Eichstätt – Religionslehrerin Maria Hauk-Rakos stellt Michael Endes Klassiker Momo als „Buch des Monats“ vor. Statt der bekannten Zeitdiebe rückt die Neuausgabe von 2023 das in den Mittelpunkt, was wir heute so sehr vermissen: Zeit zum Zuhören, zur Stille – und zum Staunen. Eine Hommage an die Langsamkeit – ideal für die bevorstehenden Ferien.
„Was ist Zeit? Ein Augenblick, ein Stundenschlag – tausend Jahre sind ein Tag …“ heißt es im Titelsong einer Kinderserie aus den 1970er-Jahren. Die Zeit – es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen. Und doch wissen wir alle: Eine einzige Stunde kann sich wie eine Ewigkeit anfühlen – oder auch schnell wie ein Augenblick vergehen. Je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Mit diesen treffenden Worten fasst es auch der Prolog eines der wohl bekanntesten Klassiker der deutschen Kinder- und Jugendliteratur zusammen – eines Werks, das 2023 in einer ganz neuen Bearbeitung erschienen ist.
Die Rede ist von „Momo“, dem zeitlosen Roman aus der Feder von Michael Ende. Ein Buch voller Lebensweisheit, verpackt in der Gestalt der jungen Titelheldin Momo, die irgendwo im Nirgendwo, in der Ruine eines alten kleinen Amphitheaters wohnt. Generationen von Kindern und Jugendlichen haben die Geschichte von ihr und den Zeitdieben – jenen unheimlichen Gestalten, die den Menschen ihre (Lebens-)Zeit stehlen – gespannt gelesen und in mehreren Verfilmungen verfolgt und verschlungen. Diese zugleich spannende, weise und phantastische Geschichte bleibt unvergessen.
In der neuen Ausgabe von 2023 tauchen wir erneut ein in Momos Welt – gemeinsam mit ihren Freunden Gigi und Beppo Straßenkehrer. Doch diesmal begegnen wir den bekannten Zeitdieben nicht. Vielmehr greift die Neuausgabe – ein Bilderbuch mit wundervoll ästhetischen, traumhaften Illustrationen von Simona Ceccarelli – die Fähigkeiten auf, die nicht nur Momo zu etwas ganz Besonderem machen, sondern die wir in unserem oft so hektisch und laut gewordenen Alltag schmerzlich vermissen: Zeit zum (Zu-)Hören, zum In-sich-Hineinhorchen, zum Lauschen der Stille und zum Hören des „Singens der Sterne“.
In einer schnelllebigen Welt, in der wir uns oft wie Gejagte fühlen, ist die Wiederentdeckung dieses Klassikers ein Geschenk – eine stille Ode an die Langsamkeit und an die Zeit. Zeit – gerade jetzt, in den anstehenden Ferien- und Urlaubswochen. Vielleicht nicht, um sie mit einer Aktivität nach der anderen zu befüllen, sondern eher als Vakuum zu begreifen: als Raum, der sich füllen darf mit den kleinen, stillen Schönheiten in Gottes Schöpfung.
Oder – um es mit Momos Worten zu sagen, wenn sie des Nachts allein im großen, steinernen Rund des alten Theaters sitzt, über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbt – als säße sie „mitten in einer großen Ohrmuschel und lauschte der leisen und gewaltigen Musik des Universums.“
In diesem Sinne verabschiede ich mich in die Sommerpause und wünsche Ihnen und uns allen – mit dieser wunderbaren Sommerlektüre – viele sommersatte, beglückende und beseelte Momo-Momente.
Ende, Michael: „Momo. Ein Bilderbuch“ (mit Bildern von Simona Ceccarelli). ©Thienemann, 2023. Preis: 16 Euro. ISBN: 978-3-522-46051-4.
Text: Maria Hauk-Rakos