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26.10.2025

Astrophysiker Andreas Burkert: „Das Wort Gottes in der Schöpfungsgeschichte entspricht dem Urknall“

Galaxie NGC 3370. Foto: ESA/Hubble & NASA, A. Riess, K. Noll

Ein Bild der Galaxie NGC 3370, die sich fast 90 Millionen Lichtjahre entfernt im Sternbild Löwe befindet. Foto: ESA/Hubble & NASA, A. Riess, K. Noll

„Wie sind die Welt und das Leben entstanden?“ – das ist die große Frage, über die Andreas Burkert, Professor für theoretische und numerische Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), forscht. Er ist bekannt für seine interdisziplinären Ansätze, die Wissenschaft, Religion und Musik vereinen. In seinen Vorträgen und Veranstaltungen schafft er eine Plattform, auf der Naturwissenschaft und Glaube in einen tiefgründigen Dialog treten. Die Internationale Astronomische Union benannte nach ihm einen Kleinplaneten: (267003) Burkert.
Bei einer Veranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung und des Evangelischen Forums am Dienstag, 28. Oktober, um 19 Uhr an der Volkshochschule Ingolstadt (Hallstr. 5) spricht Burkert über „Die Entstehung von Leben im Universum aus der Kraft der Emergenz“.

Herr Professor Burkert, in der Bibel heißt es: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ (Joh 1,1–3). Kann die Astrophysik, die ja vom „Urknall“ als Anfang von allem ausgeht, mit diesen Bibelversen etwas anfangen?

Prof. Andreas Burkert: Unser Universum entstand im Urknall. Am Anfang war es noch so klein wie ein Punkt, heiß und dicht, gefüllt mit Energie in Form von Strahlung. Nichts von dem, was wir heute über das Universum wissen, einschließlich des Lebens, gab es. Das Wort Gottes in der Bibel gibt den Impuls für die Entstehung der Welt. Astrophysikalisch interpretiert entspricht dem der Urknall, aus dem heraus sich alles jetzt entwickelt. Das Universum entsteht gerade jetzt, während wir darüber nachdenken.

Sehen Sie Parallelen zwischen dem Ablauf der biblischen Schöpfungsgeschichte, die im ersten Jahrhundert geschrieben wurde, und den heutigen Erkenntnissen der Physik zur Entstehung des Universums bis hin zur „Erschaffung“ des Menschen?

Die Parallele ist, dass sich Menschen schon immer Gedanken über den Anfang gemacht haben. Denn damit verbunden ist die spannende Frage nach dem „Warum?”. Wir wissen heute, dass das Universum einen Anfang hatte, den wir genau kennen und heute noch nachweisen können. Er fand vor 13,82 Milliarden Jahren statt. Damals gab es einen ersten Tag und es war ein besonderer. Denn es war ein Tag ohne ein Gestern. Das Universum hätte auch ewig existieren können, ohne Anfang. Dem ist aber nicht so. Und damit stellt sich die Frage nach dem Davor und warum überhaupt etwas entstand. Was ist der Sinn? Es ist eine spannende Frage, die man nur im Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie beantworten kann.

Sie werden in Ingolstadt über „Die Entstehung von Leben im Universum aus der Kraft der Emergenz“ sprechen. Was meinen Sie mit Emergenz?

Emergenz bedeutet, dass es nicht die Bausteine sind, die wichtig sind, sondern die Wechselwirkung zwischen ihnen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Bausteine. Nehmen Sie unser Gehirn: Es enthält 10 Milliarden Nervenzellen, die über 100 Milliarden Verbindungen miteinander verknüpft sind. Unsere Wahrnehmungen und Gedanken, unser Gedächtnis und unser Selbstbewusstsein werden Sie in keiner einzigen Nervenzelle finden. Es sind emergente Eigenschaften, die sich im laufend neu formierenden Nervennetzwerk durch die Wechselwirkung aller Neuronen bilden und die zerstört werden, wenn man dieses Netzwerk zerstört. Das Universum und mit ihm das Leben sind mehr als die Atome, aus denen unsere Materie besteht.

„Die Astrophysik eignet sich nicht für die Suche nach Gott“, meint Ihr Kollege an der LMU, der Astrophysiker und Fernsehmoderator Harald Lesch. Wie sehen Sie das?

Die Astrophysik zeigt uns, wie alles in wunderbarer Weise zusammenhängt und dass wir Teil dieses großen Ganzen sind. Dies führt dann direkt zu der Frage, warum das alles so ist und was es bedeutet. Welche Rolle spielt der Mensch in diesem großen, sich emergent entwickelnden Universum? Und wenn man diese Frage stellt, macht man sich auf die Suche nach Gott.

Was hat Sie dazu bewegt, Astrophysiker zu werden?

Mich fasziniert die Frage, wo ich herkomme und wie diese große Welt, in der ich lebe, entstanden und aufgebaut ist. Welche Rolle spiele ich? Habe ich als Mensch eine Aufgabe? Gibt es weiteres Leben im All, oder sind wir alleine? Die Verbindung zum Universum, dessen Teil wir ja sind, gibt mir ein Gefühl von Sinn, Freude und Dazugehörigkeit. Wir nehmen uns häufig zu wichtig und meinen, im Mittelpunkt zu stehen. Die Beschäftigung mit und die Erforschung des Universums relativiert dies, macht schnell bescheiden, und damit lebt es sich viel entspannter.

Kommt man durch die Erforschung der Schöpfung Gott näher?

Für mich gehören die Erforschung des Universums und die Frage nach dem Sinn zusammen. Damit gehören Theologie und Astrophysik zusammen. Vielleicht ist es ja die Aufgabe des Menschen, die Welt zu erforschen und zu verstehen und dann nach dem Sinn zu fragen.

Sie sind bekannt für Ihre interdisziplinären Ansätze, die Wissenschaft, Religion und Musik verbinden. Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben – und besonders in Ihrer Arbeit als Wissenschaftler?

Der Glaube, dass alles seine Richtigkeit hat und im tiefen Grunde gut so ist, ist für mich essentiell. Man kann das Universum und was es mit uns zu tun hat, auf unterschiedliche Art und Weise versuchen zu begreifen. Vieles ist nicht leicht zu verstehen: Der Urknall aus dem Nichts, die ungeheure Größe des Alls, die Tatsache, dass das Universum größer wird und von innen heraus Raum erzeugt, sich aber nicht in einen schon vorhandenen, es umgebenden Raum ausdehnt, die Erkenntnis, dass die Erde und dann auch wir vor 4,5 Milliarden Jahren entstanden sind und dass unsere Sonne nach weiteren 5 Milliarden Jahren ausgebrannt sein wird und Leben auf der Erde nicht mehr möglich ist, dass wir wahrscheinlich nicht die Einzigen im Universum sind. Da helfen andere Disziplinen und Zugänge, wie das Einbinden von Musik, damit man das Gehörte und die Bilder des Universums besser verdauen kann, der Dialog mit Theologen und Philosophen, der Zugang zum Kosmos über Kunst und vieles mehr. Für mich sind diese interdisziplinären Veranstaltungen wichtig für ein ganzheitliches Verständnis.

Sie arbeiten mit dem Liedermacher und Theologen Clemens Bittlinger zusammen und treten mit der Multimedia-Show „Urknall und Sternenstaub“ auch in Kirchen auf. Welche Botschaft möchten Sie den Menschen damit vermitteln?

Die Frage nach dem Sinn, unserer Herkunft und dem Aufbau der Weltgehört zu den Urfragen der Menschheit, über die jeder nachdenken sollte. Sie verbindet Theologie und Naturwissenschaft. Die Beschäftigung mit diesen Fragen schärft unser Weltbild und zeigt uns, welche Verantwortung wir für unser kleines blaues Raumschiff Erde haben. Und sie gibt unserem Leben eine tiefere Bedeutung. Clemens Bittlinger und ich haben gerade ein Buch dazu veröffentlicht. Es erscheint diese Tage im Bonifatiusverlag und heißt: „Der Mensch zwischen Urknall und Sternenstaub: Naturwissenschaft und Glaube“.

„Die Musik des Universums ist das Licht“, sagten Sie einmal. Licht spielt eine große Rolle – sowohl in der Physik als auch in der Religion. Der Heidelberger Physikprofessor und Bestsellerautor Markolf H. Niemz stellt in seinem Buch „Lucy im Licht – Dem Jenseits auf der Spur“ (2007) die Behauptung auf, dass die Seele nach dem Tod mit Lichtgeschwindigkeit in die Ewigkeit fliegt. Ist Licht eine Art „Ewigkeit“?

Ja. Licht existiert zeitlos. Denn wenn Sie sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, dann bleibt für Sie die Zeit stehen. Für Sie liegt dann die gesamte Entwicklung des Universums wie ein offenes Buch vor Ihnen. Man könnte zeitlose Existenz als Ewigkeit bezeichnen. Aber es scheint auch möglich zu sein, dass unser Universum ewig existieren wird. Es ist zwar entstanden, aber wird nicht wieder in einer fernen Zukunft verschwinden. Das wäre dann eine zeitliche Ewigkeit, in der die Uhren ewig weiter ticken. Was aus uns nach dem Tod wird, das ist für mich ein großes Geheimnis. Was ist das, meine Seele? Ist es der Andreas Burkert, so wie ich mich gerade jetzt sehe und fühle, mit allen Erinnerungen, auch an peinliche Momente und Schicksalsschläge? Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber was bin ich dann nach meinem Tod, wenn ich keine Erinnerung und damit auch kein Selbstbewusstsein mehr habe und nicht weiß, wer ich bin oder war? Tatsache ist, dass die Materie, aus der wir bestehen, nicht vergeht. Sie hat vor unserer Entstehung existiert. Sie entstand im Urknall und in den Sternen. Alle Atome, aus denen wir bestehen, existierten schon vor uns und werden ohne Ausnahme weiter existieren, wenn wir nicht mehr leben. Wir sind recycelt. Unsere Atome waren früher in Bäumen und anderen Lebewesen. Sie werden weiter existieren und Teil eines anderen Lebewesens sein. Aber wir sind eben mehr als nur die Bausteine der Materie. Und was dieses „Mehr“ ist und was aus diesem „Mehr“ wird, wenn wir gestorben sind, das ist die spannende Frage.

Ob das Universum endlich oder ewig ist, weiß man also nicht.

Wir wissen, dass das Universum geboren wurde. Wie es weitergeht, ob es ewig existieren kann und was sich im Universum noch alles emergent entwickeln wird, das ist eine spannende Frage, die wir im Moment versuchen, besser zu verstehen.

Was fühlen Sie, wenn Sie in den Nachthimmel schauen – und dazu vor Augen haben, dass es da draußen einen Kleinplaneten mit Ihrem Namen gibt?

Ich fühle mich dazu gehörig zum großen Kosmos, in den ich hineinschaue. Und es ist eine große Ehre und Freude, dass die astronomische Gemeinschaft meine Beiträge zur Erforschung des Kosmos und der Astronomie interessant genug findet, dass sie diesen Kleinplaneten nach mir benannt hat. Man muss aber immer betonen, dass Wissenschaft ein Gemeinschaftsprojekt ist. Unser Gehirn ist einfach viel zu klein, um die großen, komplexen Zusammenhänge allein zu verstehen. Erst die Wechselwirkung und Zusammenarbeit vieler Forschergehirne führt zu einer überindividuellen Intelligenz und einem emergenten Verständnis, wie alles zusammengehört. Und damit zu Wissen.

Die Fragen stellte Geraldo Hoffmann

„Der Tod ist nicht das Ende“: Allerseelen und die Frage nach dem „Danach“ 

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Am Sonntag, 8. Februar 2026 um 18:00 Uhr findet in St. Elisabeth das multimediale Konzert "Urknall und Sternenstaub" mit Clemens Bittlinger und Astrophysiker Prof. Dr. Andreas Burkert statt. Mehr dazu

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