig sein sollte, vielleicht ganz neue Schritte zu gehen. Es wäre eine perfekte Gesellschaft, weil sie offen wäre, weil sie Möglichkeiten hätte, sich weiterzuentwickeln, und nicht abgeschlossen ist, eine Gesellschaft, die Risiken eingeht, aber auch Risiken berechnet und abschätzt – zum Wohle aller.“

Ausgangspunkt des Buches ist die Kritik an der „Vollkaskomentalität“, die Diskussionen um Solidarität und Subsidiarität, um Chancengleichheit oder -ungleichheit, um Partizipation und Integration begleitet. Gemeint ist die Vorstellung, Staat oder Institutionen müssten sämtliche (Lebens)risiken absichern. Für Lesch und Schwarz verweist diese Haltung auf eine tiefere Frage: „Wie viel Unsicherheit, wie viel Unberechenbarkeit ertragen wir Menschen?“ Und grundsätzlicher: „Wie berechenbar ist das Leben?“

Die Autoren wenden sich gegen die Illusion vollständiger Berechenbarkeit und Kontrolle. Sie kritisieren den Turbokapitalismus sowie die völlige Ökonomisierung der Welt und hinterfragen den Technikwahn

Wir brauchen immer neue Technik, um Technik zu betreiben, zu kontrollieren und einzusetzen. Die Gefahr einer Technikabhängigkeit ist absolut real.“ 

Der Mensch werde dabei als Mangelwesen gesehen. Das „Unfehlbarkeitsdogma der Technik“ spitze sich durch Künstliche Intelligenz weiter zu.

Plädoyer für Langsamkeit

Besonders kritisch sehen sie die Logik von Effizienz und ständiger Verfügbarkeit, wie sie sich in sogenannten „Streckengeschäfts-“ oder „Just-in-Time“-Strukturen zeigt: „Leben im Moment“ laute die Devise. „Wer aber nur im Moment lebt, der lebt geschichtsvergessen und zukunftsblind.“ Nüchtern betrachtet seien „Just-in-Time“-Konzepte „Sklavenkonzepte“. Als Folge davon sehen sie die „Kultur der Abschreibung“, eine „Kultur der Wertlosigkeit“: „Wer nichts mehr leistet, verliert seinen gesellschaftlichen Wert und wird abgeschrieben.“ Nach Ansicht der Autoren mache das vorherrschende Wirtschaftsmodell die Menschen „nimmersatt und ewig hungrig“. Dem setzen sie ein Verständnis von Nachhaltigkeit entgegen, das über das Materielle hinausgeht. Vorräte anzulegen, bedeute auch, innerlich vorzusorgen: 

Wer keine inneren, spirituellen Vorräte anlegt, kann in einer Krise schnell leer und hohl dastehen.“

Die permanente Beschleunigung, befeuert durch die „Maschinisierung der Welt“, das Gebot des Wachstums, durch Multitasking und digitale Kommunikation, so die Autoren, sie verstelle oft den Blick für die eigenen Handlungen. Der Mensch, so die Autoren, sei „von Natur aus eher ein langsames Wesen“. Wer mithilfe von Technologien ständig weiter beschleunigt, verliert leicht das Gefühl für Konsequenzen. Daher müsse der Mensch die Schönheit der Langsamkeit wiederentdecken oder neu erlernen. 

Lesch und Schwarz schlagen ein Schulfach „Langsamkeit“ und einen „Langsamkeitsindex“ für Unternehmen vor, empfehlen entschleunigende Sportarten, Rituale der Langsamkeit aus dem kirchlichen Leben wie die Sonntagsruhe und das Innehalten sowie eine „Qualitätszeit“ – eine Zeit für sich und mit der Familie. Auch zweckfreie Zeit zum Spielen (vor allem von Gesellschaftsspielen), zum Ausprobieren und Experimentieren gehöre dazu. Hier knüpfen sie an den Resonanzbegriff des Soziologen Hartmut Rosa an, ein Konzept zur Entschleunigung der Welt und des Einzelnen. Ein Patentrezept gebe es jedoch nicht, denn: „Die Langsamkeit und die Schnelligkeit, die wir in unserem Leben brauchen, hängen von so vielen Faktoren ab, sie sind unberechenbar.“

Das „Lob der Grenze“

Eng damit verbunden ist ein weiteres Leitmotiv des Buches: das „Lob der Grenze“. Krisen, so Lesch und Schwarz, sind immer auch Grenzerfahrungen. Sie führen vor Augen, dass menschliches Leben endlich ist: „Die Existenz des Menschen ist eine begrenzte und das Leben ein Leben an der Grenze.“ Es gehöre zum Fortschritt, Grenzen zu verschieben, doch nicht alle seien beliebig verhandelbar. „Die Öko-Grenze unseres Planeten ist nicht verhandelbar“, warnen die Autoren. Auch die Grenzen des Wachstums seien vorgezeichnet.

Wer Grenzen anerkenne, gewinne Orientierung und letztlich auch Freiheit. Eine Gesellschaft, die ihre Grenzen und Tabus kenne, könne verantwortlicher handeln. 

Das Tabu schlechthin sollte der Mensch und seine Würde sein.“ 

Schrankenlosigkeit und Grenzenlosigkeit seien physisch und im übertragenen Sinne Zeichen der Globalisierung und Digitalisierung: „Der Mensch ist existentiell gesehen ein Grenzgänger, und er soll es sein.“

Das Dorfprinzip in der komplexen Welt

Als Gegenmodell zur Überforderung durch globale Komplexität beschreiben Lesch und Schwarz das „Dorfprinzip“. Gemeint ist keine Rückkehr zur romantischen Dorfidylle, sondern ein Prinzip der kurzen Wege zueinander – emotional und ehrlich, kommunikativ und helfend –, ein Modell mit überschaubaren Beziehungen, konkreter Verantwortung und gelebter Nähe.

Die Welt hat sich globalisiert – ein Dorf ist sie aber noch lange nicht geworden“, stellen sie fest. 

Das „Dorfprinzip“ lasse sich auch in urbanen Räumen verwirklichen. Es gehe um soziale Netze, die tragen, und um Beziehungen, die nicht anonym bleiben. In einer immer komplexeren Welt könne eine solche Reduktion von Komplexität nach Ansicht der Autoren entlastend wirken und neue Freiräume schaffen. Diese Idee klingt auch im Buch „Liebe. Ein Aufruf“ des Schriftstellers Daniel Schreiber an, wenn er zur aktiven Mitgestaltung der Gesellschaft und zum Aufbau von Begegnungsräumen – „Räumen der Zuversicht“ – ermutigt.

Im Kern läuft die Argumentation von Lesch und Schwarz auf eine Neubewertung von Ungewissheit hinaus. Ihnen geht es um den Balanceakt, „die Unberechenbarkeit des Lebens als existentielles Nicht-determiniert-Sein zu begreifen und gleichzeitig nicht im Gefühl der völligen Willkür des Lebens zu versinken“. Unberechenbarkeit eröffnet demnach Spielräume: „Spielräume sind wiederum unsere einzige Chance, auf die Komplexität der Welt zu reagieren, ohne daran zu zerbrechen.“ Der Drang, alles eindeutig und einheitlich zu machen, nehme uns den Spielraum und damit die Fähigkeit, flexibel mit der komplexen Wirklichkeit umzugehen.

Das Fazit der Autoren ist entsprechend klar: 

Wir werden immer wieder an einzelnen Punkten unseres Lebens ankommen, an denen wir uns mehr Berechenbarkeit, mehr Planbarkeit, mehr Linearität wünschen. Doch das Leben als Ganzes kann nicht linear sein und soll es auch nicht sein.“ 

Erst die Offenheit der Zukunft schaffe Möglichkeiten. Die größte Herausforderung bestehe deshalb darin, mit dieser Offenheit leben zu lernen. Gefragt ist eine Fähigkeit, die in unsicheren Zeiten immer wichtiger wird – Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Uneindeutigkeit auszuhalten. Unberechenbarkeit bleibt damit eine Zumutung. Aber auch eine Chance. Auch der Jakobusbrief rät zu dieser Offenheit – mit dem Zusatz: „Wenn der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder das tun.“

Text: Geraldo Hoffmann

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit