Alteingesessen trifft auf Zugewandert

In Neumarkt haben die Integrationslotsinnen der Malteser vor Kurzem ein Sprachcafé eröffnet. Dort lernen Geflüchtete und Zugewanderte nicht nur besser Deutsch, sondern können wertvolle Kontakte knüpfen.
Miteinander reden, voneinander erzählen: Nur so funktioniert Integration.

Eichstätt/Neumarkt - „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen“, berichtet die Apostelgeschichte. „Zungen wie von Feuer“ seien erschienen und urplötzlich hätten Ägypter und Römer, Kreter und Araber, die gerade in Jerusalem zugegen waren, die Botschaft der Jünger in ihrer je eigenen Sprache erfassen können. Pfingsten erzählt vom Wunder der Verständigung. Heute unterstützen KI-gesteuerte Übersetzungsprogramme am Handy die Kommunikation. Weil neben der technischen aber auch die menschliche Perspektive zählt, bieten die Integrationsdienste der Malteser im Bistum Eichstätt Sprachcafés für Geflüchtete und Zugewanderte an. „Mosaik“ nennt sich ein Angebot, das vor knapp drei Monaten in Neumarkt startete.

„Mosaik“: der Name ist Programm

„Ich bin geriesen, nein, gereist“. Eine Teilnehmerin aus der Ukraine versucht gerade, in möglichst korrektem Deutsch ihren Ausflug nach Passau zu schildern. „Erzähl uns was von dir“, war sie zuvor von Marianne Hortolani aufgefordert worden. Die ehemalige Neumarkter Gymnasiallehrerin ist zum wiederholten Mal als ehrenamtliche Sprachtrainerin bei der Runde dabei, die sich seit März jeden Donnerstag Nachmittag im Neumarkter Bürgerhaus trifft und die von Mal zu Mal größer wird. „Es soll ein Platz für offenen und lebendigen Austausch zwischen Alteingesessenen und Neuzugezogenen, deutschen Muttersprachlern und Menschen mit Migrationsgeschichte sein“, beschreiben Mimoza Marku und Juliane Wiesnet, die beiden Integrationslotsinnen der Malteser in Neumarkt, das Konzept ihres Sprachcafés. Der Name „Mosaik“ soll ausdrücken, dass dort Menschen jeden Alters und jeder Nationalität willkommen sind. 

Das Gespräch im Bürgerhaus direkt gegenüber des Neumarkter Münsters St. Johannes lässt Leute zu Wort kommen, die einst in Teheran lebten oder in Saporischschja, dort, wo immer wieder Drohnen in das Dach des Atomkraftwerks einschlagen. 700.000 Einwohner zähle ihre ukrainische Heimatstadt, erzählt eine Teilnehmerin und wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Wie viele Nationen haben wir denn heute hier?“, fragt Mimoza Marku in die etwa 40-köpfige Runde. Es stellt sich heraus, dass die drei anwesenden jungen Leute aus Indien, zwei Männer und eine Frau, erst vor zwei Tagen angekommen sind. Alle drei beginnen eine Bäckerlehre in Neumarkt.  Den ersten Deutschkurs haben sie schon im Heimatland absolviert. 

Gekommen sind auch Teilnehmende aus Syrien, Afghanistan oder dem Kosovo. „Und Deutsche“, ruft jemand zur Erheiterung der großen Tafelrunde. Einer von ihnen ist Klaus Rohmann, der sich bei den Anwesenden nach einem großen, bärtigen jungen Mann namens Mohammed erkundigt: „Der war vor zwei Wochen hier und sagte, er brauche ein Fahrrad. Ich hätte jetzt eines für ihn“. Rohmann, der bereits im Ruhestand ist, hat früher Radsport betrieben. Heute bewahrt er hobbymäßig Fahrräder vor der Verschrottung, indem er sie fachkundig repariert und weitergibt. Vor rund zehn Jahren, bei der großen Flüchtlingswelle 2015, „da hat das angefangen“, erzählt er. So habe er auch Kontakt zu Mimoza Marku von den Maltesern gefunden.

Gut vernetzte Gesprächspartner

Deren Kollegin Juliane Wiesnet ist aufgefallen, dass manche Ehrenamtliche der ersten Stunde, die sich schon zurückgezogen hatten, „jetzt wieder neuen Schwung haben“. Kümmerten sie sich früher um Neuangekommene ohne Sprachkenntnisse, die in erster Linie Hilfe brauchten bei Behördengängen oder Arztbesuchen, „so treffen sie hier im Sprachcafé auf Menschen, die sich schon artikulieren können, die auch über die Kultur erzählen, aus der sie kommen“. Ohne die gemeinsame Sprachbasis Deutsch „würden sich die Leute untereinander nicht kennenlernen“.  Unter den Teilnehmenden seien viele Leute, „die gut ausgebildet sind, deren Ausbildung hier aber nicht anerkannt ist“, weiß Wiesnet. Wer nach neuen Perspektiven, beruflichen Alternativen oder Einsteiger-Jobs suche, für den sei das Sprachcafé eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Unter den anwesenden Ehrenamtlichen finde man ehemalige Firmeninhaber und andere gut vernetzte Leute. Zu ihnen gehört etwa der ehemalige, langjährige Dienststellenleiter der Neumarkter Polizei, Helmut Lukas. Der 71-Jährige, der sich unter anderem ehrenamtlich für ein Gesundheitsprojekt in Arequipa/Peru einsetzt, hatte die Ankündigung zum Sprachcafé in der Zeitung gelesen und seine Mitarbeit angeboten. „Ich finde es schön, dass die Malteser sich da engagieren“, lobt er.  Bei den Donnerstags-Treffen hilft er, wo er gebraucht wird, kocht er auch mal Kaffee für die ganze Runde. Vor allem aber sieht sich Lukas als eine Art Türöffner, „weil ich viele Menschen kenne und ein paar Möglichkeiten habe“.

„Hätte ich mir auch gewünscht“

Einige der Ehrenamtlichen, die jetzt regelmäßig bei den Treffen im Bürgerhaus dabei sind, haben selbst einen Migrationshintergrund. Eine Berufsschullehrerin etwa die auf den Philippinen geboren ist und als Kind nach Bayern kam. Oder eine junge Ärztin, die aus dem Kosovo stammt und nach Deutschland zum Medizinstudium ging. Auch für Malteser-Mitarbeiterin Marku war Deutsch nicht die Muttersprache. Sie stammt aus Albanien und floh mit 23 Jahren vor dem Krieg, Anfang der 2000er-Jahre kam sie nach Neumarkt. Ein Angebot wie das Sprachcafé „hätte ich mir damals auch gewünscht“, erinnert sie sich. Sich mit Landsleuten zu vernetzen sei damals, ohne Handy, viel schwieriger gewesen als heute. Über die Begegnung in Asylunterkünften hinaus „gab es keinen festen Treffpunkt“. Marku, die in ihrer Heimat Jura studiert hatte, fand schließlich eine neue, zunächst ehrenamtliche Perspektive in der Arbeit mit Geflüchteten. Gefördert habe sie dabei besonders der damalige Leiter der Volkshochschule, der zugleich städtischer Integrationsbeauftragter war, erinnert sie sich dankbar.

In Neumarkt könnten sie und ihre Kollegin nicht nur auf die Unterstützung durch Ehrenamtliche zählen, sondern seien auch gut vernetzt mit Stadt, Landkreis, Kirche oder Rotem Kreuz, freut sich Marku. Die Integrationslotsinnen bringen zum Beispiel unter dem Motto „Sport für alle“ Zugewanderte und Geflüchtete mit regionalen Sportvereinen in Kontakt oder suchen Kontakt zu Vermietern. Das Sprachcafé im Bürgerhaus, das derzeit gefördert wird durch das Programm „Sprache schafft Chancen“ der Landesarbeitsgemeinschaft (lagfa) Bayern, könnte laut Marku „eine Art Generalschlüssel für alle unsere Projekte werden“.


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	Gabi Gess
Gabi Gess Redakteurin in der Stabsstelle Kommunikation