Sie werden in Ingolstadt über „Die Entstehung von Leben im Universum aus der Kraft der Emergenz“ sprechen. Was meinen Sie mit Emergenz?
Emergenz bedeutet, dass es nicht die Bausteine sind, die wichtig sind, sondern die Wechselwirkung zwischen ihnen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Bausteine. Nehmen Sie unser Gehirn: Es enthält 10 Milliarden Nervenzellen, die über 100 Milliarden Verbindungen miteinander verknüpft sind. Unsere Wahrnehmungen und Gedanken, unser Gedächtnis und unser Selbstbewusstsein werden Sie in keiner einzigen Nervenzelle finden. Es sind emergente Eigenschaften, die sich im laufend neu formierenden Nervennetzwerk durch die Wechselwirkung aller Neuronen bilden und die zerstört werden, wenn man dieses Netzwerk zerstört. Das Universum und mit ihm das Leben sind mehr als die Atome, aus denen unsere Materie besteht.
„Die Astrophysik eignet sich nicht für die Suche nach Gott“, meint Ihr Kollege an der LMU, der Astrophysiker und Fernsehmoderator Harald Lesch. Wie sehen Sie das?
Die Astrophysik zeigt uns, wie alles in wunderbarer Weise zusammenhängt und dass wir Teil dieses großen Ganzen sind. Dies führt dann direkt zu der Frage, warum das alles so ist und was es bedeutet. Welche Rolle spielt der Mensch in diesem großen, sich emergent entwickelnden Universum? Und wenn man diese Frage stellt, macht man sich auf die Suche nach Gott.
Was hat Sie dazu bewegt, Astrophysiker zu werden?
Mich fasziniert die Frage, wo ich herkomme und wie diese große Welt, in der ich lebe, entstanden und aufgebaut ist. Welche Rolle spiele ich? Habe ich als Mensch eine Aufgabe? Gibt es weiteres Leben im All, oder sind wir alleine? Die Verbindung zum Universum, dessen Teil wir ja sind, gibt mir ein Gefühl von Sinn, Freude und Dazugehörigkeit. Wir nehmen uns häufig zu wichtig und meinen, im Mittelpunkt zu stehen. Die Beschäftigung mit und die Erforschung des Universums relativiert dies, macht schnell bescheiden, und damit lebt es sich viel entspannter.
Kommt man durch die Erforschung der Schöpfung Gott näher?
Für mich gehören die Erforschung des Universums und die Frage nach dem Sinn zusammen. Damit gehören Theologie und Astrophysik zusammen. Vielleicht ist es ja die Aufgabe des Menschen, die Welt zu erforschen und zu verstehen und dann nach dem Sinn zu fragen.
Sie sind bekannt für Ihre interdisziplinären Ansätze, die Wissenschaft, Religion und Musik verbinden. Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben – und besonders in Ihrer Arbeit als Wissenschaftler?
Der Glaube, dass alles seine Richtigkeit hat und im tiefen Grunde gut so ist, ist für mich essentiell. Man kann das Universum und was es mit uns zu tun hat, auf unterschiedliche Art und Weise versuchen zu begreifen. Vieles ist nicht leicht zu verstehen: Der Urknall aus dem Nichts, die ungeheure Größe des Alls, die Tatsache, dass das Universum größer wird und von innen heraus Raum erzeugt, sich aber nicht in einen schon vorhandenen, es umgebenden Raum ausdehnt, die Erkenntnis, dass die Erde und dann auch wir vor 4,5 Milliarden Jahren entstanden sind und dass unsere Sonne nach weiteren 5 Milliarden Jahren ausgebrannt sein wird und Leben auf der Erde nicht mehr möglich ist, dass wir wahrscheinlich nicht die Einzigen im Universum sind. Da helfen andere Disziplinen und Zugänge, wie das Einbinden von Musik, damit man das Gehörte und die Bilder des Universums besser verdauen kann, der Dialog mit Theologen und Philosophen, der Zugang zum Kosmos über Kunst und vieles mehr. Für mich sind diese interdisziplinären Veranstaltungen wichtig für ein ganzheitliches Verständnis.
Sie arbeiten mit dem Liedermacher und Theologen Clemens Bittlinger zusammen und treten mit der Multimedia-Show „Urknall und Sternenstaub“ auch in Kirchen auf. Welche Botschaft möchten Sie den Menschen damit vermitteln?
Die Frage nach dem Sinn, unserer Herkunft und dem Aufbau der Weltgehört zu den Urfragen der Menschheit, über die jeder nachdenken sollte. Sie verbindet Theologie und Naturwissenschaft. Die Beschäftigung mit diesen Fragen schärft unser Weltbild und zeigt uns, welche Verantwortung wir für unser kleines blaues Raumschiff Erde haben. Und sie gibt unserem Leben eine tiefere Bedeutung. Clemens Bittlinger und ich haben gerade ein Buch dazu veröffentlicht. Es erscheint diese Tage im Bonifatiusverlag und heißt: „Der Mensch zwischen Urknall und Sternenstaub: Naturwissenschaft und Glaube“.


