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Das Leiden Jesu in Worten und Linien

Zwei extrem reduzierte, fast abstrakte Darstellungsformen der Passionsgeschichte finden sich in der St. Bonifatius-Kirche zu Dietenhofen.

Der jüngste Kirchenbau des Bistums Eichstätt wurde erst im Jahr 2009 nach Entwürfen des Diözesanbauamtes fertig gestellt: Hier finden sich gleich zwei Kreuzwege, die in eigenen Techniken und einer ganz besonderen Sichtweise den Blick auf den Leidensweg Jesu Christi lenken. In die äußere Hülle aus strukturiertem Glas ist der gläserne Kreuzweg des Eichstätter Künstlers Rudolf Ackermann eingelassen.

Dieses ungewöhnliche Werk hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte, wie der Künstler selbst erzählt:

„Die Arbeit am Kreuzweg in der Fassade der Kirche von Dietenhofen beginnt in einem Steinbruch, und zwar im Abraumbereich. Ich entdecke eine Steintafel. Sie ist von einer Steinsäge zerfurcht, verletzt, geschunden. Ich trage Farbe auf und drucke auf Papier ab. Ein Bild entsteht. Ich drucke solange bis ich kein Papier mehr habe. Beim Aufhängen zum Trocknen merke ich, dass es 14 Fahnen sind. Der Transfer zum Kreuzweg stellt sich ein.

In einem zweiten Arbeitsschritt setze ich zu dem linearen Gefüge Flächen, von Brettstücken abgedruckt. In ihrer Konstellation beziehen sie sich auf Kreuzwegstationen. Bei diesem Arbeitsvorgang ist an eine bildhafte Darstellung natürlich nicht zu denken. Und ich strebe sie auch nicht an. Bei der Überflutung von Bildern in unserer Zeit ist sie vielleicht auch nicht erwünscht.

Die Zeichen sollen die Szenen des Kreuzweges ja nicht erklären, nicht erzählen, sondern sollen sie meditativ beschwören, ihren innersten Kern sichtbar machen. Die Arbeit entstand zunächst ohne Auftrag im eigenen Interesse. In die Kirchenfassade gelangten sie als kontrapunktische Einschiebung in das serielle Raster der Glasfassade.  Und es war faszinierend, dieses gläserne Rund mit Kreuzwegstationen zu fassen.“

Die Arbeiten entstanden ohne Auftrag. In die Kirchenfassade von St. Bonifatius gelangten sie in neue Technologie übersetzt. Die Motive wurden digital über Siebdruck in die Gläser gebrannt. Das Format wurde dabei den Gläsern angepasst, verkleinert und um 90° gedreht. Liegend vermitteln die ursprünglich hochformatige Motive „das Gefühl einer Wegbegehung“, so Ackermann.

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Ein "liturgischer Weg"

Die Kirche zu Dietenhofen ist als Zentralbau auf dem Grundriss einer Ellipse konzipiert. Der Kirchenraum ist vollständig von einer zweischaligen Hülle aus Glas umschlossen. Die innere Schale aus verschiedenfarbigen, den Raum akzentuierenden Glaselementen stammt von den Schweizer Künstlern Godi und Lukas Hirschi.

Die liturgischen Orte gestaltete ebenfalls Rudolf Ackermann, Bischofsvikar Georg Härteis erarbeitete die theologische Konzeption eines „liturgischen Weges“, der sich bis am Boden ablesbar konsequent durch den Raum zieht.

Aus der fruchtbaren Zusammenarbeit des Künstlers Ackermann und des Theologen Härteis entstand auch der zweite Kreuzweg, der den Kircheninnenraum selbst umzieht. „Wir finden Holztäfelchen, in die Wörter eingeschnitten sind, die mit Gold überzogen wurden. Zunächst mal befremden auch diese Wörter. Es sind nicht die gewohnten Bezeichnungen, die wir kennen. Er sind Wörter, die verfremden und aktualisieren. Der Betrachter wird näher herangenommen an das Geschehen“, erklärt Ackermann.

„Über-gabe“, „Auf-laden“, „Nieder-lage“, „Mit Maria“, „Mit Leid“, „Heiliges Antlitz“, „Am Boden“, „Weinen“, „Auf-stehen“, „Ecce Homo“, „Bloss-gestellt“, „Welt-gericht“, „Pietà Trauer“ und „Bald“ lauten die vierzehn Kreuzweg-Worte. Zu einigen dieser Worte hat sich Härteis Deutungen aufgeschrieben. Mit „Ecce Homo“ zum Beispiel will er sagen: „So ist der Mensch!“. Bei „Bloss-gestellt“ fragt er: „Was ist der Mensch?“. „Mit Maria auf Jesus schauen. Maria ist Bild der Kirche“, schreib er zur 4. Station. Mit „Bald“ wird an der 14. Station eine Hoffnung ausgedruckt, ergänzt Ackermann. „Bald“ wird Er (Jesus) auferstehen.

So wie dieser Kreuzweg, verzichtet auch der übrige Kirchenraum – einzige Ausnahme ist eine Marienstatue – auf bildliche Darstellungen. So wird die Kirche selbst zur Botschaft, wird zum Wort und Dialog.

Claudia Grund

Das Wort in der Kirche

Das Bild in der Kirche steht unter der Spannung: Du sollst dir kein Bild machen! – und Du sollst dir ein Bild machen! Die Begründung liegt in der göttlichen Offenbarung: Das Wort ist Fleisch geworden – Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes.

Im 1. Jahrtausend ist die Kirche in Ost und West einem gemeinsamen christlichen Bildprogramm gefolgt. Die Ostkirche hat es bis heute bewahrt. Jeder Quadratmeter des Kirchenraums ist bemalt und verwandelt den Raum in ein Abbild des Himmelreiches.

Schwierig ist es um das Bild im modernen Empfinden bestellt. Die Malerei scheint am Ende: durch die Photographie, durch Performer, durch eine Inflation der schnellen Bilder. So sind moderne Kirchen entweder bilderlos oder mit sehr subjektiven Darstellungen oder mit Überbleibseln von Antiquitäten oder mit ostkirchlichen Ikonen versehen.

Der künstlerische Weg in dieser Kirche war: die Kirche macht sich zur Botschaft. Sie macht sich zum Wort und zum Dialog.

Die einzige bildhafte, figürliche Gestalt ist die Gottesmutter mit dem Ave Maria in wörtlicher Übersetzung: Sei froh, Maria. Die im Kirchenraum verstreuten Worte sind der Apokalypse entnommen, dem Trostbuch, das der jungen Kirche noch zuletzt geschenkt wurde.

Die in vergoldeten Lettern geschnittenen Kreuzweg-Worte verfremden und aktualisieren die Etappen der Passion Christi und des Menschen.

Eine Gottes-Namen-Litanei, durchscheinend im roten Fenster, führt uns vor Augen, wie die Bibel von Gott spricht. Vom brennenden Dornbusch bis zum Feuer von Pfingsten und dem Ewigen Licht des Tabernakels und der Unruhe des Herzens spricht das Geheimnis Gottes.

Der Eingang empfängt und entlässt mit dem Vermächtnis des Kirchenpatrons Bonifatius: „Seid mutig im Herrn!“

Bischofsvikar Georg Härteis