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84. Jahreskurse des Sankt Michaelsbundes fanden großes Interesse

Ungebrochen war wieder das Interesse der insgesamt 300 Büchereimitarbeiterinnen und – mitarbeiter aus ganz Bayern an den 84. Jahreskursen des Sankt Michaelsbundes Landesverbandes im historischen Ambiente auf Schloss Hirschberg, von denen auch viele aus dem Bistum Eichstätt kamen. Auf die Frage an einige Teilnehmer, was sie an diesem jährlich stattfindenden  Kurs besonders schätzen, erhält man verschiedene Antworten: „ein Stück Heimat“, ein „Highlight“, „eine besondere Zeit, um mich mit Büchern zu beschäftigen“ oder eine „Auszeit, drei Tage für sich sein, man bekommt einen Input und geht motiviert nach Hause“. Egal, aus welchen Gründen man sich auf den Weg nach Schloss Hirschberg macht, man wird nicht enttäuscht.

Mit dem aktuellen Thema „Der demographische Wandel und die Büchereien“ gab Gudrun Kulzer, Referentin für BibliotheksConsulting, den Auftakt zu den Jahreskursen. Beim demographischen Wandel, so Kulzer, sei Deutschland besonders betroffen: Deutschland habe die älteste Bevölkerung in Europa, nach Japan die zweitälteste in der Welt! „Alt ist aber nicht gleich alt“, betonte sie. Während sich die einen in den wortwörtlichen Ruhestand begeben, laufen andere 65jährige Marathon, lassen sich in den Aufsichtsrat wählen und sind in den sozialen Medien präsent. Mit dem Alter gehe für die meisten Menschen körperliche Einschränkung und Angst vor sozialen Verlusten einher. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen den „jungen“ Alten (50 – 65 Jahre), den „älteren“ Alten (65 – 75 Jahre), den „alten“ Alten (75 – 85 Jahre) und den Hochbetagten (über 85 Jahre). Mit Fahrkarten–und Bankautomaten – letztere bedingt durch immer häufigere Schließung von Bankinstituten -  beim Kundenservice, aber auch bei immer hochtechnisierteren Hausgeräten und automatisierteren Autos wird in zunehmendem Maße auf eine digitalisierte Welt gesetzt, bei der ältere Menschen abgehängt zu werden drohen. Hier gelte es, so Kulzer, eine digitale Spaltung in unserer Gesellschaft zu verhindern. Immerhin 79 % der 60 – 69 jährigen und 45 % der über 70 jährigen bewegen sich im Internet, aber 41 % dieser Gruppe fühlt sich in der digitalen Welt unsicher. Wenn Senioren mit ihren Enkeln skypen, ihre Fotos am Computer bearbeiten und  Gymnastikübungen mit Hilfe von Youtube verfolgen, so sei die die Digitalisierung auf jeden Fall eine Erweiterung und Bereicherung ihrer Lebenswelt. Umfragen ergeben, dass sich ältere Menschen digitale Angebote in der Bücherei und Unterstützung von Vermittlungsangeboten beim Computer wünschen: einmalige Schnupperkurse zum Webopac, zum Internet, Einkaufen über ebay und Nutzung von Apps (Wetter, Fahrpläne, GPS) oder auch Vorträge zu Facebook oder zu Instagram, damit ältere Menschen eine erste Hilfestellung zu diesen neuen Medien erhalten.

Betroffene, angespannte Aufmerksamkeit herrschte bei der Lesung von Mahbuba Maqsoodi, die abwechselnd mit Hanna Diederichs einzelne Kapitel aus ihrem Buch „Der Tropfen weiß nichts vom Meer“ vortrug. Bis zum 24. Lebensjahr verbrachte die Künstlerin ihr Leben in Afghanistan. In ihren Erzählungen gab sie einen erschütternden Eindruck von diesem Land, in dem bei der Geburt eines Jungen Freude herrscht, die Geburt eines Mädchens hingegen pures Unglück bedeutet. Große Betroffenheit war unter den Teilnehmern zu spüren, als Maqsoodi erwähnte, dass sie noch sechs Schwestern (!) hatte, sie wurde als viertes Kind geboren. Zwei ältere Schwestern wurden von Terroristen ermordet. Das Buch, so erzählt die Autorin, hat sie ihrem verstorbenen Vater gewidmet, der allen gesellschaftlichen und religiösen Konventionen zum Trotz alle seine Töchter auf Schulen schickte und ihnen damit Bildung ermöglichte. In der Erzählung „Mutter von Thaus“ <<< bitte nachschauen<<<<    wird eine Frau beschrieben, die nur ihrem Mann zu dienen und ihm alle Wünsche zu erfüllen hat. Die Frau selbst  hat keinen eigenen Namen, sie trägt nur den Namen ihren Mannes, der sie zwei bis dreimal am Tag mit Weidenruten schlägt, bis irgendwann ihr Sohn seinem Vater in den Arm fällt und sie seitdem nie mehr geschlagen wird.

Der Unterricht in Miniaturmalerei und die Begegnung mit der Kunst überhaupt hat Maqsoodi ganz neue Wege eröffnet. Sie erhielt ein Stipendium für ein Studium der Kunst in St. Petersburg. Anfang der 90 er Jahre kam sie mit ihrem Mann als Flüchtling nach Deutschland und lernte die Glasmalerei kennen, die es ihr – wie sie Freude strahlend bekannte- besonders angetan hat. Vorläufiger Höhepunkt ihrer Künstlerkarriere ist ein Auftrag einer Kirche in den USA, 29 Glasfenster zu gestalten.

Großen Anklang fanden wieder die Novitätenvorstellungen über Kinder - und Jugendbücher, Schöne Literatur und Sachbuch, die von Angelika Rockenbach, Susanne Steufmehl und Elisabeth Burgis in lebendiger Weise vermittelt wurden.

Bestens geeignet als Ausklang des arbeitsreichen Tages war die Lesung mit Thomas Kraft und dem temperamentvollen Gitarristen Ricardo Volkert, der mit seinen Flamenco artigen Einsätzen den Hörsaal eroberte. Mit dem Titel „Die Würde des Schmerzes“ wurden die literarisch – musikalischen (Seelen-) Verbindungen zwischen dem Songpoet Leonhard Cohen und dem spanischen Dichter Federico Garcia Lorca aufgezeigt.

Seine 1999 erschienene Promotion „Dienen statt Herrschen“ war vielleicht die Steilvorlage und eine Art Programm für seine später geschriebenen Werke: die Rede ist von Benediktinerpater Johann Eckert OSB, Abt von St. Bonifaz in München und vom Kloster Andechs, der mit seinem Vortrag „Die namenlosen Frauen im Markus-Evangelium und ihre Botschaft heute“ viele offene Türen einrannte. Der Hintergrund des Vortrages ist sein jüngst erschienenes Buch „Steht auf! Frauen im Markus-Evangelium als Provokation für heute“. Nicht die Jünger Jesu hielten unter dem Kreuz in Golgotha aus, sondern, zumindest nach ältesten Markus-Evangelium, die drei Frauen Maria aus Magdala, dann Maria, Mutter des Jakobus, und Salome. Diese drei Frauen waren es auch, die die ersten Auferstehungszeugen waren und den Verkündigungsauftrag erhielten, den Jüngern weiter zu sagen, dass der Auferstandene nach Galiläa vorausgehen werde. „Von Jesus ergriffen sein wie die drei Frauen“, so erläutert Abt P. Eckert, „heißt auch dienen“. Wenn diese Frauen Jesus gedient haben, so folgert Abt P. Eckert, warum können Frauen nicht auch eucharistisch, d.h. im Gottesdienst, dienen? Können wir wirklich auf die Charismen der Frauen verzichten? Der Referent sprach den sechs „namenlosen“ Frauen im Markus-Evangelium einen Signalcharakter zu, wenn sie durch ihr Dienen zugleich Verkündigerinnen und Kirchenlehrerinnen sind: die Schwiegermutter Petrus, die blutflüssige Frau, die Tochter des Jairus, die Syrophönzierin , die arme Witwe im Tempel und die Frau im Haus Simons des Aussätzigen, die Jesus mit Nardenöl, dem Kostbarsten, was es hatte, salbte.

In der Schwiegermutter des Petrus durchbricht Jesus das Sabbatgebot und es geschieht Heil. Wie Jesus den Menschen heilt, so sollte auch Kirche Heil für den Menschen sein. Besonders hartnäckig im Glauben ist die Syrophönizierin, die von Jesus zunächst abgelehnt wird. Sie gibt jedoch nicht auf und besteht darauf, dass Jesus den unreinen Geist ihrer Tochter austreiben soll. Es kommt also soweit, dass sich Jesus von dieser Syrophönizierin, einer Fremden, die nicht zum Volk Israel gehört, belehren lässt – eine ungeheuerliche Szene!

„1000 Gefühle, wofür es keinen Namen gibt“ – das ist einer der Sprüche des Autors Mario Giordano: 1963 in München geboren, mit sizilianischen Wurzeln, lebt heute in Berlin. Es waren immer Begegnungen in der Stadtbücherei, die seinem Leben eine gute Wendung gaben. Er wollte schon immer Autor werden, verriet der sympathische Schriftsteller, aber der Weg dorthin war noch weit. Schon während seines Psychologie - und Philosophiestudium verfasste er das Romanmanuskript „Die wilde Charlotte“. Als er über ein Verlagsverzeichnis, das er in einer Bücherei vorfand (Internet gab es noch nicht!), etliche Verlage anschrieb, holte er sich eine Absage nach der anderen. Giordano hat das „Studium geschmissen“, schrieb Sketche für Kindersendungen, erfolglos blieben aber seine Drehbücher. Den endgültigen Durchbruch schaffte er mit seinem Roman und dann später auch als Drehbuch für den Film „Das Experiment – Black Box. Versuch mit tödlichem Ausgang“, einem Experiment zwischen Wärter und Gefangenen als Versuchspersonen, das eskaliert und abgebrochen werden muss. Die fortan geschriebenen Drehbücher für den „Tatort“ wurden zum großen Erfolg. Schon seit 20 Jahren wollte Giordano schon immer einen Familienroman schreiben, den er mit der Krimireihe „Tante Poldi“, die in Sizilien spielt, wohl verwirklichen konnte.

Gespannt waren viele auf den dritten Benediktinerpater – nach P. Anselm Grün und Abt P. Johann Eckert – auf Abt Notker Wolf OSB: Studium der Theologie und Philosophie – und das ist schon außergewöhnlich – noch dazu Zoologie, Anorganische Chemie (Mineralogie) und Astronomiegeschichte. Dieses breite Spektrum der Wissenschaften hat ihn offensichtlich geprägt. 16 Jahre lang war P. Notker Wolf Abtprimus und damit verantwortlich für weltweit 40.000 Benediktiner. Mit einem seiner bekanntesten Bücher „Gönn Dir Zeit. Es ist Dein Leben“ gab P. Notker wertvolle Regeln zur achtsamen Lebensgestaltung. „Zeit“, so der mitreißende Benediktinerpater, „ist ein Geschenk, mit der ich Leben wie ein Material gestalten kann“. Beim Autostau werden wir ungeduldig, bei einer Verlängerung eines Fußballspiels hingegen spüren wir Spannung. Ein Problem unserer heutigen Zeit sei, dass es vielen Menschen in unserer schnelllebigen und medienfixierten Zeit sehr schnell langweilig wird. „Aus der Langeweile heraus“, so berichtete er aus seinem Leben, „habe ich mit meinen Mitbrüdern einen Zirkus aufgebaut und mit meinen Schülern eine Rockband gegründet, mit der ich auch heute noch auftrete“.

Zeit brauche Rhythmus, d.h. eine Pause einlegen und die Zeit einteilen. Zeit ist kostbar, sie ist unser Leben. Zeit ist auch eine Chance, Muse zu leben und schöpferische Ideen zu entwickeln. Achtsam mit der Zeit zu leben bedarf auch einer gewissen Regelmäßigkeit. Wenn sich P. Notker Wolf vor dem Gottesdienst auf dem Gang mit seinen Mitbrüdern sammelt, dann ist er ganz bei Gott, dann bleibt für ihn die Zeit stehen. Perfektionisten seien eigentlich Lebenskiller, die am Leben vorbei leben. Der Benediktinerpater fasst seine Erfahrung so zusammen: „Leer werden, damit ich von Christus ausgefüllt werde. Bei sich, bei Gott sein, in sich ruhen. Das kann sein, wenn ich von einem Berg schaue, auf einen See blicke, auf einer Parkbank sitze“. Bewusste Zeit lebt auch von der Wiederholung und der Konzentration auf Weniges. Wenn  er immer wieder in den Louvre ginge, so betrachte er nur zwei Bilder, und dann meist immer dieselben. Wiederholung heißt nicht Verflachung, sondern Vertiefung. Das gelte auch für das Psalmen beten oder das Rezitieren von immer gleichen Bibelsätzen.

Text: Wolfgang Reißner

Diözesanstelle für Büchereiarbeit im Bistum Eichstätt
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85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-765
Fax (08421) 50-649
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