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06.08.2016

Wolferstadt, Laurentiuskapelle

Das Türmchen der Wolferstädter Laurentiuskapelle war schon immer mit einer Einzelglocke bestückt. Auch wenn sich die originale Barockglocke nicht erhalten hat, kann dieses Kirchlein dennoch mit einer kleinen Besonderheit aufwarten: Die jetzige Glocke, ein Instrument des frühen 20. Jahrhunderts, wird auch heute noch von Hand geläutet.

Laurentiuskapelle in Wolferstadt. Bild: Thomas Winkelbauer

Der Vorgängerbau der jetzigen Laurentiuskapelle stammt, wie auch die Pfarrkirche St. Martin selbst, vermutlich aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert. Die heutige Kapelle wurde in den Jahren 1701 bis 1707 neu errichtet und ersetzt diesen Vorgängerbau vollständig. Aus der Erbauungszeit des Kirchleins stammen auch die drei Altäre, sowie der äußerst reichhaltige frühbarocke Stuck, der sich fast über den ganzen Kirchenraum erstreckt.

In der "Matrikel des Bisthums Eichstätt nach dem Stande des Jahres 1875" wird für die Laurentiuskapelle eine Glocke aufgeführt, Hinweise zu Gießer oder Gussjahr fehlen jedoch. Die Angaben dieser schriftlichen Quelle passen zu den Beobachtungen im Turm: Der vorhandene Glockenstuhl - es dürfte sich um das bauzeitlich entstandene Original handeln - hat seit seiner Entstehung immer nur ein Einzel-Instrument aufgenommen.

Über die weitere Glockengeschichte dieser Kapelle kann nur spekuliert werden: Zwei auf dem Dachboden des Kirchleins liegende Holzjoche lassen darauf schließen, dass irgendwann - evtl. während des ersten Weltkriegs - die ursprüngliche Glocke vom Turm genommen werden musste. Deren Nachfolgerin dürfte ein kleineres Instrument des frühen 20. Jahrhunderts gewesen sein, zumindest zeigt das jüngere der beiden Joche eindeutige Spuren, die zweifelsfrei auf eine kleine Vier-Henkel-Krone hinweisen. Am älteren Barockjoch dagegen sind nur Spuren einer Krone in historischer Doppelkreuzform zu erkennen.

Eine nächste Quelle sind die Glocken-Meldebögen der Jahre 1940 und 1946. Laut diesen hing bis 1940 eine kleine Glocke mit etwa 540 mm Durchmesser und einem Gewicht von ca. 175 kg auf dem Turm. Diese Glocke musste abgegeben werden; sie ist vermutlich zerschlagen und eingeschmolzen worden.

Heute ruft eine Glocke des Gießers Heinrich Ulrich die Gläubigen zum Gottesdienst. Dieses 1922 in Kempten gegossene Exemplar hing bis ca. 1958 auf dem Turm der Hainsfarther Pfarrkirche. Von dort musste es weichen, da Johannes Schlick, der damalige Glockensachverständige, es für klanglich unzureichend beurteilte und es zum Umguss empfahl. Ob diese Glocke ihren Weg direkt von Hainsfarth nach Wolferstadt gefunden hat, oder ob sie einen "Umweg" über die Gießerei Schilling gegangen war - 1960 komplettierte die Kirchenstiftung Wolferstadt das Geläute ihrer Pfarrkirche mit einer Schillingglocke - lässt sich anhand der vorliegenden Unterlagen nicht zweifelsfrei nachvollziehen.

Sanierung der Glockenanlage

Im Rahmen einer routinemäßigen Begehung inspizierte Thomas Winkelbauer, der Glockensachverständige der Diözese Eichstätt, im Oktober 2011 die Glockenanlage der Laurentiuskapelle. Größere sicherheitstechnische Mängel führten zur sofortigen Stilllegung der Anlage: Extrem schräg stehende und lockere Lagerzapfen, sowie eine unzureichende und unsichere Befestigung der Glocke am Joch könnten nach seiner Beurteilung zum baldigen Absturz der läutenden Glocke führen.

Da die Laurentiuskapelle regelmäßig für Gottesdienste genutzt wird, war dies für die Wolferstädter Pfarrgemeinde ein gravierender Einschnitt, musste sie doch von heute auf morgen auf den gewohnten Klang ihrer Kapellenglocke verzichten. Wegen fehlender finanzieller Mittel kam eine sofortige Beseitigung der Mängel aber nicht in Frage.

Erst eine zweckgebundene Spende eröffnete der Kirchenstiftung im Frühjahr 2015 den entsprechenden finanziellen Handlungsspielraum und ließ eine fachgerechte Sanierung dieser Glockenanlage in greifbare Nähe rücken. Das daraufhin zusammen mit dem Glockensachverständigen ausgearbeitete Konzept sah vor, unter fachkundiger Anleitung einen Teil der erforderlichen Sanierungsarbeiten in Eigenleistung zu erbringen. Alle glockentechnischen Arbeiten wurden an die Fa. Rauscher aus Regensburg vergeben.

Rechtzeitig zum Fest der heiligen Laurentius am 10. August konnte die sanierte Anlage zur großen Freude der Wolferstädter Pfarrgemeinde wieder in Betrieb genommen werden: Der Glockenstuhl ist fachgerecht überarbeitet, die Glocke hängt wieder sicher an einem neuen Eichenholzjoch; der neue Klöppel ist leichter als sein Vorgänger und erregt durch ein geschickt gewähltes Design vor allem die tieferen Frequenzen des Klangspektrums der Glocke.
Und, nicht nur um Kosten zu sparen: Die Glocke wird weiterhin von Hand geläutet.

Josephglocke

Die Josephglocke der Wolferstädter Laurentiuskapelle stammt aus der Pfarrkirche Hainsfarth. 1958 urteilte der damalige Glockensachverständige Johannes Schlick über dieses Instrument: "Die schlecht gegossene Glocke mit ihrem in Tonhöhe unbrauchbaren, klanglich unzureichendes Schlagton und dem ungereimten Tonbild ist umzugießen."

Nichts desto trotz haben die Wolferstädter ihre Kapellenglocke liebgewonnen und erfreuen sich an deren charaktervollem Klang. Dieser hat nach der Sanierung der Glockenanlage vor allem durch den neuen Klöppel an Wärme gewonnen.

Schlagton: c''

Material: Bronze

Gießer:Heinrich Ulrich, Apolda & Kempten
Gußjahr: 1922

Durchmesser: 737 mm
Gewicht: 215 kg

Inschrift:
auf der Rückseite der Flanke im Gießerwappen:
HEINR. ULRICH APOLDA
KEMPTEN : ALLGÄU
1922