„Alles hat seine Zeit“: Jahreswende, Jetzt und Ewigkeit

Zum Jahreswechsel richtet sich der Blick zugleich zurück und nach vorn: auf einen Rückblick über gelebte Lebenszeit und einen Ausblick auf das Kommende. Wie lässt sich Zeit in einer beschleunigten Gegenwart bewusst erfahren? Ein neues Buch fordert zu einem Perspektivwechsel heraus, indem es den endlichen Moment in Beziehung zur Ewigkeit setzt.
Zifferblatt an einer Wand
Ist die Zeit hier stehen geblieben oder abgelaufen?

Zehn Sekunden dauert der klassische Silvester-Countdown. Zehnmal Ticktack – für TikToker gefühlt fast eine Ewigkeit. Auf TikTok und Instagram entscheiden oft schon die ersten zwei oder drei Sekunden, ob ein Video angesehen oder weggewischt wird. Im Vergleich dazu wirkt der Silvester-Countdown wie ein „bewusstes Innehalten“. Dann beginnt das Feuerwerk. Und noch bevor sich der pyrotechnische Rauch verzogen hat, sind weltweit bereits Milliarden neuer Videos, Bilder und Live-Calls erstellt und im Netz geteilt worden.

Dass wir zwei Hände voll Sekunden als „Ewigkeit“ empfinden, sagt weniger über diese Zeitspanne aus als über unsere innere Unruhe und die Zeit, in der wir leben: eine Zeit der Beschleunigung und Schnelllebigkeit, geprägt von Social Media, in der nur eines zählt – maximale Aufmerksamkeit in minimaler Zeit. Wir haben verlernt zu warten und sehnen uns zugleich nach Entschleunigung. Gerade jetzt, wenn wir auf 2025 zurückblicken und auf den Kalender des neuen Jahres schauen, ist ein guter Moment, über unseren Umgang mit Zeit nachzudenken.

Was ist Zeit?

Wir erleben Zeit als etwas, das verrinnt, das man sparen, planen, verlieren oder totschlagen kann. Doch was ist ihr Wesen? Augustinus von Hippo (354–430) formulierte dazu ein berühmtes Paradox: „Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“ Er verstand Zeit als inneres Phänomen unseres Bewusstseins. Sie existiere für uns nur, weil wir uns erinnern und hoffen.

Augustinus wies zudem darauf hin, dass ein Zeitbegriff vor Beginn des Universums sinnlos sei. Ausgehend vom Buch Genesis hatte er berechnet, Gott habe die Welt etwa 5000 Jahre v. Chr. erschaffen. Der britische Astrophysiker Stephen Hawking erzählt dazu in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ folgende Episode: „Als Augustinus gefragt wurde: ‚Was hat Gott getan, bevor er das Universum erschuf‘, erwidert er nicht: ‚Er hat die Hölle gemacht, um Platz für Leute zu haben, die solche Fragen stellten‘. Seine Antwort lautete: Die Zeit sei eine Eigenschaft des von Gott geschaffenen Universums und habe vor dessen Beginn nicht existiert.“

Für die Physik begann das Universum vor 13,82 Milliarden Jahren. Und damit auch die Zeit? „Man kann sagen, dass die Zeit mit dem Urknall beginnt – in dem Sinne, dass frühere Zeiten einfach nicht definiert sind“, schreibt Hawking. Vielen gefalle diese Vorstellung nicht, wohl weil sie zu sehr nach göttlichem Eingriff schmecke. Der Physiker Markolf Niemz hält einen Zeitbeginn mit dem Urknall für nicht logisch: „Raum um Zeit haben weder einen Anfang noch ein Ende“, sagt er. Diese These wird von der Quantenphysik gestützt, die von einer in sich gekrümmten Grenzenlosigkeit der Zeit ausgeht. „Zeit ist stetiges Vergehen“, sagt der britische Philosoph und Mathematiker Alfred North Withehead.

Vom Himmel zum Display

Was Zeit ihrem Wesen nach ist, entzieht sich unserem direkten Zugriff. Dennoch versucht der Mensch seit jeher, sie in den Griff zu bekommen. Zunächst richtete er dafür den Blick zum Himmel: Sonne, Mond und Sterne gaben dem Leben Rhythmus. Tag und Nacht, Mondphasen und Sonnenlauf bestimmten Arbeit, Ruhe, Feste und Aussaat.

Mit den Hochkulturen entstanden Sonnen- und Wasseruhren. Zeit wurde messbar, blieb aber an Naturphänomene gebunden. Im Mittelalter hielten mechanische Uhren Einzug in Klöster und auf Kirchtürme. Glockenschläge riefen zum Gebet und strukturierten den Tag. In der Neuzeit wurde Zeit tragbar: durch Pendel-, Taschen- und Armbanduhren. Mit der Industrialisierung wurde sie zur Ressource: Arbeitszeit, Taktung, Effizienz. „Zeit ist Geld“, heißt es seitdem in der Wirtschaft. Der Blick senkte sich vom Himmel zur Uhr und seit einigen Jahrzehnten zum Handydisplay.

Individuelle Zeit

Zeitmessgeräte geben uns die Illusion, Zeit zu beherrschen. „Zeit ist, was ich auf meiner Uhr ablese“, soll Albert Einstein gesagt haben. Hawking greift diesen Gedanken auf: 

Jedes Individuum hat sein eigenes Zeitmaß, das davon abhängt, wo es sich befindet und wie es sich bewegt. 

Zwei Menschen können dasselbe Ereignis erleben und doch in unterschiedlichen Zeiten leben.

Was physikalisch gemeint ist, hat eine existentielle Entsprechung. Auch im Alltag erleben wir Zeit relativ. Ein Wartender empfindet Minuten anders als ein Verliebter, ein Leidender anders als ein Glücklicher. Für Kinder dauert ein Jahr gefühlt länger als für ältere Menschen, was auch psychologisch erklärbar ist. Ohne Ablenkung kommt lange Weile auf. Objektiv zeigt die Uhr dasselbe an, subjektiv ist Zeit eng mit dem Erleben verbunden. Vielleicht erklärt das unsere moderne Zerrissenheit: Wenn jeder seine eigene Zeit lebt, wird gemeinsame Zeit kostbar und fragil. Der Silvester-Countdown ist so gesehen einer der seltenen Momente, in denen sich viele individuelle Zeitlinien für einen Augenblick überlagern.

Eine „göttliche Umarmung“

Wie Zeit ist auch Ewigkeit schwer zu fassen, obwohl wir den Begriff in jedem Gottesdienst hören und sprechen. Meist verbinden wir ihn mit Zeitfülle oder Zeitlosigkeit. Markolf Niemz bietet eine in seinen Augen einfache Definition: „Ewigkeit ist die Perspektive, aus der jede Distanz den Wert null hat“, schreibt er in „Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? – Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit“. Das klingt abstrakt.

Der Eichstätter Diözesanpriester Erwin Albrecht, der in den vergangenen 25 Jahre 150 Sendungen „Zeit und Ewigkeit“ im Bayerischen Rundfunk produziert hat, sagt: „Ewigkeit ist die Art Gottes, ‚da zu sein‘. Sie ist für mich wie eine große göttliche Umarmung, die die Welt und mein Leben umschmiegt. 

In der Gegenwart berühren sich Zeit und Ewigkeit. 

Jeder Augenblick meines Lebens wird dadurch unendlich wertvoll. Für mich wächst aus dieser Erkenntnis das Bemühen, verantwortungsvoll mit der Zeit und den Tagen, die mir geschenkt sind, umzugehen. Und gleichzeitig spüre ich auf der Suche nach einem Sinn in meinem Leben eine große Gelassenheit, wenn ich beim alten Kohelet in der Bibel lese: ‚Alles hat seine Stunde. Und überdies hat Gott die Ewigkeit in alles hineingelegt.‘“ Über die Ewigkeit, fügt Albrecht hinzu, könne man ganze Bücher schreiben.

„Die Entdeckung der Ewigkeit“

Tatsächlich gibt es viele Bücher zu diesem Thema. Jüngst erschien „Die Entdeckung der Ewigkeit – Vom Leben auf Erden und dem Himmel darüber“ von Peter Seewald. Der Münchner Publizist und Papstexperte zeigt, dass der Wunsch nach ewigem Leben seit jeher alle Kulturen und Religionen geprägt hat. Das Streben nach Unsterblichkeit sei zur Triebkraft der Zivilisation geworden. „Der Ewigkeitsgedanke initiierte eine Kultur, die Barmherzigkeit und gutes Handeln zum Gesetz machte und der Hoffnung Grund gab, dass wir nicht nur Windhauch sind, sondern wertvoll sind und wertvoll bleiben“, schreibt Seewald.

Kritisch setzt er sich mit Longevity- und Anti-Aging-Ideologien auseinander: „Longevity wird als Dienst an der Gesundheit präsentiert, tatsächlich operiert die Ideologie gegen die Natur des Menschens.“ Noch nie sei das Streben nach irdischer Ewigkeit intensiver gewesen als heute. „Die neue Longevity-(Langleben)-Bewegung ist dabei die wohl bizarrste Folge des Jenseitsverlustes. Sie offenbart ein Menschenbild, das rein auf diesseitige Autonomie und Selbstverwirklichung ausgerichtet ist.“

Für Seewald hat „der Verlust des Jenseitsglaubens unsere Gesellschaft in eine existentielle Leere gestürzt. Viele leben, als ob das Leben auf diese Erde alles wäre. Doch was, wenn das Beste erst noch kommt?“ Er plädiert dafür, das Leben vom Ende her zu denken. Sein Fazit: 

Es macht einen Unterschied, ob jemand in dem Bewusstsein lebt, dass dieses sein Leben auf Erden erst der Beginn einer wunderbaren unendlichen Geschichte ist. Oder ob er davon ausgeht, dass sein im Grunde lächerliches kurzes irdisches Dasein alles ist, was er bekommen kann – um danach für immer ausgelöscht zu sein wie eine Kerze, die niemand mehr anzündet.

Das Leben vom Ende her zu denken, achtsam zu leben, mit der Ewigkeit im Blick könne helfen, der „Tempo-Hölle“ zu entkommen. Denn es gehe nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. Dieses Denken, das bereits unsere Vorfahren beherzt hätten, verändere Prioritäten: Ablenkung verliere Gewicht, das Menschliche und Geistliche gewinne an Bedeutung. Während Zeit heute nur als Maß und Wert gesehen wird, entzieht sich Ewigkeit im biblischen Sinne diesem Nutzenkalkül.

Zeit und Ewigkeit stehen sich jedoch nicht gegenüber, sondern sind ineinander verwoben. Sie sind zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille heißt Leben. Der Prediger bringt es im Buch Kohelet auf den Punkt: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, und auch das Ewige hat er in ihr Herz gelegt.“ Damit macht die Bibel uns bewusst: Unser Leben auf Erde ist kein endloser Feed, es gleicht eher einem Countdown, doch in jedem Augenblick ist die Möglichkeit angelegt, Ewigkeit zu berühren. Sie ist die Dimension, die dem flüchtigen Sekundentakt unseres Lebens Sinn verleiht. Wir können es gelassener angehen, wenn wir Psalm 31 verinnerlichen: „Meine Zeit steht in deiner Hand“.

Buchtipp

Seewald, Peter: Die Entdeckung der Ewigkeit. Verlag Herder, 2025. Preis: 24 Euro. ISBN: 978-3-451-60148-4

Geraldo Hoffmann Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit